„Ich muss euch vor etwas warnen“, beginnt Gerald Garner seine Tour durch Johannesburgs alten Stadtkern, den Central Business District (CBD). Und wir Gäste meinen zu wissen, was jetzt kommen muss: Überfall mit vorgehaltener Pistole, Messer am Hals oder zumindest werden wir nach der Tour den Geldbeutel vermissen.

„Nein, nein“, sagt der Gründer von „JoburgPlaces“ und lacht. Das sei in den acht Jahren seiner Tätigkeiten als Guide nur ein einziges Mal passiert. Und damals habe der Dieb seine Beute gleich wieder zurückgegeben.

Das Gefährlichste sei vielmehr, dass ein Tourist beim Bestaunen der viktorianischen Gebäude, der Art-déco-Hochhäuser oder der Betonklötze aus der Epoche des Brutalismus in einen offenen Kanalschacht stürzt. Denn deren eiserne Deckel werden regelmäßig von Altmetallsammlern gestohlen.

Ein Art-déco-Hochhaus in Johannesburg.
Bei einer Tour durch Johannesburg können Reisende die Art-déco-Gebäude bestaunen. Foto: Johannes Dietrich

Johannesburg gilt als gefährlichste Stadt Südafrikas

Schon wenn der Name Johannesburg fällt, rutscht manchem Südafrika-Urlauber das Herz in die Hose, als ob gerade das Wort Verbrecherhochburg gefallen wäre. Das Auswärtige Amt schreibt: Die Innenstadt sollte „nach Geschäftsschluss und insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit gemieden werden; an Sonn- und Feiertagen sollte man sich nur in Gruppen in den Innenstädten aufhalten“. Auch tagsüber sei erhöhte Vorsicht nötig.

Viele Reiseführer empfehlen, die Stadt bei einem Besuch aus Sicherheitsgründen ganz auszusparen – höchstens der Flughafen könne als Zwischenstopp in Anspruch genommen werden.

Was du in diesem Fall jedoch verpasst: Eine der dynamischsten Metropolen dieser Welt, die zweifellos vielfältigste Stadt Afrikas, ein Soziotop wie eine Wundertüte, die dauernd nachgefüllt wird.

Goldrausch ließ die Metropole rasant wachsen

Johannesburg ist die jüngste Metropole dieser Erde und eine der größten der Welt, die weder am Meer noch an einem See oder Fluss gelegen ist.

Ihre Existenz verdankt sie allein dem Edelmetall, das in ihrem Boden schlummerte: Einst wurden in und um Johannesburg herum 80 Prozent des weltweiten Goldes gewonnen. Die Stadt wuchs rasant: Schon acht Jahre nach ihrer Gründung 1886 zählte sie 80.000 Einwohner, weitere 20 Jahre später eine halbe Million.

Der zentrale Gandhi-Platz in Johannesburg.
Der zentrale Gandhi-Platz in Johannesburg. Foto: Johannes Dietrich

Damals lebten in Johannesburg mehr Millionäre pro Tausend Einwohner als irgendwo anders auf der Welt: In ihren besten Zeiten galt die Stadt als „Afrikas London“ oder „Afrikas New York“.

Noch heute zieht die Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole Einwanderer aus aller Welt an. Nur die Herkunft der Immigranten hat sich verändert. Waren es im vergangenen Jahrhundert vor allem Europäer und Nordamerikaner, sind es heute Gelegenheitssucher aus anderen Teilen des afrikanischen Kontinents – oder aus China, Indien und Pakistan, die hier trotz der rapide schwindenden Goldvorräte noch immer zahllose Chancen zum Geschäftemachen sehen.

Lebhafte Viertel, Rooftop-Bars und alte Bank-Zentralen

Garner und „JoburgPlaces“ bieten Rundgänge durch die lebhaftesten Quartiere der Innenstadt an, etwa durch den „Fashion District“, wo Textilverkäufer aus der halben Welt Kleider, Stoffe und Knöpfe feilbieten, oder „Little Addis“, wo Tausende exilierte Äthiopier ihren Geschäften nachgehen.

Wenn du bei Gerald Garner eine 1750 Rand (rund 110 Euro) teure Privattour für vier Personen buchst, kannst du das Ziel deines fast vier Stunden langen Rundgangs selbst bestimmen.

Deckenfenster in dem Gebäude der National Bank in Johannesburg.
In dem Gebäude der ehemaligen National Bank können Touristen den alten Glanz der Metropole entdecken. Foto: Johannes Dietrich

Du kannst dir die alten Bank-Zentralen, deren unterirdische Tresore und die ehemalige Börse zeigen lassen – den damals letzten Schrei der Architektur-Avantgarde.

Oder du bevorzugst Maboneng, das hippe Kneipenviertel im Industrie-Look, wo junge Südafrikaner aller Couleur ein relaxtes Zusammenleben ausprobieren. Hier gibt es Rooftop-Bars, ein Szene-Kino, Galerien und alle möglichen Restaurants: Der Kiez der Boheme ist der coolste Ort, den Johannesburg derzeit zu bieten hat.

Der Tresor der FNB in Johannesburg.
Während seiner Tour führt Guide Garner die Teilnehmer in Tresorräume und ehemalige Bank-Zentralen. Foto: Johannes Dietrich

Sechsmal, erzählt Buchautor Garner während der Tour, wurde Johannesburgs Central Business District fast vollständig abgerissen, um anschließend wieder neu aufgebaut zu werden: eine ständige, bis heute anhaltende Transformation. Ein Stadtteil geht unter, während ein anderer eine Renaissance erfährt.

City-Touren durch Johannesburg: Für jeden Geschmack etwas dabei

„JoburgPlaces“ ist der Rolls-Royce unter den City-Tour-Organisationen – mit Scones und Cappuccino zum Frühstück und opulentem Lunch. Für die Entdeckung der Überraschungsstadt gibt es jedoch auch andere Gefährten, etwa den roten Doppeldecker-Bus, den du bei jeder Sehenswürdigkeit verlassen kannst, um die Tour später mit dem nächsten Hop-on-hop-off-Bus fortzusetzen.

Gewiss eine preiswertere und schnellere Annäherung an die „World Class African City“ (Johannesburgs Eigenwerbung) als das individuelle Konzept von „JoburgPlaces“ – dafür aber auch wesentlich distanzierter.

Wer, umgekehrt, noch näher ran will, kann sich Gilda Swanepoel und einer ihrer kulinarischen Erkundungstouren durch einige der bekanntesten Stadtteile anschließen. Und wer ganz abenteuerlustig drauf ist, folgt den Guides von „Dlala Nje“ durch das berühmt-berüchtigte Ponte-Hochhaus sowie das benachbarte Immigranten-Viertel Hillbrow.

Der Ponte Tower: Ein Zeitzeuge der Stadtentwicklung

Das runde Ponte, einst der höchste Wohnturm Afrikas, repräsentiert wie kaum ein anderes Gebäude die Zeitläufte der Stadt im vergangenen halben Jahrhundert: Gebaut als letzter Schrei für junge, weiße Städter in den 70er-Jahren, kam es im Verlauf der 80er- und 90er-Jahre zu einem Verbrechernest herunter, in dessen Innenhof sich der Müll bis zum dritten Stock anhäufte.

Schließlich wurde es zu einem Hochsicherheitswohnsilo renoviert, in dem heute vor allem Afrikaner aus anderen Teilen des Kontinents leben.

Der Ponte Tower in Hillbrow.
Das Ponte-Hochhaus im Stadtteil Hillbrow wurde in den 70er-Jahren gebaut. Foto: imago/Westend61

Für den Dlala-Nje-Gründer und Fernsehjournalisten Nickolaus Bauer ist der Ruf Hillbrows als Hochburg des Verbrechens einem „Missverständnis“ zuzuschreiben, das nur die eigene Erfahrung aus dem Weg räumen kann.

Für umgerechnet rund 15 Euro sollst du in Hillbrow Einblicke in eine Welt gewinnen, die dir womöglich so fremd wie die Rückseite des Mondes vorkommt – und doch herzlicher und lebhafter als deine Nachbarschaft ist. Wetten?

Transformation der Stadt: Restaurant in Tresorräumen

Falls das alles doch zu abenteuerlich erscheint: Auch „JoburgPlaces’“ Rundgänge durch den Fashion District, Little Addis, Maker’s Valley oder das Uni-Viertel Braamfontein führen in andere Welten – und das von einem komfortablen Stützpunkt aus. Denn Garner hat am zentralen Ghandi-Platz mitten im CBD ein ehemaliges Bankgebäude erworben, in dem selbst verwöhnteste Wünsche erfüllt werden.

Das Innere eines ehemaligen Bankgebäudes in Johannesburg.
Ein ehemaliges Bankgebäude im Central Business District (CBD) hat Guide Garner zum Hauptsitz für seine Tour gemacht. Foto: Johannes Dietrich

Mit einem rosaroten Gin-Tonic in der Cafeteria Scatterling im Erdgeschoss, einem sechsgängigen Menü im ausgefallenen Restaurant Zwipi in den unterirdischen Tresorräumen des Gebäudes sowie einem Boutique-Hotel in den oberen Etagen der ehemaligen Bank, das in den kommenden Monaten fertig werden soll.

Über allem steht jedoch der Vorbehalt, der in der Transformationsmetropole immer und für alles gilt: Was heute noch so war, kann schon morgen wieder ganz anders sein.

Tische in dem Restaurant Zwipi in Johannesburg.
Beispiel für die Transformation der Stadt: Das Restaurant Zwipi liegt in einem alten Tresorraum. Foto: Johannes Dietrich