Im Rollstuhl um die Welt reisen: Diese Frau zeigt, wie es geht

Im Rollstuhl um die Welt: Diese Frau zeigt, wie es geht

Kim Lumelius sitzt aufgrund einer Muskelerkrankung seit 15 Jahren im Rollstuhl. Doch das hält die 32-Jährige nicht davon ab, die Welt zu bereisen und Abenteuer, wie Paragliding und Wasserrafting zu wagen.

Kleine Abkühlung für Kim auf Mallorca in einem Rollstuhl-Gefährt fürs Meer.
Kleine Abkühlung für Kim auf Mallorca in einem Rollstuhl-Gefährt fürs Meer.

Foto: wheeliewanderlust

Kim Lumelius ist nicht nur eine Frohnatur und Weltenbummlerin, sondern eine Inspiration dafür, dass alles im Leben möglich ist. Aufgrund einer Muskelerkrankung sitzt die 32-Jährige seit 15 Jahren im Rollstuhl. Trotzdem liebt sie es auf Abenteuerreisen mit ihrem Rollstuhl alias „Lutzi“ zu gehen.

 Ihre Reiseerlebnisse hält sie auf ihrem Instagramkanal „wheeliewanderlust“ fest und zeigt, wie barrierefreies Reise gelingen kann. Im Interview verrät sie, wie sich ihr Leben nach der Muskelerkrankung verändert hat, was sie am Reisen besonders reizt und welche Tipps sie fürs barrierefreie Reisen hat.

Wohin geht deine nächste Reise?

Kim: Ende September geht es nach New York.

Was sind deine liebsten Reiseziele?

Kim: Griechenland und Tel Aviv. Vor allem die herzlichen Menschen und die Lebensfreude, die ich in Tel Aviv über die Maßen zu spüren bekam, haben mir sehr gut gefallen. 

Mit diesem besonderen Rollstuhl ist Kim durch Berg und Tal in der Schweiz gecruist.
Mit diesem besonderen Rollstuhl ist Kim durch Berg und Tal in der Schweiz gecruist. Foto: wheeliewanderlust

Was für ein Reisetyp bist du?

Kim: Keine Gewohnheitsurlauberin auf jeden Fall. Für mich muss es immer ein neues Reiseziel sein. Gerne Richtung Süden und gegen eine ordentliche Meeresbrise habe ich auch nichts einzuwenden. Im Herzen Backpackerin, aber in echt mit meinem Rollstuhl Lutzi eine Trolley-Touristen. Ein Flashpacker vermutlich, immer auf der Suche nach den kleinen barrierefreien Abenteuern in der Natur.

Wie hat sich dein Leben verändert, seitdem du im Rollstuhl sitzt?

Kim: Es war ein schleichender Prozess – zuerst habe ich ihn nur für lange Strecken benötigt, heute geht es gar nicht mehr ohne. Was sich verändert hat? Die Sichthöhe. Ich gucke jetzt nur noch auf Hintern. Aber davon abgesehen geht die Spontanität und Flexibilität etwas mehr verloren, da ich öfter auf fremde Hilfe oder die Technik angewiesen ist. Außerdem muss ich mehr im Voraus planen und mich über unbekannte Orte erkundigen.

Treppen sind meine allergrößte unüberwindbare Hürde geworden, aber auch eine nicht rollstuhlgerechte Toilette kann mich in Schwierigkeiten bringen. Mein Berufsalltag ist gut darauf abgestimmt, genau wie bei uns Zuhause. Unterwegs auf Reisen suche ich deshalb immer gezielt nach den barriereärmsten und schönsten Plätzen der Welt.

Verrate uns deinen besten Travel Hack.

Kim: Lieblingsschuh in den Safe legen – beziehungsweise den Schuh, den man meistens beim Abflug trägt. So vergisst man garantiert nichts im Safe. Und wenn ich auf Urlaubssuche bin, surfe ich anonym. Entweder im Inkognitomodus oder ich lösche stetig den Browserverlauf samt Cookies. Viele Seiten tracken nämlich Seitenaufrufe und beim wiederholten Besuch wird der Preis auf einmal angehoben.

Welches Reiseziel ist am meisten überbewertet und welches verdient mehr Aufmerksamkeit?

Kim: Am meisten überbewertet: Marrakesch – dort haben wir uns leider oft nicht ganz so wohl gefühlt. Mehr Aufmerksamkeit verdient Deutschland – habe mir selbst auch vorgenommen, mehr Orte in Heimatnähe zu entdecken.

Kim unterwegs in ihrem Rollstuhl namens Lutzi.
Kim unterwegs in ihrem Rollstuhl namens Lutzi. Foto: wheeliewanderlust

Was war deine beste Unterkunft bisher?

Kim: Die Unembeza Boutique Lodge in Südafrika – mitten im Naturreservat, wo mit etwas Glück Giraffen, Zebras, Affen, Impalas oder Warzenschweine deinen Weg kreuzen.

Was war deine längste Anreise?

Kim: Circa 20 Stunden auf die Gili-Inseln. Zuerst ging es ungefähr 16 Stunden mit dem Flieger von Frankfurt über Singapur nach Bali, dann eine Stunde Autofahrt und weitere 2,5 Stunden mit dem Speedboot auf die Inselgruppe.

Was muss man beim Reisen im Rollstuhl beachten?

Kim: Je nach Transportmittel die rechtzeitige Anmeldung des Mobilitätsservice, ohne den ich (und mein Rollstuhl Lutzi) in der Bahn oder im Flugzeug nicht transportiert werden kann und keine Einstiegshilfe bekomme. Auch spontan sein ist gerade mit der Bahn, für Rollstuhlfahrer, mehr als schwierig. Da gab es in der Vergangenheit schon einige Momente (Verspätung des Flugzeuges nach Notfall und Weiterfahrt mit der Bahn geplant), in denen ich regelrecht um Hilfe betteln musste. Das ist natürlich weniger schön.

Hier wird Kim beim Einsteigen in den Flieger geholfen.
Hier wird Kim beim Einsteigen in den Flieger geholfen. Foto: wheeliewanderlust

Hast du weitere Tipps rund um das barrierefreie Reisen?

Kim: Sehr wichtig für viele Reisende mit Mobilitätseinschränkung: Eine barrierefreie Unterkunft. Daher sollte man unbedingt im Vorfeld telefonisch oder per Mail abklären, ob für die eigenen Bedürfnisse alles da ist. Zum Beispiel Griffe an der Toilette, Sitz in der ebenerdigen Dusche und so weiter. Die Begriffe barrierefrei und rollstuhlgerecht werden nicht nur oft verwechselt, es versteht auch jeder etwas anderes darunter.

Welches Land hat dich am meisten verändert?

Kim: Südafrika war bisher eines der schönsten Länder für mich, auch überraschend barrierefrei sogar.

Was sind deine Top 3 der beeindruckendsten Reiseerlebnisse?

Kim: Nr.1  Safari im Krüger Nationalpark Südafrika, Nr.2 Paragliding über dem Aletschgletscher in der Schweiz und Nr. 3 Rafting in der Schweiz.

Kim beim Paragliding: Ein unvergessliches Erlebnis für sie.
Kim beim Paragliding: Ein unvergessliches Erlebnis für sie. Foto: wheeliewanderlust

Was reizt dich am Reisen besonders und was ist das stressigste dabei für dich?

Kim: Reisen ist für mich die Sehnsucht nach dem Leben – ich liebe es neue Orte zu entdecken und Menschen aus aller Welt kennenzulernen. Außerdem kitzelt es mich immer mit dem Rollstuhl neue kleine Abenteuer zu erleben, für die ich die allseits beliebte Komfortzone verlassen muss.

Welches sind die Top-Learnings, die du von deinen Reisen mitgenommen hast?

Kim: Man brauchst nicht viel im Leben, um glücklich zu sein. Maximal das was man tragen kann beziehungsweise in den Koffer passt und das ist meistens schon zu viel. Ich habe auch gelernt geduldiger und gelassener zu sein – wobei ich an meiner Geduld noch arbeite.

Des Weiteren habe ich mich selbst und meine Grenzen besser kennengelernt und vor allem habe ich es lieben gelernt „nach Hause zu kommen“, denn meine Freunde und Familie vermisse ich auf Reisen (zumindest den Teil, der nicht gerade mit mir auf Reisen ist). 

Wenn Zeit und Geld keine Rollen spielen würden – welches wäre dein nächstes Reiseziel?

Kim: Hawaii

Beschäftigt dich das Thema Nachhaltigkeit auf Reisen?

Kim: In diesen Dingen, muss ich gestehen, kann ich leider nicht als Paradebeispiel dienen. Dennoch mache ich mir oft und gerne Gedanken zu diesem Thema und lerne täglich dazu. Es ist denke ich nicht verkehrt alles etwas bewusster zu tun und wenn möglich auf das ein oder andere zu verzichten. Es gibt wirklich keinen Grund mehr einen Coffee-to-go-Becher herumzuschwenzlen, schließlich gibt es inzwischen schicke und nachhalte Alternativen. Auch Fernreisen und Flüge sollten so gut es geht vermieden oder reduziert werden. Lieber große Fernreisen am Stück, anstatt immer wieder für ein Wochenende in den Flieger zu steigen.

Wir machen zum Beispiel Reisen innerhalb Deutschlands und in europäische Nachbarländer mit dem Zug immer öfter. Öffentliche Verkehrsmittel benutzen wir auch gerne auf Städtereisen, was meist sogar viel günstiger und entspannter (Stichwort Parkplatzsuche) als ein Mietwagen ist. Wir konsumierten gerne bei lokalen kleinen Anbietern, essen bei Einheimischen, statt bei Fast-Food-Ketten oder All-Inclusive-Buffets.

Man muss im Urlaub auch lernen Nein zu sagen: gerade wenn es um Tierhaltung oder andere fragwürdige Attraktionen geht. Elefantenreiten und andere Arten von Tierquälerei sollte man keinesfalls unterstützen. Ich glaube jeder einzelne kann schon eine ganze Menge bewirken und mehr Bewusstsein für Menschen schaffen, die immer noch mit Scheuklappen durch die Gegend laufen.

Traumberuf Reiseblogger – (wie) kann man davon leben?

Kim: Bei mir ist es ganz bewusst nur eine Nebenbeschäftigung. Dennoch könnte man sicher ganz gut davon leben. Nicht vom Urlaub machen an sich – dafür wird glaube ich, kaum jemand bezahlt. Sehr wohl aber mit bezahlten Kooperationen, Werbung auf dem Blog oder Social Media, Content Kreation, Affiliate Marketing, Verkauf von Fotos und Texten oder Ähnliches.

Manche verdienen auch Geld mit selbstgeschriebenen Büchern, Ratgebern oder Kursen. Hier gibt es keine Grenzen oder eine fest vorgeschriebene Norm.

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