Medellín: Mein persönlicher Top Place 2020

Medellín: Mein persönlicher Top Place 2020

Medellín hat mehr als 2,4 Millionen Einwohner – die meisten sind sehr arm. Umso reicher sind sie an Lebensfreude und Herzlichkeit. Diese Mentalität macht die kolumbianische Stadt für reisereporterin Nadine zum Top Place 2020.

Medellín wächst seit Jahrzehnten, die Hügel um das Stadtzentrum werden immer mehr bebaut.
Medellín wächst seit Jahrzehnten, die Hügel um das Stadtzentrum werden immer mehr bebaut.

Foto: unsplash.com (Montage)

„So, da sind wir“, sagt der Taxifahrer, jedenfalls glaube ich das. Mein Spanisch ist schlecht, es ist Nacht in Medellín. Ich bin gerade aus Deutschland angekommen. So richtig traue ich mich nicht auszusteigen. Weit und breit ist kein Hotel zu sehen. Zu Hause habe ich so getan, als hätte ich keine Angst vor der Kriminalität in dieser berüchtigten Stadt in Kolumbien. Aber jetzt, wo ich wirklich da bin, habe ich doch welche.

Der Taxifahrer steigt aus, fragt sich durch. Mein Hotel liegt ein bisschen weiter weg, als es auf meiner App angezeigt wurde. Bis er mir das erklärt hat, sind wir da. Er blickt in den Rückspiegel, zeigt auf mich und lacht: „Muy gringa!“ Gringos werden hier Amerikaner genannt. Europäer nicht. Aber den Unterschied werde ich erst in ein paar Wochen kennen.

Im Tal von Aburrá liegt Medellín – auf einer Höhe von etwa 1.600 Metern und umgeben von grünen Bergen.
Im Tal von Aburrá liegt Medellín – auf einer Höhe von etwa 1.600 Metern und umgeben von grünen Bergen. Foto: Nadine Wolter

Eigentlich ist Medellín in den Abendstunden am schönsten, auch das merke ich erst ein paar Tage später, als wir auf dem Balkon von Freunden „Aquardiente“, wörtlich übersetzt „Feuerwasser“, trinken. Medellín wächst seit Jahrzehnten. Die Hügel, die das Stadtzentrum umgeben, wurden immer mehr bebaut.

Nachts glitzern und flimmern deswegen Tausende Lichter auf ihnen und sehen schöner aus als jede Skyline. Für Menschen, die gern beeindruckende Architektur betrachten, ist Medellín allerdings nichts. Auch für Menschen, die gern gemütlich bei gedämpfter Musik einen Kaffee und ein gutes Buch genießen, ist Medellín nicht der richtige Ort.

Medellín bei Nacht.
In den Abendstunden glitzern und flimmern die bebauten Berge Medellíns und sehen schöner aus als jede Skyline. Foto: Nadine Wolter

Kolumbianische Gemütlichkeit beginnt irgendwo bei 100 Dezibel und ist nach obenhin offen. Medellín ist meist laut und hektisch, in manchen Vierteln gefährlich und dabei immerhin ehrlich. Die Angst, in Medellín ausgeraubt zu werden, verliere ich trotzdem schnell.

Meine Nachbarn erinnern mich gelegentlich daran, etwas vorsichtiger zu sein. Als ich an einem Sonntagmorgen nach dem Obstkauf nach Hause laufe, ruft eine Frau hinter mir her. „Mi hija“, sagt sie, „meine Tochter, halt dein Geld nicht so offen in der Hand, sonst nimmt es dir jemand weg.“

   

Medellín: Der Top Place 2020 in Bildern

Medellín: Wer Spektakel mag, ist hier richtig

Richtig in der Stadt ist derjenige, der das Spektakel mag. Medellín macht Spaß. Hier kann man herrlich Menschen beobachten, Dramen sehen, feiern, wandern, noch schnell mit einem Paraglidingschirm über die Hügel der Stadt fliegen und beim Essen danach knalllaute Reggaeton- oder Salsarythmen auf sich niederprasseln lassen, dass man die Stille in deutschen Restaurants fast vermisst.

Ein Mann trägt einen Pferdekopf über die Straße.
In Medellín ist richtig, wer das Spektakel mag – die Stadt macht Spaß. Hier kann man herrlich Menschen beobachten, Dramen sehen und feiern. Foto: Nadine Wolter

Auch in den Clubs in Laureles, einem der wohlhabenderen Viertel der Stadt – das allerdings noch nicht derart auf Touristen eingestellt ist wie das Reichenviertel El Poblado – liebt man den großen Auftritt. Als um Mitternacht ein neuer Tag beginnt, springt ein Moderator auf die Bühne, um allen Geburtstagskindern im Club – mit Namen, Alter und Applaus für jeden – zu gratulieren.

Armenviertel Comuna 13 ist inzwischen Touristen-Hotspot

Mein Viertel, Laureles, ist ein Viertel für Besserverdienende. Eine andere Seite der Stadt lerne ich auf den Berghängen des Armenviertels Comuna 13 kennen, das mittlerweile ein Touristen-Hotspot geworden ist. Daran hatte neben den von der Regierung im Viertel installierten Rolltreppen für die Anwohner vor allem der Künstler Chota_13 aus der Comuna einen großen Anteil.

Das Armenviertel Comuna 13.
Das Armenviertel Comuna 13 ist inzwischen zu einem Touristen-Hotspot geworden. Überall im Viertel findet sich bunte Street-Art wieder. Foto: Nadine Wolter

Er bemalte die Wände mit Graffiti. Immer mehr Kunstwerke kamen dazu. „Ich male Elefanten, weil sie das beste Gedächtnis haben“, erzählt der 28-Jährige. „Unser Viertel wird genau wie ein Elefant nie die Gewalt vergessen, die es erlebt hat.“ Bis Anfang der 1990er-Jahre dominierte das Medellín-Kartell die Comuna. Danach kämpften Paramilitärs, Drogenkartelle und Guerillamilizen um die Vorherrschaft.

Im Jahr 2002 ließ der damalige Präsident Uribe das Militär einsetzen, die Comuna wurde zum Kriegsgebiet. Heute finden hier Festivals statt. Touristen lassen sich vor wandgroßen Kolibris, Gesichtern und Elefanten fotografieren und essen Kokosnusseis aus Plastikbechern.

Medellín: Innovativste Stadt der Welt?

2012 wurde Medellín vom „Wall Street Journal“ zur innovativsten Stadt der Welt gekürt. Und Teile der Stadt, die ich kennengelernt habe, sprechen dafür: Sie besitzt die einzige Metro des Landes, ist der modischste Ort Kolumbiens, und die Stadtverwaltung hat in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass Teile der Armenviertel auf den Berghängen durch Seilbahnen und Rolltreppen mit der Stadt verbunden worden sind.

Die Leute aus den Vierteln kommen jetzt viel schneller und einfacher in die Stadt, viele haben deswegen neue Jobs gefunden. Doch der vermeintliche Fortschritt kommt nicht überall an. Medellín ist voller Gegensätze.

Die Seilbahn über Medellín.
2012 wurde Medellín zur innovativsten Stadt der Welt gekürt – ein Grund dafür war die Seilbahn, die die abgelegenen Viertel auf den Berghängen mit der Stadt verbindet. Foto: pixabay / Quinn Kampschroer

Während in El Poblado Touristen und wohlhabende Kolumbianer in Rooftop-Bars mit Pools am Ende des Abends so viel zahlen, wie ein durchschnittlicher Kolumbianer im Monat verdient, schlafen ein paar Straßen weiter Menschen auf der Straße und sammeln auf Holzkarren für ein paar Cent Müll.

Medellín ist daher für mich nicht die innovativste Stadt der Welt, aber eine der spannendsten und lebendigsten. Man muss sie lieben. Für ihre Vielseitigkeit, die Resilienz ihrer Einwohner und die Zukunft, die vor ihr liegen könnte.

Die Sykline von Medellín.
Medellín ist wahrscheinlich nicht die innovativste Stadt der Welt, aber für reisereporterin Nadine ist sie eine der spannendsten und lebendigsten. Foto: pixabay / USA-Reiseblogger

Hier treffen Musik, Gewalt, Moderne, Leid, Tanz und vorsichtige Zuversicht aufeinander und bilden einen Sehnsuchtsort für eintönigkeitsermüdete europäische Seelen, der von dicht bewachsenen, wunderschön grünen Berghängen umschlossen ist.

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