Diese Frau (29) reist um die Welt – mit multipler Sklerose

Diese Frau (29) reist um die Welt – mit multipler Sklerose

Den Job kündigen und auf Weltreise gehen, ohne Rückflugticket – dieser Schritt verlangt Mut. Besonders, wenn man eine chronische Krankheit im Gepäck hat. Samira Mousa hat das große Abenteuer gewagt.

Samira Mousa reiste um die Welt.
Mit fast 30 Jahren lernt sich Samira auf ihren Reisen völlig neu kennen.

Foto: Eric Schütz

Ein Drittel ihres Gepäcks besteht aus Nahrungsergänzungsmitteln, und das nächste Krankenhaus darf nie zu weit entfernt sein – wenn Samira Mousa (29) reist, muss sie besser vorbereitet sein als die meisten Weltenbummler. Mit Anfang 20 wurde bei ihr MS diagnostiziert. 

Multiple Sklerose – was ist das überhaupt?

Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung des Nervensystems. In Deutschland leben rund 240.000 Menschen mit MS. „Und es ist wichtig zu wissen, dass keine zwei Menschen mit MS den Krankheitsverlauf komplett gleich erleben“, erklärt Samira. Weil multiple Sklerose schubförmig verläuft, gibt es Phasen, in denen es Samira sehr gut geht – oder sehr schlecht. Letztere sind bei ihr zum Glück selten. 

Die Diagnose war trotzdem erst mal ein ziemlicher Schock für sie. Plötzlich ist sie keine gesunde, junge Frau mehr, sondern muss sich daran gewöhnen, dass ihr Körper keine Maschine ist. 

Gleichzeitig ebnete die Diagnose den Weg für eine lebensverändernde Entscheidung: Vor zwei Jahren hat Samira alles hinter sich gelassen, um die Welt zu bereisen. Dem reisereporter erzählt sie vom größten Abenteuer ihres Lebens.

Schaff ich das? Die Sache mit der Angst

Schon vor der Weltreise war Samira viel unterwegs, auch mal für drei oder sechs Monate am Stück. Auf ihren Reisen hatte sie aber immer die „Endlos-Backpacker“ beneidet. „Ich wollte dieses Gefühl erleben, dass meine Zeit mir gehört.“

Die Entscheidung, sich tatsächlich ins Abenteuer Weltreise zu stürzen, wurde für Samira aber auch von vielen Ängsten begleitet. Zum Beispiel davor, dass sich ihr Gesundheitszustand unterwegs verschlechtert. Für Samira ist das aber kein Grund, zu Hause zu bleiben.

Ob krank oder nicht: Du hast niemals eine Garantie dafür, dass dir nie etwas passiert. Egal, wo du bist. 

„Eine gewisse Angst ist bei einer chronischen Krankheit immer da – egal, wo du bist.“ Und eigentlich habe ja ohnehin niemand eine Garantie, dass nichts passiert. Egal, ob chronisch krank oder nicht. „Im schlimmsten Fall wäre ich einfach wieder nach Deutschland zurückgekehrt.“

Ein Schub kommt für Samira nie plötzlich, sondern kündigt sich meist über eine Woche an. Dann spürt sie ein Kribbeln in der Hand oder sieht Doppelbilder – und hat genug Zeit, zur Behandlung mit Kortison ins Krankenhaus zu fahren. „So gesehen ist Durchfall schlimmer.“

Allerdings muss Samira viel planen, genug Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel für ihre Therapie einpacken, sich Zeit geben und schauen, dass annehmbare Krankenhäuser schnell erreichbar sind. Und wie jeder Weltreisende muss Samira sich überlegen, wie sie den Trip finanzieren kann.

Dafür hat sie eineinhalb Jahre neben ihrem 40-Stunden-Job gekellnert, ordentlich gespart und ihren Blog aufgebaut. Auf Reisen arbeitet sie jetzt als freie Texterin, schreibt für ihren Blog „Chronisch fabelhaft“ und hat bereits zwei Bücher geschrieben. Ihr zweites Buch „Und morgen die Welt“ erscheint am 7. Juni.

Samira trotzte ihren Ängsten und kann heute jedem, der zögert, sagen: einfach machen – solange das Bauchgefühl stimmt! Außerdem stellte Samira fest: Beim Reisen brauchte sie deutlich weniger Geld als für ihren Lebensunterhalt in Berlin. Besonders drastisch lernte sie diese Lektion in Juchitàn.

Dort besuchte sie einen Freund, den sie bei einem Schüleraustausch in Mexiko kennengelernt hatte. Zwei Monate vor ihrem Besuch hatte es in Juchitàn ein Erdbeben gegen, sie kam in ein zerstörtes Dorf – und war überwältigt von der Liebe, Großzügigkeit und Energie der Einheimischen, obwohl es an allem gefehlt hat. 

Sie traf Gleichaltrige, die ihre Karrieren auf Eis gelegt hatten, um das Dorf wieder aufzubauen und Spendenprojekte auf die Beine zu stellen. Und die ihr zeigten, was im Leben wirklich wichtig ist: Verbundenheit, Gemeinschaft und Zusammenhalt.

Go solo: Was du beim Alleinreisen über dich lernst

Trotzdem haben für Samira auch die Momente des Alleinseins ihren Reiz. In den vergangenen zwei Jahren war sie fast immer allein unterwegs.

Für Samira das Besondere am Alleinreisen: herausfinden, was die eigenen Wünsche sind und wie man Erfüllung findet. Ihr wurde bewusst: „Wir sind die Macher unserer eigenen Gedanken. Wir kreieren unseren Stress selbst und müssen ihn dann auch selbst ausbaden.“

Nach rund einem Jahr kam Samira wieder nach Hause, verbrachte den Sommer in Deutschland. „Aber ich war noch nicht richtig satt.“ Also packte die Berlinerin erneut ihre Koffer. „Im ersten Jahr bin ich extrem gewachsen, habe viel gelernt, teilweise auf die schmerzhafte Art.“

Nach Thailand, Indonesien, Mexiko, Kolumbien, Panama und Italien ging es für Samira im zweiten Jahr nach Vietnam, Australien und erneut nach Thailand, Kolumbien und Sizilien. „Für mich war das Entscheidende nie, möglichst viele Länder zu bereisen, sondern selbst zu entscheiden, wie lange ich an einem Ort bleiben möchte.“

Was Samira von ihren Reisen um die Welt gelernt hat

Beim Reisen hat Samira vor allem gelernt, Entscheidungen zu treffen, die ihrem Körper guttun und die ihr helfen, besser mit der Krankheit zu leben. „Ich und mein Körper sind eins, wir sind ein Team. Die denkende Samira kämpft nicht gegen den bösen Körper. Ich habe gemerkt, dass diese Einstellung besonders bei einer Autoimmunerkrankung falsch ist.“

Und die Erkenntnis scheint Früchte zu tragen: Zum Zeitpunkt ihres Gesprächs mit dem reisereporter ist Samira mehr als zwei Jahre schubfrei. Davor bekam sie etwa einmal im Jahr einen Schub.

Ob es am Reisen lag? „Natürlich ist Reisen auch stressig, aber anders stressig“, sagt Samira. Unterwegs habe sie Ruhe und eine völlig andere Selbsterfahrung erlebt. „Ich habe mich noch einmal völlig neu kennengelernt. Und das mit fast 30 Jahren.“

Samiras Motto: Vom Leben überraschen lassen – auch wenn die Überraschungen mit einer chronischen Krankheit etwas weniger werden.

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