Geheimtipp Papua-Neuguinea: Am Lake Murray | reisereporter.de

Geheimtipp Papua-Neuguinea: Am See der Geister

Im Hinterland von Papua-Neuguinea sollten Reisende das Unerwartete erwarten. Wie das ganze Land ist die Gegend touristisch noch eher unerschlossen – genau das macht den Reiz aus. Von Menschen und Mythen am Lake Murray.

Harald Stutte
Lake Murray ist der größte See in Papua-Neuguinea. Er befindet sich im unzugänglichen Westen nahe der Grenze zu Indonesien.
Lake Murray ist der größte See in Papua-Neuguinea. Er befindet sich im unzugänglichen Westen nahe der Grenze zu Indonesien.

Foto: David Kirkland/PNG Tourism Promotion Authority

Gemächlich gleitet das Boot auf das Ufer zu. Eben bullerte noch die Schiffsschraube, jetzt wäre es fast still, würde nicht vom Ufer her allmählich ein von Gesang durchsetztes Stimmengewirr anschwellen. „Usakof“, flüstert Smith Eamkoa, der Guide im Boot, und zeigt auf die näherkommende Böschung.

Was wie eine Wodka-Marke klingt, ist der Name des Dorfes am Lake Murray, gelegen im schwer zugänglichen Landesinneren Papua-Neuguineas, nur 50 Kilometer entfernt von der Grenze zu Indonesien.

Papua-Neuguinea: Einheimische schießen mit Pfeilen

Und tatsächlich haben sich am Ufer Menschen versammelt. Sie scheinen zu winken, zu tanzen ... Doch was ist das? Etwas schwirrt durch die Luft und klatscht hinter dem Boot ins Wasser.

„Wir werden beschossen“, ruft einer der vier Europäer im Boot erschrocken. Die eben noch erwartungsvoll-freudigen Gesichter der Besucher aus „Jemeni“, wie Deutschland in der Landessprache Tok Pisin heißt, scheinen zu gefrieren. 

Und weil das Boot, wenn auch langsam, dem Ufer immer näher kommt, ist es jetzt mit bloßem Auge zu erkennen: Da hüpft ein nur mit Bastrock bekleideter Hüne aufgeregt umher, fuchtelt mit seinem fast zwei Meter langen Bogen herum. Er spannt die Sehne – und der nächste Pfeil zischt durch die Luft, geht dieses Mal rechts neben dem Boot ins Wasser.

Doch Smith, der Guide, bleibt erstaunlich gelassen, steuert weiter das Ufer an. Und die vier Fremden wissen nicht so recht, was sie davon halten sollen. 

Manch einer erinnert sich vielleicht an den griffigen Slogan, mit dem der nationale Tourismusverband für Reisen nach Papua-Neuguinea oder PNG, wie Insider das Land nennen, wirbt: „Expect the Unexpected“, erwarte das Unerwartete.

Die Angehörigen des Pare-Stammes leben im Dorf Opovia am Fluss Boi – drei Tagesmärsche von der nächsten Stadt entfernt. Der Mann hält eine traditionelle Trommel, die Kanda, in seiner Hand.
Die Angehörigen des Pare-Stammes leben im Dorf Opovia am Fluss Boi – drei Tagesmärsche von der nächsten Stadt entfernt. Der Mann hält eine traditionelle Trommel, die Kanda, in seiner Hand. Foto: Harald Stutte

Nicht einmal 1.000 deutsche Touristen besuchen jedes Jahr den Pazifikstaat nördlich von Australien, bestehend aus Tausenden Inseln und der östlichen Landmasse Neuguineas. 

PNG haftet ein etwas wildes Image an, gespeist aus Mythen und Erzählungen aus vergangenen Tagen. Noch vor zwei Generationen war hier Kannibalismus verbreitet. Gewaltentladungen zwischen den Stämmen gibt es immer wieder. Ist man vielleicht in einen dieser Konflikte geraten?

Die meisten Einheimischen am Lake Murray leben in Pfahlhäusern wie diesen in dem Dorf Botokom.
Die meisten Einheimischen am Lake Murray leben in Pfahlhäusern wie diesen in dem Dorf Botokom. Foto: Harald Stutte

Jetzt verschießt der Mann, in dessen Gesicht man die orangefarbene Bemalung erkennt – oder ist es Zornesröte? –, auch seinen letzten Pfeil. Und trifft wieder nicht, obwohl das Boot dem Ufer schon ganz nah ist.

Dafür schlägt er mit dem langen Bogen neben das Boot flach auf das Wasser, sodass die Insassen nassgespritzt werden – und dann singt plötzlich das ganze Dorf Willkommenslieder, begleitet von zwei Gitarrenspielern.

Das Gesicht des finster wirkenden Kriegers hellt sich schlagartig zu einem freundlichen Lachen auf. „Sami ya“, ruft er – herzlich willkommen. Was für eine Inszenierung, denken ich, bevor uns Ketten aus Lotus- und Hibiskusblüten übergestülpt werden und sich uns Hunderte Hände entgegenstrecken.

Ethnische Vielfalt: Kleidung und Gesichtsfarbe der Menschen deuten in Papua-Neuguinea auf die Stammeszugehörigkeit hin.
Ethnische Vielfalt: Kleidung und Gesichtsfarbe der Menschen deuten in Papua-Neuguinea auf die Stammeszugehörigkeit hin. Foto: Harald Stutte

Nur wenig Fremde reisen ins Landesinnere

Fremde reisen so gut wie nie in das Landesinnere Neuguineas, der nach Grönland zweitgrößten Insel der Welt, die man sich mit Indonesien teilt. Doch anders als im Nachbarland, wo die Bergvölker einer aggressiven Islamisierung ausgesetzt sind, leben die Menschen hier im Osten frei, vielfach noch traditionell und als Selbstversorger.

Als ich ein junger Krieger war, da war es normal, auf Fremde zu schießen, ohne zu fragen, was sie eigentlich wollen.

Albert Doa, Einheimischer


Der 43-jährige Albert Doa, der eben noch mit seinen Pfeilen Schrecken verbreitete, entpuppt sich als liebenswerter Gastgeber. „Als ich ein junger Krieger war, da war es normal, auf Fremde zu schießen, ohne zu fragen, was sie eigentlich wollen“, erklärt Doa, der zum Krokodilclan gehört, weswegen er eine mächtige Kette aus Krokodilzähnen trägt.

Sendepa Beajuicu ist Oberhaupt von Usakof. Er zeigt den Besuchern das Klassenzimmer der Schule seines Dorfes.
Sendepa Beajuicu ist Oberhaupt von Usakof. Er zeigt den Besuchern das Klassenzimmer der Schule seines Dorfes. Foto: Harald Stutte


Chef im Dorf ist der 60-jährige Sendepa Beajuicu, der zum Clan der Hunde gehört. Bekleidet mit einem Bastrock hängt ihm eine mächtige Meeresschnecke vor dem Gemächt, auf der Stirn baumelt wie eine freche Locke der Kopf eines Paradiesvogels, dessen Körper mit dem prächtigen Federkleid als Kopfschmuck dient.

Paradisaea raggiana, so der lateinische Name dieser Kopfbedeckung, ist ob seiner Farbenpracht einer der spektakulärsten Vögel der Welt und obendrein das Nationalsymbol.

Die lange Küstenlinie des Lake Murray und der See selbst sind der Lebensraum zahlreicher Vögel.
Die lange Küstenlinie des Lake Murray und der See selbst sind der Lebensraum zahlreicher Vögel. Foto: David Kirkland/PNGTourism Promotion Authority


„Wir gehören zum Kuni-Stamm“, erklärt das Oberhaupt des 500-Seelen-Dorfes. Mit etwa 7.000 Angehörigen sind die Kuni der größte von fünf Stämmen rund um den Lake Murray, der mit seinem Gewirr aus Sümpfen und Nebenarmen größer als der Bodensee ist. Heute lebt man mit den anderen Stämmen, den Begwa, Pare, Aiwa und Yongom, in Frieden.

Kannibalismus war eine Macht-Demonstration

Noch vor 50 Jahren war das anders. „Wäre damals ein Begwa vor unserem Dorf aus seinem Kanu gefallen und hätte sich an unser Ufer gerettet – wir hätten ihn sofort erschlagen“, erzählt Sendepa Beajui. „Und anschließend verspeist“, fügt er hinzu.

Wobei es beim Kannibalismus, der erst mit Ankunft der europäischen Missionare besiegt wurde, nie um die Behebung von „Versorgungsengpässen“ ging, sondern stets um Macht. Die Anführer des einen Stammes glaubten, mit dem Verspeisen des Feindes sich auch dessen Kräfte einzuverleiben – und dessen Macht zu brechen.

„Expect the Unexpected“ – eben noch in Angst, von Pfeilen durchbohrt zu werden, kündigt sich jetzt eine Art Staatsakt an. Auf dem zentralen Platz vor dem flachen, auf Stelzen gebauten Schulgebäude mit Wellblechwänden stehen die Schüler in Reih und Glied.

Sie blicken, die rechte Hand auf dem Herzen, auf den Fahnenmast, wo eine junge Frau im Bastrock ganz langsam die Flagge Papua-Neuguineas hisst, während das ganze Dorf die Nationalhymne singt, die mit dem Reim „We are independent, we’re free, Papua-Njudschini“ endet.

Wie bei einem Staatsakt: Die Bewohner des Dorfes Usakow hissen zur Feier des Nationalfeiertags die Flagge von Papua-Neuguinea.
Wie bei einem Staatsakt: Die Bewohner des Dorfes Usakow hissen zur Feier des Nationalfeiertags die Flagge von Papua-Neuguinea. Foto: Harald Stutte


Ein feierlicher Moment, wie er Präsidenten auf Staatsbesuch zuteilwird, denken die vier Fremden etwas beschämt. Bis ihnen Smith, der Guide, zuflüstert: „National Remembrance Day“, der nationale Erinnerungstag also, den man auch ohne die Besucher so gefeiert hätte.

Tatsächlich werden nationale Feiertage im Land sehr ernst genommen und mit T-Shirts, Gesichtsbemalungen und sogar dem Verzehr von Muffins – alles in den Landesfarben – begangen. Dazu werden kleine Papierfähnchen verteilt. Und es scheint, als versuche man so zu überspielen, dass die Menschen hier am Lake Murray mit ihren Landsleuten auf den Inseln in der Bismarcksee oder in der 650 Kilometer südöstlich gelegenen Hauptstadt Port Moresby, zu der es keine Landverbindung gibt, kaum etwas gemein haben.

Westen des Landes war einst eine niederländische Kolonie

Denn Papua-Neuguinea ist ein von früheren Kolonialmächten kreiertes Land: Den Norden besaßen zunächst die Deutschen, die nach ihrer Niederlage im Ersten Weltkrieg von Australiern abgelöst wurden. Der Süden war lange Zeit britisch.

Der Westen der Insel Neuguinea, wo die Menschen leben, mit denen die Stämme am Lake Murray tatsächlich verwandt sind, war niederländische Kolonie und ist heute paradoxerweise Teil des größten islamischen Staates der Welt, Indonesien. Also fühlt man sich hier am Lake Murray, wo es die ersten Kontakte zu weißen Menschen erst in den Vierzigerjahren gab, auf sich gestellt.

Der See ist eine wichtige Nahrungsquelle

Eine wirtschaftliche Perspektive gibt es nicht, mal abgesehen von kleinen Hainen mit Kautschukbäumen, die zu jedem Dorf gehören und deren spärliche Ernte von staatlichen Aufkäufern regelmäßig abgeholt wird. Die Menschen ernähren sich vom Fisch des Sees, dessen Bestände stabil sind, von der Jagd auf Wildschweine, Kasuare und Baumkängurus, von Süßkartoffeln, Maniok und Mais, die sie anbauen. Und vom Mark der Sagopalme, der als eine Art Fladen in Bananenblättern geröstet gegessen wird.

Große Hoffnung verbindet man mit dem Tourismus. Doch der Weg ins Landesinnere Neuguineas ist weit. Und aufwendig. Kleine Chartermaschinen wie jene Cessna des australischen Piloten George Negrim müssen auf schmalen Airstrips landen.

Dafür wird der Besucher mit Dingen entschädigt, die es auf unserem bis in jeden Winkel ausgeleuchteten Planeten kaum noch gibt: dem nach dem Amazonasgebiet und neben dem afrikanischen Kongobecken zweitgrößten Regenwaldgebiet der Erde, das, der abgeschiedenen Lage sei Dank, noch weitgehend intakt ist. Der Begegnung mit Völkern, deren Leben sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert hat. Und mit Legenden, die fantastisch erscheinen.

Wandelnde Skelette: Die Skeleton Man sind ein Stamm, der in der Provinz Simbu im Hochland von Papua-Neuguinea lebt.
Wandelnde Skelette: Die Skeleton Man sind ein Stamm, der in der Provinz Simbu im Hochland von Papua-Neuguinea lebt. Foto: Harald Stutte

Einheimischer erzählt vom Seeungeheuer

„Expect the Unexpected“, erwarte das Unerwartete. Slim Baro aus dem Dorf Pangoa erzählt vom riesigen Mangai-Eve, einem Seeungeheuer, dem der heute 45-Jährige in den Achtzigerjahren als Schüler begegnet sein will. Auf dem Nachhauseweg. „Gesehen habe ich zunächst nichts, doch da waren diese Erschütterungen“, erzählt er und fährt lautmalerisch fort: „Krawumm, bummbumm, als bebte der Boden.“

Und dann sah er dieses Wesen, das im hohen Gras einen riesigen Fußabdruck hinterließ, groß wie der eines Tyrannosaurus Rex, den er jetzt mit einem Stock im weichen Boden nachzeichnet. Das Ungetüm beschreibt er als Mischung aus riesigem Känguru, Krokodil und Schlange.

Eine sich hier am See verselbstständigende Legende oder ein vom Fremdenverkehrsamt unter den Menschen verbreiteter Marketingcoup? Tatsächlich haben sogar schon britische Zeitungen über Murray geschrieben, wie das Monster genannt wird, das auf zwei Hinterbeinen, „dick wie Kokospalmenstämme“, laufen soll.

Slims angebliche oder tatsächliche Begegnung – sie lässt den Fischer bis heute nicht los. Das ganze Dorf kennt die Geschichte. Und manchmal, beim Fischen im See, da spürt er, wie das Boot sich hebt und senkt oder das Netz so schwer wird, dass es sich nicht heben lässt. „Dann werfe ich ein paar Fische oder ein Stück Fleisch in den See und rufe: ,Gib Frieden, Mangai-Eve.’ Und dann ist es wieder vorbei.“

Tipps für deine Reise nach Papua-Neuguinea

Anreise: Beispielsweise über Singapur mit Singapore Airlines und weiter nach Port Moresby mit Air Niugini. Oder mit Cathay Pacific nach Hongkong und dann weiter mit Air Niugini.

Unterkünfte: Im Landesinneren von Neuguinea gibt es die Lodge Rondon Ridges in Mount Hagen oder die Lake Murray Lodge vom Anbieter Trans Niugini Tours (E-Mail: service@pngtours.com). Übernachtungen sind ab 600 Euro pro Person im Doppelzimmer oder 760 Euro im Einzelzimmer buchbar. Vollpension, Transfers und Touren sind im Preis eingeschlossen. Dazu kommt der Inlandsflug in der Cessna. Tickets gibt es ab rund 500 Euro pro Strecke und Person.

Veranstalter: Verschiedene Reiseveranstalter bieten Rundreisen durch Papua-Neuguinea an. Geführte Rundreisen ab elf Tagen Dauer sind bei Pacific Travel House ab knapp 3.200 Euro pro Person buchbar, hinzu kommen die Flugkosten und Kosten für manche Mahlzeiten.

Diamir Erlebnisreisen bietet eine 18-tägige Rundreise ab 6.780 Euro pro Person an (inklusive Inlandsflügen), die ausgehend von der Hauptstadt Port Moresby zum Beispiel in die Sepia-Ebene und das Hochland zum Mount Hagen führt.

Bei Karawane sind PNG-Reisen ab 4.148 Euro buchbar, inklusive Inlandsflügen.

Einreise: Zur Einreise in Papua-Neuguinea reicht für deutsche Staatsbürger ein Reisepass, der noch mindestens sechs Monate über den beabsichtigten Aufenthaltszeitraum hinaus Gültigkeit hat. Touristen aus Deutschland sind von der Visumspflicht für einen Aufenthalt in Papua-Neuguinea befreit und erhalten am Flughafen von Port Moresby ein Touristenvisum mit einer Gültigkeitsdauer von 60 Tagen.

Dafür müssen Sie ein bestätigtes Rück- oder Weiterflugticket sowie etwaige Visa für das nächste Zielland besitzen und bei der Ankunft ausreichende finanzielle Mittel (Hotelgutscheine/Buchungsbestätigung und/oder Kreditkarte) nachweisen.

Sicherheit: Der Inselstaat gehört noch nicht zu den touristisch bekannten Reisezielen, besitzt jedoch eine unglaubliche landschaftliche Vielfalt sowie eine sehr kontrastreiche Gesellschaft, in der Armut und Reichtum aufeinandertreffen, sodass Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes aufgrund der teilweise hohen Kriminalitätsrate beachtet werden sollten.

Währung: Die Währung in Papua-Neuguinea ist der Kina (PGK). Ein Kina entspricht 100 Toea. Umtausch: 1 Euro entspricht 3,80 Kina. Kartenzahlung ist nicht sehr verbreitet.

   

Die Reise wurde unterstützt von der PNG Tourism Promotion Authority. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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