Kreuzfahrt mit der „MS Europa“: Ein bisschen Heimat auf See

Kreuzfahrt mit der „MS Europa“: Ein bisschen Heimat auf See

Eine Kreuzfahrt auf der „MS Europa“ öffnet die Tür in eine verloren geglaubte Zeit und bietet Passagieren, die sich diesen Luxus leisten können, ein Refugium mit Annehmlichkeiten – kleine Aussetzer inbegriffen.

Ingrid Lundberg-Piper
Die „MS Europa“ bietet Platz für 350 Passagiere. Das Schiff wurde schon zwölfmal zu einem der luxuriösesten Kreuzfahrtschiffe der Welt gewählt.
Die „MS Europa“ bietet Platz für 350 Passagiere. Das Schiff wurde schon zwölfmal zu einem der luxuriösesten Kreuzfahrtschiffe der Welt gewählt.

Foto: Gerd Piper

Die letzten Regenschauer sind ins Landesinnere gezogen, als sich die „MS Europa“ am späten Nachmittag in Barcelona langsam von der Kaimauer löst. Wir sind auf Kreuzfahrt von der katalanischen Hauptstadt nach Piräus in Griechenland, neun Häfen inklusive einiger griechischer Inseln in zehn Tagen.

Seit schwimmende Kleinstädte über die Meere pflügen und das All-inclusive-Publikum Heuschreckenschwärmen gleich die schönsten Plätze dieser Welt heimsucht, muss sich jenes Klientel, für das der Kreuzfahrtgedanke einst vom Hamburger Reeder Albert Ballin erfunden wurde, Refugien suchen. Ein solches Refugium ist die „MS Europa“.

Weiße Häuser, blaue Kuppel: Auch die griechische Insel Santorin liegt an der Mittelmeer-Route der „MS Europa“. Zum schönsten Ausblick führt ein Wegweiser.
Weiße Häuser, blaue Kuppel: Auch die griechische Insel Santorin liegt an der Mittelmeer-Route der „MS Europa“. Zum schönsten Ausblick führt ein Wegweiser. Foto: Gerd Piper


1999 in Dienst gestellt, ist sie das einzige Kreuzfahrtschiff, das vom britischen Kreuzfahrtführer „Berlitz Cruise Guide“ zwölfmal in Folge mit der Kategorie fünf Sterne plus ausgezeichnet wurde – viel Platz für den Einzelnen, gediegenes Ambiente und ein exzellenter Service.

Die „Europa“ ist im Vergleich zu den Riesenpötten der Branche ein fast schon zierliches Schiff: Rund 350 Passagiere reisen hier höchst entspannt, speisen wie Gott in Frankreich und genießen ihr Leben. Es sind überwiegend Menschen, die in Würde gealtert sind und sich den Spaß einer Luxuskreuzfahrt leisten können.

Entspannung auf See: Die Passagiere auf der „MS Europa“ genießen Platz und Ruhe. Das übliche Gedränge an den Pools der Kreuzfahrtriesen gibt es nicht.
Entspannung auf See: Die Passagiere auf der „MS Europa“ genießen Platz und Ruhe. Das übliche Gedränge an den Pools der Kreuzfahrtriesen gibt es nicht. Foto: Gerd Piper

So wie Ingeborg Scholz. Die 89-jährige Wienerin hat ein aufregendes Leben hinter sich als gefeierter Star der Ganghofer-Filme. „Sicher kennen Sie mich besser unter meinem Künstlernamen Ingeborg Cornelius“, sagt die alte Dame mit immer noch kokettem Augenaufschlag.

In den50er-Jahren spielte sie Hauptrollen in Filmen wie „Die schöne Tölzerin“ oder „Wo der Wildbach rauscht“. Heute lebt sie in einer Seniorenresidenz in München und gönnt sich ab und zu eine Kreuzfahrt. Sie genießt die Zeit an Bord, wo sie wieder ein bisschen wie eine Diva behandelt wird.

„MS Europa“: Sterneküche auf hoher See

Während draußen die Sonne untergeht, herrscht in einem kleinen, schlicht gehaltenen Raum an Steuerbord auf Deck vier andächtiges Schweigen: Es werden Kreationen von höchster Raffinesse serviert. Kleine Kunstwerke, ersonnen und vollendet von keinem Geringeren als Dieter Müller.

Zwar ist die deutsche Kochlegende gerade nicht persönlich an Bord, doch Müller hat seine Rezepte grammgenau hinterlassen. Kulinarischer Sternenstaub. Ein bisschen Salz hier, ein wenig Pfeffer da würde dem einen oder anderen Gericht zwar ganz guttun – aber da hört der Spaß auf. Die Gäste, maximal 20 an der Zahl, unterhalten sich im Flüsterton, spüren konzentriert den Aromen nach, die in sieben Gängen sorgsam aufeinander abgestimmt sind.

Denn Müller weiß, wie etwas schmecken muss. Dafür wird er von seinen Fans verehrt. Die anderen müssen die Diktatur des guten Geschmacks eben hinnehmen. Selbst Sascha Krahe, Küchenchef auf der „Europa“, würde nicht im Traum daran denken, Hand an diese Rezepte zu legen.

Küchenchef Sascha Krahe ist an Bord der „MS Europa“ für die kulinarische Verpflegung der bis zu 350 Passagiere zuständig.
Küchenchef Sascha Krahe ist an Bord der „MS Europa“ für die kulinarische Verpflegung der bis zu 350 Passagiere zuständig. Foto: Gerd Piper

Kevin Fehling übernimmt das Gourmetrestaurant

Doch Müllers Zeit geht zu Ende. Im September übernimmt Kevin Fehling das Gourmetrestaurant. Der steht für eine moderne Küche, hat auch drei Sterne und kennt sich aus auf dem Schiff, schließlich war er hier mal Souschef. Dieter Müller wurde von vielen geliebt, Kevin Fehling werden sie huldigen. So ist nun mal das Leben.

Und wem das mit dem guten Geschmack zu viel wird, reserviert einfach gegenüber an Backbord: Dort hat der Italiener Fiorenzo Morelli das Sagen, der sein Restaurant Venezia mit deutlich mehr Bodenhaftung führt.

„Wir sind stolz darauf, dass die ‚Europa‘ ein außergewöhnliches Schiff für ganz besondere Menschen ist“, heißt es von Hapag Lloyd Cruises, dem Eigner des Schiffes. Diese ganz besonderen Menschen lassen schon mal den privaten Hubschrauber kommen, laden die Lieblingsmitglieder der Crew zu kleinen Törns ein und süffeln zum Dinner eine Flasche Dom Pérignon.

Kreuzfahrtdirektor Uwe Mannweiler gehört zur Führungscrew der „MS Europa“.
Kreuzfahrtdirektor Uwe Mannweiler gehört zur Führungscrew der „MS Europa“. Foto: Gerd Piper

Die Gäste müssen wohlhabend sein

„Die Gäste müssen schon wohlhabend sein, sonst könnten sie sich unsere Angebote gar nicht leisten“, sagt Kreuzfahrtdirektor Uwe Mannweiler. Das treibt mitunter bizarre Blüten.

Höhepunkt war einmal die Versteigerung der Seekarte, die nach jeder Reise von der Crew mitgestaltet wird. „Da haben sich zwei hochgeschaukelt“, erinnert sich der 54-Jährige, „am Ende ist sie für 250 .000 Euro weggegangen.“ Weil das Geld stets einem guten Zwecke zugutekommt, ist derart zur Schau gestellter Reichtum kein Makel.

Trotzdem ist man inzwischen dazu übergegangen, die Seekarte nicht mehr zu versteigern, sondern Lose dafür zu verkaufen. Das erhöht die Chancengleichheit zwischen wohlhabend und reich.

Während jeder Reise der „MS Europa“ wird eine Seekarte gestaltet und zum Ende verlost.
Während jeder Reise der „MS Europa“ wird eine Seekarte gestaltet und zum Ende verlost. Foto: Gerd Piper

Reichtum wird nicht zur Schau gestellt

Doch Reichtum wird auf der „Europa“ nicht übermäßig zur Schau gestellt. Denn dort, wo es Austern satt, Champagner im Überfluss und eine Weinkarte der Superlative gibt, muss niemand mehr protzen. Wer auf diesem Schiff eincheckt, macht das häufig nicht zum ersten Mal.

Schon bei der obligatorischen Sicherheitsübung zu Beginn der Kreuzfahrt gibt es Küsschen hier, Küsschen da. „Wo wart ihr letztes Jahr?“ Man kennt sich. 30 bis 40 Prozent sind auf jeder Reise Wiederholer, Stammkunden eben, die sich etwas gönnen.

Kapitänsdinner, Galaabende und entsprechende Garderobe gehören zum guten Ton. Manch einer bleibt ganz an Bord und fährt mit dem Schiff um die Welt – von der Crew umsorgt, vom Schiffsarzt medizinisch betreut und im großen runderneuerten Spa immer wieder flottgemacht für die Herausforderungen des Kreuzfahrerlebens.

Auch für Entertainment ist an Bord der „MS Europa“ gesporgt. Regelmäßig gibt es Poolparties mit Livemusik.
Auch für Entertainment ist an Bord der „MS Europa“ gesporgt. Regelmäßig gibt es Poolparties mit Livemusik. Foto: Gerd Piper

Bordsprache ist Deutsch

Für viele ist die „MS Europa“ aus einem ganz einfachen Grund so anziehend: Auf dem Schiff wird Deutsch gesprochen, es herrscht eine fast schon familiäre Atmosphäre. Vor allem älteren Semestern, denen die Globalisierung stets etwas fremd geblieben ist, bedeutet das viel.

Das Schiff ist für sie wie ein Stück Heimat auf See. In der Europa-Lounge, dem Treffpunkt für offizielle Anlässe, hört man deshalb auch mehr Astrud Gilberto als Loungemusik, und manchmal scheint es so, als öffne eine Reise auf diesem Schiff eine Tür in eine verloren geglaubte Zeit.

Zeit auf Korsika ist zu kurz

Die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft allerdings auch auf dem Fünf-Sterne-plus-Schiff bisweilen auseinander. Im Restaurant wird der falsche Wein an den Tisch gebracht, statt Omelett kommt Rührei, statt Cappuccino schwarzer Kaffee, und wenn’s ganz schlecht läuft, wird auch schon mal ein Zwischengang im Menü vergessen.

Auf Korsika sieht unsere Gruppe, die den Landausflug an die nördlichste Spitze der Insel gebucht hat, dieses Ziel nicht mal aus der Entfernung. Die Zeit war einfach zu knapp.

Ein Landausflug auf Korsika wird zur Enttäuschung: Auf der Insel ist so wenig Zeit, dass die Passagiere das eigentliche Ziel nicht erreichen.
Ein Landausflug auf Korsika wird zur Enttäuschung: Auf der Insel ist so wenig Zeit, dass die Passagiere das eigentliche Ziel nicht erreichen. Foto: meganesaintsulpice/pixabay

Enttäuscht vom missglückten Ausflug auf Korsika sind Waltraud Baumgärtner und Heinz Horak (beide 83) schon. Es ist ihre fünfte Reise mit der „Europa“. „Hier ist es nicht so voll“, sagt Horak, das genieße er. Und Waltraud Baumgärtner ergänzt: „Wir wollen nicht auf diese schwimmenden Kästen.“

Die nächste Kreuzfahrt haben sie schon gebucht: Eine Gartenreise nach England soll es werden, begleitet von Carsten Seick, dem Gartenkunsthistoriker des renommierten University College in London.

Der Aufenthalt auf Sizilien dauert gerade einmal fünf Stunden. Viel zu wenig Zeit für so eine Insel. Chefkoch Krahe nutzt die Gelegenheit, um schnell an Land zu gehen und fernab der formidablen Bordküche eine Pizza zu essen.

Dann heißt es wieder: Leinen los. Die Straße von Messina wird um 2 Uhr passiert. In der Nacht. Am Firmament steht der Orion wie hingemalt, aber kaum einer bekommt es mit. So eine Kreuzfahrt ist dicht getaktet. Mannweiler erklärt es uns: „Je mehr Häfen angeboten werden, desto besser verkauft sich eine Seereise.“

Je mehr Häfen angeboten werden, desto besser verkauft sich eine Seereise.

Uwe Mannweiler, Kreuzfahrtdirektor

Als wir nachfragen, warum es immer wieder Aussetzer im Service gibt, bekommen wir Erstaunliches zu hören: Man habe große Nachwuchsprobleme, erzählt ein Mitglied der Führungscrew, das nur reden will, wenn es namentlich nicht genannt wird. Es sei kaum noch möglich, qualifiziertes Personal zu bekommen, und schon gar kein deutschsprachiges: „Offensichtlich haben viele junge Leute eine völlig falsche Vorstellung davon, was sie hier erwartet. Wir arbeiten hart, und das sieben Tage die Woche.“

Früher sei eine Hotelfachausbildung Voraussetzung für einen Job an Bord gewesen, heute lerne man die Leute während der Reise an. Da das Niveau der „Europa“ zu erreichen sei schwer. Eine Ausnahme sei das Personal von den Philippinen: „Die sind fantastisch. Mit denen gibt es keine Schwierigkeiten.“ Die Asiaten bilden heute das Rückgrat der christlichen Seefahrt.

Kapitän Olaf Hartmann ist ein besonnener Seemann

Olaf Hartmann ist einer von zwei „Europa“-Kapitänen. Er ist wie die Crew Angestellter eines Unternehmens, das auf der Insel Zypern beheimatet ist. Dem Hamburger ist das Dilemma in der Seefahrt bewusst: „In Deutschland hat der Nachwuchs im nautischen Bereich stark nachgelassen.“

Hartmann ist ein Kreuzfahrtkapitän wie aus dem Bilderbuch und könnte sofort für jede „Traumschiff“-Folge anheuern. Er hat für alle Passagiere ein offenes Ohr, empfängt die Gäste am Galaabend mit Handschlag, erklärt bei Interesse jedem, wie ein Schiff wie die „Europa“ funktioniert, kurz: Er fühlt sich auf dem Parkett genauso wohl wie auf der Brücke.

Hartmann ist mit seinen 65 Jahren ein besonnener Seemann, kein Draufgänger, er fährt auch schon mal einen Umweg, um zu hohem Seegang aus dem Weg zu gehen.

Kapitän Olaf Hartmann sorgt für eine möglichst reibungslose Bordroutine – oberstes Ziel ist es, dass sich die Passagiere wohlfühlen, schließlich haben sie dafür viel Geld bezahlt.
Kapitän Olaf Hartmann sorgt für eine möglichst reibungslose Bordroutine – oberstes Ziel ist es, dass sich die Passagiere wohlfühlen, schließlich haben sie dafür viel Geld bezahlt. Foto: Gerd Piper


Und auch er erzählt Überraschendes: Das Schiff fahre immer gerade so in die schwarzen Zahlen. Luxuskreuzfahrten sind ein hartes Geschäft. Vergleichsweise wenig Passagiere stehen gegen einen immensen finanziellen Aufwand: Liegeplätze, Lotsen, Instandhaltung und Wartung kosten bei einem vergleichsweise kleinen Kreuzfahrtschiff wie der „Europa“ Unsummen.

Auf einen Passagier kommt ein Besatzungsmitglied, ein solcher Personalaufwand ist in der Kreuzschifffahrt heute einzigartig. Eine „Europa“ in dieser Größe werde es deshalb wohl so schnell nicht wieder geben, meint der Kapitän.

Manch eine einsame Seele ist auch an Bord. Menschen im großen Speisesaal allein an Tischen, die für sechs Personen eingedeckt sind. Menschen, die ein Hauch von Einsamkeit umweht, die aber gar nichts anderes wollen – denn eine Partnervermittlung ist dieses Schiff nicht.

Matthias Laue, der Maître d’hôtel während unserer Tour, hat einmal versucht, mehrere allein reisende Damen an einem Tisch zusammenzuführen. Was genau geschehen ist, will er nicht erzählen. Nur so viel: „Das mache ich nie wieder.“

Tipps für deine Reise mit der „MS Europa“

Das Schiff: Die „MS Europa“ wurde 1999 in Finnland gebaut. Sie ist das mittlerweile sechste Schiff mit diesem Namen. Die „Europa“ ist 199 Meter lang, hat sieben Decks, 204 Außenkabinen und ist ausgelegt auf 350 Passagiere. Die Besatzung ist ebenso groß. Der britische Kreuzfahrtführer „Berlitz Cruise Guide“ hat die „Europa“ zwölfmal in Folge in der Fünf-Sterne-plus-Kategorie zum luxuriösesten Kreuzfahrtschiff der Welt gekürt. Bordsprache ist Deutsch. Ende des Jahres kommt die „Europa“ in die Werft, um „deutlich moderner zu werden“, so die Reederei Hapag-Lloyd. Zielgruppe ist die „traditionelle gesellschaftliche Elite – das gediegenere, verwöhnorientierte Publikum“.

Die Reederei: Hapag-Lloyd Cruises, die zum Touristikkonzern Tui gehört, hat drei Kreuzfahrtschiffe im Luxussegment, außer der „MS Europa“ die „MS Europa 2“ und das Expeditionsschiff „MS Bremen“. Zwei neue Expeditionsschiffe – die „Hanseatic Nature“ und die „Hanseatic Inspiration“ – ergänzen ab diesem Jahr die Flotte.

Die Route: Die Reise begann in Barcelona (Spanien) und führte über Marseille (Frankreich), Civitavecchia (Italien), Bastia (Korsika) und Palermo (Sizilien), Dubrovnik (Kroatien), Kotor (Montenegro) nach Korfu (Ionische Inseln). Die Fahrt endete nach Stopps auf Mykonos und Santorin in Piräus (Griechenland). Eine neuntägige Mittelmeerkreuzfahrt auf der „MS Europa“ ist ab rund 4.000 Euro pro Person buchbar.

   

Die Reise wurde unterstützt von Hapag-Lloyd Cruises. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
Das könnte dich auch interessieren
Zur
Startseite