Tramprennen 2019: Um die Wette trampen für den guten Zweck

Irre Reise: Um die Wette trampen für den guten Zweck

Quer durch Europa – per Anhalter! In dieses Abenteuer stürzen sich rund 100 Menschen beim Tramprennen. Dieses Jahr geht’s nach Rumänien. Neben Kampfgeist und Charity zählt dabei: Offen sein für Neues.

Daumen raus und Schild hoch – doppelt hält besser. Ab zur nächsten Landesgrenze!
Daumen raus und Schild hoch – doppelt hält besser. Ab zur nächsten Landesgrenze!

Foto: Tramprennen/The Club of Roam – Autostop! e.V.

Mit einem Schild in der Hand wartet Felix Kösters auf einer Raststätte auf die nächste Mitfahrgelegenheit. Im Gepäck: vielleicht viel Knoblauch. Denn für ihn geht es in diesem Jahr per Anhalter in Draculas Heimat, Transsylvanien – im Wettstreit mit rund 100 anderen Trampern.

Auch in diesem Jahr hat sich eine verrückte Truppe zusammengefunden, die am zwölften „Tramprennen“ nach Rumänien teilnimmt. Felix ist nicht nur Teilnehmer, sondern gehört zum Veranstalterteam und erklärt dem reisereporter, welcher tiefsinnige Gedanke hinter der irrwitzigen Idee steckt – und warum das Trampen in die kleinsten Orte mitten in der Pampa immer besonders ist.

„Tramprennen 2019“ nach Rumänien: Das sind die Regeln

Die Regeln sind einfach: In Zweierteams wird von zwei Standorten in Deutschland in Richtung Rumänien getrampt. In diesem Jahr fällt am 16. August in Bad Grönebach im Allgäu (Bayern) und in Görlitz in der Lausitz (Sachsen) der Startschuss.

Auf maximal vier Routen müssen die Wettbewerber es schaffen, bis zum 31. August das transsylvanische Dorf Bonțida in Siebenbürgen per Anhalter zu erreichen. Je nach Startpunkt führt die Strecke durch Österreich, Tschechien, Polen, die Slowakei, Ungarn und sogar teilweise durch die Ukraine. Dieses Video stimmt dich vorab ein:

Am Autofenster zieht dann unter anderem das Bergmassiv der Hohen Tatra an den Augen der Tramper vorbei. Wohl eines der Highlights des diesjährigen Rennens.

Aber: „Es gibt viele schöne Orte, die keiner kennt, und die werden so schnell übersehen! Das Trampen lässt einen die Reiseroute überdenken und führt in weniger touristische Ecken“, sagt Felix.

Unterteilt sind die Routen in sechs Etappen, jeweils zwischen 200 und 400 Kilometer lang. Je nach Schnelligkeit erhalten die Teams Punkte.

Trampen: Authentische Begegnungen statt Massentourismus

Für Felix zählt allerdings eine ganz andere Belohnung: „Es sind die Begegnungen, Begegnungen anderer Art.“ Er selbst wählt für Reisen innerhalb Europas immer die eher unkonventionelle Mitfahrgelegenheit.

Trampen und schlechtes Image? „Gar nicht!“, sagt er. Das anfängliche Misstrauen verwandle sich innerhalb kurzer Zeit in überschwängliche Gastfreundschaft. Der unmaskierte und nicht vom Massentourismus beeinflusste Kontakt zu anderen Kulturen ist der Treibstoff.

   

Impressionen vom Tramprennen

Beim Tramprennen gehen die Teilnehmer auf Tuchfühlung mit den Einheimischen, denn die Übernachtung vor Ort müssen sie selbst organisieren. Das kann auf eigene Kosten ein Hotel, Hostel oder eine Ferienwohnung sein. Deutlich prägender sind jedoch die Abende, die in den vier Wänden von Locals verbracht werden.

Aus völlig fremden Menschen wird plötzlich Familie. Beim gemeinsamen Essen interessante und ungeschönte Diskussionen in der Runde führen – eben wie zu Hause, sagt Felix. Wer nicht stecken bleibt, sollte nach zwei Wochen am Ziel Bonțida  ankommen – Preisgelder oder Pokale gibt es jedoch nicht. Die Motivation ist eine andere.

Die Motivation: Warum trampen und Spenden sammeln sich nicht beißen

Felix ist ehrenamtlich beim The Club of Roam – Autostop! e.V. dabei, der das Rennen in diesem Jahr zum zwölften Mal ehrenamtlich organisiert.

Geboren wurde die Idee 2008, als Freiwillige bei der NGO Viva con Agua für die damalige Expo möglichst klimaschonend zum Veranstaltungsort Saragossa in Spanien kommen wollten. Die Wasserinitiative, deren Logo du wahrscheinlich von Getränkeflaschen kennst, gab es zu diesem Zeitpunkt erst seit zwei Jahren.

Die Gruppe entschied sichs fürs Trampen um die Wette – der Rest ist Geschichte. Gesammelt werden seither auf dem „Tramprennen“ aber nicht nur Reiseerfahrungen: Die Teams können von Sponsoren mit Spenden unterstützt werden. Der Betrag kann frei gewählt werden, gesteuert wird das über die Plattform betterplace.org. 

Die Spenden sind immer projektbezogen, seit dem Jahr 2015 werden Vereine unterstützt, die sich mit Flucht und Migration beschäftigen. 2016 kamen 12.000 Euro zusammen. In diesem Jahr geht der Spendentopf an die „Sea-Watch 3“. Für Felix eine Herzenssache, da für ihn das Freedom of Movement, darunter auch die Reisefreiheit, ein „unglaubliches Privileg“ ist.

Aber auch vor Ort werden die Tramper manches Mal aktiv: Bei einem vergangenen Rennen durch Südserbien an der Grenze zum Kosovo wurde kurzerhand Farbe gekauft, um einen Sportplatz in einem recht abgeschiedenen Ort auf Vordermann zu bringen. Das Resultat: ein Fußballturnier.

Das erste Mal per Anhalter fahren: Tipps vom Profi

Trampen, Charity und politisches Statement gehen für ihn Hand in Hand. Grenzen überwinden – körperlich und mental. Selbst für den alten Hasen Felix bleibt das bis heute herausfordernd. Bei seinem ersten Mal kostete ihn das Bitten um einen freien Autoplatz extreme Überwindung.

Sein Rat an alle Tramper: „Den Mut nicht verlieren! Und sich selbst immer wieder sagen: ‚Du kommst hier weg!‘“ Angekommen sind bisher alle Teilnehmer beim Tramprennen – auf Nachzügler wird in der Regel gewartet, im Notfall darf aber auch auf andere Verkehrsmittel umgestiegen werden.

Abgebrochen haben einige der Ehemaligen teilweise aus gesundheitlichen oder familiären Gründen, anderen wurde es zu stressig. Aus Erfahrung würde Felix deshalb die Teilnahme auch nicht Neueinsteigern empfehlen. Für diese hat er dennoch einige wichtige goldenen Regeln:

  1. Beim ersten Mal nicht allein trampen.
  2. Vermeide Dunkelheit.
  3. Hör auf dein Bauchgefühl: Nur einsteigen, wenn du dich wohlfühlst, und im Zweifelsfall ablehnen.
  4. Plane genügend Zeit ein und kenne die Entfernungen.
  5. Genug Essen und Trinken einpacken.
  6. No-Go: Unter Drogen- oder Alkoholeinfluss trampen.

Goldene Regeln fürs Trampen: Sicher als Frau?

Und als Frau? Kein Unterschied, meint Felix. „Nicht in eine Opferrolle begeben“, das gilt wohl für jeden. 

Grundsätzlich solltest du dir immer einen geeigneten Spot raussuchen, am besten vorab im Internet, an dem der nachfolgende Verkehr nicht aufgehalten wird. Bushaltestellen und breite Randstreifen gehen gut – Felix stellt sich am liebsten bei Raststätten hin und spricht dort die Menschen in aller Ruhe an.

Weitere Tipps und Tricks gibt es auf einschlägigen Portalen wie Hitchwiki oder Wikivoyage. Eine wichtige Frage bleibt dann noch offen: Daumen raus oder Schild? „Das ist eine Glaubensfrage in der Community. Aber ich beschrifte immer ein Schild, wegen der Orientierung für die Fahrer.“

Falls du beim Rennen mitmachen willst: Die offizielle Anmeldefrist endet zwar am 31. Juli, ganz so eng sehen das die Jungs vom Verein allerdings nicht. Freie Plätze gibt es noch immer. Alles, was du brauchst, ist ein Tramper-Buddy – und eine große Portion Abenteuerlust. 

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