Ötztaler Urweg: Auf zu den Naturschätzen I www.reisereporter.de

Ötztaler Urweg: Wandern auf der Suche nach Naturschätzen

Mach mal halbhoch: Der Ötztaler Urweg führt auf den meisten Etappen nicht zu Alpengipfeln, sondern eine Stufe tiefer entlang an Flüssen und Seen, über Wiesen und durch Wälder, zu Talorten und Bergdörfern.

Vor Urzeiten hat es gerappelt: Die Ortschaft Niederthai liegt auf einem durch einen Bergsturz entstandenen Hochplateau.
Vor Urzeiten hat es gerappelt: Die Ortschaft Niederthai liegt auf einem durch einen Bergsturz entstandenen Hochplateau.

Foto: Chromorange/imago images

Am Habicher See befindet sich eine Tür im Fels. „Spürt ihr den Hauch?“, fragt Monika Mitterwallner. Wir spüren ihn. „Felsstürze haben hier Spalten gebildet, die sich tief in den Untergrund ziehen. Durch sie strömt kühle Luft nach oben“, erklärt unsere Wanderführerin.

Die Menschen in früheren Zeiten, die noch ganz ohne Strom und Kühlschrank auskommen mussten, haben den speziellen Ort auf praktische Weise genutzt – als Eiskeller zum Lagern von Lebensmitteln von alters her bis in die Sechzigerjahre hinein. Daher die Tür, die sich immer noch öffnen lässt.

Ötztaler Urweg hat zwölf Etappen

Wir sind auf dem Ötztaler Urweg in Tirol unterwegs, der im Jahr 2018 als rund 180 Kilometer langer Weitwanderweg mit zwölf Etappen aus der Taufe gehoben wurde. „Es gibt auf ganzer Länge einzigartige Naturjuwelen. Wir haben sie verbunden“, sagt Melanie Scheiber von Ötztal Tourismus.

Der Urweg ist eine Alternative zur Gipfelstürmerei, die im Ötztal mit seinen vielen Dreitausendern natürlich möglich ist, auch auf einigen Etappen dieser Wanderung.

Der Ötztaler Urweg bietet Panoramen auf halber Höhe – hier zum Beispiel in der Nähe des Ortes Brand.
Der Ötztaler Urweg bietet Panoramen auf halber Höhe – hier zum Beispiel in der Nähe des Ortes Brand. Foto: Bernd Haase


Für Monika Mitterwallner ist Weitwandern ohne Höhenmetersammeln die ursprünglichste Art des Reisens. „Man kann in sich gehen, man entschleunigt und schärft die Sinne für das, was die Natur bietet“, sagt sie.

Weil wir als Stadtmenschen in dieser Hinsicht noch Nachhilfe brauchen, wird Mitterwallner im weiteren Verlauf der Tour das Schärfen unserer Sinne immer wieder übernehmen – mit Hinweisen, Erzählungen und manchmal schlicht mit einem Wink.

Man kann in sich gehen, man entschleunigt und schärft die Sinne für das, was die Natur bietet.

Monika Mitterwallner, Wanderführerin


Besiedelt ist das Ötztal seit mehr als 5.000 Jahren. Der Urweg trägt seinen Namen, weil seine Pfade über Jahrtausende die Dörfer, Weiler und Gehöfte miteinander verbanden. „Oben war es zu unwirtlich, im Talboden zu gefährlich“, sagt Melanie Scheiber. Es drohten Felsabbrüche und Hochwasser.

Wir bekommen eine Ahnung davon, wie das war, als wir hinter dem Habichen zum ersten Mal die Ötztaler Ache überqueren; der Fluss wird uns als blaues Band auf dem weiteren Weg begleiten. Es hat im Mai noch einmal heftig geschneit, dann brachten südliche Winde und intensive Sonneneinstrahlung im Ötztal die höchsten Temperaturen seit Menschengedenken und in Folge eine massive Schmelze.

Wegen dieser Konstellation schäumt die Ötztaler Ache Anfang Juli immer noch. „Wir hatten zwischenzeitlich Angst, dass sie Wiesen flutet und Holzbrücken wegreißt“, berichtet Mitterwallner. Weder das eine noch das andere ist letztlich passiert.

Über das Ramoljoch führt der Weg hinab ins Bergsteigerdorf Vent.
Über das Ramoljoch führt der Weg hinab ins Bergsteigerdorf Vent. Foto: Bernd Haase

Hinter Habichen geht es durch den Wald

Hinter Habichen führt der Weg zunächst bergan durch den Wald. Das wissen wir an diesem brüllheißen Tag durchaus zu schätzen. Wir hätten den vielen Fichtenzapfen nicht weitere Beachtung geschenkt, wäre da nicht unsere Wanderführerin. Jetzt wissen wir, wer an ihnen geknabbert hat. „Spechte zerfransen sie, Eichhörnchen lassen oben einen Schuppenkranz stehen, Mäuse nagen alles ab“, erzählt Mitterwallner.

Eins fehlt noch, aber nicht lange: Etwas später finden wir einen Zapfen, dessen Schuppen längs aufgetrennt sind. Das war der Fichtenkreuzschnabel, ein selten gewordener Vogel, der sich so den Weg zu den Samen frei schneidet.

Einkehren lohnt sich: Das Waldcafé Stuböbele steht oberhalb des Ötziparks auf dem Weg zum Stuibenfall. Von hier dauert es nur noch 15 Minuten.
Einkehren lohnt sich: Das Waldcafé Stuböbele steht oberhalb des Ötziparks auf dem Weg zum Stuibenfall. Von hier dauert es nur noch 15 Minuten. Foto: Bernd Haase


Einige von uns haben geglaubt, man könne den Urweg in einer Art gemütlichem Spaziergang bewältigen. Das stellt sich allerdings als Irrtum heraus. Das Ötztal ist eines der steilsten Seitentäler der Alpen, und das macht sich auch auf halber Höhe bemerkbar. Es geht auf und ab, am Ende kommen allein auf dieser Etappe mehr als 1.250 Höhenmeter zusammen.

An besonders steilen Hängen tragen Fichten und Zirben ein Knie, einen Hinweis, den wir natürlich auch wieder Monika Mitterwallner zu verdanken haben. „Sie bilden eine Wulst kurz über dem Wurzelwerk aus. Dadurch stabilisieren sie sich am Hang“, erklärt sie.

Wir brauchen wegen der Hitze unterwegs reichlich Wasser, aber die Gefahr des Verdurstens besteht nicht. Die vielen Bergbäche liefern zuverlässig. Frisch abgefüllt schmeckt es uns besser als jedes Erzeugnis aus dem Supermarkt.

Über die Zwischenstation Stuibenwasserfall erreichen wir dann unser Etappenziel Niederthai. Vorher hat uns der Blick vom natürlichen Aussichtsplateau an der für Hochzeiten beliebten Kapelle Maria Schnee Niederthais Entstehungsgeschichte verdeutlicht.

„Auf der anderen Talseite hat sich vor rund 10.000 Jahren bei Köfels einer der drei größten bekannten Bergstürze der Menschheitsgeschichte ereignet“, sagt Melanie Scheiber.

Nur für Schwindelfreie zu empfehlen: Die Aussichtsplattform ganz oben über dem Stuibenfall.
Nur für Schwindelfreie zu empfehlen: Die Aussichtsplattform ganz oben über dem Stuibenfall. Foto: Bernd Haase


Abermillionen Tonnen Gesteinsmassen donnerten mit einer derartigen Wucht zu Tal, dass sie sich auf der gegenüberliegenden Seite mehr als 1.000 Meter hoch wieder nach oben geschoben haben.

So entstand das Hochplateau von Niederthai auf 1.550 Metern Höhe. Felsabbrüche haben das Ötztal zu fünf unterschiedlichen Talstufen geformt, jede entspricht einer Klimazone mit eigener Flora und Fauna. 

Niederthai ist heute ein stilles Örtchen, wenn man das so sagen und als Kompliment meinen darf. Nicht, dass es hier keine Touristen gäbe. Allein schon der Besuch bei Hotelier Peter Falkner lohnt sich, weil der in Sachen Speck und Schinken, Käse, Schnaps und Wein auf regionale Spezialitäten setzt und in seiner Verkaufs- und Probierstube wunderbar und gestenreich erklären kann, warum er das tut. An diesem Abend beschäftigt Falkner allerdings noch etwas anderes.

Herz-Jesu-Tag erinnert an Freiheitskampf

Es ist die Nacht vor dem Herz-Jesu-Tag, an dem im Jahr 1796 Signalfeuer auf den Gipfeln entflammt wurden, um Freiwillige für den von Andreas Hofer geführten Tiroler Freiheitskampf gegen Napoleon zu rekrutieren. Im Gedenken daran entzünden die jungen Dörfler im Ötztal immer in der Herz-Jesu-Nacht Feuer, die mit getränkten Petroleumlappen in Dosen arrangiert werden und christliche Symbole wie Kreuz oder Herz zeigen. Falkners Sohn ist dieses Mal dabei. „Die müssen heute Nacht noch heile wieder runterkommen“, sagt Falkner und schaut durch ein Teleskop auf den Hang.

Niederthai kennt das Wort Lichtverschmutzung nicht. Als es dunkel wird, funkeln erst die Sterne und dann rings um das Hochplateau immer mehr Feuer an den Hängen über uns. Wir liegen mit einer Flasche Wein auf der Wiese, schauen zu und sind entgegen unseren sonstigen Gewohnheiten ziemlich still. Was wir sehen, sagt mehr als tausend Worte.

Es ist spät geworden in Niederthai, deshalb brauchen wir am nächsten Tag ein wenig Zeit, um richtig in Tritt zu kommen. Es geht zur Jausenstation Wiesle, die wir auslassen, und dann bergan durch dichten Wald. Als der sich öffnet, sind wir auf der Lichtung der Hemerachalm. Sie ist nicht mehr bewirtschaftet, bietet aber mit ihren verstreuten Hütten und Stadeln einen Ort für eine Pause mit Bergwiesenromantik.

Für den Rest der Etappe führt uns der Weg bergab nach Längenfeld. Monika Mitterwallner, die auch eine Art wandelndes Botaniklexikon ist, zeigt uns die Pflanzen am Wegesrand. Ihre Namen vergessen wir bald wieder – bis auf den wilden Baldrian, den wir kurz vor Längenfeld entdecken. „Pflückt ihn nicht, er wird auch immer seltener“, sagt sie. Der Klimawandel macht auch der Flora in den Alpen zu schaffen.

In Längenfeld locken heiße Quellen

Als hätte das Ötztal nicht schon genug Wasser von oben, liegen unter Längenfeld in fast 1.900 Metern Tiefe heiße Quellen. Deshalb haben sie hier die Sauna-, Thermen- und Wasserwelt Aqua Dome gebaut – ohne falsche Bescheidenheit, was Ausmaße und Angebot angeht. Wir schieben eine Runde Wellness in allen Facetten ein, setzen uns im Bademantel auf die Terrasse unserer Zimmer und genießen das Ötztaler Gipfelpanorama.

Das Ramolhaus ist eine Pausen- und Jausenstation auf der hochalpinen Etappe des Ötztaler Urwegs.
Das Ramolhaus ist eine Pausen- und Jausenstation auf der hochalpinen Etappe des Ötztaler Urwegs. Foto: Bernd Haase

Wir könnten jetzt tiefer im Tal hoch hinaus – etwa von Sölden aus nach Obergurgl und dann über das Ramolhaus und das Ramoljoch auf knapp 3.200 Metern Höhe ins Bergsteigerdorf Vent. Wir könnten aber vorher die Talseite wechseln und dort zurück wandern Richtung Habichen und Taleingang. Mal sehen – alles kann, nichts muss. Bisher sind wir auf halber Höhe jedenfalls gut zurechtgekommen.

Tipps für deine Reise nach Ötztal

Anreise: Mit dem Auto über München und weiter auf der Inntalautobahn über Innsbruck bis zur Abfahrt Ötztal. Die Piste ist oft komplett überlastet, deshalb sperren die Tiroler umliegende Ortschaften für Durchgangsverkehr im Sommer. Besser also mit dem Zug ebenfalls über München und Innsbruck zum Bahnhof Ötztal reisen. Von dort erschließen Busse das Tal. Nächstgelegene Flughäfen sind München und Innsbruck.

Beste Reisezeit: Je nach Schneelage Mitte Mai bis Mitte Oktober.

Der Urweg: Der Ötztaler Urweg hat eine Gesamtstrecke von 182 Kilometern, ist aber auch individuell abkürzbar. Weil er in zwölf Etappen aufgeteilt ist, zeigt die Ausschilderung eine rote Zwölf in rotem Rahmen auf weißem Grund. Die Weitwanderung verläuft im leichten bis mittleren Schwierigkeitsgrad, aber Ausdauer und Trittfestigkeit für die hochalpine Etappe am Talschluss muss man schon mitbringen.

Weitere Informationen: Ötztal Tourismus, Gemeindestraße 4, 6450 Sölden, Österreich, Telefon: (00 43) 57 20 02 00, E-Mail: info@oetztal.com.

   

Die Reise wurde unterstützt von Ötztal Tourismus. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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