Kapverden: Urlauber können Schildkröten schützen | reisereporter.de

Auf den Kapverden können Urlauber Schildkröten schützen

Auf der Kapverden-Insel Sal legen Meeresschildkröten ihre Eier an den kilometerlangen Stränden ab. Touristen können sie dabei beobachten und ein Nest adoptieren. Für 40 Euro sind sie kinderreich.

An Land etwas schwerfällig, im Wasser aber geübte Schwimmer: Unechte Karettschildkröten werden bis 1,10 Meter lang und 110 Kilogramm schwer. Sie stehen unter strengem Schutz.
An Land etwas schwerfällig, im Wasser aber geübte Schwimmer: Unechte Karettschildkröten werden bis 1,10 Meter lang und 110 Kilogramm schwer. Sie stehen unter strengem Schutz.

Foto: Constanze Lehmann

Die rote Lampe leuchtet, es ist das vereinbarte Zeichen! Albert Taxonera hat gefunden, wonach die Gäste suchen – eine riesige Meeresschildkröte. Jetzt heißt es Augen auf. Nur eine schmale Mondsichel spiegelt sich im Meer. Sie taucht den schönsten Strand der Insel in schummriges Licht.

Mutter Schildkröte lässt sich durch die Zuschauer nicht stören. Eierlegen ist schließlich harte Arbeit. Da darf man nicht zimperlich sein. Rund vier Meter vom Wasser entfernt baut sie ein Nest. Bodentemperatur und Sandqualität sind hier offenbar genau richtig. Mit dem Schwanz wird kurz vorgebohrt, dann kommen die Hinterflossen zum Einsatz. Sie schaufelt unermüdlich, bis das Loch etwa 50 Zentimeter tief ist.

Die frisch geschlüpften Schildkrötenbabys werden eingesammelt und im Schutz der Dunkelheit am Strand ausgesetzt.
Die frisch geschlüpften Schildkrötenbabys werden eingesammelt und im Schutz der Dunkelheit am Strand ausgesetzt. Foto: Constanze Lehmann

Dann platziert sie ihren Hinterleib darüber und legt los – im wahrsten Sinn des Wortes. Dutzende Eier plumpsen nach und nach in die Kuhle. Sie sehen aus wie Tischtennisbälle, nur eben weicher. Als jemand sein Handy zückt, um das einmalige Naturschauspiel aufzunehmen, geht Albert dazwischen. „Kein Blitzlicht!“, ruft er leise. Warum, das wird wenig später deutlich.

Schildkröte legt fast 100 Eier in den Sand

Die gepanzerte Dame zeigt Ausdauer. Zwischendurch macht sie zwar kleine Pausen, um kurz zu verschnaufen, aber am Ende liegen fast 100 Eier im Nest. Mit letzter Kraft deckt sie das Gelege mit Sand ab. Und dann fehlt ihr der Rückwärtsgang. Schwerfällig versucht sie, ihren massigen Körper wieder Richtung Meer zu drehen. Doch als das fast geschafft ist, kommt die Zivilisation dazwischen. Autoscheinwerfer nähern sich. Und dann geschieht das Unfassbare: Sie macht kehrt und marschiert landeinwärts.

Entsetzen macht sich breit. Sollte die Mondsichel zu schwach sein, um dem Tier den Weg zurück in den rettenden Atlantik zu weisen? An Land sind Meeresschildkröten eher schwerfällig unterwegs. Größe und Gewicht verhindern Geschwindigkeit. Und anders als Landschildkröten sind sie auch nicht in der Lage, sich bei Gefahr in ihren Panzer zurückzuziehen. Mitunter irren sie auf der Insel Sal tagelang durch die Hitze und sterben dann qualvoll. Ihr Element ist das Meer. Hier sind die geübten Schwimmer mit bis zu 30 Kilometern pro Stunde recht flott. Normalerweise tauchen sie nur zum Atmen auf. Fast eine Stunde und mehr als 100 Meter tief können sie unter Wasser bleiben.

Ein Landgang ist für Meeresschildkröten nicht ungefährlich. Die Männchen meiden das Festland komplett, die Weibchen kriechen nur zum Eierlegen aus dem Wasser. Orientierung bietet ihnen dabei ausschließlich das Mondlicht. Damit sie nicht abgelenkt werden, müssen selbst die Begleiter der nächtlichen Nestpatrouille dunkle Kleidung tragen und Rotlichtlampen nutzen.

Als das Auto endlich in der Nacht verschwindet, kriegt Mutter Schildkröte doch noch die Kurve und schleppt sich ins rettende Meer. Das war knapp.

Tiere stehen mittlerweile auf der Roten Liste

Auf den Kapverden lebt die weltweit drittgrößte Population der Unechten Karettschildkröte. Bis vor einigen Jahren standen die Tiere hier noch auf der Speisekarte. Jetzt stehen sie auf der Roten Liste. Seit Mai vergangenen Jahres landen Wilderer sogar hinter Gittern, wenn sie erwischt werden.

Und dann sind da noch die Naturschützer des Projeto Biodiversidade. Sie kontrollieren auf der Insel Sal die Niststrände, betreiben Brutstationen und begeistern Urlauber wie Einheimische gleichermaßen für die Belange der Tiere.

Albert Taxonera ist Co-Direktor des Projeto Biodiversidade.
Albert Taxonera ist Co-Direktor des Projeto Biodiversidade. Foto: Constanze Lehmann


Albert Taxonera ist seit Jahren dabei. Inzwischen als Co-Direktor. Er gibt seine Schützlinge auch zur Adoption frei. In der Brüterei neben den Riu-Hotels in Santa Maria können die Gäste ein Nest unter ihre Fittiche nehmen. 40 Euro – und sie sind kinderreich.

Der Name des Paten steht dann auf einer Tafel, genau wie die Zahl der Eier im Sand. Wenn die Jungen Wochen später schlüpfen, erhalten die Adoptiveltern eine Mail mit Fotos und Informationen vom Nachwuchs.

Reisende können Schildkrötennester adoptieren

Die Adoption ist mehr als ein Gag. Täglich um 17 Uhr versammeln sich die Urlauber an den abgesteckten Planquadraten. Was aussieht wie ein Urnenfeld, ist genau das Gegenteil – nämlich die Wiege der nächsten Schildkrötengeneration.

Hunderte Nester, die von den Muttertieren zu dicht am Wasser, zu ungeschützt vor Lichteinwirkung oder aus anderen Gründen schlecht platziert wurden, haben die Aktivisten vom Projeto Biodiversidade hierhin umgebettet. Samt Sand vom Fundort. Alles per Hand.

Je höher die Nestnummer, desto erfolgreicher der Jahrgang. Und die Zahlen steigen. Das Brüten übernimmt die Sonne. Sie sorgt für wohlige Wärme im Sand. Und bestimmt auch, wie viele Mädchen oder Jungen aus den Eiern schlüpfen. Je heißer es im Nest zugeht, desto mehr Frauen gibt es in der nächsten Schildkrötengeneration. Bei etwa 29 Grad Celsius entwickeln sich eher Männchen, bei höheren Temperaturen dominieren die Weibchen.

Den vielen Freiwilligen, die auch die Nester der Brütereien auf der Insel Sal betreuen, verdanken unzählige Schildkröten ihr Leben.
Den vielen Freiwilligen, die auch die Nester der Brütereien auf der Insel Sal betreuen, verdanken unzählige Schildkröten ihr Leben. Foto: Constanze Lehmann

Und während sich nebenan am Strand noch die letzten Hotelgäste auf ihren Liegen aalen, tut sich etwas in Nummer 192. Die ersten Babys sind geschlüpft und arbeiten sich hoch ans Tageslicht. Sie landen im Eimer, den Albert mitgebracht hat.

Seine Mitstreiter knien vor den ältesten Nestern und graben mit bloßen Händen nach den Jungen, die es nicht aus eigener Kraft aus der Tiefe hinauf schaffen. Rund 60 Prozent der Eier sind taub – auch sie werden aus dem Sand geholt, gezählt und in der Statistik vermerkt.

Die wild durcheinanderwuselnden Mini-Schildkröten im Eimer sind ein begehrtes Fotomotiv. Geduldig zeigt Albert die kleinen Schwarzen herum und beantwortet alle Fragen der Umstehenden. Bereits jede Plastiktüte, auf die die Urlauber künftig verzichten, ist den Aufwand wert.

Im Schutz der Dunkelheit werden die Jungen wenig später an den kilometerlangen Stränden der Insel ausgesetzt. In der Kühle der Nacht verlassen die Winzlinge mit hektischen Bewegungen das Land. Den Weg ins Wasser müssen sie allein finden – immer dem Mondlicht folgend.

Eine kurze, aber gefährliche Wegstrecke. Ihre noch weichen Panzer sind für Krabben oder Vögel leicht zu knacken. Dank ihres hervorragenden Orientierungssinns werden die Weibchen in rund 20 Jahren genau an dieser Stelle wieder an Land gehen und ihr erstes eigenes Nest bauen.

Nur eine von 1.000 geschlüpften Schildkröten erlebt das Erwachsenenalter.

Albert Taxonera, Co-Direktor des Projeto Biodiversidade


Allerdings werden nur wenige zurückkehren. „Nur eine von 1.000 geschlüpften Schildkröten erlebt das Erwachsenenalter“, sagt Albert. Gefahren lauern überall. „Die Kleinen werden von Seevögeln, Krabben und Fischen gefressen, die Großen landen als Beifang in den Schleppnetzen.“

Auch Plastik ist ein unbezwingbarer Gegner für die Tiere. Sie halten die Tüten, die im Meer schwimmen, für Quallen und fressen sie. Inzwischen ist die Verschmutzung der Meere existenzbedrohend für die Tiere, die schon auf der Erde lebten, als die Dinosaurier noch durch die Wälder zogen. Und die zunehmende Lichtverschmutzung setzt ihr ausgezeichnetes Orientierungsvermögen außer Kraft.

In der Nistsaison wachen Freiwillige über die Nester

Während die sichtlich beeindruckten Urlauber zum Abendessen in den Hotels verschwinden, machen Albert und seine Mitstreiter sich bereit für die nächste Nachtschicht. In der Nistsaison von Juni bis November wachen 40 bis 60 vorwiegend junge Leute über das Wohl der Schildkröten. Die meisten sind Freiwillige aus Europa, manche bereits zum wiederholten Mal.

Zu zweit patrouillieren sie am schönsten Strand der Insel. Sie markieren und kartieren ungünstig platzierte Nester, die am nächsten Morgen umgebettet werden müssen, schrecken durch ihre Anwesenheit Wilderer ab und sorgen für Ruhe für die werdenden Mütter.

Der Kite Beach, den im Winter Surfer aus aller Welt bevölkern, gehört zu den beliebtesten Nistplätzen der Tiere. In die Quere kommen sie sich nicht, denn wenn im November der Passat auffrischt, ist die Brutsaison vorbei.

Bis in den frühen Morgen ist die Strandpatrouille unterwegs. Nester, die zu dicht am Wasser liegen, werden gleich umgebettet. GPS-Daten und Anzahl der Eier werden erfasst.
Bis in den frühen Morgen ist die Strandpatrouille unterwegs. Nester, die zu dicht am Wasser liegen, werden gleich umgebettet. GPS-Daten und Anzahl der Eier werden erfasst. Foto: Constanze Lehmann


Finanziell unterstützt wird das Projekt vom Turtle Aid Programme der Tui Care Foundation. Es ist der Versuch, Tourismus und Tierschutz unter einen Hut zu bringen. Wenn das gelingt, hat die Unechte Karettschildkröte auf Sal eine Chance.

Tipps für deine Reise auf die Kapverden

Reiseziel: Die Kapverden liegen 570 Kilometer vor Westafrika im Atlantik. Neun Inseln sind bewohnt. Sal ist ein beliebtes Ziel von Badegästen und Surfern.

Anreise: Tuifly bietet Flüge zum Beispiel von Hannover oder Köln/Bonn über Boa Vista nach Sal an. TAP Air Portugal fliegt beispielsweise von Hamburg oder Berlin-Tegel über Lissabon nach Sal.

Einreise: Ein Reisepass ist Bedingung. Seit Jahresanfang ist bei Aufenthalten von bis zu 30 Tagen kein Visum mehr nötig. Reisende müssen sich jedoch bis fünf Tage vor dem Start online registrieren und eine Flughafensicherheitsgebühr (3400 CVE bei internationalen Flügen, 150 CVE bei nationalen Flügen) zahlen. Das Einreiseformular kann auch direkt im Reisebüro ausgefüllt werden.

Beste Reisezeit: Auf Sal ist es ganzjährig warm und trocken. Von November bis Mai sorgen Passatwinde für Abkühlung auf 22 bis 25 Grad Celsius. Die Wassertemperaturen liegen bei 23 bis 26 Grad. Regentage pro Jahr lassen sich an einer Hand abzählen.

Währung: Zahlungsmittel ist der Escudo de Cabo Verde (CVE). Der Wechselkurs ist fest (1 Euro = 110,265 CVE).

   

Die Reise wurde unterstützt von der Tui Care Foundation. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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