Survival Training: 24 Stunden in der Wildnis überleben

Survival Training: 24 Stunden in der Wildnis überleben

Feuer machen, Unterschlupf bauen, Essen finden: Ex-Soldat Torbjörn Selin bietet Survival-Trainings an. Die reisereporterinnen Ann-Christin Schneider und Katharina Ahlers lernten in Småland die wichtigsten Tricks.

Ann-Christin Schneider
Ex-Soldat Torbjörn Selin erklärt, die man das Holz am besten schnitzt.
Ex-Soldat Torbjörn Selin erklärt, die man das Holz am besten schnitzt.

Foto: Schneider

Die letzten Regentropfen prasseln noch in einem beruhigenden Rhythmus auf den Unterstand, das Feuer knistert, die Vögel zwitschern. Ansonsten herrscht eine angenehme Ruhe im Wald in der südschwedischen Provinz Kronoberg in Småland.

Obwohl die Luft frisch ist, sitzt Torbjörn Selin im T-Shirt in seinem Lager an einem der unzähligen Seen der Region. „Die Nässe wird das Survival-Training interessanter machen“, erklärt der 46-Jährige seinen Schützlingen. Uns. Wir werden 24 Stunden mit ihm zusammen in der Wildnis verbringen.

Überleben in Schwedens Natur – ein Training

Die Natur ist sein Zuhause: Torbjörn ist ausgebildeter Survival-Trainer, hat Soldaten der schwedischen Armee für Notsituationen ausgebildet und rüstet nun Zivilisten mit dem nötigen Wissen über die Natur aus. Seit knapp 20 Jahren haben mehr als 2.000 Menschen von ihm gelernt, wie man mehrere Tage abseits der Zivilisation zurechtkommt.

Biegsamere Gewächse, wie die Birke, kann man zum Bauen eines Unterstands verwenden.
Biegsamere Gewächse, wie die Birke, kann man zum Bauen eines Unterstands verwenden. Foto: Ahlers

„Schon im Kindesalter habe ich mich sehr für das Thema interessiert und meine Grenzen ausgetestet“, sagt der ehemalige Soldat, der sich 2011 mit seiner Firma „All in nature“ selbstständig gemacht hat. „Ich würde mich aber nicht als Experten bezeichnen. Denn die Natur bietet immer neue Überraschungen.“

Trotzdem kann Torbjörn Outdoor-Fans einige Ratschläge geben, die zum Überleben in der Natur unerlässlich sind. Am wichtigsten sind Wasser und Wärme. Und eins wird schnell klar: Um für Feuerholz, Unterstand und Essen vor Einbruch der Dunkelheit zu sorgen, braucht man viel Kraft und Zeit.

Holz ist nicht gleich Holz – und um das richtige Material zum Entzünden im Wald zu finden, muss man vor allem auf ein ganz bestimmtes Sinnesorgan vertrauen: seine Zunge. „Holz, das sich gut zum Feuermachen eignet, erkennt man daran, dass wenn man die Borke ein Stück abschneidet und an dieser Stelle leckt, das Holz sofort warm ist“, verrät Torbjörn.

Auch ein klarer Ton, wenn man auf das Holz klopft oder wenn es sich leicht brechen lässt, sind gute Indizien. Vor allem Fichte sei leicht entflammbar, rät der Überlebens-Profi. „Aber auch andere Hölzer sind wichtig, denn biegsamere Gewächse, wie die Birke, kann man zum Bauen eines Unterstands verwenden.“

Das Messer ist draußen dein bester Freund.

Torbjörn Selin, Survival-Trainer

Der Schwede hat einen geeigneten Baum im Gebüsch gefunden. Mit einem routinierten Griff biegt er den dünnen Stamm in Richtung Boden, greift sein Messer, das er an seinem Gürtel bei sich trägt, und schneidet schräge Kerben in das Holz, so dass es schließlich bricht.

„Das Messer ist draußen dein bester Freund. Es kommt auf die Technik an, um Kräfte zu sparen“, erklärt er. „Wichtig ist jedoch immer, das Messer vom Körper wegzubewegen, damit man sich nicht verletzt.“

reisereporterin Katharina verwendet ein Stück Holz als Hammer – Hilfe gibt's von Kursteilnehmer Martin Wild.
reisereporterin Katharina verwendet ein Stück Holz als Hammer – Hilfe gibt's von Kursteilnehmer Martin Wild. Foto: Schneider

Dickere Äste eignen sich zum Beispiel als eine Art Hammer. „Wenn man das Messer in das Holz einritzt und dann mit einem anderen Stück Holz auf die Klinge schlägt, überträgt sich die Kraft und der Stamm lässt sich leichter spalten. Wer also mit einem Messer richtig umgehen kann, braucht keine Axt“, erklärt er.

Schweden: Überall übernachten, dank des Jedermanns-Rechtes

Anschließend entfernt Tjörborn die kleineren Äste und bringt den Baum ins Lager. „Man muss die Natur respektieren“, sagt der Survival-Trainer. „Niemals sollte man einfach eine Pflanze verletzen – außer es ist wirklich zwingend erforderlich.“

In Schweden gilt das Jedermanns-Recht. Heißt: Jeder darf – abgesehen von Privatgrundstücken – überall übernachten. Das bedeutet aber nicht, dass maßgeblich in die Natur eingegriffen werden darf. Am besten ist es deshalb, bereits abgebrochenes Holz zu verwenden. Alles andere ist nur in Notsituationen oder bei zertifizierten Überlebenstrainings erlaubt.

Feuer machen bei Regen – nur, wenn das Holz trocken ist

Feuer machen bei Regen – das geht! Feuer machen mit nassem Holz aber nicht. Neben trockenem Holz braucht es zum Feuermachen einen Anzünder. „Dafür eignet sich besonders gut Birkenrinde“, sagt Torbjörn Selin. Damit diese gut zündet, sollte sie in der Jacken- oder Hosentasche getrocknet werden. „Natürlich können aber auch Sachen genutzt werden, die man in einem Rucksack bei sich hat. Papier oder Tampons sind zum Feuermachen ideal.“

Um keinen Waldbrand auszulösen, ist die richtige Vorbereitung der Feuerstelle unerlässlich. Dafür befreit der Survival-Trainer ein Stück Boden möglichst von allem brennbaren Material wie Gras oder Moos, sichert sich zudem mit Steinen ab, die er auf der Stelle verteilt.

Mit größeren Brocken baut er einen Rahmen drum herum, diese dienen gleichzeitig als Windschutz. Dann wird die Birkenrinde aufgefranst und auf ein kleineres Stück Holz gelegt. Der Profi greift dann wieder zum Messer und zieht es mit einem kraftvollen Zug im 45-Grad-Winkel über einen Feuerstein. Die Funken schlagen aus, bis sie schließlich die Borke in Brand setzen.

„Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das Feuer am Brennen zu halten“, erklärt der Schwede. „Wenn das Holz luftig, kreuz und quer gestapelt wird, kommt viel Sauerstoff an die Flammen und das Feuer ist groß und wärmespendend, brennt aber auch schnell ab und verbraucht damit viele Rohstoffe. Soll es eher langsam und kontinuierlich Wärme abgeben, müssen die Scheite parallel und eng zueinander angeordnet werden – somit verschafft man sich ein paar Stunden Zeit.“

Zudem kann nasses Holz nah an die Feuerstelle gelegt werden, damit es trocknet und später verwendet werden kann.

Wichtig: Nachts das Feuer beobachten

Unerlässlich bleibt es trotzdem, dass jemand über Nacht das Feuer im Blick behält, dass keine Funken auf Gras, Schlafsäcke oder Ähnliches übergreifen. Wenn dafür das Feuer in einem Unterschlupf aufgebaut wird, sollte daran gedacht werden, einen Spalt für den Rauchabzug auszulassen.

Alles selbst zusammengesucht: Essen in der Natur Schwedens.
Alles selbst zusammengesucht: Essen in der Natur Schwedens. Foto: Ahlers

Um es wirklich eine ganze Nacht lang warm zu haben, braucht es allerdings viel Feuerholz. Beim Blick auf den gesammelten Stapel schüttelt unser Trainer den Kopf: „Wir brauchen ungefähr zehn Mal so viel“, sagt er und lacht.

Ernährung: „Auch den Blättern Aufmerksamkeit schenken“

Das Feuer spendet aber nicht nur die überlebenswichtige Wärme, sondern kann natürlich auch zum Kochen verwendet werden. Dafür gilt laut Torbjörn Selin: „Am wichtigsten ist es, sauberes Wasser zu haben. Um das Wasser aus einem See oder Fluss von Bakterien und Viren zu befreien, muss man es kochen.“ Unter anderem lässt sich so aus Tannennadeln ein Tee kochen, der sehr an den Geschmack von Kräutertee erinnert.

Pilze und Beeren gehören selbstverständlich zur Speisekarte des Waldes. Aber es lohnt auch, den Blick auf andere Dinge zu richten. „Viele achten nur auf die Früchte, dabei muss man auch den Blättern Aufmerksamkeit schenken“, betont der Survival-Trainer. Maatkraut, Spitzwegerich, Schafgarbe und Sauerklee sind nur einige Beispiele. Diese liefern aber auf Dauer nicht genügend Energie. Um nicht zu verhungern, muss irgendwann auch gefischt oder gejagt werden.

Pilze gehören selbstverständlich zur Speisekarte des Waldes.
Pilze gehören selbstverständlich zur Speisekarte des Waldes. Foto: Schneider

Die Pflanzen haben teilweise auch noch einen anderen Nutzen: „Viele sind Medizin“, erklärt der Profi. „Maatkraut wirkt zum Beispiel wie Aspirin, wenn man es isst, gekaute Schafgarbe und Spitzwegerich auf der Wunde stoppen hingegen Blutungen.“ Auch die eigene Spucke wirkt bei Verletzungen. „Nicht umsonst lecken Tiere ihre Wunden.“

Orientierung: „Nicht nur auf ein Zeichen der Natur achten“

Am Lager warten oder selbst Hilfe suchen: Je nach Notsituation muss genau abgewogen werden, was die richtige Entscheidung ist. „Wenn man Zugang zu Wasser und allen anderen Ressourcen hat, ist es teilweise sinnvoller zu warten“, sagt Torbjörn Selin. Sollte man aber alles verbraucht haben, ist es besser, aktiv zu werden. „Das Wichtigste ist, nicht im Kreis zu laufen – was schnell passiert – denn dann steigt das Frustpotenzial. Wer immer in eine Richtung läuft, findet schnell die nächste Stadt.“

Als Orientierungspunkte dienen die Sterne und die Sonne. Dafür braucht man eine Armbanduhr: Richtet man den Stundenzeiger auf die Sonne aus, liegt Süden bei 12 Uhr. Aber auch die Bäume können Hilfe leisten. Moos und Blätter wachsen bevorzugt an der Seite, die gen Süden zeigt. „Man sollte sich aber nicht nur auf ein Zeichen der Natur verlassen, weil andere Faktoren auch Einfluss haben“, betont der ehemalige Soldat.

Er hat zum Schluss aber noch einen wichtigen Tipp: „Egal für wie lange man plant unterwegs zu sein – und sei es nur zum Pilzesammeln – sollte man immer jemandem Bescheid geben, wo man ist und wann man zurück sein möchte, dass im Notfall schnell Hilfe geschickt werden kann.“

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