Galicien: Nirgendwo ist Spanien so grün wie hier | reisereporter.de

Galicien: Nirgendwo ist Spanien so grün wie hier

Die Flora und Fauna sowie die Feste locken auch in der Nebensaison viele Reisende in den Nordwesten von Spanien. Aber Galicien bietet mehr als Kamelien und Karneval. reisereporter Hans-Martin verrät, was.

Hans-Martin Koch
Karneval in Galicien: In Cobres sind die tanzenden „Madamas e Galáns“ eine Attraktion.
Karneval in Galicien: In Cobres sind die tanzenden „Madamas e Galáns“ eine Attraktion.

Foto: Hans-Martin Koch

„Der Regen hier“, sagt Carlos Guerra, „der Regen hier in Galicien ist Kunst.“ Na denn. Heute hat der Regen Santiago de Compostela in glänzendes Grau und Beige und alle Töne von Granit gewaschen.

Jetzt macht er Pause und es wird klar, warum es eine gute Idee ist, die sonst von Jakobsweg-Pilgern geflutete Stadt in der Nebensaison zu besuchen – und sei es im Februar.

Der Regen hier in Galicien ist Kunst.

Carlos Guerra, Touristenführer

Die Stadt atmet durch, die Kathedrale hat sich ein Tuch über die prächtige barocke Westfassade gezogen und hübscht sich auf, der Regen hat an ihr genagt. In den Bars, den Bodegas und der Markthalle läuft alles entspannt. Die Ruhe vor dem Sturm. Carlos Guerra, der Guide, kennt noch weitere gute Gründe, Galicien genau jetzt zu besuchen. Und der nicht so gute Grund, na ja, der ist eben Kunst.

Galicien, das Land im Nordwesten von Spanien, liegt am Ende der Welt. Davon gibt es so einige auf der Erde. Hier ist es das Kap Finisterre mit seinen schroffen, steil in den Atlantik stürzenden Felsen. Am Kap steht das letzte Schild des Jakobswegs: „0,00 K.M.“

Kilometer Null: Der letzte Kilometerstein des Camino a Fisterra ist der Endpunkt des Jakobsweg am Kap Finisterre in Galicien.
Kilometer Null: Der letzte Kilometerstein des Camino a Fisterra ist der Endpunkt des Jakobsweg am Kap Finisterre in Galicien. Foto: imagebroker/imago images


Weiter geht es nicht, mehr Naturgewalt mit peitschendem Wind geht auch nicht, mit tosendem Wasser und grandiosem Sonnenuntergang – wenn sie sich denn zeigt, die Sonne. Jakobspilger, die auch die 80 Kilometer von Santiago de Compostela hierher wandern, verbrennen ihre Kluft an diesem Ende des Weges. So will es das Ritual.

Ums Kap erstreckt sich die Costa da Morte, die Todesküste.

Geschichten über Piraten und zerschellende Schiffe gehen ins Sagenhafte. Das letzte Schreckenskapitel öffnete sich im Jahr 2002, als der Öltanker „Prestige“ zerbrach, 2900 Kilometer Küste verdreckten, 250.000 Seevögel starben. Das Wrack verrottet in fast vier Kilometer Tiefe. Das Meer samt zerklüfteter Küste hat sich erholt. Rias nennen die Galicier die Meeresarme, die sich trichterförmig tief ins Land furchen. Sie erinnern an Fjorde.

Sandstrände, Fischerdörfer, Hafenstädte reihen sich aneinander. Die Ria de Arousa ist die größte und voll mit 1.800 Bateas, aus Eukalyptusholz gebauten Plattformen für die Zucht von Mies-, Jakobs- und Venusmuscheln, auch von Austern.

Touristenboote durchqueren die Rias, dazwischen tuckern kleine Fischerboote. Im Hafen von O Grove zeigt Fischer Agapato seinen Fang: eine Handvoll Fische für zu Hause, zwei Seepferdchen – die wird er Schulen geben – und ein paar Seespinnen, die werfen ein paar Euro ab in den Restaurants am Hafen. Viel ist das nicht. Agapato wirkt dennoch zufrieden.

Fisch und Meeresfrüchte, die in der Region frisch gefangen werden, spielen in der loaken Küche eine große Rolle.
Fisch und Meeresfrüchte, die in der Region frisch gefangen werden, spielen in der loaken Küche eine große Rolle. Foto: Hans-Martin Koch


Meeresfrüchte prägen die galicische Küche

Im Kern ist diese Küche pur, direkt, ohne aufgesetzte Raffinesse. Zu den Spezialitäten zählen Percebes, Entenmuscheln, die mühsam in der Brandung von Felsen gekratzt werden. Eine gefährliche Arbeit; entsprechend rar und teuer sind die Muscheln.

Aber es gibt reichlich Alternativen. Zum Fisch passt ein Glas Albariño, ein leichter, frischer Weißwein. Carlos kommt beim Essen ins Schwärmen, weiß, wo es den leckersten Pulpo gibt, dass man ihn mit der Schere in Stücke schneidet und lauwarm von Holztellern mit Zahnstochern isst, und natürlich haben sie hier die weltbesten Venusmuscheln und Austern. Aber das ist wie mit dem Ende der Welt – das haben sie an anderen Orten auch.

Nirgendwo ist Spanien so grün wie in Galicien

„Wir haben hier vier Tage Sonne im Jahr“, scherzt Carlos, aber natürlich kennt er die Statistik, die im Schnitt rund 150 Regentage im Jahr ausweist, das ist Rekord in Spanien.

Galicien ist Kamelienland. Es gibt keinen Park in dem sie nicht zu Hunderten, zu Tausenden kultiviert werden.
Galicien ist Kamelienland. Es gibt keinen Park in dem sie nicht zu Hunderten, zu Tausenden kultiviert werden. Foto: Hans-Martin Koch


Die Natur bietet schon früh im Jahr eine kaum zu fassende Pracht an Farben. Galicien ist Kamelienland. Es gibt keinen Park, in dem sie nicht zu Hunderten, zu Tausenden kultiviert werden. Immer neue Arten werden gezüchtet, 8.000 müssen es sein, eine ist sogar nach Loki Schmidt, der Ehefrau des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, benannt. Kamelien sind eine Passion, eine Wissenschaft für sich – oder einfach schön.

Besonderen Zauber verbreiten die Kamelien, wenn die Sonne die letzten Regentropfen auf Blüten in allen Schattierungen von Rosa, Rot und Weiß und manchmal sogar fast Schwarz glitzern lässt.

Prächtige Herrenhäuser wie im Pazo de Rubianes bilden das Zentrum der Parks an der Kamelienroute. Manche öffnen die Türen für Besucher.
Prächtige Herrenhäuser wie im Pazo de Rubianes bilden das Zentrum der Parks an der Kamelienroute. Manche öffnen die Türen für Besucher. Foto: Turismo de Galicia

Eine Kamelienroute führt zu zwölf großen Parkanlagen

Eine Kamelienroute führt nah an der Küste vorbei an Eukalyptuswäldern von A Coruña im Norden bis Vigo im Süden zu zwölf großen Parkanlagen, in denen die Kamelien von Januar bis April blühen.

Jeder Park besitzt Besonderheiten, aber in fast allen stehen eine Kapelle, ein Taubenschlag und ein auf Stelzen gebauter Maisspeicher. Diese Hórreos wirken ein wenig wie Sarkophage, auf ihrem First befinden sich ein Kreuz und gegenüber die keltische Fica, ein pyramidenförmiges Symbol für Fruchtbarkeit.

Nebensaison, das ist auch die Zeit der Feste, die vor allem den Einheimischen gehören. „Festivals of Tourist Interest“ listet eine Broschüre auf.

Aber noch bleiben die Galicier weitgehend unter sich, etwa bei ihren sehr speziellen bäuerlichen Karnevalsfeiern. Auch für Nichtjecken lohnt der Weg in abseits gelegene Dörfer, zu denen sich schmale Straßen über Höhenrücken und längs kleiner Flüsse schlängeln.

In den Dörfern um Ulla kleiden sich die Generäle für die verbalen Schlachten in Fantasie-Uniformen.
In den Dörfern um Ulla kleiden sich die Generäle für die verbalen Schlachten in Fantasie-Uniformen. Foto: Turismo de Galicia


Noch hält sich die Tradition der Karnevals, aber die Landflucht der Jungen dünnt den Nachwuchs aus. Noch führen die mit riesigen Federhüten gekrönten „Generale“ von Ulla vom Pferd aus mit Hohn und Spott gespickte Wortschlachten.

Noch ziehen in Cobres elegante „Madamas e Galáns“ in ihren aufwendigen Kostümen tanzend von Hof zu Hof. Aber wie lange noch?

Besser bestellt ist es in Laza. Sehens- und hörenswerter Höhepunkt ist der Karnevalssonntag. Stars sind die Peliqueros. Sie tragen eine aufwendige Kluft mit Brokatjäckchen über weißem Hemd und Krawatte, über der Schulter ein Schaltuch, um die Hüfte eine meterlange, stramm gewickelte rote Schärpe, dazu weiße Spitzenstrumpfhosen unter der mit Bommeln gesäumten Kniebundhose und bunte Strumpfbänder.

Die Peliqueros rennen peitschenschwingend durch Laza

Die Gesichter verschwinden hinter grinsenden Holzmasken, die in Darstellungen von Tiger, Wolf, Adler, Hirsch und anderen stolzen Tieren münden. Die Peliqueros hängen sich noch vier, fünf, sechs schwere Kuhglocken um die Hüfte und rennen lärmend und peitschenschwingend durch das Dorf.

Bis zu 150 Männer sind an dem Spektakel beteiligt, und niemand sollte sich ihnen in den Weg stellen.

Vorsicht vor den Peitschen! Die Peliqueros mit ihren Kopfbedeckungen sind die höchste Autorität beim Bauernkarneval von Laza.
Vorsicht vor den Peitschen! Die Peliqueros mit ihren Kopfbedeckungen sind die höchste Autorität beim Bauernkarneval von Laza. Foto: Turismo de Galicia

Getrunken wird schon am Morgen ein giftgrüner, hausgemachter Kräuterschnaps. Den muss man mögen.
Es kommt noch härter in Laza: Am Montag fliegen massenhaft mit Schlamm getränkte Lumpen durch die Gegend, am Dienstag kommen Mehlkanonen zum Einsatz, am Ende werden mit Essig gereizte, bisswütige Ameisen in die Menge geworfen. Das muss man nicht mögen.

Der Karneval in den Städten ist entspannter

Da ist der Karneval in den Städten doch entspannter, in Ourense wird in den Straßen getanzt, auch in Pontevedra, wo zum Finale symbolisch ein stadtberühmter Papagei begraben wird. Er hatte vor gut hundert Jahren einem Apotheker Besucher angekündigt – der Vogel bekam sogar ein Denkmal.

Zurück in die Stadt der Pilger. Santiago, den Regen und die Kamelien hat schon der Dichter Federico García Lorca in seinen Werken besungen. Und in Andalusien, wo sie auf dem Trockenen sitzen, lästern sie: „Wer in Galicien geboren wird, kommt mit einem Regenschirm zur Welt.“

Santiago de Compostela ist nicht nur die Hauptstadt der spanischen Region Galicien. Sie ist auch der Endpunkt des Jakobswegs. Ein Besuch der Kathedrale gehört für Pilger zum Pflichtprogramm.
Santiago de Compostela ist nicht nur die Hauptstadt der spanischen Region Galicien. Sie ist auch der Endpunkt des Jakobswegs. Ein Besuch der Kathedrale gehört für Pilger zum Pflichtprogramm. Foto: Hans-Martin Koch

Im Winter tröpfeln Pilger in die Stadt

Zwei Pilger stehen an diesem Nachmittag, die Pelerine über die Rucksäcke gezogen, etwas verloren auf der im Sommer überlaufenen Praza do Obradoiro vor der Kathedrale, blicken an der verpackten Fassade hoch. Übers Jahr werden wieder um die 350.000 Pilger in die Stadt strömen.

Sie werden die Hände an die Mittelsäule des Pórtico de la Gloria legen, dem Apostel Jakobus danken und auf den Botafumeiro warten. Das ist dieser gigantische, 1,60 Meter große, 54 Kilogramm schwere Weihrauchkessel, der im Sommer an einem 66 Meter langen Seil durch die Kathedrale schwingt und die irdischen Heerscharen symbolisch reinigt. Jetzt hängt er seitlich im Dämmerlicht.

Aber auch in der Nebensaison kann man eine Ahnung davon bekommen, was im Sommer los ist. Denn schon am Morgen quäkt in der Unterführung zur Kathedrale die Gaita, der Dudelsack der Galicier. Tolle Akustik hier, es quäkt und pfeift in den Ohren. Das kann man mögen – oder den Regenschirm aufspannen und weiterziehen.

Tipps für deine Reise nach Galicien

Anreise: Santiago de Compostela ist auch in der Nebensaison von vielen deutschen Flughäfen aus zu erreichen. Direktflüge bietet zum Beispiel Iberia von Hamburg aus an. Vor Ort geht es am besten mit dem Mietwagen weiter.

Beste Reisezeit: Das Klima in Galicien ist von Mai bis September ideal. Um Land und Leute kennenzulernen, empfiehlt sich aber die nassere Nebensaison. Die Kamelienblüte ist am schönsten zwischen Januar und März und reicht bis in den April. Die liebevoll angelegten Gärten und Parks eignen sich aber als Ganzjahresziel.

Essen: Galicien ist ein Land des Meeres. Meeresfrüchte, kreativ zubereitet, gibt es in Santiago de Compostela zum Beispiel in der Taberna Mama Peixe (Rúa da Algalia de Arriba 45). Hauptgerichte kosten zwischen 12 und 25 Euro.

In Cambados, Hauptstadt des Albariño-Weißweins, empfiehlt der Michelin-Führer das elegante Pandemonium von Antonio Botana (Rúa Albariño 16). Menüs kosten etwa 45 Euro.

Tintenfisch auf klassische rustikale Art bietet die geheimtippverdächtige Pulpería Asador A Feira in Ourense (Rúa Beato Sebastián Aparicio 4). Pulpo auf dem Holzteller wird für rund 10 Euro serviert.

   

Diese Reise wurde unterstützt von Turismo de Galicia. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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