Survival-Training fürs Reisen: Überleben in gefährlichen Ländern

Survival-Training für Reisen: Überleben in Risikogebieten

Autodiebstahl, Messerangriff, Bombenexplosion: Wen es im Urlaub in Länder mit einem Sicherheitsrisiko zieht, der sollte gut vorbereitet sein – worauf zu achten ist, das lernen Reisende in Schleswig-Holstein.

Fabian Boerger
Eine Extrem-Situation: Das Fahrzeug wird überfallen und die Täter haben eine Waffe. Mit einem Plastik-Messer spielen Jan Eisfeldt (43) und Dennis Geißler (32) die Situation durch.
Eine Extrem-Situation: Das Fahrzeug wird überfallen und die Täter haben eine Waffe. Mit einem Plastik-Messer spielen Jan Eisfeldt (43) und Dennis Geißler (32) die Situation durch.

Foto: Fabian Boerger

Soweit das Auge reicht: Kieshügel und Schotter- Pisten. Die 30 Grad sind längst geknackt und die heiße Luft flirrt über dem Sand. Die Wüstenkulisse des alten Kieswerks östlich von Trappenkamp in Schleswig-Holstein erinnert an ferne Landstriche in Afrika oder an die arabische Wüste. Und damit ist es der passende Austragungsort für den „Grundkurs Auslandsvorbereitung“.

Das zweitägige Training des Ausbildungszentrum Überlebenstechniken (AZÜ) bereitet Kursteilnehmer für den Urlaub oder die Geschäftsreise in Gebiete mit einem Sicherheitsrisiko vor.

Für gefährliche Situationen sensibilisieren

Ein gutes Beispiel für ein solches Land sei Israel, sagt Jan Eisfeldt. Er ist Gründer des AZÜs und zugleich einer der Ausbilder. Das Land berge trotz seiner schönen Landschaften und kulturellen Angebote ein erhöhtes Gefahrenpotenzial – „ein schöner Urlaubsort mit Risiken“, wie er sagt. „Das Ziel des Kursus ist es, die Teilnehmer für den Aufenthalt in solchen Risikoländern vorzubereiten und sie für gefährliche Situationen zu sensibilisieren.“

Taktisches Fahren steht ebenfalls auf der Liste des Grundkurses Auslandsvorbereitung. Die Teilnehmer lernen, wie sie richtig im Konvoi fahren. Die Bedingungen in der Kiesgrube erinnern an die arabische Wüste oder afrikanische Steppe.
Taktisches Fahren steht ebenfalls auf der Liste des Grundkurses Auslandsvorbereitung. Die Teilnehmer lernen, wie sie richtig im Konvoi fahren. Die Bedingungen in der Kiesgrube erinnern an die arabische Wüste oder afrikanische Steppe. Foto: Fabian Boerger

Autodiebstahl, Messerangriff, Bombenexplosion: Das Survival-Training ist nichts für schwache Nerven. Harte Kost – doch ist es gleichzeitig ein Geheimtipp für Adrenalinjunkies. Denn jede gelernte Technik wird in der Praxis von den Teilnehmern geübt. Nervenkitzel inklusive. Ein Beispiel: der Autodiebstahl.

Etwas abseits der großen Kiesbagger haben die Teilnehmer um ihre Fahrzeuge ein Camp aufgeschlagen. Die Gruppe versammelt sich um den bulligen Gelände-Pick-Up von Eisfeldt. Einer der Teilnehmer, Dennis Geißler, sitzt am Steuer. Der 32-Jährige nimmt an dem Survival- Kurs teil, um für den „Worst Case“ auf Reisen vorbereitet zu sein.

Das Szenario: Das Fahrzeug steht an einer Ampel, die Fahrbahn wird von Fremden blockiert. Mit einem Gummimesser imitiert Ausbilder Eisfeldt einen Überfall. „Wir machen hier kein Kampftraining für Sicherheitspersonal, sondern wir geben Tipps, wie man sich in gewissen Situationen richtig verhält“, verdeutlicht Eisfeldt das Ziel der Übung.

Mit ruppigem Ton fordert er Dennis Geißler auf, dass Auto zu verlassen. Nun gilt es richtig zu reagieren: Aussteigen, Augenkontakt verhindern und langsam vom Auto entfernen. Den Täter anzugreifen, sei hier fehl am Platz: „Dem Entführer ist euer Leben egal.“ Das Auto sei ersetzbar, das Leben nicht.

Bei Geißler haben die Übungen einen Eindruck hinterlassen: „Ich bin da nicht ängstlich, aber ich habe einen gewissen Respekt“, sagt er. Wegen solcher Tipps nimmt auch Clayton Husker an dem Training teil. Als Sanitäter arbeitet er für unterschiedliche Hilfsorganisationen und ist im Katastrophenschutz aktiv.

Sollte die Situation entstehen, dass ein Angreifer mit einer Schusswaffe bedroht, zeigt Ausbilder Eisfeldt, wie man reagiert. Allerdings rät er den Teilnehmern, lieber der Konfrontation aus dem Weg zu gehen, als in den Kampf zu gehen.
Sollte die Situation entstehen, dass ein Angreifer mit einer Schusswaffe bedroht, zeigt Ausbilder Eisfeldt, wie man reagiert. Allerdings rät er den Teilnehmern, lieber der Konfrontation aus dem Weg zu gehen, als in den Kampf zu gehen. Foto: Fabian Boerger

Den medizinischen Teil des Trainings kenne er, doch „der Umgang mit der Waffe – das ist wirklich etwas neues für mich.“ Insofern könne er einiges mitnehmen: „Ich denke, in Zukunft werde ich lieber den Mund halten. Da habe ich früher anders gedacht und hätte mich gewehrt.“

Urlaub in gefährlichen Ländern: Gute Vorbereitung ist die halbe Miete

Nächste Übung: Richtig Erste Hilfe leisten. Dazu steht in der Mitte des Camps ein Tisch mit unterschiedlichen Verbandskästen. „Gute Vorbereitung ist die halbe Miete“, sagt Eisfeldt, während er die unterschiedlichen Maßnahmen vorführt. Eine starke Blutung stoppen, einen Kopfverband binden: Die Teilnehmer müssen das Gelernte im Anschluss nachmachen.

Ist eine Person im Auto verletzt, muss man sie richtig greifen, um den schweren Körper aus dem Fahrzeug zu hiefen. Marco Schlesinger (49) greift dazu von hinten durch die Armbeuge und hält die Unterarme des Test-Dummys vor der Brust.
Ist eine Person im Auto verletzt, muss man sie richtig greifen, um den schweren Körper aus dem Fahrzeug zu hieven. Marco Schlesinger (49) greift dazu von hinten durch die Armbeuge und hält die Unterarme des Test-Dummys vor der Brust. Foto: Fabian Boerger

Die Theorie zu den Übungen haben sie schon zuvor kennengelernt. Noch bevor es ins Feld ging, absolvierten sie eine zweistündige Theorieeinheit. Dort lernten sie neben der medizinischen Versorgung, worauf man alles vor der Reise achten muss: Länderinformationen, Botschaftsadresse, Erste-Hilfe- Ausstattung.

Die Teilnehmer schreiben mit, stellen Fragen. Es ist ein bunt gemischter Haufen: „Es sind Leute, die das Extreme suchen. Diejenigen die Off-Road unterwegs sind“, sagt der 43-jährige Ausbilder. Das könnten jene sein, die den Nervenkitzel in Nigeria suchen. Aber auch für Abenteurer, die auf eigene Faust um die Ostsee wandern möchten, ist der Kurs hilfreich.

Ausbilder Jan Eisfeld (Mitte) zeigt Tanja Schicke (links), wie ein Tourniquet angelegt wird. Mit der Binde werden starke Blutungen gestillt.
Ausbilder Jan Eisfeld (Mitte) zeigt Tanja Schicke (links), wie ein Tourniquet angelegt wird. Mit der Binde werden starke Blutungen gestillt. Foto: Fabian Boerger

Beim Lehren schöpft Eisfeldt aus seiner beruflichen Vergangenheit. Lange Jahre arbeitete der 43-Jährige als Fernspäher für die Bundeswehr. Sein Job war es, im Ausland Informationen zu sammeln. Dafür musste er autark leben und mit den einfachsten Mitteln für längere Zeit über die Runden kommen — in einer fernen, unbekannten Umgebung.

„Auch beim Reisen ist man autark. Da sind diese Fähigkeiten genauso wichtig“, sagt Eisfeldt. Die meisten seiner neun Ausbilder- Kollegen haben einen ähnlichen Hintergrund und Kompetenzen in polizeilichen- und militärischen Auslandstätigkeiten gesammelt. „Die Ausbilder wissen, wie es in Krisenregionen zugeht. Aber sie wissen auch, wie man die Techniken im zivilen Rahmen einsetzen kann.“

Wichtig ist, das gelernte unter Stress abzurufen

Ihm ist es wichtig die Szenarien der Übungen so realistisch wie nur möglich darzustellen. „Das Wichtigste ist, das man das Gelernte, auch unter schwerer Stressbelastung abrufen kann“, sagt Eisfeldt. Deshalb versucht er während der Übungen, den Adrenalinspiegel der Teilnehmer stetig hoch zu halten.

Zurück in der Kiesgrube: Auch beim Autofahren können Reisende einiges falsch machen, erklärt der 43- jährige Ex-Militär. Aus diesem Grund steht die richtige Fahrtaktik in Gruppen als Nächstes auf dem Tagesplan – Fahren im Konvoi.

Taktisches Fahren steht ebenfalls auf der Liste des Grundkurses Auslandsvorbereitung. Die Teilnehmer lernen, wie sie richtig im Konvoi fahren. Die Bedingungen in der Kiesgrube erinnern an die arabische Wüste oder afrikanische Steppe.
Taktisches Fahren steht ebenfalls auf der Liste des Grundkurses Auslandsvorbereitung. Die Teilnehmer lernen, wie sie richtig im Konvoi fahren. Die Bedingungen in der Kiesgrube erinnern an die arabische Wüste oder afrikanische Steppe. Foto: Fabian Boerger

Die Teilnehmer steigen in ihre Autos. Erst langsam, dann immer schneller düsen sie über die Schotter-Pisten der Kiesgrube — mal hintereinander, mal eng an eng und leicht versetzt. Dabei entsteht eine riesige Wolke aus Sand. Von Weitem sieht der Konvoi aus wie eine große Staubraupe, die mit 30 Stundenkilometern durch das Kieswerk rollt.

Nach etwa 20 Minuten reicht’s. Auf den Stoßstangen und Windschutzscheiben liegt eine fingerdicke Schicht Sand. Und auf dem Gesicht der Teilnehmer hat sich ein Lächeln breitgemacht. Neben der Krisenbewältigung steht bei dem „Grundkurs Auslandsvorbereitung“ nämlich auch der Spaß im Vordergrund.

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