Koloniale Klischees: Das sagen Instagram-Bilder über Reisende aus

Koloniale Klischees: Das sagen deine Instagram-Bilder

Süße schwarze Kinder, die tanzen. Niedliche asiatische Kinder auf dem Arm. Lächelnde Menschen im Slum. Und die weißen Retter. Wer Bilder aus Entwicklungsländern postet, bedient oft Klischees. Das ist gefährlich. 

Drei Himba-Frauen tanzen in Namibia – ein von Urlaubern oft fotografiertes Motiv.
Drei Himba-Frauen tanzen in Namibia – ein von Urlaubern oft fotografiertes Motiv.

Foto: imago images/Aurora Photos

Viele Instagrammer, Youtuber, Influencer und Weltenbummler bedienen auch heute noch ungewollt koloniale Klischees – indem sie ein traditionelles, einseitiges Bild des gesamten Kontinents Afrika zeigen. Der Instagram-Account „Barbie Savior“ kritisiert den Auftritt vieler weißer Europäer und Amerikaner in Entwicklungsländern sowie die dahintersteckenden Stereotype – und das auf satirische Art und Weise.

„Es war mein erstes Jahr in diesem Land Afrika. Einige werden sagen, ich habe Gutes getan, aber es gibt noch so viel mehr zu tun und so viele zu retten. Dieses Jahr will ich 153 Millionen Waisenkinder lieben“, schreibt Barbie Savior.

Oder: „Ich war ziemlich beschäftigt zuletzt mit meinem Projekt, Gesundheit und Wellness nach Afrika zu bringen. Fit zu bleiben und Leben zu retten ist gar nicht so einfach.“

Angesprochen werden all die Fallen, in die Touristen gern tappen: wahllos Dinge verschenken, Kinder ungefragt fotografieren, Armut unreflektiert abbilden, Einheimische belehren. Egal ob in Bezug auf Schulsystem, Tier- und Umweltschutz, Verkehr oder Wirtschaft – alles weiß der Urlauber oder Freiwillige besser als die Menschen vor Ort. 

Die Europäer fühlen sich der Kulturmission verpflichtet

Dieses Denken hat seinen Ursprung unter anderem in der Missionierung und dem Kolonialismus, es sind also Relikte aus eigentlich längst vergangenen Tagen: Deutsche und Europäer allgemein fühlten sich kulturell und sozial überlegen, weil sie aus industrialisierten und aufgeklärten Nationen kamen, und sie empfanden es als Auftrag, anderen nicht so privilegierten Ländern zu helfen.

Kulturmission nannte sich das im kolonialen Kontext – und sie wurde als gottgegebener Auftrag zum Wohle der gesamten Menschheit verstanden. Aber sie ist eben vor allem ein Ausdruck der gelebten Überlegenheit der Weißen gegenüber Schwarzen und generell gegenüber Menschen im globalen Süden. Die Entwicklungshilfe entstand in den 60er-Jahren aus dieser Bewegung heraus. 

Bloß kein modernes Bild zeichnen, das verwirrt die Menschen

Auf Instagram und in sozialen Medien verfestigen viele Reisende ungewollt diese Idee, indem sie ein traditionelles, einseitiges Bild eines gesamten Kontinents zeigen: Wilde Tierherden, Slumbewohner, hungernde Menschen, nackte Krieger, korrupte Politiker, Aids – das seien die Themen, die die Leute interessieren, schrieb einst der kenianische Bürgerrechtsaktivist Binyavanga Wainaina in seinem satirischen Aufsatz „How to Write About Africa“.  

Die Satire geht weiter: Bloß kein modernes Bild von Afrika zeichnen – das wolle doch keiner sehen. Und das verwirre die Menschen in Europa mit ihrer eindimensionalen Vorstellung von Afrika nur. 

„Zeigen Sie niemals das Bild eines modernen Afrikaners. Verwenden Sie stattdessen eine Kalaschnikow, hervortretende Rippen, nackte Brüste“, schrieb Wainaina. Dann der ironische Appell: Man solle Afrika als ein Land behandeln, nicht einen Kontinent. Oder: „Betonen Sie, wie tief Musik und Rhythmus in der afrikanischen Seele verwurzelt sind.“

Bilder, die Tradition und Hilfsbedürftigkeit zeigen, dominieren

Ursprünglich war der Aufsatz von Wainaina eine Abrechnung mit europäischen Afrika-Korrespondenten, die das immer gleiche stereotype Bild des Kontinents verbreiten. Heute gilt es auch für Instagrammer, Youtuber, Influencer und Weltenbummler.

Die riesigen Shopping-Malls in Nairobi? Das kreative Lagos? Die Nachhaltigkeitsbestrebungen in Ruanda? All das findet sich in den sozialen Medien kaum. Dafür aber schlecht oder gar nicht gekleidete Kinder, Frauen mit nackten Brüsten, die Essen auf dem offenen Feuer kochen, Männer mit Speeren – und immer wieder Buschtänze. 

Die Vielseitigkeit der afrikanischen Länder wird durch diese Stereotype zerstört: Ägypten hat wenig mit Südafrika hat wenig mit Ghana hat wenig mit Madagaskar hat wenig mit Somalia gemein. Afrika ist der Kontinent mit den meisten Ländern, 54 sind anerkannt, dazu kommen de facto unabhängige Staaten wie Westsahara oder Somaliland. 1,3 Milliarden Menschen leben dort. Und wenig überraschend leben nicht alle halb nackt in Lehmhütten im Busch. 

In vielen Dingen sind uns vermeintliche Entwicklungsländer voraus

Für einige Länder hat diese Homogenisierung negative Folgen: Als beispielsweise 2014 in einigen Ländern Westafrikas Ebola ausbrach, brach der Tourismus in Ostafrika ein – obwohl das Ebola-Gebiet viel näher an Europa, sogar näher an Berlin lag als an Kenia oder Tansania

Mit Fotos, die jeder einzelne aus seinem Urlaub aus ärmeren Ländern in Gegenden wie Subsahara-Afrika oder Südostasien postet, verfestigt sich ein Bild: Das des Not leidenden Kontinents, dem man helfen müsse. Dabei gibt es so viele Dinge, in denen uns einige dieser Länder überlegen sind: In Kenia und Tansania beispielsweise wird seit Jahren häufig bargeldlos – nämlich mit dem Handy – bezahlt.

Deshalb auch der Appell einiger Vorreiter: Zeigt in euren Bildern das moderne und das traditionelle, eben das vielfältige Afrika. Nur dann sind Begegnungen auf Augenhöhe möglich. 

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
Das könnte dich auch interessieren
Zur
Startseite