Liebeserklärung an Sylt: Warum du auf die Nordsee-Insel musst

Liebeserklärung an Sylt: Warum du unbedingt hinmusst

Es ist leicht, sich in die Insel zu verlieben: Sylt umarmt dich, sobald du den Boden betrittst. Und lässt dich nicht los, wenn du gehst. Eine Liebeserklärung an die Nordsee-Insel von reisereporterin Jasmin.

Strand bei Sonnenuntergang auf der Insel Sylt.
Die Insel Sylt macht es dir leicht, dich in sie zu verlieben.

Foto: Jasmin Kreulitsch

Bei den Seefahrern ist die Kimme die Linie zwischen Meer und Himmel. Je klarer und schärfer die Kimme ist, desto größer stehen die Chancen, dass das Wetter beständig bleibt – und eine Schiffsreise gut geht.

Mit einem prüfenden Blick auf den Horizont pflegten nordfriesische Kapitäne dann zu sagen „Rüm hart – klaar kiming“ und meinten damit in etwa „Großes Herz – weiter Horizont“.

Auf Sylt scheint alles offen und alles möglich

Das sind vier Worte, die die Nordsee-Insel Sylt perfekt beschreiben. Denn wenn sich hier bei klarer Sicht Himmel und Meer berühren, habe ich immer das Gefühl, die Welt stünde verheißungsvoll offen.

Alles scheint möglich, um mich herum genauso wie in mir drin. Der Himmel wirkt so weit, dass ich mich beim Betrachten der Wolken unwillkürlich frage, woher sie überhaupt kommen, wenn doch der ganze Himmel des Universums sich nur hier, über dieser kleinen Insel in der Nordsee, zu konzentrieren scheint.

reisereporterin Jasmin auf der Insel Sylt.
Die Insel Sylt überzeugt reisereporterin Jasmin mit ihrer unendlichen Weite. Foto: Jasmin Kreulitsch

Es gibt Reiseziele, über die hat man Vorurteile. Sylt ist eines davon. Zu exklusiv, zu elegant, zu exaltiert schien mir diese Insel früher zu sein, über die man seit den 60er-Jahren die wildesten Geschichten hört.

Schon seit Jahrzehnten kommen die Promis zur Sommerfrische, um sich von der rauen See inspirieren zu lassen: Schauspiel-Legende Marlene Dietrich, Komponist Richard Strauss, die Literaten Max Frisch, Theodor Storm, Thomas Mann.

Dass nur die Reichen und Schönen hierherkommen, ist aber ein Klischee. Denn auch wenn Sylt gern als die „deutschen Hamptons“ oder das „Saint-Tropez des Nordens“ bezeichnet wird, ist es ein großer Irrtum, nur für Austern und Champagner nach Sylt zu fahren.

Es ist die Weite, es ist das große Herz, es ist der Horizont, die einen dazu bringen, jedes Vorurteil sofort über Bord zu werfen, egal ob am Weststrand oder am Wattenmeer. Sylt hat es mir leicht gemacht, mich in die Insel zu verlieben: Sie umarmt dich, sobald du ihren Boden betrittst.

Auf Sylt treffen die Facetten aufeinander

Auf Sylt kann man sich verlassen. Und verlassen fühlen, alles zur gleichen Zeit. Im Westen der Weststrand in Spektralfarben, stark und wild. Im Osten das Watt in Pastellfarben, zart und still. Die Nordsee ist häufig unberechenbar. Ihre Naturgewalten bringen Wind, Wogen und salzige Stürme, das Wattenmeer ist dafür stets verlässlich.

Die Tide ist treu, kommt alle sechs Stunden und gibt abwechselnd den Meerboden frei oder bedeckt ihn mit dem kühlen Nass. Die Ostseite der Insel ist seit 2009 Teil des Unesco-Weltnaturerbes und ein Mikrokosmos für sich.

Wattlandschaft vor der Insel Sylt.
Der Nationalpark Wattenmeer ist die größte zusammenhängende Wattlandschaft der Welt. Foto: Jasmin Kreulitsch

Wo sonst zieht sich das Meer so zurück und lässt mich dort wandern, wo normalerweise die Wellen wogen? Der Nationalpark Wattenmeer ist die größte zusammenhängende Wattlandschaft der Welt.

Gehe ich durch Sand und Schlick, über funkelnde Priele und wellenförmige Linien, durch die sich die Wattwürmer wühlen, wird mir klar, wie klein ich selbst bin in diesem großen Ganzen, das da vor mir liegt und in wenigen Stunden wieder unter Wasser versinken wird.

Sylt ist groß und klein zugleich

Komprimiert auf einer Fläche von 99,14 Quadratkilometern verstecken sich wilde Wasser, schroffe Klippen, geschwungene Dünen. Kegelrobben im Süden, Schafe im Norden, dazwischen Kaninchen und Kühe. Wanderdünen, auf denen man nicht wandern darf, weil sie ganz von allein wandern – dem stetig wehenden Westwind sei Dank.

Heide vor einer Sanddüne auf Sylt.
Zwischen Sand und Meer erstrecken sich die wilden Heidelandschaften. Foto: Jasmin Kreulitsch

Dunkelbraune, mit Reet gedeckte Häuschen mit moosbewachsenen Steinmauern davor, an deren Türen ich klopfen will, um zu sehen, ob die Schlümpfe zu Hause sind.

Wild wuchernde Heidelandschaften, durch die ich stakse, mich immer wieder umsehend, weil es sich anfühlt, als würde gleich ein Hobbit um die Ecke hüpfen. Und immer ist ein Krabbenbrötchen zur Stelle, wenn ich Lust darauf habe.

Sylt ist eigenartig und einzigartig zugleich

Am Strönwai in Kampen fließt allabendlich Champagner, vor den Lokalen parken Dutzende Porsche und Ferrari. Als Whiskymeile bekannt, gibt es keinen Ort, der im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr noble Geschäfte hat und wo teurer gefeiert wird. Bis zu 35.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche werden hier gezahlt – angeblich der teuerste Quadratmeterpreise der Republik.

Von den Läden der High-Class-Designer wie Hermès, Tod’s, Burberry oder Bulgari, die in reetgedeckten Häusern residieren, sind es nur wenige Minuten bis zur Dünenlandschaft, dem Heidekraut und Sylter Rosen. Schnell ist vergessen, wie extravagant die Insel mancherorts sein kann. Alles kann, nichts muss, das ist das Schöne.

Die einzige Konstante ist der Sand: Wenn du ohne nach Hause kommst, hast du etwas falsch gemacht. 

reisereporterin Jasmin aus einer Sanddüne.
Sand ist die einzige Konstante: Wenn du ohne nach Hause kommst, hast du etwas falsch gemacht. Foto: Jasmin Kreulitsch

Sylt hat viele Gesichter – Land wie Leute

Badegäste werden von Ur-Syltern gern mal skeptisch beäugt, das ist aber keiner Abneigung geschuldet, sondern der Tatsache, dass sie die Insel bald wieder verlassen werden.

Das große Herz der Insel musst du dir eben erst verdienen. Nämlich dann, wenn nicht  die Sonne scheint, sondern auch bei Schietwetter. Wenn die Insel ihre Gäste und ihren Glanz verliert und an den grauen Tagen Ecken und Kanten zeigt.

Strandkörbe am Sand-Strand von Sylt.
Badegäste auf Sylt werden nur komisch von den Einheimischen beäugt, weil sie bald wieder abreisen müssen. Foto: Jasmin Kreulitsch

Die nordische Schöne darf auch mal wütend sein. Erst, wer sich mal richtig hat durchpusten lassen, darf sagen, dass er Sylt kennt – und mag.

Gischt spritzt mir ins Gesicht. Eisige Wassertropfen verteilen sich tänzelnd auf meiner Nase. Eine Windböe erfasst mich mit voller Wucht und lässt mich schwanken. Ich nehme die Herausforderung an, drehe mich der Woge entgegen, lasse mich durchpusten. Mir wird warm ums Herz. Warm und weit.

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