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Istrien: Die Schätze der Natur

 

Paziner Kekse aus dem Feuer und Scampi aus der Kvarner-Bucht: Die Halbinsel Istrien hat sich zu einer Destination für Genießer entwickelt. Orte wie Pula oder Rovinj an der Westküste haben aber auch eine Menge Sehenswertes zu bieten.

Erinnert an Venedig: Die Altstadt von Rovinj an der Westküste Istriens war früher eine Insel und ist heute immer noch beinahe ganz vom Meer umschlossen – und tatsächlich spaziert man in den engen Gassen durch viel venezianische Vergangenheit.
Erinnert an Venedig: Die Altstadt von Rovinj an der Westküste Istriens war früher eine Insel und ist heute immer noch beinahe ganz vom Meer umschlossen – und tatsächlich spaziert man in den engen Gassen durch viel venezianische Vergangenheit.

Foto: Eibner Europa/imago images

Das Feuer im offenen Kamin haben Davorka Šajina und ihr Mann Vjeran schon am Morgen geschürt. Wer sein Mittagessen in einer Peka schmurgeln will, muss früh aufstehen. Ob Schweinerippchen, Hefeteigbrot oder Paziner Kekse: Alles lässt sich in den feuerfesten Schüsseln unter der Glut zubereiten. Slow-Food-Fans dürften ihre helle Freude an dieser schonenden Art des Kochens haben.


„Für die Landbevölkerung war die Peka praktisch: Die Leute konnten auf dem Feld arbeiten, und zu Hause garte derweil ganz langsam das Mittagessen“, sagt Davorka. Heute kocht sie nach der traditionellen Methode für Einheimische und Touristen.

Bäuerlichen Traditionen begegnet, wer sich ins Hinterland Istriens begibt. In einer feuerfesten Schüssel, Peka genannt, werden alle möglichen Speisen schonend unter der Glut gegart – zum Beispiel das Trockengebäck Pazinski cukerancici, das Davorka Šajina gerade zubereitet.
Bäuerlichen Traditionen begegnet, wer sich ins Hinterland Istriens begibt. In einer feuerfesten Schüssel, Peka genannt, werden alle möglichen Speisen schonend unter der Glut gegart – zum Beispiel das Trockengebäck Pazinski cukerancici, das Davorka Šajina gerade zubereitet. Foto: Barbara Kantel


Beinahe alle Zutaten stammen von ihrem Agrotourismusbetrieb Ograde unweit von Pazin in Zentralistrien. Hühner, Enten, Gänse, Ziegen: Vielerlei Viecher kreuchen und fleuchen auf ihrem kleinen Bauernhof. Auch ein Rehbock stakst auf Davorkas Rufe heran. Das verwaiste Kitz haben Davorka und Vjeran mit der Flasche aufgepäppelt. Auf den Feldern wachsen Salat, Zucchini, Tomaten, Kartoffeln. „Für Urlaub haben wir keine Zeit“, sagt Davorka. „Aber wir lieben dieses Leben hier fernab aller Hektik.“


Davorka lupft den Metalldeckel über den Rippchen, ein köstliches Aroma verbreitet sich in der urigen Bauernstube. Salz, Pfeffer, Kräuter, Honig, ein Schuss Olivenöl: Mehr ist für den Wohlgeruch nicht nötig.


Die besondere Aufmerksamkeit gilt heute dem Nachtisch

Die Süßspeise Pazinski cukerancici ist ein istrisches Trockengebäck, das bei Hochzeiten serviert wird. Früher kamen alle Frauen eines Dorfes zusammen und halfen dabei, es zu backen. „Schon als Kind habe ich mit meiner Oma Maria diese Süßigkeit gebacken“, sagt Davorka.

Pazinski cukerancici ist ein istrisches Trockengebäck, das bei Hochzeiten serviert wird.
Pazinski cukerancici ist ein istrisches Trockengebäck, das bei Hochzeiten serviert wird. Foto: Barbara Kantel


Ob die Nachspeise auf venezianische oder österreichisch-ungarische Einflüsse zurückgeht? Schwer zu sagen. Viele Völker haben in Istrien geherrscht und ihre Essgewohnheiten mitgebracht. Entscheidend aber ist: Die Republik Kroatien hat die Kekse zum offiziellen Kulturgut erklärt.

Kochkurse locken Touristen aus der ganzen Welt

Touristen aus aller Welt reisen zu Davorkas Kochkursen am offenen Kamin an. „Kurz vor Weihnachten bekomme ich regelmäßig Fotos aus den USA mit Keksen nach meinem Rezept“, sagt Davorka und lacht.


Davorka beherzigt ein Prinzip, auf das Istrien insgesamt setzt: Man nehme die guten Zutaten, die die Halbinsel an der nördlichen Adria zwischen dem Golf von Triest und der Kvarner-Bucht im Überfluss bietet – und genieße. Massentourismus wie noch zu jugoslawischen Zeiten wird nicht so gern gesehen. Istrien hat sich zu einer Destination für Genießer entwickelt.


Im Kroatien-Krieg Anfang der Neunzigerjahre blieb Istrien weitgehend verschont, doch flüchteten viele aus den umkämpften Gebieten hierher. Der Krieg bedeutete auch für die Halbinsel eine Zäsur. Danach startete der Tourismus in eine neue Zeit.

Istrien ist reich an Natur

Rund ein Drittel des Landes ist mit Kiefern, Pinien, Zypressen und Steineichen bewaldet. Trutzige mittelalterliche Dörfer thronen auf grünen Hügeln. Links und rechts der Straßen schimmern die Blätter der Olivenbäume. Weinreben gedeihen auf den roten, mineralhaltigen Böden. Vorzugsweise weißer Malvasia und roter Teran werden hier produziert. Im Herbst schwärmen Trüffelsucher im Mirnatal aus. Kein Wunder, dass heute von Istrien als der neuen Toskana geschwärmt wird.

Das Amphittheater in Pula: In der Römerzeit fanden hinter diesen mächtigen Mauern tödliche Gladiatorenkämpfe statt.
Das Amphittheater in Pula: In der Römerzeit fanden hinter diesen mächtigen Mauern tödliche Gladiatorenkämpfe statt. Foto: KatarzynaTyl/Pixabay

Architektur zeugt von langer Geschichte

In den Städtchen an der Westküste herrscht im Sommer viel Trubel und sie verströmen historisches Flair: Das gewaltige Amphitheater in Pula erzählt von Gladiatorenkämpfen in römischer Zeit. In Porec hat die Unesco die Kathedrale des Bischofs Euphrasius aus dem sechsten Jahrhundert zum Weltkulturerbe erhoben. In der Altstadt von Rovinj wandelt man durch venezianische Vergangenheit: Enge Gassen führen unter geflügelten Löwenwappen hinauf zur Euphemia-Kirche mit ihrem alles überragenden Glockenturm, der dem Campanile des Markusdoms nachempfunden ist.


Und überall glitzert das kristallklare Wasser der Adria. An den Promenaden in den Städten sind Badestellen eingerichtet. An metallenen Geländern klettern die Schwimmer über Steine in die Wellen. Sandstrände haben Seltenheitswert.

In den Häfen schaukeln bunte Fischerboote – nicht selten eingerahmt von protzigen Jachten, die reiche Ausländer hier das Jahr über parken. In der Nebensaison sind die Fischer unter sich.


Die halbe Nacht haben Nino und Dani Boncompanjo draußen verbracht. Müde säubern sie im Fischerstädtchen Vrsar ihre Netze. Seezungen, Drachenköpfe und Goldbrassen haben sie direkt von Bord verkauft. Die nächste Nacht wollen Vater und Sohn aber lieber zu Hause bleiben: „Die Bora-Winde sind zu stark, das könnte gefährlich werden“, sagt Nino.

In den Häfen schaukeln die Boote im Wasser, mit denen die Fischer nachts zum Fischfang aufs Meer hinausfahren.
In den Häfen schaukeln die Boote im Wasser, mit denen die Fischer nachts zum Fischfang aufs Meer hinausfahren. Foto: Barbara Kantel

Ja, es gibt noch genug Fisch in der Adria, viel mehr als bei den Italienern.

Milorad Harasic


Ein paar Boote weiter steht Milorad Harašic. „Ja, es gibt noch genug Fisch in der Adria, viel mehr als bei den Italienern“, sagt er. Die Quoten etwa für den Thunfischfang sind streng. Die Schleppnetze am Meeresboden aber haben die Seezungenbestände dezimiert.


Wichtiger als volle Netze sind für Milorad mittlerweile die Touristen. Mit ihnen fährt er zum Angeln oder zur Delfinbeobachtung raus. „So werden die Delfine zu Freunden. Sonst mögen wir sie gar nicht, denn sie stehlen uns den Fang aus den Netzen“, sagt er.

Der Limski-Kanal eignet sich zur Austernzucht

Eine begehrte Meeresfrucht zieht Emil Sošic im Limski-Kanal zwischen Vrsar und Rovinj aus dem Wasser: Er züchtet Austern in dem nährstoffreichen Gemisch aus Salz- und Süßwasser.


Der zwölf Kilometer ins Landesinnere hineinragende Meeresarm steht unter Naturschutz. „Wasserverschmutzung gibt es hier nicht“, sagt Emil. Gefischt werden darf im Reservat aber auch nicht: „Und leider mögen die Goldbrassen unsere Austern ebenfalls liebend gern“, sagt der 40-Jährige und grinst.

Frischer geht’s nicht: Bei Emil Sošic kostet der Besucher Austern direkt aus dem Limski-Kanal. Das nährstoffreiche Wasser zwischen Vrsar und Rovinj eignet sich besonders gut für die Zucht.
Frischer geht’s nicht: Bei Emil Sošic kostet der Besucher Austern direkt aus dem Limski-Kanal. Das nährstoffreiche Wasser zwischen Vrsar und Rovinj eignet sich besonders gut für die Zucht. Foto: Barbara Kantel


Früher war Emil im Hotelgewerbe tätig, dann wagte er sich auf den Fjord. Viel Plackerei ist nötig, bis Feinschmecker nach drei Jahren das saftige Fleisch schlürfen können. Alle paar Monate muss Emil die schweren Käfige säubern und die Austern umsortieren. Besucher können nach Absprache bei ihm vorbeischauen, frisch aus dem Wasser gezogene Austern mit Zitrone beträufeln und gleich kosten. Frischer geht’s nicht.

Unbedingt nach Tagesangeboten fragen

Sitzt man am Abend bei einem Glas Malvasia im feinen Restaurant oder auch in einer gemütlichen Konoba am offenen Kamin, fragt man am besten nach dem Tagesangebot. Wer keinen Fisch aus der Gefriertruhe will, muss auch mal ein Schulterzucken vom Küchenchef akzeptieren: Nicht immer wollen die Fische so wie die Fischer.


Es gibt allerdings ganz besondere Adressen wie das winzige Lokal Damir & Ornella, ganz unscheinbar in Novigrads Altstadt gelegen: Die Inhaber haben sich auf rohen Fisch spezialisiert. Hier wird das Sushi nicht mit Sojasoße beträufelt, sondern mit Olivenöl. „Heute habe ich Scampi aus der Kvarner-Bucht und besonders feine, kleine Jakobsmuscheln“, sagt Damir Beletic dann zum Beispiel. Das Seebarsch-Sashimi filetiert er direkt am Tisch.


Und was tut Damir, wenn es stürmt und die Fischer im Hafen bleiben? Verschmitzt grinst der Lokalbetreiber und macht ein paar unbestimmte Handbewegungen. Das soll wohl heißen: Über gute Kontakte finden ein paar Schätze der Natur immer ihren Weg in seine Küche.

Tipps für deine Reise nach Kroatien

Istrien: Mit einer Fläche von etwa 3500 Quadratkilometern ist Istrien die größte Halbinsel an der nördlichen Adria. Sie befindet sich zwischen dem Golf von Triest und der Kvarner-Bucht. Der größte Teil gehört zu Kroatien, ein Teil des Nordens aber zu Slowenien und ein noch kleinerer Teil sogar zu Italien.

Anreise: Zum Beispiel mit Eurowings nach Pula oder mit Lufthansa nach Triest. Weiter geht’s mit dem Mietwagen.

Beste Reisezeit: Das mediterrane Klima lädt zu Besuchen von Frühjahr bis Spätherbst ein. Die Badesaison beginnt im Juni, mit ein bisschen Glück liegen die Wassertemperaturen aber auch im Oktober noch bei rund 20 Grad Celsius.

Einreise: Kroatien gehört seit Juli 2013 zur Europäischen Union. Es reicht ein gültiger Personalausweis.

Unterkünfte: Landhotel San Rocco: Feine Adresse im hügeligen Norden in einem umgebauten Gutshof mit exzellenter Küche.
Hotel Adriatic: Schickes Boutique-Stadthotel in Rovinj direkt am Hauptplatz und mit Blick auf den Hafen, im Sommer lebhaft.
Villa Cittar: Praktischer Ausgangspunkt für Ausflüge in Novigrad an der Straße zum Jachthafen.
Fernab von allem Trubel: Agrotourismus Ograde in Zentralistrien.

Restaurants: Liebhaber von rohem Fisch sind bei Damir & Ornella in Novigrad (Zidine 5) richtig. Am offenen Kamin werden in der Konoba Buščina bei Umag (Buščina 18) Steaks vom einheimischen Boškarin-Rind serviert.

Literaturtipps: Hilfreich zum Entdecken: Der „Istrien“-Reiseführer von Lore Marr-Bieger (Michael-Müller-Verlag, 18,90 Euro).
Mit spleenigem Charme: „111 Orte in Istrien, die man gesehen haben muss“ von Gerd Wolfgang Sievers (Emons-Verlag, 16,95 Euro).
Geschichten, Adressen und Tipps rund um die Halbinsel finden sich im aktuellen „Istrien-Magazin“ 2019.

Die Reise wurde unterstützt von Istrien-Tourismus. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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