Schifffahrt auf dem Göta-Kanal: Entschleunigung auf Schwedisch

Entschleunigung pur: Schiffsreise auf dem Göta-Kanal

Zwei Seen, ein Kanal, 58 Schleusen: Eine Reise vom Westen in den Osten Schwedens mit der „MS Juno“ ist ein entspannendes Erlebnis. reisereporterin Petra war für uns an Bord des Schiffes.

Idyll pur: Auf dem Göta-Kanal bei Lyrestad morgens um 5 Uhr.
Idyll pur: Auf dem Göta-Kanal bei Lyrestad morgens um 5 Uhr.

Foto: Petra Rückerl

Was ist die Steigerung von sanft dahingleiten? Eine Fahrt mit der „MS Juno“. Die Schiffsreise beginnt in Göteborg. Das innere Ziel: Entspannung. Das örtliche Ziel: Stockholm. Der Weg führt über Seen, ziemlich viele Schleusen und den Göta-Kanal, die Strecke wird mit höchstens neun Knoten bewältigt.

1874 wurde die „MS Juno“ gebaut, 2003 wurde die Schiffsseniorin überholt. Ihr entzückend betagtes Flair hat sie behalten dürfen, seit 2004 steht sie sogar unter Denkmalschutz. Deshalb gibt es weder geräumige Kabinen mit eigener Dusche, WC und Fernsehgerät noch eine Tanzbar oder allabendliche Musiksessions.

Freundlicher Empfang: Auf dem Oberdeck gibt es zur Begrüßung Champagner und Obst. Der „Tisch“ ist übrigens der Deckel über dem Waschbecken.
Freundlicher Empfang: Auf dem Oberdeck gibt es zur Begrüßung Champagner und Obst. Der „Tisch“ ist übrigens der Deckel über dem Waschbecken. Foto: Petra Rückerl


„Wir wollen gar kein großes Schiff mit modernem Design, hier passt einfach alles“, sagt Charlotte Basting, die mit Ehemann Thomas an Bord ist.

Er würde niemals auf ein großes Schiff mit Hunderten Kabinen gehen, auch nicht, wenn sie größer seien, ist sich der Mediziner aus Dieburg bei Frankfurt am Main sicher. „Natürlich sind die Kabinen klein und für zwei Personen durchaus sportlich“, meint die 64-Jährige. „Aber das haben wir gewusst, und diese Reise ist einfach wunderschön.“

Video: Reise auf dem Göta-Kanal mit viel Natur

In den 29 Kabinen hält man sich ohnehin nur zum Schlafen auf, Ablenkung gibt es tagsüber reichlich, in drei Worten zusammengefasst: Natur. Natur. Natur. Dichte Wälder, die direkt am Kanal beginnen, sehr grüne Hügel, Granitfelsen, an denen Kletterer ihre Freude haben könnten, Weideland mit träge kauenden Rindern und Pferden, minimalistisch raue und stark bewachsene Schären, Inseln mit kleinen, roten Hütten und gelben Herrenhäusern mit weißen Veranden.

Von der Stadt Göteborg aus wird es schnell ländlich, nach knapp sechs Stunden schippert die „MS Juno“ auf den größten See Schwedens, den Vänersee, passiert das Schloss Läckö und fährt dann endlich in den von 1810 bis 1832 erbauten Göta-Kanal.

Schloss Läckö steht auf der Insel Kallandsö im Vänersee, dem größten See Schwedens.
Schloss Läckö steht auf der Insel Kallandsö im Vänersee, dem größten See Schwedens. Foto: Visit Sweden


Die teilweise extrem engen Passagen sind von Weiden, Bäumen und Fahrradwegen gesäumt, bei Forsvik an der ältesten Schleuse und einer genauso alten Eisenbahnbrücke aus dem Jahr 1813 stehen Mitglieder der religiösen Sekte Kindbom und empfangen die Kanalfahrer mit christlicher deutscher Gitarrenmusik und Blumen – und freuen sich über die selbst gebackenen Muffins aus der „MS Juno“-Küche.

In Töreboda passiert die „MS Juno“ die Schleuse an einer besonders engen Stelle des Göta-Kanals.
In Töreboda passiert die „MS Juno“ die Schleuse an einer besonders engen Stelle des Göta-Kanals. Foto: Petra Rückerl


Irgendwann gleitet das Schiff in den zweitgrößten schwedischen See, den Vättersee. Der ist nicht ohne. „Dieser See ist die größte Herausforderung“, sagt Kapitän Albert Hakansson, der nicht so wirkt, als würde er irgendwelchen Herausforderungen aus dem Wege gehen.

Dieser See ist die größte Herausforderung.

Albert Hakansson, Kapitän, über den Vättersee


Seit seinem 15. Lebensjahr ist der 71-Jährige auf See, fünf Jahre lebte er in der Karibik. Mit dem Wind und den Wellen hier kennt er sich eigentlich aus. „Man sieht erst, wie stark die Wellen sind, wenn man hier ankommt“, verrät er.

Und auch, dass es schon mal vorkam, dass die Passagiere mit dem Bus von Karlsborg nach Motola gebracht werden mussten und er mit seiner Mannschaft das Schiff lieber allein durch den unberechenbaren See steuerte – die Sicherheit der Gäste geht eben vor. Aber so viel Aufregung gibt es bei dieser Fahrt heute nicht.

Kapitän Albert Hakansson bringt nichts aus der Ruhe.
Kapitän Albert Hakansson bringt nichts aus der Ruhe. Foto: Petra Rückerl


Während des viertägigen Trips erleben die Passagiere auch die jahrhundertealte und immer noch fantastisch funktionierende Schleusentreppentechnik – immer wieder verbunden mit schwedisch-dörflichem Bullerbü-Charme.

An Bord genießen sie aber auch die ganz besondere Stimmung, die entsteht, wenn sich Menschen ohne mediale Einflüsse auf sich besinnen. Etwa, weil sie Rücksicht nehmen müssen und wollen (beim Duschen- und Toilettenteilen), weil sie vertrauen können (obwohl oder gerade weil die Kabinentüren einfach den ganzen Tag – und bei manchen auch nachts – offen stehen).

Und weil plötzlich wieder ganz einfache Grundregeln wichtig sind – etwa Rücksichtnahme bei den in drei Sprachen (Schwedisch, Englisch, Deutsch) abgehaltenen Infoveranstaltungen und Ehrlichkeit bei der Eintragung in verschiedene Listen (etwa die mit den verzehrten alkoholischen Getränken zu Lunch und Dinner, die extra kosten). Mittag- und Abendessen werden von einem Gong eingeläutet.

Ob man dazwischen auf dem Sonnendeck seinen Korbsessel Richtung Natur stellt und stundenlang in die vorbeiziehende Gegend schaut oder ein bis drei gute Bücher liest oder mit den Mitreisenden aus Australien, China, der Schweiz und Deutschland plaudert, ist jedem selbst überlassen.

Blumig: In Töreboda steigen die Gäste gern aus und gehen ein Stück an Lupinenfeldern vorbei – bis zur nächsten Schleuse.
Blumig: In Töreboda steigen die Gäste gern aus und gehen ein Stück an Lupinenfeldern vorbei – bis zur nächsten Schleuse. Foto: Petra Rückerl

Bei Ausflügen erkunden die Passagiere die Gegend

Es gibt den einen oder anderen Ausflug, um sich einmal wieder die Füße zu vertreten: ins nahe gelegene Kloster Vreta mit seinen verwunschenen Gärten, zur Festung Karlsborg mit besonderen Filmvorführungen oder auf die ehemalige Wikingerinsel Birka. Aber niemand drängt dazu, von der Entspannungspause zu pausieren.

Programm an Bord? Gibt’s nicht, die Schleusenfahrten sind Aufregung genug. Überbordende Büfetts? Gibt es hier auch nicht. An Bord wird das Mittagessen – zum Beispiel die fünf Köttbullar in Rahmsoße mit Kartoffelpüree, Preiselbeeren und eingelegter Gurke, danach herrlichste Mandelgebäckcreme mit Hagebuttengelee – am Tisch serviert.

Den Mund wischt man sich mit gestärkten Leinenservietten ab, und ist der Esslöffel Butter zum Smörrebröd alle, wird eben neue geordert. Aber Verschwendung wird auf einem Schiff mit solch übersichtlichen Platzverhältnissen nicht geduldet.

Es sei denn, es geht um verschwenderisch viel Entschleunigung und Entspannung.

Tipps für deine Reise nach Schweden

Anreise: Flüge nach Göteborg gibt es etwa ab Hamburg, Frankfurt am Main, Bremen und Hannover ab 90 Euro. Alternativ bucht man eine Bahnfahrt nach Kiel und fährt von dort innerhalb von 14 Stunden mit der Fähre nach Göteborg. Tickets gibt es ab 100 Euro.

Die Reise: Die klassische Kanalfahrt (vier Tage, drei Nächte an Bord) von Göteborg nach Stockholm (oder umgekehrt) mit der „MS Juno“ ist ab 1465 Euro pro Person buchbar. Darin inkludiert sind die Vollpension und fünf Ausflüge an Land. Alkoholische und nichtalkoholische Getränke müssen extra bezahlt werden.

Beste Reisezeit: Reisezeit ist von Mai bis September.

      

Die Reise wurde unterstützt von der Rederi AB Göta Kanal. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
Das könnte dich auch interessieren
Zur
Startseite