Møn in Dänemark: Paradies mit Palmen| reisereporter.de

Møn in Dänemark: Ein Paradies ohne Palmen

Die dänische Ostseeinsel Møn ist in Zeiten von Overtourism und Klimawandel ein gutes Ziel für bewusstes Reisen. Ihr Vorteil: Sie liegt praktisch vor der Haustür. Für reisereporterin Christina ist Møn aber nicht nur deshalb ihr Top Place 2019.

Die Kreidefelsen und der Buchenwald von Møns Klint sind Wahrzeichen der dänischen Insel.
Die Kreidefelsen und der Buchenwald von Møns Klint sind Wahrzeichen der dänischen Insel.

Foto: Christina Mänz

Der Weg führt gen Nordosten, zum Fährhafen Puttgarden, an dem seit den Achtzigerjahren sämtliche Modernisierungsversuche vorbeigezogen zu sein scheinen. Der Wagen holpert über die Abfertigungsspuren, zwischen denen das Grünzeug wie an einem DDR-Grenzübergang nach der Maueröffnung sprießt.

Auch der Duty-Free-Shop an Bord der Fähre versprüht noch immer den Charme von Butterfahrten aus D-Mark-Zeiten. Und das ist alles gut so.

Møn: Ein Bullerbü für Erwachsene

Reiseziel ist die dänische Ostseeinsel Møn, die mit rund 217 Quadratkilometern nur ein wenig größer ist als die Hansestadt Lübeck – und nur knapp 10 .000 Bewohner hat. Immer weiter führt der Weg gen Nordosten: vom Zielfährhafen Rødby über Lolland, Falster, Bogø und über die letzte kleine Brücke. Und schon ist man da! Wie, schon da?

Møn ist nur rund vier Stunden von Hamburg entfernt – und doch eine eigene Welt. Eine freudvolle Essenz aus allem Guten, was Dänemark zu bieten hat. Ein Bullerbü für Erwachsene!

Møn ist Unesco-Biosphärenreservat

Ein Kreuzfahrtterminal gibt’s auf dem Inselchen ebenso wenig wie einen Flughafen oder eine Autobahn – dafür aber ein Netz von Fahrrad-, Wander- und Reitwegen; und niedliche Landstraßen und Alleen, die sich zwischen Feldern und Dörfern hindurchschlängeln und auch mal unvermittelt auf einem Parkplatz enden. Und auch das ist alles gut so.

Am Hafen von Nyord auf dem gleichnamigen Vogelinselchen vergisst man die Zeit – und alles andere auch.
Am Hafen von Nyord auf dem gleichnamigen Vogelinselchen vergisst man die Zeit – und alles andere auch. Foto: Christina Mänz


Wer hier erst einmal angekommen ist, fährt auch gleich ein paar Umdrehungen runter und gedanklich ein paar Jahrzehnte zurück, auf dieser unverfälschten, stillen Insel, auf der das Meer und der Wind allgegenwärtig sind.

Ein Hauch von Salzwasser und Seetang liegt in der reinen Luft, der Duft von frisch gemähtem Gras und warmem Teer, der an nicht enden wollende Sommertage mit Softeis und Waldmeisterbrause erinnert.

Die Küste ist eine Fundgrube für Feuersteine und Donnerkeile

Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass reiste regelmäßig nach Møn. Der Schriftsteller verbrachte viel Zeit auf der Halbinsel Ulvshale im Norden Møns und ließ sich von der berührenden wie unberührten Natur inspirieren. Dünen säumen dort den wilden Strand, dessen Steine ähnlich blau schimmern wie der weite Himmel über der glasklaren Ostsee. Durchatmen, abtauchen.

Weitsicht gibt’s umsonst dazu – so wie den Blick auf die Erdgeschichte: Die Küste hier ist eine Fundgrube für Feuersteine und Donnerkeile, die das Meer über Jahrmillionen geformt und angespült hat.

Vorbei an muckeligen Ferienhauskolonien führt der Weg durch den Urwald Ulvshale Skov, in dem die Natur verwunschen schön vor sich hin wuchern darf, so wie sie will. Hier also ist dieser Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, ohne über den Haufen gefahren zu werden.

   

Møn in Dänemark: Der Top Place 2019 in Bildern

Die einzige Straße endet vor einer einsamen Kontaktampel an einer einspurigen Brücke, über die man auf die noch kleinere Insel Nyord gelangt. Immer geradeaus: durchs Marschland, durchs Vogelschutzgebiet, vorbei am Beobachtungsstand bis zum abgeschiedenen Dorf Nyord. Dort ist nun wirklich Schluss.

Im Garten vom Gasthof Lollesgaard kommt Kaffee noch in Kannen auf den Tisch

Friedlich und gelassen, einfach schön ist es hier, unterm Obstbaum vom Gasthof Lollesgaard, wo der Kaffee noch in Kannen auf den Tisch kommt und man vom Vogelgezwitscher und Wolken hinterherschauen bleiern müde wird.

Nichtstun klappt in der Beschaulichkeit der bunten Gehöfte ganz wunderbar, wobei es in Nyord über die Jahrhunderte immer umtriebig zuging: Der Hofbesitzer war auch Lotse, der Fischer auch Bauer und die Frau oft Herr im Haus, wenn der Mann auf See war.

Heute ist es ein begnadetes Fleckchen Erde für (Lebens-)Künstler, Ornithologen und alle, die sich fragen, warum noch mal das Licht im Norden so magisch ist.

Ein unbekannter Künstler verzierte im 14. Jahrhundert drei Inselkirchen auf Møn mit naiven Kalkmalereien.
Ein unbekannter Künstler verzierte im 14. Jahrhundert drei Inselkirchen auf Møn mit naiven Kalkmalereien. Foto: Christina Mänz


Am anderen Ende von Møn, ganz im Osten, liegt der eigentliche Star der Insel: die Steilküste Møns Klint. Die Fahrt dahin dauert in diesem Dänen-Mikrokosmos eine halbe Stunde und führt durch hügelige Landschaft und hyggelige Dörfer mit Kaufmannsläden, Galerien, Antikgeschäften und Mittelalterkirchen. Wie die in Elmelunde, in der sich im 14. Jahrhundert ein unbekannter Künstler austobte und Wände und Decken mit rührend skurrilen Kalkfresken bemalte.

So überschaubar Møn auch ist, so vielfältig und wertvoll ist das, was die Insel zu bieten hat. Was ihr an Fläche fehlt, machen ihre Menschen und Natur mit wahrer Größe wett.

Kreidefelsen sind eine der Attraktionen auf der Insel

Das ist an den schroffen, mehr als sechs Kilometer langen Kreidefelsen Møns Klint eindringlich spürbar. Die Ostsee ist hier einen Tick türkisfarbener und das Grün vom Buchenwald Klintskoven gegen die weißen Felsen noch eine Spur satter.

Der Blick aufs Meer ist zum Niederknien, der Weg hinunter über die 496 Holzstufen aber auch ein bisschen atemraubend. Im Angesicht der mächtigen Natur, Zeugnis der letzten Eiszeit, wird man demütig. Und sprachlos. Und zum Fossiliensucher.

Das strohgedeckte Häuschen in der weitläufigen Parkanlage von Liselund ist tatsächlich ein Lustschloss.
Das strohgedeckte Häuschen in der weitläufigen Parkanlage von Liselund ist tatsächlich ein Lustschloss. Foto: Christina Mänz

Gartenanlage Liselund inspirierte schon Hans Christian Andersen

Im Zentrum von Møns Klint steht das moderne Geo-Center, das über das Leben der letzten Jahrmillionen aufklärt. Am nördlichen Rand der Kreidefelsen liegt Liselund, eine romantische Gartenanlage mit Lustschloss aus dem 18. Jahrhundert. Sie ist so zauberhaft wie ihr Name klingt und animierte schon Märchendichter Hans Christian Andersen zum Fabulieren.

Im Südwesten von Møns Klint weht ein rauerer Wind: Segler und Fischer bestimmen das Leben in Klintholm Havn, wo frisch verkauft wird, was das fischreiche Meer so hergibt: Heringe, Hechte, Meeresforellen, Barsche ... Von hier aus starten auch die Ausflugsfahrten zu den Kreidefelsen und Angeltouren für Profis und Anfänger. Im Restaurant Klintholm werden allein Dutzende Heringsvariationen aufgetischt.

Die regionalen Produkte der Harbölle Meierei in Askeby auf Møn sind auch bei Sterne-Köchen in Kopenhagen beliebt.
Die regionalen Produkte der Harbölle Meierei in Askeby auf Møn sind auch bei Sterne-Köchen in Kopenhagen beliebt. Foto: Christina Mänz

Sogar Sterneköche schätzen regionale Spezialitäten

So begnadet wie die Natur, so bestechend ist auch die regionale Küche auf Møn – einfach gut. Die Qualität von Obst und Gemüse der kleinen Stände in den Hauseinfahrten ist unübertroffen. Das Büfett von Schlachter Stig in Stege ist einen Mittagsbesuch wert. Und die Harbölle Meierei im Westen Møns beliefert sogar Sternerestaurants in Kopenhagen mit ihrem fantastischen Käse.

Was für eine heile Welt, denkt man bei dieser puren Schönheit immer wieder. Am Tag wie bei Nacht. Møn und Nyord sind nämlich weitgehend frei von Lichtsmog und erhielten deshalb den Titel Dark Sky Community. In manchen tiefdunklen Nächten soll man bis in die nächste Galaxie blicken können. Wer träumt bei diesen Aussichten noch von Fernreisen?

Tipps für deine Reise nach Dänemark

Anreise: Møn ist einfach per Auto und Fähre (Puttgarden–Rødby oder Rostock–Gedser) zu erreichen.

Unterkünfte: Das Angebot von Ferienhäusern, Bed and Breakfasts, kleinen Hotels und Campingplätzen ist vielfältig und über die ganze Insel verteilt.

Beste Reisezeit: Badewarme Ostsee, sattgelbe Kornfelder: Die Insel ist ein klassisches Ziel für die Sommermonate. Herbst und Frühling sind die besten Jahreszeiten für Sternengucker und Ornithologen. Herrlich gemütlich geht’s bei klirrender Kälte in einsamen Wintermonaten zu.

Veranstaltung: An jedem ersten Wochenende im September findet in Stege der traditionelle Heringsmarkt statt.

Hinweis: Achtung, es kann Grenzkontrollen geben. Ausweis nicht vergessen.

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