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London auf den Spuren der Magna Charta

Wo die Bürgerrechte begründet wurden: Ein Streifzug auf den Spuren der Magna Charta durch London – zusammen mit Autorin Rebecca Gablé, deren Historienroman „Teufelskrone“ am Freitag erscheint.

Stationen eines Romans: Autorin Rebecca Gablé besucht die Figur König Johns in der Temple Church.
Stationen eines Romans: Autorin Rebecca Gablé besucht die Figur König Johns in der Temple Church.

Foto: Olivier Favre

Diese Schätze lassen das Herz eines jeden bibliophilen Besuchers höherschlagen: hier die erste Shakespeare-Gesamtausgabe „First Folio“, dort eine Gutenberg-Bibel, hier die staatstheoretische Abhandlung „Leviathan“ von Thomas Hobbes, dort das Tagebuch der jungen Jane Austen, hier eine Mönchschrift aus dem zwölften Jahrhundert über das Ungeheuer von Loch Ness, dort handgeschriebene Songtexte der Beatles.

Treasures Gallery der British Library ist eine wahre Schatztruhe

Ihren Platz haben all diese Kostbarkeiten in der Treasures Gallery der British Library in London. Ein Dokument neben dem anderen wird im heruntergekühlten Halbdunkel der Dauerausstellung hinter Plexiglas präsentiert. Welchen dieser kulturellen Schätze sollte man auch eigens herausheben?

In der British Library befindet sich die Treasures Gallery, wo die Magna Charta in einem eigenen Raum dem Publikum präsentiert wird.
In der British Library befindet sich die Treasures Gallery, wo die Magna Charta in einem eigenen Raum dem Publikum präsentiert wird. Foto: Olivier Favre

Und doch: Einem der „berühmtesten Dokumente in der Welt“, wie es auf der Informationstafel heißt, ist ein eigener Raum gewidmet. Studieren lässt sich ein lateinischer Text in feingliedriger Schrift, unten dran baumelt ein handtellergroßes Siegel: Zu bewundern ist die Magna Charta, jener Gesetzestext, der vom englischen König John 1215 nur unter Zähneknirschen akzeptiert wurde und der heute als Geburtsstunde von Bürgerrechten, Demokratie und Freiheit betrachtet wird.

63 Paragrafen umfasst der Vertrag, dessen Titel in ganzer Schönheit „Magna Carta Libertatum“ (deutsch: „große Urkunde der Freiheiten“) heißt. Ein echtes Sammelsurium ist das: Die Rechte der Kirche werden garantiert, Steuerzahlungen an die Krone gedeckelt oder auch Kaufleute vor willkürlichen Zöllen geschützt. „Keine Witwe soll gezwungen werden, sich zu verheiraten, solange sie es vorzieht, ohne Mann zu leben“, heißt es hier.

Der wohl wichtigste Artikel trägt die Ziffer 39: „Kein freier Mann soll verhaftet, gefangen gesetzt, seiner Güter beraubt, geächtet, verbannt oder sonst angegriffen werden; noch werden wir ihm anders etwas zufügen, oder ihn ins Gefängnis werfen lassen, als durch das gesetzliche Urteil von seinesgleichen oder durch das Landesgesetz.“

Die Magna Charta gilt als Grundlage für Bürgerrechte, Demokratie und Freiheit. Sie ist in London in der Treasures Gallery des British Library zu sehen.
Die Magna Charta gilt als Grundlage für Bürgerrechte, Demokratie und Freiheit. Sie ist in London in der Treasures Gallery des British Library zu sehen. Foto: British Library


Nach diesem Artikel durfte sich nicht einmal die Krone über das Gesetz erheben. Auch ein König von Gottes Gnaden musste nun seinen Untertanen Rechtssicherheit gewährleisten – jedenfalls dem Adel und der Kirche. An die Leibeigenen dachte hier niemand.

Kein Wunder, dass König John – auch bekannt als König Johann Ohneland – wenig „amused“ war und wenig später den Vertrag wieder zerreißen wollte. Der kleine Bruder und Nachfolger des viel gerühmten Richard Löwenherz hatte sich einige Klopfer geleistet: John hatte die nordfranzösischen Besitztümer verloren, sein Volk bis aufs Blut ausgepresst und Papst Innozenz III. so sehr gegen sich aufgebracht, dass dieser über Jahre den Kirchenbann über England verhängt hatte.

Zehn Jahre später sollte Johns Sohn Heinrich III. die leicht abgewandelte Magna Charta noch einmal bestätigen. Auch dieses Schriftstück liegt in dem kleinen Raum in der Treasures Gallery aus.

Magna Charta ist Meilenstein der Menschheitsgeschichte

Vor der Vitrine hat sich eine Schriftstellerin postiert, die sich schier nicht sattsehen kann an den beiden Dokumenten. Einen „Meilenstein der Menschheitsgeschichte auf Pergament“ nennt Rebecca Gablé die Magna Charta. „So viele Dokumente sind hier in der Bibliothek zu sehen“, sagt die Verfasserin von erfolgreichen Historienromanen, „aber kein anderes löst so viel Ehrfurcht aus wie dieses. Ganze Schulklassen defilieren hier andächtig vorbei.“

So viele Dokumente sind hier in der Bibliothek zu sehen, aber kein anderes löst so viel Ehrfurcht aus wie dieses.

Rebecca Gablé, Autorin, über die Magna Charta


Mit der Magna Charta verbinden Gablé zwei Jahre Arbeit: Ihr neuer Historienroman „Die Teufelskrone“ erreicht seinen Höhepunkt in den Geschehnissen rund um den 15. Juli 1215.

In dem Buch verfolgt sie die unseligen Geschicke König Johns aus der Perspektive einer Familie, die Lesern ihrer Bücher bestens vertraut ist: Bereits zum sechsten Mal ist es ein Waringham, der sich im Kreis der Mächtigen bewegt. Der fiktive Ritter Yvain Waringham steht als oberster Stallmeister in Diensten von König John und muss sich mit dessen Jähzorn herumschlagen.

Der britische Adel war zu Johns Zeiten tief zerrissen. Das lässt sich in der Temple Church nahe der Fleet Street nachvollziehen: In der einstigen Kirche des Templer-Ordens verhandelte König John mit den Baronen. Eine kleine Ausstellung erzählt heute davon.

In der Temple Church findet sich aber auch eine plastische Abbildung vom toten William Marshal, 1. Earl of Pembroke, gepriesen als der beste Ritter seiner Zeit. 500 Turniere soll er als junger Mann gewonnen haben. Neben ihm ist eine Figur seines gleichnamigen Sohns zu entdecken.

Die beiden liegen heute Seite an Seite. Zu Lebzeiten standen sie sich gegenüber: Während der Vater in unverbrüchlicher Treue dem verhassten König John diente, wechselte sein Sohn über zur Adelsopposition. „Diese Einträchtigkeit hier in der Kirche hätten die beiden wohl kaum gutgeheißen“, sagt Gablé.

Die Themse fließt durch Magna Charta County

Man kann auch den Ort besuchen, an dem König John am 15. Juli 1215 zu Kreuze kroch. Auf halbem Weg Richtung Windsor Castle mäandert die hier noch liebliche Themse durch grüne Landschaften. „Magna Carta County“ steht auf einem Schild am Straßenrand.

Der König tauchte in Runnymede mit kleinem Gefolge auf. Die Barone kamen mit einer bis an die Zähne bewaffneten Armee. Sicher war sicher.

Ein friedliches Plätzchen für so viel kriegerische Geschichte: Quer über eine gerade abgemähte Wiese spazieren die Besucher. Sie folgen einem von Eichen gesäumten Pfad und treffen auf ein unscheinbares Denkmal in Form eines kleinen Tempels.

Runnymede gilt als Geburtsort der modernen Demokratie.
Runnymede gilt als Geburtsort der modernen Demokratie. Foto: Olivier Favre


Ermüdete Besucher liegen im Schatten der Bäume, Familien picknicken, Kinder spielen Cricket. Hier gab sich 2015 auch Queen Elizabeth die Ehre und feierte den 800-jährigen Geburtstag der Magna Charta.

„Es kribbelt mir schon ein wenig in den Füßen“, sagt Gablé. „Mein gesamtes historisches Personal hatte sich hier an einem einzigen Tag versammelt, und mittendrin saß der griesgrämige John auf seinem Pferd.“

Memorial unterstreicht die Bedeutung der Magna Charta

Einen Pfeilschuss entfernt steht ein weiteres Memorial, das die Bedeutung der Magna Charta unterstreicht. In den mächtigen Gedenkstein ist ein Satz John F. Kennedys graviert: „Wir werden jeden Preis zahlen, jede Last schultern, jede Mühsal auf uns nehmen, jeden Freund unterstützen und jedem Widersacher entgegentreten, um den Fortbestand und das Gelingen der Freiheit zu gewährleisten.“

Nahe der Themse unterzeichnete König John im Jahr 1215 die Magna Charta. Hier steht heute auch ein Gedenkstein, der die Bedeutung der Magna Charta für die Amerikaner verdeutlicht
Nahe der Themse unterzeichnete König John im Jahr 1215 die Magna Charta. Hier steht heute auch ein Gedenkstein, der die Bedeutung der Magna Charta für die Amerikaner verdeutlicht Foto: Olivier Favre


Amerikaner wissen, was sie an der Magna Charta haben: Die Revolutionäre, die sich 1776 vom britischen König lossagten, beriefen sich auf die verbrieften Freiheitsrechte.

Schloss Windsor steht nicht weit entfernt

Und wer schon mal in Runnymede ist, kann auch gleich noch die paar Meilen bis Schloss Windsor fahren, dem Wochenenddomizil der Queen. Hier erlebt und durchleidet der fiktive Ritter Yvain Waringham im Roman so manches Abenteuer, und hierhin zog sich auch König John vor der Besiegelung der Magna Charta zurück.

Von Runnymede ist es nicht weit bis nach Schloss Windsor. Die Ursprünge des Schlosses liegen in der Zeit von Wilhelm dem Eroberer.
Von Runnymede ist es nicht weit bis nach Schloss Windsor. Die Ursprünge des Schlosses liegen in der Zeit von Wilhelm dem Eroberer. Foto: Olivier Favre

Garantiert ließ er sich auch eine Badewanne in die heute so prächtigen renovierten Räume von Windsor stellen. Nach den Aufzeichnungen seines Schatzmeisters gönnte er sich alle zwei Wochen ein heißes Bad.

„Wenigstens in dieser Hinsicht gilt John als Rekordhalter unter den englischen Königen des Mittelalters“, sagt Gablé, die in ihrem genauso unterhaltsamen wie lehrreichen Roman versucht, den König nicht nur als Schurken darzustellen. Mancher Chronist war da weniger kompromissbereit: „So abscheulich die Hölle auch sei, wird sie doch besudelt durch Johns noch abscheulichere Gegenwart“, schrieb einer nach dessen Tod.

Müsste König John heute in Windsor nächtigen, würde ihn wohl der ein oder andere gefürchtete Tobsuchtsanfall ereilen: Alle paar Minuten dröhnt eine Maschine vom nahen Flughafen Heathrow knapp über dem Schloss hinweg. Bei so viel Ruhestörung hätte John vor Wut garantiert den ein oder anderen unschuldigen Ritter ins Verlies geworfen. Das war schließlich eines seiner Lieblingshobbys.

Tipps für deine Reise nach London

Anreise: Direktflüge nach Heathrow gibt es von verschiedenen deutschen Flughäfen aus etwa mit British Airways oder Eurowings. Mit der Piccadilly Line dauert es weniger als eine Stunde in die Innenstadt. Wer es eilig hat, nimmt den Heathrow Express. Tickets kosten um die 25 Euro und sind online buchbar.

Flüge sind auch zu den Londoner Flughäfen Stansted, Luton, Gatwick oder City möglich. Der Eurostar-Zug fährt außerdem ab Paris oder Brüssel. Von Calais oder Dünkirchen können Reisende mit der Fähre über den Ärmelkanal nach Dover schippern.

Einreise: Für EU-Bürger reicht ein gültiger Personalausweis, um in die britische Hauptstadt einzureisen.

Beste Reisezeit: London ist ganzjährig ein lohnendes Ziel. Im Sommer ist es meist weniger heiß als auf dem Kontinent.

British Library: Die Nationalbibliothek des Vereinigten Königreichs (96 Euston Road) ist am bequemsten über die U-Bahn-Stationen Euston, King’s Cross und St. Pancras zu erreichen. Die Bibliothek verfügt über einen Gesamtbestand von 170 Millionen Werken. Die Bücherregale sollen eine Gesamtlänge von weit mehr als 600 Kilometern haben. Der Eintritt zur Dauerausstellung „Treasures of the British Library“ ist kostenlos.

Temple Church: Ursprünglich waren die Tempelritter die Hausherren der Temple Church, doch deren Orden wurde Anfang des 14. Jahrhunderts aufgelöst. Das baulich der Grabeskirche in Jerusalem nachempfundene Gebäude wird bis heute für Gottesdienste genutzt. Eine Weile stürmten die Touristen die zwischen Themse und Fleet Street gelegene Sehenswürdigkeit: Dan Brown hatte sie zu einer Station seiner Schnitzeljagd im Thriller „Sakrileg“ gemacht. Heute geht es hier wieder ruhiger zu.

Windsor Castle: Kaum irgendwo fühlt man sich der Queen und ihrer Familie näher als in diesem Schloss. Entsprechend lang sind die Schlangen der Besucher, die Zugang zu den königlichen Gemächern begehren. Empfehlenswert ist eine Onlinevorabbuchung (Preis: knapp 25 Euro). Anreise: Zum Beispiel ab Paddington Station mit dem Zug nach Windsor, Fahrtzeit etwa 30 Minuten.

Lektüre: „Teufelskrone“ (28 Euro, Bastei Lübbe) ist der sechste Band von Rebecca Gablés Waringham-Saga. Wer tiefere Einblicke in die Historie haben möchte, dem sei Gablés gezielt schnoddriges Sachbuch „Von Ratlosen und Löwenherzen. Eine kurzweilige, aber nützliche Geschichte des englischen Mittelalters“ (19,95 Euro, Bastei Lübbe) empfohlen.

Tipp: Für britische Steckdosen ist ein Reise-Adapter notwendig. In England werden Steckdosen des Typs G verwendet (in Deutschland ist es Typ F). Die Netzspannung liegt wie bei uns auch bei 230 Volt.

   

Die Reise wurde unterstützt vom Bastei-Lübbe-Verlag. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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