Slow Travel in Chile: Mit dem Schiff nach Patagonien

Wunderschönes Niemandsland: Mit dem Schiff nach Patagonien

Die chilenische Berg- und Gletscherlandschaft ist ein echtes Sehnsuchtsziel für Outdoor-Fans. reisereporter Luca erkundet die Westküste zwar eher passiv, aber nicht weniger eindrucksvoll: per Fähre.

Luca Pot d'Or
Sonne bricht durch die Wolkendecke und erleuchtet die Fjorde an der chilenischen Westküste.
Die schöne Seite der Tristesse: Die Schiffsreise entlang der chilenischen Westküste ist herrlich unaufgeregt und melancholisch.

Foto: Luca Pot d’Or

Die Wolkendecke klebt zäh und drückend über der dunklen See. Nebel klettert an den kargen Felseninseln hinauf. Ab und an schauen Möwen an Deck vorbei, schweben in den starken Windböen und verschwinden dann wieder im Nichts. Vier Tage Slow Travel auf dem Schiff entlang der chilenischen Küste bis nach Patagonien. 

Tag 1: Schiffsreise fernab des üblichen Kreuzfahrt-Entertainments

Luxuriös sieht die Fähre mit dem Namen „Eden“ nicht unbedingt aus. Ruhig liegt sie im Hafen von Puerto Montt an der chilenischen Westküste – davor haben sich knapp 70 Passagiere versammelt mit einem gemeinsamen Ziel: Puerto Natales in Patagonien.

An Deck der Fähre „Eden“ nach Patagonien, Chile.
Die „Eden“ ist ähnlich rustikal wie die Landschaft, durch die sie schippert. Foto: Luca Pot d’Or

Patagonien, das ist mittlerweile über die Landesgrenzen hinweg bekannt, ist die Heimat einiger der atemberaubendsten Berg- und Gletscherlandschaften der Welt. Am bekanntesten ist der Nationalpark Torres del Paine. Mehr als 250.000 Besucher aus aller Welt pilgern pro Jahr über die Wanderpfade des Parks

Beim Boarding auf der Fähre „Eden“ reihen sich Jack-Wolfskin-Jacken aneinander, dazwischen Rucksäcke mit Wanderstöcken und -schuhen – bereit für das ultimative Outdoor-Abenteuer.

Doch für vier Tage ist erst einmal Füße stillhalten angesagt, wenn die „Eden“ rund 1.800 Kilometer durch ein Labyrinth aus rauen Felsen, Buchten und Fjorden zurücklegt. Äußerlich passt das Schiff also zu dem zu passierenden Terrain – rustikal und minimalistisch.

Die „Eden“ fährt durch ein Labyrinth aus rauen Felsen, Buchten und Fjorden.

„Kreuzfahrt-Atmosphäre wird hier garantiert nicht aufkommen“, begrüßt Tour-Guide Percy Ramirez die Passagiere, „aber ihr werdet erleben, was Slow Travel in Patagonien bedeutet.“ 

Der 60-jährige Chilene redet abwechselnd auf Spanisch und auf Englisch, auch Deutsch spricht er. „Heute kommen Touristen aus der ganzen Welt zu uns – da kommt mir die Mehrsprachigkeit natürlich zugute“, erzählt er bei einem Gespräch an Deck.

Tour-Guide Percy Ramirez (60) empfängt die Passagiere auf der „Eden“, einer Fähre nach Patagonien.
Tour-Guide Percy Ramirez (60) empfängt die Passagiere auf der „Eden“. Foto: Luca Pot d’Or

Das Transportunternehmen Navimag habe die Chance, die der stark anwachsende Tourismus bot, früh erkannt, sagt er. Seit 2001 bietet Navimag die Fährverbindung von Puerto Montt nach Puerto Natales an. Davor transportierten die Schiffe ausschließlich Maschinen, Fahrzeuge oder Vieh in den Süden, denn eine durchgehende Straßenverbindung nach Patagonien gibt es nur über die argentinische Landesgrenze. 

Waren es in den 90er-Jahren noch vereinzelte Backpacker, kann sich heute jeder online ab 350 Dollar eine Koje in einer Vierer-Kabine buchen – eine Einzelkabine kostet gut das Dreifache.

   

„Mit den Touristen verdienen wir heute mehr Geld als mit der Fracht“, sagt der gelernte Lebensmittelingenieur und grüßt ein älteres Pärchen, das in dicke Regenjacken eingepackt vorbeiläuft.

„Auch unsere Passagiere ändern sich, heute liegt der Altersschnitt über 40. Und auch die wollen keine Kreuzfahrt mit 24-Stunden-Entertainment mehr.“

Tag 2: Die Natur ist der Star

Bereits zum Sonnenaufgang versammeln sich die ersten Neugierigen, Aktiven und Schlaflosen an Deck, wobei sich die Sonne gar nicht blicken lässt. Regen. Wind. Kälte. Mit Funktionskleidung und Fernglas bewaffnet legt sich Fred Young dennoch auf die Lauer: „Ich habe gestern schon den ganzen Nachmittag gewartet – ohne Erfolg.“ 

Der 69-jährige Rentner hat etwas ganz Besonderes im Blick. „Die Fjorde in Patagonien sind ein Paradies für zahlreiche Vogelarten, unter anderem für die Dampfschiffente“, so Young. Der Hobby-Ornithologe hat sich mit seiner Frau Aoi aus Australien für ein paar Wochen auf Rundreise durch Chile gemacht, nicht nur der Vögel wegen.

Fred und Aoi Young genießen die unterschiedlichen Seiten des Lebens an Bord der Patagonien-Fähre.
Fred und Aoi Young genießen die unterschiedlichen Seiten des Lebens an Bord. Foto: Lucas Pot d’Or

„Gerade hier unten in Patagonien hat die Natur, obwohl sie wenig abwechslungsreich ist, etwas Magisches an sich“, erzählt er, „und wenn man keine Lust mehr auf Regen, Felsen und Vögel hat, geht man einfach zurück in die Kabine und liest ein Buch oder spielt Karten.“

So harrt Fred den ganzen Vormittag an Deck aus, zwischendurch schaut seine Frau mal vorbei, die es eher mit dem Lesen in der Kajüte hält. Die Dampfschiffente lässt sich heute aber nicht mehr blicken. Und auch sonst passiert draußen im Regen nicht viel.

Unter Deck begnügen sich die Passagiere derweil mit Yoga-Kursen, Bingo oder natürlich mit Kartenspielen. Die Abgeschiedenheit schweißt zusammen. Doch nur wenige Stunden später sind die Aufenthaltsräume weitestgehend leer.

Aus der Fähre wird eine Schiffsschaukel – nicht alle vertragen das.

Über Nacht verläuft die Fährroute über den offenen Ozean – aus der Fähre wird eine Schiffschaukel, was nicht alle Passagiere vertragen. Nur einige Hartgesottene scheinen gegen den Wellengang immun oder haben den Magen mit Medikamenten oder Alkohol beruhigt und schieben weiterhin ausgelassen die Karten über die wankenden Tische.

Tag 3: Ein Lichtschweif am Horizont

Das Deck ist nahezu leer, dabei bricht am Morgen das erste Mal seit zwei Tagen die Sonne durch die Wolken. Die goldenen Strahlen auf der glitzernden Wasseroberfläche – ein unvergessliches Schauspiel. Die meisten Passagiere erholen sich noch von dem Wellenritt durch den Pazifik.

Meer und Wolken vor der Küste von Patagonien, Chile.
Am dritten Morgen reißt die Wolkendecke zum ersten Mal auf. Foto: Luca Pot d’Or

Einer der wenigen, die schon früh auf den Beinen sind, ist Youngdae Kim. Auf dem Display seiner Spiegelreflexkamera zeigt der 35-Jährige Bilder seiner bisherigen Reise. Von Seoul in Südkorea ging es über Nord- nach Südamerika, Patagonien ist seine letzte Station.

Der Schiffsreise kann er jedoch nicht viel abgewinnen. „Es ist mit Abstand der langweiligste Teil der Reise“, sagt er. „Ich habe so viel erlebt auf der Reise, da ist die Einsamkeit und die Monotonie hier fast erdrückend.“

Für Youngdae Kim ist die Monotonie auf der Fähre nach Patagonien fast zu viel.
Für Youngdae Kim ist die Monotonie auf der Fähre fast zu viel. Foto: Luca Pot d’Or

Am Nachmittag wird die Eintönigkeit dann doch für einige Minuten unterbrochen: Mitten in einer der vielen kleinen Passagen taucht auf einmal ein Schiffswrack auf. An der Reling wird es geschäftiger – die Aussicht hat sich herumgesprochen.

Unter den bunten Regencapes blinzeln die Gesichter in die graue Gischt, die Auslöser der Fotoapparate klackern wie Gewehre. Jeder will ein Foto von dem kuriosen Highlight der Route haben.

Percy, der Tour-Guide, erklärt die Hintergründe: „Es heißt, dass die Reederei das Schiff für einen Versicherungsbetrug loswerden wollte und einen Kapitän in einer Spelunke am Hafen angeheuert hat, um es zu versenken. Blöd nur, dass der Kapitän sich in den Gewässern hier unten nicht auskannte, und anstatt zu sinken, prangt das Wrack noch heute auf dem Felsen.“ 

Tag 4: Zurück in der Zivilisation

Die „Eden“ hat es heile durch die Felsen geschafft – am vierten Tag läuft die Fähre gegen Mittag in der Bucht vor Puerto Natales ein. Der Regen ist über Nacht verschwunden. Hier in Puerto Natales scheint die Sonne im hellblauen Himmel durch dünne Wolkenfetzen.

Blick auf das Hafendorf Puerto Natales in Patagonien, Chile.
In Puerto Natales stehen nur wenige Häuser – trotzdem freuen sich die Fährpassagiere über ein bisschen Zivilisation. Foto: Luca Pot d’Or

Doch der starke Wind ist geblieben. Und so muss die „Eden“ im Hafen warten, bis auch er ein wenig abflaut – vorher kann sie nicht anlegen. In den Kabinen wird noch fleißig gepackt, einige blicken schon ungeduldig auf das Festland. 

„Dort wohnt ein Freund von mir, bei dem ich unterkomme.“ Reinaldo Segovia zeigt auf eines der bunten Dächer unweit des Hafens und schaut auf die Uhr. „Eigentlich wollten wir heute noch wandern gehen“, erzählt er, „aber das könnte knapp werden.“ 

Der 28-Jährige arbeitet im Hafen von Puerto Montt als Ingenieur, wird bald aber nach Puerto Natales ziehen. „Im Hafen sehe ich andauernd die Schiffe ein- und auslaufen. Jetzt einmal selbst auf so einem Schiff zu reisen war ein Traum von mir.“ Nur zehn Tage Urlaub im Jahr hat er, da haben die vier Tage auf der „Eden“ gleich einen anderen Stellenwert.

Schneebedeckte Berge in Patagonien, Chile.
Am Horizont ragen schneebedeckte Berge aus der kargen Landschaft. Foto: Luca Pot d’Or

In den verbleibenden Tagen ist noch ein mehrtägiger Trip zum Nationalpark Torres del Paine geplant, bevor es mit dem Flugzeug wieder zurück nach Puerto Montt geht.

Im Sonnenlicht sehen die schneebedeckten Berge am Horizont einladend aus – doch eine Durchsage an Bord bittet um weitere Geduld. Reinaldo schreibt seinem Freund eine SMS: „Kann noch dauern.“ 

Am Abend stoßen die Passagiere noch einmal gemeinsam auf die Einsamkeit an.

Tatsächlich dauert es noch knapp drei Stunden, bis die Passagiere grüppchenweise das Schiff verlassen und in alle Richtungen verschwinden.

Endlich wieder Boden unter den Füßen, endlich wieder ein wenig Zivilisation und Lebendigkeit. Puerto Natales ist allerdings klein, so treffen sich am Abend viele der Passagiere freudig in den wenigen Restaurants wieder und stoßen noch einmal zusammen auf die Einsamkeit an.

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