Camping in England: Mit dem Wohnmobil durch den Süden

Camping in England: Mit dem Wohnmobil durch den Süden

Aparte Gärten, malerische Städte und herzliche Menschen: Bei einer Wohnmobil-Reise durch Südengland zeigt sich die Insel von ihrer schönsten Seite – kurz vor dem geplanten EU-Austritt mit einer Prise Wehmut.

Beachy Head ist der höchste Punkt an der englischen Kanalküste. Bei schönem Wetter ist hier eine Menge los – trotzdem kann man auch allein sein.
Beachy Head ist der höchste Punkt an der englischen Kanalküste. Bei schönem Wetter ist hier eine Menge los – trotzdem kann man auch allein sein.

Foto: Gerd Piper

Beim Aufräumen unseres Bücherregals sind meine Frau und ich auf einen alten Reiseführer gestoßen, ein kleines, launig geschriebenes Büchlein über Südengland. Schon nach wenigen Seiten hatte uns die Reiselust gepackt und es war klar: Da müssen wir noch mal hin, bevor Boris Johnson die Insel mit seiner Politik ins Ungewisse schickt. Also Sachen gepackt, Wohnmobil und Fähre gebucht und auf in das Land des Nieselregens und der Parks, in denen das Betreten der Grünflächen erwünscht ist.

Okay, so eine Reise mit einem Wohnmobil ist vielleicht nicht jedermanns Geschmack, aber uns macht es nichts aus, morgens durch taunasses Gras zum Duschen zu laufen und die abendlichen Mahlzeiten auf selbst gekochte Nudelvariationen zu reduzieren. Tatsächlich erwartet uns Dover mit Regen, doch schon am Nachmittag reißt der Himmel auf, und fortan scheint eine milde Spätsommersonne auf dieses schöne Land.

Mit dem Wohnmobil lässt sich Südengland bequem und individuell erkunden.
Mit dem Wohnmobil lässt sich Südengland bequem und individuell erkunden. Foto: Gerd Piper

Bei der Reise kann einem auch Unerwartetes widerfahren. So hatten wir nicht im Traum daran gedacht, dass sich offenbar die Bewohner von halb England Mitte September in Caravans und Campern aufmachen, um die Campingplätze an den Küsten zu überrennen. Haben sie aber. Vorzugsweise nette ältere Damen und Herren, von denen es im Süden eine Menge gibt.

Kathedrale von Winchester hat längstes Kirchenschiff Europas

Unser erstes Reiseziel, das wir in unserem Vintage-Reiseführer zufällig aufgeschlagen hatten, war das kleine Städtchen Winchester. Der Name steht für die erste Hauptstadt Englands, von der aus die Könige Anfang des zweiten Jahrtausends regierten, bevor es sie dann nach London zog. König Artus und seine Ritter sollen in der Great Hall von Winchester Castle gespeist haben, die noch heute zu besichtigen ist.

In Winchester ist der Platz vor der riesigen Kathedrale bei schönem Wetter ein beliebter Treffpunkt für Schüler und Studenten.
In Winchester ist der Platz vor der riesigen Kathedrale bei schönem Wetter ein beliebter Treffpunkt für Schüler und Studenten. Foto: Gerd Piper

Dazu kommt eine Kathedrale von wahrhaft gigantischen Ausmaßen. In dem längsten Kirchenschiff Europas sind nicht nur Bischöfe in großer Zahl beigesetzt, sondern auch Englands legendäre Schriftstellerin Jane Austen, die in ihren Romanen vorzugsweise das komplizierte Liebesleben junger Frauen aus der gehobenen Gesellschaft dazu nutzte, um ihren Zeitgenossen fein humorig etwas zu ihrer Einstellung zu Stolz und Vorurteil mitzugeben.

Der Vorplatz der Kirche ist bei gutem Wetter von jungen Leuten bevölkert, Studenten oder Schülern der dortigen Eliteschule, die sich auf dem Rasen lümmeln und die Sonne genießen.

Der Campingplatz in Winchester, Morn Hill, entpuppt sich als wahres Schmuckstück. Perfekter Rasen, blitzsaubere sanitäre Einrichtungen und eine freundliche, straff geführte Organisation. Mit der ADAC-Campingcard gibt’s sogar Rabatt.

Wir verlassen die EU, nicht Europa.

Paul Kenyon, Campingplatz-Mitarbeiter

Paul Kenyon (51), der hier Regie führt, sieht der Zukunft seiner Insel gelassen entgegen: „Wir verlassen die EU, nicht Europa“, sagt er. Also alles halb so schlimm. Und weil Kenyon Optimist ist, setzt er bei einem Brexit auf so etwas wie ein Dauervisum für den Reiseverkehr zwischen Kontinent und Insel. Damit die wichtigsten Gäste, Niederländer und Deutsche, weiterhin seinen Campingplatz anfahren können.

Paul Kenyon ist eine Frohnatur – der Brexit kann ihn nicht erschüttern.
Paul Kenyon ist eine Frohnatur – der Brexit kann ihn nicht erschüttern. Foto: Gerd Piper

Wer Winchester direkt mit dem Wohnmobil besuchen möchte, sollte sich das gut überlegen: Die Gassen sind mittelalterlich eng und mit Autos zugeparkt. Die Außenspiegel müssen immer wieder eingeklappt werden, sonst droht Ungemach. Aber um das Zentrum herum gibt es mehrere Parkplätze, die man nutzen kann. Achtung: Das Wohnmobil braucht zwei Parkplätze und damit auch zwei Parktickets, sonst droht eine Geldstrafe. Ein Bummel durch die High Street und ihre Nebengassen lohnt sich allemal.

Von Winchester geht es weiter nach Stonehenge

Von Winchester aus ist Stonehenge gerade mal einen Steinwurf weit entfernt. 40 Minuten Autofahrt führen zum berühmtesten Steinkreis dieses Planeten, den man zusammen mit Hunderten anderer Touristen umrunden und bestaunen kann.

Wegen des Andrangs gelten die Tickets nur zwei Stunden lang, danach muss man für sich entschieden haben, was die dicken Brocken wohl bedeuten – Himmelsobservatorium aus der Steinzeit oder doch Opferstätte? Deutungen gibt es viele, gesichertes Wissen so gut wie keines.

Viele Reisende besuchen während eines England-Aufenthaltes auch Stonehenge. Was die Steine tatsächlich bedeuten, weiß leider niemand.
Viele Reisende besuchen während eines England-Aufenthaltes auch Stonehenge. Was die Steine tatsächlich bedeuten, weiß leider niemand. Foto: Gerd Piper

Weil eine Reise in Südengland, auch wenn sie nur eine Woche dauert, ohne den Besuch eines Gartens undenkbar ist, steuern wir die Compton Acres Gardens bei Poole an und nehmen auf dem South Lytchett Manor Caravan and Camping Park Quartier. Der Platz ist mit Auszeichnungen überhäuft, ziemlich groß und nicht ganz billig. Dafür bleibt man unter sich – die Zielgruppe ist fest definiert, ein Besuch in den Waschräumen beseitigt jeden Zweifel. Denn dort dudeln im Hintergrund die Evergreens der Carpenters, von Simon und Garfunkel oder den Beatles.

Compton Acres Gardens: Eine Oase der Ruhe

Der Garten selbst ist ein Zusammenschluss relativ überschaubarer Themengärten, die jetzt im Übergang zum Herbst langsam zur Ruhe kommen. Gedeckte Farben, stille Winkel, kleine Wasserläufe – eine Oase der Entspannung. Zumal an diesem wundervollen spätsommerlichen Sonntag nur wenige Menschen in den Anlagen unterwegs sind.

Eine Oase der Ruhe: In den Compton Acres Gardens lässt es sich wunderschön entspannen.
Eine Oase der Ruhe: In den Compton Acres Gardens lässt es sich wunderschön entspannen. Foto: Gerd Piper

Hier treffen wir auf Beverly Ward (81) und Sheila Parker (80), die seit ihrem 16. Lebensjahr miteinander befreundet sind und heute in den Gärten spazieren gehen. Eine Ansammlung kleiner Blumen unter einem alten Baum bringt uns ins Gespräch: Cyclamen hederifolium, das Herbst-Alpenveilchen, das hier prächtig gedeiht.

Die beiden alten Damen, die einst als Sekretärinnen zusammen gearbeitet haben, sind neugierig, wollen wissen, ob wir die Blumen mögen, was wir von dem Garten halten, woher wir kommen, wie unsere Reiseroute verläuft und wie wir zum Brexit stehen. „Ich habe nicht überschaut, was passieren kann, und bin gar nicht wählen gegangen“, gibt Beverly zu und räumt ein, dass sie das im Nachhinein bedauere.

Ich habe mit Nein gestimmt, der Brexit wäre der größte Fehler, den unser Land machen kann.

Sheila Parker, Parkbesucherin

Sheila, die resolutere der beiden, sagt: „Ich habe mit Nein gestimmt, der Brexit wäre der größte Fehler, den unser Land machen kann.“ Denn Europa sei trotz aller Probleme, die es natürlich auch gebe, ein großartiger Gedanke. Die beiden, die noch in einem England aufgewachsen sind, das den Deutschen nach dem Krieg nicht vorbehaltlos gegenüberstand, verabschieden uns am Ausgang mit einer Geste, die noch lange nachhallt – sie nehmen uns in den Arm.

Von Poole aus wollen wir eigentlich nach Portsmouth, um uns die „Victory“ anzuschauen. Jenes Flaggschiff, auf dem Lord Nelson die Franzosen bei Trafalgar zum Teufel schickte, bevor ihn eine Gewehrkugel niederstreckte und er in einem Rumfass konserviert nach England zurückkehrte. Doch dank eines kapitalen Staus auf der Autobahn entscheiden wir uns um und fahren durch bis hinter Eastbourne.

Eastbourne ist ein hübsch herausgeputztes, kleines Städtchen

Der Campingplatz dort liegt direkt am Strand und wird von vielen Engländern frequentiert. Eastbourne selbst ist ein hübsch herausgeputztes, kleines Städtchen für betuchtere Engländer, die hierherkommen, um an der blitzsauberen Wasserfront ihre Freizeit zu verbringen. Die Seebrücke ist ein wahres Kleinod, strahlend weiß mit goldenen Kuppeln.

In Eastbourne genießen viele Rentner ihren Lebensabend.
In Eastbourne genießen viele Rentner ihren Lebensabend. Foto: Gerd Piper

Der Kontrast zum benachbarten Hastings ist erschreckend – dort sind die Fassaden entlang der Küstenlinie vernachlässigt und heruntergekommen, die einstmals stolze Seebrücke aus dem Jahr 1872 ist nach einer Brandstiftung im Jahr 2010 nur noch eine in den Ärmelkanal ragende Rumpfkonstruktion.

Beachy Head und die Seven Sisters sind die höchsten Kreidefelsformationen Englands

Der eigentliche Höhepunkt bei Eastbourne sind aber Beachy Head und die Seven Sisters, die höchsten Kreidefelsenformationen Englands, die steil ins Meer abfallen und traurige Berühmtheit erlangt haben, weil sich hier jedes Jahr mehr Menschen das Leben nehmen als sonstwo in Großbritannien.

Bei schönem Wetter sind sie Ausgangspunkt für Spaziergänge und Wanderungen entlang der Klippenränder. An den Wochenenden herrscht hier Hochbetrieb. Manch einer lässt auch nur die Beine baumeln und blickt stundenlang aufs Meer hinaus. Beachy Head ist ein Must-see auf unserer Reise.

In Sissinghurst, dem vielleicht berühmtesten Garten Englands, beherrschen im Herbst die warmen und gedeckten Farben die beeindruckenden Anlagen.
In Sissinghurst, dem vielleicht berühmtesten Garten Englands, beherrschen im Herbst die warmen und gedeckten Farben die beeindruckenden Anlagen. Foto: Gerd Piper

Sissinghurst ist der wohl bekannteste Garten Südenglands

Letzte Anlaufstelle und ein weiterer Höhepunkt ist für uns Sissinghurst, der wohl bekannteste Garten Südenglands. Wir haben Glück, denn die Busladungen voller Besucher kommen erst am frühen Mittag, als wir schon wieder gehen. So müssen wir die großartige Anlage nur mit wenigen Besuchern teilen, können die besinnlichen Momente inmitten der Farben des Herbstes ausgiebig genießen.

Wo im Sommer die Blütenpracht zu explodieren scheint, beherrschen jetzt warme Brauntöne den Garten, vieles ist am Verblühen, ein Hauch von Wehmut durchdringt die Anlage, die Kühle des Morgens ist noch deutlich zu spüren, obwohl es wieder ein warmer Tag wird.

Am nächsten Morgen verlassen wir die Insel. Als wir in den Hafen von Calais einlaufen, drehen wir uns noch einmal um. Die weiße Felsenküste bei Dover scheint zum Greifen nahe. Für uns ist klar: Egal, was passiert, wir werden wiederkommen.

Tipps für deine Reise nach Südengland

Anreise: Mit dem Autozug Le Shuttle durch den Eurotunnel von Calais (Frankreich) nach Folkstone (Fahrtzeit 35 Minuten) oder mit der Fähre (DFDS, P&O Ferries) von Calais nach Dover (Fahrtdauer 1,5 Stunden). Die Preise variieren je nach Saison. Im September kosten Hin- und Rückfahrt im Tunnel rund 280 Euro (bei Reisen mit einer Dauer von höchstens fünf Tagen), mit der Fähre um die 160 Euro. Vorsicht, wenn du kurzfristig umbuchen möchtest und kein entsprechendes Ticket hast, denn das kann teuer werden. Bei DFDS kostete eine Umbuchung beispielsweise 35 Euro plus 23 Euro Gebühren.

Beste Reisezeit: Jede Jahreszeit hat ihre Reize. Wer die Gärten besuchen möchte, sollte den Sommer, wenn alles blüht, oder den Herbst mit den Spätblühern und den gedeckten Farben wählen. Die meisten Gärten haben bis auf wenige Feiertage ganzjährig geöffnet.

Wohnmobil: Es gibt diverse Anbieter, die Wohnmobile in allen Größen und Preisklassen anbieten. Tipp: Das Gefährt nicht zu groß wählen, denn auf den engen Straßen Englands ist für große Fahrzeuge nicht viel Platz. Unser Wohnmobil der Klasse Compact Plus (zwei Personen) von McRent war 5,95 Meter lang und 2,90 Meter breit. Die Mietpreise betragen im September rund 100 Euro am Tag (fünf Tage Mindestmietdauer).

Campingplätze: In Großbritannien gibt es Clubs und Mitgliederkarten, die sich lohnen. Einer der größten Clubs ist der Camping & Caravaning Club, für dessen Mitgliedschaft auf vielen Plätzen geworben wird. Meist ist die Mitgliedschaft Voraussetzung für Rabatte. Auf einigen Plätzen werden auch deutsche Karten, wie zum Beispiel die ADAC-Campcard, akzeptiert. Freies Campen in der Natur ist verboten. Die meisten Campingplätze sind von März bis Oktober geöffnet, genaue Daten stehen im Internet.

Links fahren: In Großbritannien gilt der Linksverkehr. Das kann anfangs gewöhnungsbedürftig sein. Die Vorfahrtsregeln sind dieselben wie in Deutschland, im Kreisverkehr hat allerdings immer derjenige Vorfahrt, der von rechts kommt.

Währung: Die Währung in England ist das Pfund. Der Wechselkurs beträgt zurzeit etwa 1,10 Euro je Pfund. Kreditkarten werden fast überall akzeptiert.

Gartentipp: Es gibt viele schöne Gärten in Großbritannien, ein Höhepunkt ist Sissinghurst. Als die Schriftstellerin Vita Sackville-West im Jahr 1930 mit ihrem Mann, dem Diplomaten Sir Harold Nicolson, Sissinghurst Castle erwarb, war das Gelände verwildert und das alte Schloss eine verfallene Ruine. Noch heute erfasst den Besucher sofort der Zauber der Anlage, legendär ist der weiße Garten, in dem nur weiß blühende Pflanzen stehen.

National Trust/English Heritage: Der National Trust und das English Heritage sind zwei Organisationen, die sich in Großbritannien der Pflege und dem Erhalt von historischen Stätten, Herrenhäusern, Gärten oder Schlössern widmen. Wer Mitglied wird, hat in den entsprechenden Häusern und Gärten freien Eintritt. Die Mitgliedschaft (es gibt auch befristete Angebote) kann vorab im Internet gebucht werden.

Die Reise wurde unterstützt von McRent. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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