England: Wandern zwischen Kunst und Küste | reisereporter.de

England: Wandern zwischen Kunst und Küste

Mit neuen Angeboten in Nationalparks und an der Küste will England mehr Besucher in die Natur locken. Wer sich darauf einlässt, erlebt einige der schönsten Gegenden der gesamten Insel... Unterwegs auf dem Cleveland Way.

Eine Landschaft wie geschaffen fürs Wandern: Bamburgh Castle in Northumberland ist das Ziel zahlreicher Touren.
Eine Landschaft wie geschaffen fürs Wandern: Bamburgh Castle in Northumberland ist das Ziel zahlreicher Touren.

Foto: Yin Sun Photography/VisitBritain

Eigentlich ist ja die Landschaft das Wichtigste beim Wandern, vor allem in der dramatisch schönen Natur von Nordengland. Aber wenn du hier und da einen kleinen Ort durchqueren musst, kann das nie verkehrt sein. So etwas bewahrt dich davor, beim Anblick von zu viel Weite über grundsätzliche Fragen des Lebens nachzudenken – und am Ende womöglich noch in schlechte Stimmung zu verfallen.

Runswick Bay, ein kleiner Hafenort an der nordenglischen Nordseeküste, kommt da wie gerufen: Kreuz und quer geht es durch die engen, steilen Gassen – treppauf, treppab, vorbei an lauter kleinen, weiß gestrichenen Wohnhäusern.

Wohin sollen wir bloß in diesem Labyrinth an Stufen? „Ganz egal“, sagt Malcolm Hodgson, Parkranger beim North-York-Moors-Nationalpark, in dem das Dorf liegt. „Jeder Weg führt nach oben.“ Wenn doch nur alles im Leben so einfach wäre.

Der Cleveland Way, ein 176 Kilometer langer Wanderweg durch den Nationalpark, ist gespickt mit Stationen wie dieser.

Malcolm Hodgson, Park Ranger beim North-York-Moors-Nationalpark, kümmert sich mit seinen Kollegen um den Küstenwanderweg, er kennt ihn wie seine Westentasche.
Malcolm Hodgson, Park Ranger beim North-York-Moors-Nationalpark, kümmert sich mit seinen Kollegen um den Küstenwanderweg, er kennt ihn wie seine Westentasche. Foto: Michael Pohl

Die Aussicht von den Gassen auf die Bucht und auf die kleinen bunten Ruderboote am Hafen von Runswick Bay ist so romantisch, wie es sich niemand hätte ausdenken können.

Oben angekommen rückt Hodgson die heile Welt ein bisschen zurecht: „Ein Bergrutsch hat das ganze Dorf 1664 zerstört. Danach wurde hier alles wiederaufgebaut.“

Bodenerosion ist ein Riesenproblem der englischen Küste. Beträchtliche Abschnitte des heutigen North-York-Moors-Nationalparks sind im Lauf der Jahre im Meer verschwunden. Was nicht auf diese Weise abgetragen wurde, erlebte das Schicksal mitunter durch menschlichen Einfluss.

Nur ein Stück weiter entlang des Küstenwanderweges wirkt eine ungleichmäßig abgetragene Halbinsel wie eine rote Wanderdüne. „Der Bergbau hat diese Szenerie hinterlassen“, erläutert Hodgson. Auf der Suche nach dem früher für die Bekleidungsindustrie wichtigen Kristall Alaun achtete noch niemand auf Umwelt- und Naturschutz.

Heidefelder sind ein Markenzeichen des North-York-Moors-Nationalparks

Der Wind peitscht Wanderern hier oben ins Gesicht, das Meer schwappt mit hohen Wellen gegen die Steilküste. Das Wetter in Nordengland kann launisch sein. Aber die Sonne macht an diesem Tag alles wett – und natürlich die Landschaft: Meere von Stechginster färben die Klippen in ein wohliges Gelb.

Ein Stück entfernt deuten sich bereits die Heidefelder an, die so etwas wie das Markenzeichen des North-York-Moors-Nationalparks sind. Gut ein Drittel der Fläche ist mit Heide bewachsen. Von August an färbt sie den Nationalpark in ein fast schon kitschig schönes Lila.

Staithes in den North York Moors zeichnet sich durch steile Gassen und einen malerischen kleinen Hafen aus.
Staithes in den North York Moors zeichnet sich durch steile Gassen und einen malerischen kleinen Hafen aus. Foto: Michael Pohl


Das nächste Dorf reißt uns aus den Gedanken. Von den Klippen aus ist Staithes zu erkennen, zu beiden Seiten eines Flusses gebaut, steile Gassen, ein malerischer kleiner Hafen – als Wanderer in der Gegend kennt man das nun schon.

Doch Staithes ist ein besonderes Dorf, selbst für einen ohnehin schönen Nationalpark wie die North York Moors. Während Fischer vor dem Cod-and-Lobster-Pub am Hafen ihre Netze trocknen, zieht es Künstler auf eine Anhöhe.

Staithes hat schon viele Künstler inspiriert

Rob Shaw ist einer von ihnen. 1995 kam der studierte Architekt zum ersten Mal her, dann hing er seinen Job an den Nagel. Er siedelte komplett um in das Fischerdorf und begann zu malen – Szenen aus dem Ort, in Öl auf Leinwand. „Am liebsten male ich von ganz oben, wo man den gesamten Ort im Überblick hat“, sagt Rob.

Unzählige Male hat er diesen Blick inzwischen festgehalten. Und er tut es immer wieder. In der örtlichen Kunstgalerie gehören seine Bilder zu den Kassenschlagern.

Der Künstler Rob Shaw lässt sich immer wieder von Staithes zu neuen Werken inspirieren.
Der Künstler Rob Shaw lässt sich immer wieder von Staithes zu neuen Werken inspirieren. Foto: Michael Pohl

Shaw sieht in Staithes eine Art Inspirationsquelle. Genauso wie viele andere vor ihm. Der kleine Fischerort war Heimat von mehr als zwei Dutzend Künstlern, in England bekannt als die Impressionisten des Nordens.

Sie wurden inspiriert von Größen wie Monet, Renoir oder Cézanne, und schafften es, den winzigen Ort zu einer der wichtigsten Stätten der britischen Malerei zu entwickeln. Ihnen zu Ehren gibt es inzwischen ein jährliches Kunstfestival, immer in der zweiten Woche im September.

Die Einwohner verwandeln dann ihre Häuser in Pop-up-Galerien, Kunstinteressierte aus dem ganzen Land kommen – und kaufen.

Whitby Abbey hat Literaturgeschichte geschrieben

Von Staithes aus sind es knapp 20 Kilometer entlang einer der schönsten Küstenlinien der britischen Inseln bis nach Whitby. Hoch über dem Hafenort, schon von Weitem erkennbar, thront Whitby Abbey.

Zwar sind nur noch einige Mauern des alten Klosters erhalten geblieben, doch sie erheben sich am Rande der Steilküste noch immer majestätisch über dem North Yorkshire. Seeblick inbegriffen, denn auch hier ist im Lauf der Jahrhunderte ein ganzes Stück Küste im Meer verschwunden.

Beliebtestes Ziel im North-York-Moors-Nationalpark ist für die meisten Reisenden die alte Hafenstadt Whitby mit den berühmten Ruinen der Abtei – schon Bram Stoker ließ sich hier für seine Dracula-Geschichten inspirieren.
Beliebtestes Ziel im North-York-Moors-Nationalpark ist für die meisten Reisenden die alte Hafenstadt Whitby mit den berühmten Ruinen der Abtei – schon Bram Stoker ließ sich hier für seine Dracula-Geschichten inspirieren. Foto: Michael Pohl

199 Stufen führen von der Altstadt Whitbys hinauf, und genau diese Stufen haben längst Literaturgeschichte geschrieben. Bram Stoker verewigte sie in seinen Erzählungen um dem Vampir Dracula.

„Der Autor holte sich hier auf einer Urlaubsreise Inspirationen“, sagt Zoe Rhucroft, Mitarbeiterin des Denkmalschutzfonds English Heritage, der unter anderem Whitby Abbey unterhält. „Als Hund jagte Dracula im Buch die 199 Stufen hinauf und hauste in den Gräbern der St.-Mary-Kirche.“

Als Hund jagte Dracula im Buch die 199 Stufen hinauf und hauste in den Gräbern der St.-Mary-Kirche.

Zoe Rhucroft, Mitarbeiterin des Denkmalschutzfonds


Whitby Abbey ist eines der Aushängeschilder von English Heritage. Aus aller Welt kommen Besucher hierher, um die 199 Stufen nach oben zu steigen und die Magie der Ruine zu erleben. Dabei bringt sich die Stadt selbst gern mit einem anderen als Dracula in Verbindung: James Cook lernte von 1746 an am Hafen die Kniffe der Seefahrt.

Dass er einmal auf der „Endeavour“ Australien und den Pazifik kartografieren würde, ahnte damals vermutlich noch niemand. Für Briten ist Cook heute einer der bedeutendsten Entdecker aller Zeiten. Im Haus, in dem er beim Unternehmer John Walker lernte, ist nun ein Museum beheimatet. Es zeigt nicht nur das Leben des Seefahrers auf, sondern gibt auch einen Einblick in das Leben der damaligen Zeit.

Britische Küstenregionen wie die um Whitby stecken oft voller Geschichte. Bedeutende Reisen nahmen ihren Ausgangspunkt hier, viele weltberühmte Schiffe wurden auf den Britischen Inseln gebaut, nicht nur die „Endeavour“, auch die „SS Great Britain“ in Bristol oder – nicht zuletzt – die „Titanic“ in Belfast.

Mit England’s Coast hat der nationale Tourismusverband Visit England jetzt ein Programm aufgelegt, um die Küstenregionen besser zu vermarkten. Von Geschichte über Wandertipps bis zur Selbstversorgerunterkunft ist auf einer eigenen Website nun alles gebündelt zu finden – nicht nur hier im Nationalpark, sondern auch in vielen weiteren Regionen des Landes.

Ian Cation ist eher dem Fahrrad zugeneigt als Schiffen. Der passionierte Radfahrer ist Mitarbeiter im Yorkshire Cycle Hub. Diese Kombination aus Fahrradwerkstatt, Café und Jugendherberge wirkt regelrecht hip – doch sie liegt genau genommen mitten in der Pampa, ungefähr im Zentrum des North-York-Moors-Nationalparks.

Der Andrang ist dennoch beachtlich, selbst an einem ganz normalen Wochentag. Kein Wunder: Die Aussicht auf die grüne Natur des Great Fryup ist traumhaft, der Kuchen im Café sensationell. Doch viel wichtiger: Der Cycle Hub liegt am North-York-Moors-Cycleway, einer neuen Tour, die Radfahrer auf zwei Routen schleifenförmig durch den ganzen Nationalpark leitet.

„Radfahren ist hier ungeheuer populär geworden“, sagt Cation. Und der Cycle Hub trägt dem Rechnung. Wer sein Rad reparieren lassen muss, kann darauf warten und derweil zum Beispiel gratis duschen oder im Café etwas essen. Es ist eine Art Rastplatz für Naturfreaks.

Der Nationalpark North York Moors ist eine Landschaft mit Geschichte: Südlich von Staithes erstreckt sich eine phänomenale Küste – mit vielen geschichtsträchtigen Orten.
Der Nationalpark North York Moors ist eine Landschaft mit Geschichte: Südlich von Staithes erstreckt sich eine phänomenale Küste – mit vielen geschichtsträchtigen Orten. Foto: Michael Pohl

„Der Cycleway führt auf 276 Kilometern durch die schönste Natur des Nationalparks“, sagt Emily Watson vom North-York-Moors-Nationalpark. Zwar tut er dies größtenteils auf kleinen Autostraßen, doch ist der Verkehr hier im Norden des Landes deutlich entspannter als in anderen Regionen. Die Route ist Teil eines weiteren neuen Programms: Cycle England. Damit wollen die Briten vor allem das Radfahren in den Grafschaften Yorkshire und Lincolnshire ankurbeln.

Radfahrer haben diese beiden Regionen in Nordengland bislang nicht unbedingt auf dem Plan, wenn es um ihre Strecken geht. Dabei sind sie mit ihrer Bilderbuchlandschaft potenzielle Ziele für sie.

Northumberland ist die letzte englische Grafschaft vor Schottland

Für uns geht es weiter in Richtung Norden: Northumberland, die letzte englische Grafschaft vor Schottland, ist das Ziel. Der Fluss Tweed trennt die beiden Länder, die Kleinstadt Berwick-upon-Tweed ist nicht zuletzt durch Rachel Joyces Roman „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ bekannt geworden.

Zu Fuß hat sich der Hauptakteur darin von Kingsbridge im Süden dorthin aufgemacht, um seine im Sterben liegende frühere Kollegin Queenie Hennessy zu besuchen. Uns soll eine deutlich kürzere Route reichen: Von Bamburgh nach Holy Island – 25 Kilometer, ein Tag voll typisch nordeuropäischer Natur mit Dünen, Strand und ebenfalls viel Geschichte.

Englands nördlichste Grafschaft Northumberland hat eine der schönsten Küstenlinien - mit weiten Stränden.
Englands nördlichste Grafschaft Northumberland hat eine der schönsten Küstenlinien - mit weiten Stränden. Foto: Michael Pohl

Holy Island ist nur bei Ebbe zu Fuß erreichbar

Holy Island, die eigentlich Lindisfarne heißt, ist ein Unikat. Die Gezeiteninsel kann nur bei Ebbe zu Fuß oder mit dem Auto erreicht werden. Sonst trennt sie das Meer vom Rest Großbritanniens, die 180 Bewohner sind dann unter sich. Im siebten Jahrhundert war die unauffällige, raue Insel so etwas wie das Zentrum der Christianisierung Großbritanniens.

Vom Kloster Lindisfarne Abbey aus dem elften Jahrhundert sind heute nur noch einige Mauern erhalten. Etwas besser ist der Zustand von Lindisfarne Castle, das auf einem Hügel vor dem Hafen thront. Erbaut wurde es 1540 zum Schutz vor den nahen Schotten. Heute schlendern Besucher gegen Eintrittsgeld durch das Anwesen.

Viel Geschichte auf einer kleinen Insel – nur gut, dass sich mit dem Pilgrims Coffee House ein bisschen Neuzeit eingeschlichen hat. Die Rösterei von Andrew Mundy macht das, was in Großstädten längst gang und gäbe ist. Auf dem etwas verschnarchten Holy Island wirkt das Café hingegen regelrecht ultramodern. Der heiße Flat White zumindest ist die richtige Stärkung für den weiteren Weg.

Bamburgh Castle steht bereits seit dem fünften Jahrhundert an der Nordseeküste.
Bamburgh Castle steht bereits seit dem fünften Jahrhundert an der Nordseeküste. Foto: Michael Pohl

Bamburgh Castle ist ein Schloss wie aus dem Film

Bamburgh Castle ist das Ziel, ein Schloss wie aus dem Film. Bestens erhalten erhebt es sich über der Küste direkt an der Nordsee, und das bereits seit dem fünften Jahrhundert – auch wenn der heutige Bau zu einem guten Teil einer Restaurierung im 18. Jahrhundert sein Aussehen verdankt. „Die Armstrong-Familie kaufte das Anwesen, reiche Industrielle aus der Gegend“, erläutert Tourführerin Carol Griffiths, die sich seit Jahren mit der Geschichte des Schlosses befasst.

Doch was wirklich zählt, ist auch hier vor allem eines: der Ausblick. Von Bamburgh Castle aus schweift der Blick über endlos lange Dünen, einen breiten weißen Strand bis hin zur Nordsee, die an diesem Tag eher gemächlich an Land schwappt. Es zeigt sich auch hier einmal mehr: Die Landschaft ist eben doch das Wichtigste beim Wandern.

Tipps für deine Reise nach England

Anreise: Mit der Fähre über Nacht unter anderem nach Hull (ab Rotterdam und Zeebrügge, P&O Ferries). Die Schiffe verlassen jeden Tag um 20.30 Uhr die Niederlande beziehungsweise Belgien und sind zwischen 7 und 8 Uhr in Hull.

An Bord gibt es Schlafkabinen, mehrere Restaurants und Bars. Mit dem Flugzeug unter anderem nach Newcastle oder Leeds, von dort idealerweise mit dem Mietwagen weiter. Von London sind es rund fünf Stunden bis nach North Yorkshire.

Beste Reisezeit: Frühjahr bis Herbst. Im Winter kann das Wetter unberechenbar sein, und die meisten Attraktionen sind geschlossen.

Touren: Der Verbund England’s Coast hat sich auf Touren und Aktivitäten entlang der englischen Küste konzentriert. Auf seiner Website gibt er Anregungen. Cycle England vereint alles, was Radfahrer für Touren durch Lincolnshire oder Yorkshire wissen müssen.

   

Die Reise wurde unterstützt von England’s Coast, Visit Britain, Cycle England, English National Park Experience Collection und P&O Ferries. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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