Im Nachtzug durch Europa: Wie romantisch ist die Reise wirklich?

Reisen im Nachtzug: Wie romantisch ist das wirklich?

Stichwort Nachtzug. Da denken viele an Nostalgie, Slow Travel und einen Hauch Romantik – nicht an schnarchende Mitreisende und schlaflose Nächte. Wie ist es wirklich? Ein Erfahrungsbericht von reisereporterin Leonie.

Der Venice-Simplon-Orient-Express am Berliner Hauptbahnhof.
Champagner im Bordrestaurant? So luxuriös wie der Venice-Simplon-Orient-Express sind die wenigsten Nachtzüge.

Foto: imago images/epd-bild/JuergenxBlume

Vor den Zugfenstern ziehen gemächlich malerische Landschaften vorbei, während dich das sanfte Rattern des Zuges in den Schlaf wiegt – so oder so ähnlich stellen wir uns Fahrten im Nachtzug vor. Hält die Realität, was diese romantische Idee verspricht?

Jein. Die Antwort ist in dem Fall ebenso uneindeutig, wie Nachtzugfahrten verschieden sind. Ich bin schon im Nachtzug von Oslo nach Bergen, von München nach Florenz und von Stockholm nach Kiruna gereist. Und jedes Mal war die Erfahrung eine völlig andere. 

Reisen im Nachtzug: Zwischen Platzangst und Panorama

Meine erstes Nachtzug-Erlebnis war Teil einer fast 20-stündigen Odyssee von Stralsund nach Italien. Nach rund acht Stunden Fahrt nach München hatte ich den Kaffee fast schon auf. Dann noch die Nacht in der stickigen Zugluft verbringen? Keine wirklich rosige Aussicht. 

Und ja, es war ungemütlich, stickig, und viel geschlafen habe ich auch nicht – aber vor Aufregung. An diese Reise kann ich mich viel besser erinnern als an irgendwelche Flugreisen.

In den frühen Morgenstunden, ich glaube, es waren noch ein, zwei Stunden bis zum Bahnhof von Florenz, floh ich aus dem engen Schlafabteil und setzte mich in eines der normalen Abteile. Beobachtete, wie die vorbeisausenden Städte und italienischen Landschaften immer heller wurden. 

Irgendwann kam ich mit einem anderen Passagier ins Gespräch. Er erzählte mir von einem Start-up, das er mit Freunden gründete. Ich weiß nicht mehr, wie er oder sein Unternehmen hießen, wie alt er war oder woher er kam. Aber ich weiß noch, dass ich unser Gespräch gleichzeitig inspirierend und irgendwie beruhigend fand – genau wie die Zugfahrt. 

Nachtzugfahrten sind vielleicht nicht romantisch, aber charmant

Genauso habe ich mich auch bei den anderen Nachtzugfahrten gefühlt – trotz ausgefallener Heizung in Lappland, einem Kleinkind, das mitten in der Nacht plötzlich von der Pritsche neben meiner rumste, schnarchenden oder sehr laut atmenden Passagieren und Pass- und Ticketkontrollen in der Nacht.

Klar, fliegen wäre schneller. Durch die lange Anreise habe ich aber länger Zeit, mich auf das Ziel zu freuen oder mit mitreisenden Fremden und Freunden Gespräche zu führen, die irgendwie tiefer zu gehen scheinen als auf festem Boden. Oder um einfach meinen Gedanken nachzuhängen.

Sich bewusst zu werden, welche Strecke man zurücklegt, sich Zeit zu nehmen für eine Reise, hat wirklich fast etwas Meditatives. Und am Ende kam ich bisher immer noch ein bisschen müde, aber trotzdem ziemlich glücklich an meinem Reiseziel an.

Was ich beim nächsten Mal anders machen würde? Ohropax und Kuschelsocken einpacken. Und – auch wenn es günstiger ist – statt eines Sitzplatzes immer den Liegewagen buchen. 

An Schlaf war in sitzender Position zwischen Oslo und Bergen nämlich nicht zu denken. Einziger Vorteil: So habe ich zwischen den Nickerchen immer wieder die vollkommen surreal schöne Landschaft von Norwegen im sanften Dämmerlicht der nordischen Sommernächte beobachtet. Oder habe ich das nur geträumt?

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