Nester aus Plastik: Norwegens Vogel-Insel Runde versinkt im Müll

Norwegen: Berühmte Vogel-Insel Runde versinkt im Müll

500.000 Vögel kommen im Sommer auf die kleine Insel Runde in Westnorwegen zum Brüten, darunter Papageientaucher. Das zieht Touristen an. Einst waren die Nester aus Naturmaterialien, heute sind sie aus Müll. 

Papageientaucher auf Runde.
Papageientaucher brüten auf der Insel Runde.

Foto: imago images/blickwinkel

Alarm im Vogel-Paradies! Jedes Jahr kommen rund 100.000 Touristen auf die kleine, abgelegene Insel Runde in der Nähe von Ålesund in Norwegen, um Papageientauchern, Möwen, Basstölpeln, Krähen oder Raubmöwen beim Brüten zuzuschauen. Runde ist die artenreichste Vogelinsel in ganz Skandinavien, 500.000 Tiere brüten hier jeden Sommer.

Doch nun schockieren aktuelle Fotos und Videos des Naturfotografen Roger Brendhagen. Seit zehn Jahren besucht er die Insel regelmäßig, zuletzt vor ein paar Tagen. Und das, was er in den vergangenen Jahren zunächst vereinzelt sah, nimmt immer mehr zu: Brutstätten, die aus Müll bestehen. Aus Garn, Seilen, Netzen, Plastik.

Vor allem die Nester der Basstölpel sehen erschreckend aus: Sie sind nicht länger braun, sondern rot, blau, grün – weil sie nicht mehr aus Seetang bestehen, sondern aus Resten dessen, was an Unrat ins Meer gespült wird.

„Als ich die Bilder gesehen habe, habe ich fast geweint. So etwas Schlimmes habe ich noch nie gesehen“, sagt Brendhagen der Zeitung „Dagbladet“.

Immer mehr Brutstätten bestehen aus Plastikmüll

Brendhagen hält die Nester seit Jahren fotografisch fest. Schon 2016 und 2018 machte er alarmierende Aufnahmen – aber eben nicht in der Menge wie dieses Mal. Während die meisten Touristen mit bloßem Auge nicht zu den Brutstätten blicken können, fängt seine Kamera diese ein.

Martin Eggen von der Norwegischen Ornitologischen Vereinigung sagt: „Sie haben sehr einfach Zugang zu diesen Materialien – und wahrscheinlich haben die Vögel auch festgestellt, dass das Material stabil ist.“ Schon seit zehn Jahren würden Basstölpel und Co. Plastikmüll für die Nester benutzen, aber vor allem im vergangenen Jahr stieg die Verwendung dramatisch an: „Diese Bilder führen uns vor Augen, was mit dem Plastik im Meer passiert“, so Eggen.

Dass Basstölpel zum Nestbau jedes Material benutzen, das sie finden, ist nicht neu. Doch es wird immer mehr Plastikmüll, zum einen weil mehr Plastik im Ozean landet, zum anderen weil die Nester nicht mehr auf natürliche Weise abgebaut werden. So kommt jedes Jahr mit jedem neuen Nest noch mehr Müll hinzu. 

Dass die neuen Baumaterialien so stabil sind, hat für die Vögel auch Nachteile. Brendhagen erzählt, dass sich in den Brutstätten auch zahlreiche Kadaver befinden – von Vögeln, die sich in den Nestern verhakten und elendig verendeten. Nicht nur das Verheddern ist eine Todesursache, auch der Verzehr von Plastikteilen kann Vögel töten.

„Diese Nester sind reinste Todesfallen“, sagt Brendhagen. Er habe Nester mit ganzen Generationen verendeter Basstölpel gefunden, sagt Brendhaugen. Einige hätten sich aus Panik die Flügel gebrochen, als sie sich aus den Netzen befreien wollten. 

Das Müll-Problem hat Runde nicht allein: Laut Eggen zeigt sich entlang der norwegischen Küste an nahezu allen Brutstätten in Meernähe, dass Nester zunehmend aus Plastik und Fischernetzen bestehen. „Das Problem wächst uns über den Kopf“, warnt Eggen. Vor allem Basstölpel hätten zwar schon immer Nester aus allem gebaut, was sie finden, aber es sei eine Gefahr für die Tiere. 

Freiwillige räumen die Insel das Jahr über auf

Dabei ist Runde eigentlich sogar vorbildlich. Es gibt Freiwilligen-Gruppen, die das ganze Jahr über die Insel und den Strand säubern und aufräumen.

Die Bilder stören deshalb vor allem Menschen auf der Insel, die vom Tourismus leben – denn immer, wenn vermüllte Vogelnester in den Medien erscheinen, sinken die Touristenzahlen. „Die Leute denken, dass ganz Runde total vermüllt ist, dabei ist es eine sehr saubere Insel“, sagt ein Touristenführer dem „Dagbladet“.

Manche Drehorte – wie etwa Fair Head, in der Serie die Klippen von Drachenstein, – sind nur vom Wasser aus erreichbar. Die Klippe im Nordosten der Grafschaft Antrim ist die höchste Nordirlands.
Manche Drehorte – wie etwa Fair Head, in der Serie die Klippen von Drachenstein, – sind nur vom Wasser aus erreichbar. Die Klippe im Nordosten der Grafschaft Antrim ist die höchste Nordirlands. Foto: Sabrina Friedrich

Brendhagen erzählt der Zeitung, dass er vor 20 Jahren als Naturfotograf begonnen habe, um zu dokumentieren, wie schön die Natur sei. Nun gehe es ihm vor allem um Aufklärung, weshalb er nicht mehr nur die schönen Naturerlebnisse festhält – sondern wie im Fall Runde auch Bilder, die wehtun. 

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