Für die Hashtags: Wie das Internet unser Reisen verändert

Für die Hashtags: Wie das Internet unser Reisen verändert

Reiseblogs, Instagram-Postings und ständige Erreichbarkeit für alle und alles: Die Digitalisierung hat eine neue Gattung von Reisenden geschaffen. reisereporterin Nadine hat einen von ihnen getroffen.

Gabryl dokumentiert seine Reise mit dem Smartphone.
Ob in Antigua, in Cartagena oder an den kroatischen Krka-Wasserfällen: Jede Reise wird mit dem Smartphone dokumentiert.

Foto: Nadine Wolter

Die Reise nach Antigua hatte es in sich. Über sechs Stunden sind wir, ich und eine Gruppe von 24 anderen jungen Touristen mit zwei guatemaltekischen Guides, den Vulkan Acatenango an diesem Freitagabend hinaufgewandert: Mit Gepäck und ohne Unterbrechung, hoch auf etwa 3.600 Meter ins Basecamp in Guatemala.

Von dort aus sollen wir die Ausbrüche seines aktiven Zwillings Volcán de Fuego, übersetzt Vulkan des Feuers, beobachten können. Als sich die Wolken gegen 20 Uhr vom Nachthimmel verziehen, stehen nur noch ich und sieben andere Wanderer am Lagerfeuer. Der Rest liegt in den Zelten und schaut auf seine Smartphones.

Der Vulkan spuckt Lava – viele sind im Zelt und gucken Serien auf Netflix

Draußen spuckt der Feuervulkan für uns Lava. Rauchwolken verdunkeln den Sternenhimmel. Kurz darauf erreichen die Schallwellen der Eruption das Basecamp. Im Zelt mit der Nummer eins liegen Jenna und Ashley auf ihren Feldbetten und gucken Serien auf Netflix.

Sonnenaufgang Vulkan Acatenango.
Die Gruppe versammelt sich während des Sonnenaufgangs auf dem Gipfel des Vulkan Acatenango. Nicht im Bild: Weitere zwei Dutzend Reisende und eine französische Hochzeitsgesellschaft. Foto: Nadine Wolter

Der Fuego wütet weiter, schleudert Rauch und Lava in die Luft. Sein Donnern dringt durch die Zeltwände. Die Planen öffnen sich nicht.

Als wir am nächsten Morgen um 4 Uhr bei fünf Grad Celsius hoch auf den Gipfel wandern, ist die Gruppe wieder vollständig. So gut wie alle haben Fotos des Sonnenaufgangs auf dem Acatenango auf Instagram gesehen und so gut wie alle möchten auch eins. Auf 3.976 Metern angekommen geht es um Minuten. Das perfekte Licht ist nur kurz da.

Für das perfekte Foto wird die wärmende Funktionskleidung ausgezogen

Gabryl Sam saß gestern noch lange mit mir am Lagerfeuer, er hat die beste Kamera der Gruppe. „Gabryl, kannst du kurz ein Foto von mir machen?“ – „Von mir auch, Gabryl?“, fragen ein paar Mädchen.

Ihre wärmende Funktionskleidung ziehen sie für die perfekte Aufnahme schnell aus, dann wird sich auf der Bergspitze positioniert und das Ergebnis umgehend auf Instagram hochgeladen. #travel, #adventure, #guatemala, #sunrise, #acatenango.

Mit dicken Handschuhen lassen sich keine Fotos machen. Gabryl Finger sind starr vor Kälte, als die Sonne aufgegangen ist. Aber er ist zufrieden. Er hat ein paar gute Bilder gemacht und nebenbei den Sonnenaufgang gesehen.

Als wir uns ein paar Tage später treffen, um Fotos auszutauschen, sind Gabryls Finger wieder aufgetaut und sein Instagram-Profil ist um drei Bilder reicher: Gabryl vor dem Volcán de Fuego, Gabryl auf dem Acatenango, Gabryl auf dem Weg auf den Acatenango. 

Insgesamt haben die Bilder mehr als 700 „Gefällt mir“-Angaben. Wenn er irgendwohin reist, postet er es eigentlich immer, sagt Gabryl.

Welche Motivation steckt dahinter, Reise-Erlebnisse online zu präsentieren?

Reisen sind zum Lifestyleobjekt geworden, das mehr wert ist, wenn man es auf seinem Social-Media-Account für eine Masse von Zuschauern aufbereitet. Ist das Angeberei?

Konfrontiert man Gabryl damit, dass er auch reist, um anderen etwas davon online zu präsentieren, stimmt er zu – ohne sich angegriffen zu fühlen. Er ist 24 Jahre alt und im Navajo-Nation-Reservat aufgewachsen, dem größten Indianerreservat der USA. „100 percent Native American“, sagt Gabryl über sich selbst.

„Da, wo ich herkomme, ziehen die meisten Menschen nicht los und entdecken die Welt. Ich zeige ihnen durch meine Social-Media-Posts, dass auch sie das machen könnten – oder zumindest zeige ich ihnen einen Teil der Welt, den sie noch nicht kennen.“

Gabryl posiert vor Antiguas berühmtestem Torbogen.
Gabryl posiert vor Antiguas berühmtestem Torbogen. Foto: Nadine Wolter

Auf Instagram hat er 1.120 Follower, die er mit auf seine Reisen nimmt. „Ich öffne meine Erfahrungen für Kommentare von vielen, anstatt auf die Meinung einer einzigen Person zu vertrauen, die ich frage“, erklärt der 24-Jährige. „Über Social Media erreichst du eine viel größere Menge.“ 

Gabryl lässt Follower darüber abstimmen, wo er seinen Geburstag feiern soll 

Am Wochenende hat Gabryl Geburtstag. Darüber, ob er diesen lieber an der Pazifikküste Guatemalas oder am See Aticlán feiern soll, hat er seine Follower abstimmen lassen: Es geht an den See. Seinen Geburtstag werden seine Freunde zu Hause über Instragram-Storys fast in Echtzeit mitverfolgen können.

Überraschungen beim Reisen sind für Menschen wie Gabryl seltener geworden, selbst im entlegenen Guatemala. Er findet über jeden noch so kleinen Ort, jede Bergspitze in Sekundenschnelle Treffer über die Google-Suche. Die Menge an Informationen schaffe Vertrauen und Kontrolle, erklärt Gabryl. 

Die ausgiebige Google-Recherche gibt vielen Reisenden Sicherheit

Je mehr er über einen Ort weiß, desto mehr traue er sich zu. Dieses Bedürfnis nach Kontrolle steht im Gegensatz zum Wunsch der Reisenden, etwas ganz Besonderes zu erleben. Jeder sucht online auf dem gleichen Weg nach dem spannendsten und exotischsten Ort und will dort trotzdem der oder die Einzige sein.

Frau posiert vor Skyline in Cartagena.
Frau posiert vor Skyline in Cartagena. Foto: Nadine Wolter

Das passiert selten. Spätestens wenn der dritte US-amerikanische Reiseblog einen Ort als „abseits der Massen“ und „authentisch“ beschreibt, kann man sich sicher sein, dass dieser Ort genau das nicht mehr sein wird. Und dabei ist man als digitalisierter Reisender doch immer auf der Suche nach dem nächsten spektakulären Ort. 

Digitale Reisende sind immer auf der Suche nach dem neuen Abenteuer

Erstens, weil man durch seinen Social-Media-Auftritt im selbst gewählten Zugzwang steht, spannende Eindrücke zu liefern – jetzt bin ich schon einmal in Guatemala, dann muss ich doch auch etwas Spektakuläres posten! 

Zweitens sind neue Abenteuer und Reiseziele immer nur einen Instagram-Besuch oder eine Reiseblog-Lektüre entfernt. „Es kommt darauf an, wie du die Masse an Informationen wahrnimmst“, erklärt Gabryl, „nur weil viele Menschen eine Sache gut finden, musst du sie doch nicht mögen.“

Auf einen über 3.500 Meter hohen Vulkan zu wandern und abends im Zelt Netflix zu schauen könnte daher auch einfach eine sympathische Art und Weise sein, sich beim Reisen treu zu bleiben.

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
Das könnte dich auch interessieren
Zur
Startseite