Wenn es in Amsterdams Straßen und Grachten dunkel wird, gehen im Viertel De Wallen die berüchtigten roten Lichter an. Die aufgezogenen, roten Samtvorhänge gewähren einen Blick in die Schaufenster, in denen Prostituierte nahezu nackt auf ihre Freier warten.

Das tun sie auch noch immer – allerdings dürfen seit dem 1. April nach 19 Uhr keine Touristengruppen mehr durch diesen Bereich der Altstadt geführt werden: Führungen im Rotlichtviertel sind dann Tabu. Ab 2020 sollen die Touren auch tagsüber gänzlich verboten sein.

Dass das bei Reisegruppen und deren Veranstaltern nicht wirklich gut ankommen würde, war abzusehen. Allerdings beschweren sich jetzt ausgerechnet jene, die die Stadt mit dem Gesetz vor den feierwütigen und gaffenden Touris schützen wollte.

Gewerkschaft für Prostituierte kritisiert Tour-Verbot im Rotlichtviertel

Stellvertretend für die Sexarbeiterinnen stellt die Gewerkschaft Proud das Gesetz infrage. Sie bezweifelt den Erfolg der Maßnahme. Einen spürbaren Rückgang an Touristen halte die Organisation für sehr unwahrscheinlich, berichtet „Travelnews“.

Mit der erst im März verkündeten Regel wollte die Stadt einerseits den Schaulustigen einen Riegel vorschieben, andererseits sollte das kürzlich durchgesetzte Verbot als weitere Maßnahme gegen den Sauftourismus und den Overtourism in der niederländischen Haupstadt wirken.

Führt das Verbot zu weniger Respekt vor Prostituierten?

Eine Sexarbeiterin namens Velvet, die sich bei Proud engagiert, befürchtet sogar einen gegenteiligen Effekt des strikten Verbots: „Es könnte auch sein, dass die Leute ohne Guide jetzt einfach nur noch die Frauen hinter den Schaufenstern angaffen und Fotos von ihnen machen. Denn jetzt gibt es niemanden mehr, der ihnen die hier geltenden Verhaltensregeln erklärt.“

Diese Einschätzung teilt Natascha Flipsen, Leiterin des Museums Red Light Secrets. Führungen würden Besucher über die Geschichte des berühmt-berüchtigten Viertels aufklären. Außerdem trage der Tourismus positiv zum Geschäft bei – und genau das scheint auch für andere ein ausschlaggebender Punkt auf der Kontra-Liste zu sein.

Mehr als Sex: Historische Orte im Rotlichtviertel

Auch eine Mitarbeiterin der niederländischen Vereinigung für professionell geführte Reisetouren Guidor  befürworte das rigorose Tabu nicht. Denn im Rotlichtbezirk De Wallen gibt es durchaus historisch wertvolle Ecken – zum Beispiel der Ort, an dem Rembrandt sein erstes berühmtes Kunstwerk malte. 

„Das ist doch so, als würde man in Paris nicht mehr zum Triumphbogen oder zum Eiffelturm gehen dürfen“, verglich sie das Verbot. 

Der Oudezijds Kolk Kanal führt durch das Rotlichtviertel De Wallen.
Am Tag verliert das Viertel seinen verruchten Charakter. Das Viertel De Wallen liegt im Zentrum Amsterdams und gehört zu den ältesten Teilen der Stadt. Foto: imago/UIG

Seitens der Stadt hieß es, man habe die Kritik zur Kenntnis genommen, die strikte Einschränkung sei aber im Sinne des völlig überlaufenen Amsterdams und dessen Bürger.