Locals in Bergen genervt: Touristen pinkeln Weltkulturerbe Bryggen an

Bergen-Locals genervt: Touristen pinkeln Weltkulturerbe an

Sie besuchen das Weltkulturerbe Bryggen in Bergen, pinkeln dagegen und reißen Holzteile heraus, um sie als Andenken mitzunehmen. In der Küstenstadt verschärft sich der Konflikt zwischen Locals und Touristen.

Bryggen in Bergen.
Die historischen Holzhäuser des Hanseviertels Bryggen in Bergen sind Unesco-Weltkulturerbe.

Foto: imago images/photothek/Thomas Trutschel

Vor allem wenn die Kreuzfahrtschiffe und Schiffe von Hurtigruten anlegen, wird es richtig voll in Bergen. Und all die Touristen strömen zu den beiden größten Sehenswürdigkeiten in der Stadt in Norwegens Westen: den bunten Holzhäusern von Bryggen und der Fløibanen, die hinauf auf einen der sieben Berge führt, welche die Stadt umgeben.

1,83 Millionen Menschen kamen 2018 in die 270.000-Einwohner-Stadt, die meisten im Juni und Juli. Allein in den Innenhöfen von Bryggen wurden im Juni 450.000 Besucher gezählt, jene Menschen, die nur an der Fassade entlangschlendern, sind dabei nicht eingerechnet.

Touris brechen Holz aus den bunten Häusern – als Andenken

Für die Stiftung, die für den Erhalt des Unesco-Weltkulturerbes Bryggen einsteht, ist inzwischen ein Punkt erreicht, an dem es so nicht weitergehen kann. Das liege vor allem am rüpelhaften Verhalten so manch eines Gastes, vor allem von Passagieren der 330 Kreuzfahrtschiffe, die jedes Jahr in der zweitgrößten Stadt Norwegens anlegen. 

„Die Leute brechen einfach Teile aus den Holzhäusern heraus, um sie als Andenken mitzunehmen“, klagt Restauratorin Agathe Hoff gegenüber der Zeitung „Dagbladet“. An einigen Stellen sei inzwischen so viel Holz herausgebrochen, dass bald die ersten Gebäude instandgesetzt werden müssen – was für die Stiftung richtig teuer wird.

Auch andere Gegenstände wie Seile oder Schilder werden regelmäßig entwendet. Das ist auch insofern bitter, als dass diese oft zum Schutz für Anwohner und Angstellte dienen, die in den Häusern arbeiten. Aber die Absperrungen interessieren einige Besucher ohnehin nicht.  

Rüpelhafte Touristen urinieren gegen historische Bauwerke

Ein weiteres Problem: Das Holz fault, Pilze wachsen, Landalgen bilden sich. Und das aus einem ekligen Grund: Weil die beiden Toiletten auf dem Hafenareal nicht ausreichen – und weil die Nutzung umgerechnet 1 Euro kostet –, sind einige Touristen als Wildpinkler unterwegs. 

„Die urinieren eigentlich überallhin, wenn sie das Gefühl haben, dass niemand sie sehen kann“, sagt Hoff. Alle Stellen an den alten Holzhäusern und drumherum, die mit einer dünnen Schicht von Landalgen überzogen sind, seien ein Nachweis für Urin. 

Die Stiftung wünscht sich außer strengeren Kontrollen an der Weltkulturerbestätte selbst auch, dass Kreuzfahrtschiffe eine Art Touristensteuer für ihre Passagiere zahlen müssen – um die Mehrausgaben zu decken. 

Busse kutschieren Kreuzfahrt-Touristen durch die Stadt 

Auch andernorts in der Stadt klagen Einheimische über den Massenansturm. Auch hier im Fokus: die Kreuzfahrtschiffe. Drei Schiffe legen in der Hochsaison pro Tag an, das ist eine Obergrenze, die der Stadtrat jüngst beschlossen hat. 

Die Stadt ist dann plötzlich mit Tausenden Menschen gefüllt, die sich ob der knappen Zeit in Bussen durch die Stadt kutschieren lassen. Allein am 6. Juni gingen insgesamt 10.445 in Bergen von Bord – ein neuer Rekord

„Die Schiffe legen an und Busse bringen die Touristen zur Fløibanen, obwohl das nur zehn Minuten zu Fuß sind“, sagt Atle Maurseth, der eine Galerie direkt an der Talstation der Seilbahn betreibt, gegenüber dem „Dagbladet“. Weil alle schnell nach oben wollen, bilden sich lange Schlangen, die zusammen mit den wartenden Bussen die Straßen verstopfen. 

Die Schattenseiten des Overtourism spürt das ganze Land

In den vergangenen Jahren hat Norwegen einen Ansturm an Touristen erlebt – und damit auch die Schattenseiten des Overtourism, die konträr zum norwegischen Verständnis von Kultur und Natur verlaufen. 

Erst kürzlich prangerten Anwohner in Stavanger an, dass Kreuzfahrt-Touristen durch Fensterscheiben in Häuser fotografierten. Naturschützer am Preikestolen zwischen Stavanger und Bergen klagen ebenfalls über die Last der Massen: Ein Naturerlebnis sei die Wanderung nicht mehr, eher eine Zirkusvorstellung

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