„Team Wallraff“ deckt Zustände bei Ryanair und Eurowings auf

„Team Wallraff“ deckt Zustände bei Ryanair und Eurowings auf

„Team Wallraff“ hat eine Mitarbeiterin bei Ryanair und Eurowings eingeschleust – und will dabei unmoralische Aktionen im Umgang mit Kunden, Sicherheitslücken und bewusste Kostenfallen aufgedeckt haben.

Passagiere vor einem Ryanair-Schalter.
Was spielt sich hinter den Kulissen von Billigfliegern ab? Das „Team Wallraff“ ließ eine Reporterin verdeckt bei Ryanair und Eurowings arbeiten. (Symbolfoto)

Foto: imago images/i Images

Hinter die Kulissen der Billig-Airlines schauen – das hat Reporterin Alicia vom „Team Wallraff“ getan. Die Frage: Gehen die auffällig niedrigen Ticketpreise auf Kosten der Sicherheit und des Service? Für Antworten schlüpfte sie in die Rolle einer Flugbegleiterin und Bodenstewardess bei Billigfliegern. Das Team um Günter Wallraff ist für investigativen Journalismus bekannt.

Der private Fernsehsender RTL polarisiert nicht nur mit dieser Sendung. Wie bei dem anderen Format „Undercover Boss“, bei dem das Team hinter die Kulissen bei Flixtrain geschaut hat, geht es darum, dem Publikum einen Einblick in Unternehmen zu gewähren, oftmals mit sehr kritischem Ergebnis. 

RTL-Reporterin schleust sich bei Ryanair ein: „Angst“ bei Auszubildenden 

In der aktuellen Folge von „Team Wallraff – Reporter undercover“ werden Ryanair und Eurowings unter die Lupe genommen. Insbesondere bei der irischen Airline, die mit Billigflügen quer durch Europa wirbt, fiel Alicia während der sechswöchigen Ausbildung zur Stewardess einiges auf.

Über die Zeitarbeitsfirma Crewlink begann sie im März 2019 die Ausbildung zur Flugbegleiterin im Hahn-Traning-Center nahe Frankfurt am Main. Gleich zu Beginn will Alicia eine mit Angst erfüllte Atmosphäre gespürt haben, was die Ausbilderin mit ihrer Begrüßung „Ich bin die Person, die ihr in den nächsten Wochen am meisten hassen werdet oder vielleicht euer restliches Leben!“ unterstrich.

Angst und Druck soll auch nach der Ausbildung bestimmend sein: Mitarbeiter sollen kleinlich kontrolliert werden, auch das äußere Erscheinungsbild. Männer sollen immer rasiert sein, Frauen dürften die Haare nur zu einem Zopf oder Dutt gebunden tragen. Sogar die Fingernägel wurden von der Ausbilderin inspiziert. Der Umgang brachte eine Kollegin von Alicia zum Weinen, wie eine Aufnahme aus der Toilette zeigt.

Haben Gewinne durch Verkäufe bei Ryanair die gleiche Priorität wie die Sicherheit?

Sie sei bekannt dafür, sehr harsch zu sein, erklärte die Ausbilderin weiter auf Englisch. Gleich am ersten Tag wurde den Schülern die Denkweise bei Ryanair nähergebracht, unter anderem, dass Verkäufe und Sicherheit Hand in Hand gehen würden, wie die Ausbilderin verdeutlichte.

Steckt sich Ryanair Gewinne aus der Lotterie selbst in die Tasche?

Wer schon einmal mit Ryanair geflogen ist, weiß, dass das Verkaufsprogramm von Essen und Getränken sowie Goodies wie Parfüm obligatorisch zum Flug gehören. In den günstigen Tickets von durchschnittlich 56 Euro sind keine Frei-Getränke oder Ähnliches inbegriffen. Dadurch erzielt die Airline Milliarden-Gewinne, wie der reisereporter bereits berichtete

An Bord werden außerdem Rubbellose verkauft. Der Gewinn durch die Lotterie soll an eine Hilfsorganisation für Kinder gehen. Doch, so „Team Wallraff“, 95 Prozent soll sich die irische Billigairline selbst einstecken – das seien 36 Millionen Euro pro Jahr. Zu diesem Vorwurf wollte sich Ryanair nicht äußern.

Sicherheitsschulungen verliefen weniger gründlich

Die Verkaufsschulungen dauerten eine Woche, weniger gründlich sollen dafür die Sicherheitsschulungen der Fluggsellschaft ausgefallen sein. 40 Szenarien wurden in Alicias Ausbildung vorgestellt, durchgespielt würden aber tatsächlich nur sieben zum Thema Notlandung. Und nicht mal die hätten alle Auszubildenden üben können, vielmehr wurden sie gruppenweise durchgegangen.

Die Auszubildenden seien daraufhin unsicher gewesen und befürchteten, in Krisenfällen überfordert zu sein. Ein weiteres Sicherheitsbedenken soll es sogar im Cockpit geben: Um Geld einzusparen, stelle die Airline grundsätzlich keine erfahrenen Piloten ein, packte ein Ex-Pilot aus. 

Arbeitsbedingungen bei Ryanair: 18 Urlaubstage und null Tage Kündigungsfrist

Alicia absolvierte die sechs Wochen Schulung erfolgreich, laut Arbeitsvertrag erwarten sie in den folgenden 13 Monaten 18 Urlaubstage und null Tage Kündigungsfrist. Nach dem deutschen Mindesturlaubsgesetz für Arbeitnehmer (Bundesurlaubsgesetz) beträgt der Mindestanspruch aber 24 Werktage.

Der reisereporter hat diesbezüglich und zu weiteren im Beitrag genannten Kritikpunkten um ein Statement von Ryanair gebeten, eine Antwort steht noch aus.

Kostenfallen: Keine Nachsicht mit Kunden

Nicht nur bei der Sicherheit würden Kunden das Nachsehen haben, so das „Team Wallraff“. Ryanair ist auch für seine strengen Gepäckbestimmungen und den teilweise komplizierten Check-in bekannt. Aufpreise bei Nichteinhalten werden zwar klar in den Bestimmungen aufgeführt, Nachsicht bei Fehlern gebe es jedoch nicht, so Alicia. Das habe sie während ihrer Zeit als Bodenstewardess am Flughafen Köln/Bonn erlebt.

Die Mitarbeiter seien dazu angehalten, keine Kulanz walten zu lassen. Wer beispielsweise einen Tippfehler im Namen auf der Bordkarte hat, muss für die Korrektur 160 Euro zahlen. „Ryanair kann nur deshalb so billige Flüge anbieten, weil es so dumme Leute gibt“, sagte eine Frau vom Bordpersonal Alicia. Mit den auferlegten Zusatzgebühren würde sie der Airline 2.000 Euro extra pro Tag einbringen.

Das sagt Ryanair-Chef Michael O’Leary zu der Undercover-Reportage

RTL konfrontierte den Ryanair-Chef Michael O’Leary mit den Szenen. Wie die Airline den Sicherheitsstandard gewährleiste, fragte ein Reporter. „Wir machen das jetzt mehr als 30 Jahre lang und Ryanair hat eine der besten Sicherheitsstatistiken von allen europäischen Airlines über die letzten 35 Jahre“, entgegnete O’Leary.

Auf den Hinweis, dass Sicherheitsschulungen nach Einschätzungen der Auszubildenden ungenügend wären, sagte O’Leary, das Programm würde inhaltlich genau den Vorgaben der EASA entsprechen. Azubis würden seinen Angaben nach nicht eine von sieben, sondern alle Notfall-Szenarien üben. 

Auf weitere kritische Nachfragen zur Mitarbeiterpolitik heißt es in dem Interview: „Sie erfinden gerade dummes Zeug.“ Zusatzgebühren seien alle vermeidbar, dabei verwies er auch auf ähnliche Regelungen bei Easyjet. 

Vorwurf: Eurowings kontrolliert Passagiere mit günstigstem Tarif stärker

Einsatz Nummer zwei: Reporterin Alicia arbeitete auch am Düsseldorfer Flughafen als Bodenstewardess für Eurowings. An einem Tag soll sie die Anweisung bekommen haben, das Handgepäck bei Basic-Tarif-Kunden stärker zu kontrollieren als bei anderen. Trotz des Hinweises, bei Übergepäck (mehr als zehn Kilo) immer Gebühren zu verlangen, drückte Alicia ein Auge zu – dann, wenn der Chef nicht hinter ihr zur Kontrolle stand.

Warum die strengeren Kontrollen bei Kunden, die den günstigsten Basic-Tarif buchten? Angeblich, wie ein anderer Mitarbeiter ihr sagte, um Zeit und damit Kosten einzusparen. Eurowings wolle mit den Kontrollen bezwecken, dass Passagiere anstelle des Basic-Tarifs doch für den teureren Smart-Tarif zahlen. Denn beim Basic-Tarif ist nur die Mitnahme eines kostenfreien Handgepäckstücks inbegriffen – das Boarding würde dadurch länger dauern. Eurowings bestritt gegenüber dem reisereporter eine bewusste Abzocke.

„Nicht regelkonformes Gepäck ist zahlungspflichtig – dies ist nicht neu und gilt für alle Passagiere, unabhängig von der Buchungsklasse“, sagte uns eine Sprecherin.

Zweiklassengesellschaft bei Kunden: Werden Behinderte bei Eurowings benachteiligt?

Das Wallraff-Team geht jedoch bei dem Vorwurf, dass Eurowings eine Zweiklassengesellschaft pflege, noch weiter. So sollen nach einem Test nur zwei Menschen mit Behinderungen pro Flug mitgenommen werden. Der Zusatzservice würde die Airline extra kosten. 

Aufgedeckt haben will das das Team, indem es vier Plätze in einem – laut Buchungssystem – ziemlich leeren Flieger nach Mallorca für Menschen mit einer Behinderung buchen wollte. Doch bei der telefonischen Anfrage hieß es dann, es gäbe nur noch zwei freie Plätze für Rollstuhlfahrer.

Eurowings bestritt das im Nachhinein gegenüber dem reisereporter. Lediglich die Anzahl an Passagieren, die in ihrer Mobilität stark eingeschränkt oder auf einen Rollstuhl angewiesen seien und ohne Begleitung reisen würden, sei auf maximal fünf pro Flug limitiert. Und weiter: „Reisen diese Passagiere ohne Begleitung, ist die Anzahl in der Tat auf zwei begrenzt“ – „aus Sicherheitsgründen“.

Trotzdem: Billig fliegen bei Deutschen beliebt wie nie zuvor

Ob Passagiere eine Buchung bei Billig-Airlines überdenken? Glaubt man den Zahlen einer aktuellen Studie, dann ist das eher fraglich, Low-Cost-Verbindungen sind bei Deutschen nach wie vor extrem beliebt. Ryanair hat dabei sogar aufgrund des breiten Streckennetzes die Nase vorn.

Das widerspricht dem Ergebnis einer diesjährigen Umfrage in Großbritannien, bei dem die Mehrheit der 7.901 befragten Passagiere Ryanair zur schlechtesten Airline auf Kurzstrecken wählte.

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
Das könnte dich auch interessieren