Grado in Italien: Auf dieser Mini-Insel kannst du übernachten

Adria: Auf dieser Mini-Insel in Italien kannst du schlafen

Die Lagune von Grado in Italien ist ein Ensemble aus kleinen Inseln, schmalen Kanälen und weiten Sandbänken. Es gibt rund 100 Inseln in der Lagune – auf einer von ihnen hat reisereporterin Jasmin eingecheckt.

Die Lagune von Grado: Auf einer der unzähligen Inseln legt reisereporterin Jasmin mit dem Taxiboot an.
Die Lagune von Grado: Auf einer der unzähligen Inseln legt reisereporterin Jasmin mit dem Taxiboot an.

Foto: Jasmin Kreulitsch

Die bunten Häuser im Hafen ziehen in Zeitlupe vorbei. Das Boot tuckert so langsam über das Wasser, dass die Bilder rechts und links des Kanals kleine Alltagsmomente ergeben. Fischer entwirren laut rufend ihre Netze, drei grauhaarige Männer sitzen Karten spielend in der Sonne, Touristen spazieren am Wasser in Richtung Meer.

Dann geht ein Ruck durch das Boot. Mirko tritt aufs Gas, als der schmale Kanal in die Weite der Lagune übergeht. Wasser spritzt auf und hinterlässt kleine salzige Spritzer auf unseren Gesichtern. Als das Boot den Hafen hinter sich lässt, strahlt Mirko und deutet um sich: „Laguna di Grado!“

Mit dem Local im Taxiboot zur Laguna di Grado

Mirko ist Taxifahrer. Allerdings fährt er nicht mit dem Auto, sondern mit dem Boot. Sein Arbeitsplatz könnte schöner nicht sein: Jeden Tag fährt er mit seinem Taxiboot in die Laguna di Grado. Anstatt sich über andere Autofahrer oder volle Autobahnen zu ärgern, steuert er entspannt die Wasserstraßen in der Lagune an und winkt regelmäßig nach links und rechts.

Für eine Nacht das Gefühl bekommen, eine eigene Insel zu besitzen.
Für eine Nacht das Gefühl bekommen, eine eigene Insel zu besitzen. Foto: Jasmin Kreulitsch

Mirko kennt sie alle, die Lagunenbewohner genauso wie die Fischer in ihren Booten. Wie im Schlaf steuert er sein Boot. Der Weg durch die Wasserstraßen wird markiert von Pfählen, die „briccole“ genannt werden und auf denen fast immer Möwen sitzen.

Inselparadies von Grado: Lange vor Venedig ein beliebtes Urlaubsziel

Die Lagune von Grado ist ein einzigartiges Ensemble aus Kanälen, Inseln, Sümpfen, Wasserflächen und Sandbänken zwischen Land und Meer. Insgesamt ist sie 7.000 Hektar groß und erstreckt sich von der Mündung des Flusses Isonzo im Osten bis zum Anfora-Kanal im Westen.

Grado selbst ist das Zentrum, der sonnige Mittelpunkt, der Fixstern, um den sich die Lagune schmiegt. Im Norden Italiens an der oberen Adria gelegen, ist Grado selbst eine Insel, die damals wie heute die Menschen anzieht. Denn Grado wurde lange vor Venedig entdeckt und war schon früh ein beliebter Badeort an der „österreichischen Riviera“, wie die Region zur Zeit Österreich-Ungarns gern genannt wurde.

Vom italienischen Festland gibt es nur einen Weg, der nach Grado führt: über eine Straße, die auf einem Damm liegt und die Weite der Laguna di Grado erstmals offenbart. Es ist auch jene Straße, die die Lagune in einen kleineren östlichen Teil, den Palù de sora, und in einen größeren westlichen Teil, den Palù de soto, teilt.

Der Hafen von Grado.
Der Hafen von Grado.

Insgesamt gibt es rund hundert kleine Inseln in der Lagune. Die Gradeser nennen sie aber nicht Inseln, sondern „mota“. Früher war die Lagune dicht besiedelt, die Einwohner Grados teilten sich auf die Inseln und die Lagune auf. Heute leben die meisten in Grado, die Inseln gibt es aber noch immer, nur sind die meisten unbewohnt oder werden nur teilweise von ihren Besitzern genutzt.

Auf vielen der Inseln stehen kleine Fischerhäuschen, die alle eines gemeinsam haben: ein pyramidenförmiges Strohdach. Die sogenannten „casoni“ sind typisch für die Lagune und wurden früher aus allem gebaut, was man in der Lagune fand: Schilfrohr, Holzpfähle, Weidenruten und Stroh. 

Die Geschichte der italienischen Insel in der Lagune von Grado

Mirko steuert den Westen der Lagune an. Dort liegt eine Insel, die eine besonders spannende Geschichte erzählt: Die „mota“ Anfora diente zur Römerzeit als Zwischenstopp und Warenlager auf dem Weg nach Aquileia. Daher entstand auch der Name: Auf der „Insel der Amphoren“ wurden ebendiese gelagert.

Später war Anfora eine typische Fischerinsel, war aber vor allem wegen der besonderen Lage bekannt. Im äußersten Westen der Lagune befand sich genau hier der Grenzposten im Krieg zwischen Österreich und Italien. Später, als die Österreicher in Grado das Sagen hatten, wurde der Insel eine besondere Ehre zuteil.

Maria Theresia entschied, dass genau hier eine Grundschule errichten werden sollte – für die Kinder der Laguneninseln, die fortan täglich hier anlegten, um zu lernen. Mirko winkt und deutet nach vorn, wo erneut eine „mota“ auftaucht. „Ai ciodi!“, ruft er, „ai ciodi!“ Er legt an – und das Insel-Abenteuer beginnt.

Früher Klassenzimmer – heute das einzige Hotel auf der Insel

Denn dort, wo einst die Klassenzimmer der Inselkinder standen, befindet sich heute ein kleines Hotel – das einzige Hotel in der Lagune von Grado. Die ehemaligen Räume der Grundschule verwandelten sich in die Zimmer des „Albergo ai Ciodi“ und geben Besuchern die einmalige Chance, auf einer Mini-Insel in der Lagune zu übernachten.

Insgesamt gibt es nur sechs Zimmer, die direkt am Wasser liegen. Das Besondere: Es wissen nicht viele, dass es diese Zimmer gibt. Zwar ist die Insel Anfora bekannt, allerdings nicht wegen des Hotels, sondern wegen des Restaurants. Die „Trattoria ai Ciodi“ ist ein beliebtes Ziel für Urlauber und Gradeser.

Kulinarische Highlights auf der Lagunen-Insel

Mauro Tognon und seine Söhne Piero und Cristiano betreiben das Restaurant und kochen fast nur das, was sie zuvor in der Lagune fischen. Rund 70 Prozent aller Gerichte, die hier auf den Tisch kommen, stammen aus den umliegenden Gewässern. Die Lagune ist sehr salzhaltig, was den Fischen einen besonders intensiven Geschmack verleiht.

Fangfrisch wird der Fisch hier serviert.
Fangfrisch wird der Fisch hier serviert. Foto: Jasmin Kreulitsch

Das lockt die Leute an: Am Nachmittag ist das Restaurant immer voll. Es kommen nicht nur Gäste mit dem Personenschiff „Nuova Cristina“ von Grado, auch Besucher mit eigenen Booten ankern vor der Insel und genießen die Einsamkeit und Urigkeit der Insel.

Zumindest bis 19 Uhr. Dann scheint ein Ruck durch die Insel zu gehen – und die Stimmung verändert sich. Denn pünktlich um 19 Uhr legt die „Nuova Cristina“ zum letzten Mal am Tag in Richtung Grado ab und nimmt auch die meisten Mitarbeiter mit. 

Die Zeit im Insel-Idyll der Laguna di Grado vergessen

Jetzt zeigt die „mota“ Anfora ihr authentisches Gesicht. Es ist still, nur das Plätschern des Wassers der Lagune und das Kreischen der Möwen ist noch zu hören. Bleibt man über Nacht, gehört die Insel einem nun völlig allein. Rund um die Insel führt ein schmaler Damm, den man entlanggehen kann, um die „mota“ von allen Seiten kennenzulernen.

Es dauert gerade mal eine Viertelstunde, bis man die Insel umrundet hat. Doch wenn sich der Sonnenuntergang ankündigt, sollte man sich Zeit nehmen und noch eine Runde drehen: entschleunigt, langsam, in Zeitlupe.

Die Farben des Himmels changieren und spiegeln sich in den Pfützen.
Die Farben des Himmels changieren und spiegeln sich in den Pfützen. Foto: Jasmin Kreulitsch

Der Himmel taucht die „mota“ und die Lagune nun in alle Nuancen aus Rot, Pink, Orange und Lila, die man sich vorstellen kann. Ein buntes Kaleidoskop an Farben, das einen sanft umhüllt. Und über allem liegt Stille und die Weite des Wassers, die diese ganz persönliche Robinsonade zu einem einzigartigen Insel-Abenteuer macht.

Um 6 Uhr morgens erhebt sich die Sonne sanft über der Lagune. In die Stille mischt sich Vogelgezwitscher, in der Ferne gewinnen im Morgendunst kleine Boote langsam scharfe Konturen. Im Restaurant ist es still.

Malerisch: Schwäne schweben über die Lagune von Grado.
Malerisch: Schwäne schweben über die Lagune von Grado. Foto: Jasmin Kreulitsch

Noch liegen die rot-weiß karierten Tischdecken nicht über den Holztischen, nur in der Küche zischt es, als der Espresso auf dem Herd ankündigt, dass er fertig ist. Wer auf der Insel eingecheckt hat, frühstückt nur wenige Meter entfernt vom Wasser, nippt am starken Kaffee, beißt in würzigen Prosciutto und staunt über den Sonnenaufgang, der einem ganz allein zu gehören scheint.

Wie jeden Tag legt die „Nuova Cristina“ um 11.30 Uhr zum ersten Mal an und spuckt einen Schwung Besucher aus. Die Stimmung ändert sich. Stimmengewirr zieht über die Insel, Geschirr klappert und ein betörender Geruch nach Olivenöl, Knoblauch und frischem Fisch weht über die gedeckten Tische.

Den Tag mit einem starken Espresso starten – italienisches Lebensgefühl pur.
Den Tag mit einem starken Espresso starten – italienisches Lebensgefühl pur. Foto: Jasmin Kreulitsch

Wenig später legt Mirko mit seinem Taxiboot an und grinst wissend, wenn man mit einem beseelten Lächeln das schaukelnde Gefährt betritt. Er kennt dieses Gefühl, wenn man sich in diese einzigartige Welt zwischen Land und Meer verliebt.

Verstehend tritt er aufs Gas und lässt die „mota“ Anfora hinter sich. Wasser spritzt auf und verwischt in einem kurzen Augenblick die Sicht auf die Insel. Doch die Erinnerung ans Insel-Abenteuer bleibt.

Kurz und knapp: Die Mini-Insel in Italien im Überblick

Anreise: Eurowings fliegt seit Juni und noch bis Ende Oktober 2019 jeden Donnerstag und Sonntag von Köln nach Triest, von wo man nur etwa 30 Minuten nach Grado braucht. Die Insel Anfora ist nur mit dem Boot zu erreichen. Von Grado fährst du ab dem Hafenbecken entweder mit dem Personenschiff „Nuova Cristina“ (circa 25 Euro pro Person, hin und retour) oder mit dem Taxiboot (+39 339 5329064), das insgesamt circa 120 Euro kostet und bis zu sechs Personen befördern kann.

Hotel: Das Hotel „Albergo ai Ciodi“ hat sechs Zimmer. Eine Übernachtung mit Frühstück kostet 70 Euro pro Person, eine Übernachtung mit Halbpension kommt auf 85 Euro pro Person, die Vollpension gibt es um 100 Euro pro Person. Bleiben Gäste auf der Insel, ist immer ein Mitarbeiter dafür zuständig, dass man alles hat und gut betreut wird.

Restaurant:
Die „Trattoria ai Ciodi“ hat täglich ab 11.30 Uhr geöffnet. Auf der Speisekarte stehen viele Fischgerichte, die fangfrisch auf den Tisch kommen. Wer mit einem Taxi-Boot kommt, sollte nicht zu spät da sein – ab circa 19 Uhr schließt das Restaurant. Hotelgäste bekommen aber jederzeit noch Getränke, die sie mit aufs Zimmer nehmen können.

Extra-Tipp: Vor Ort nach Drago von Grado fragen! Der gebürtige Wiener hat eine österreichische Mutter und einen Gradeser Vater und gehört in dieser Sommersaison zum Team von „Ai Ciodi“. Er weiß nicht nur alles über Grado, sondern kennt sich in der gesamten Region Friaul-Julisch Venetien bestens aus. Wer will, quatscht mit ihm und holt sich Insidertipps – oder bucht ihn für eine Tour (E-Mail: elalexander1@libero.it, Telefon: +43 677 61894884).

Nicht vergessen: Unbedingt Mückenspray mitnehmen! Abends beim Sonnenuntergang und morgens beim Sonnenaufgang stechen die Mücken auf der Insel wie verrückt!

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