Kirgistan: Als Amateurforscher zu Schneeleoparden | reisereporter.de

Kirgistan: Als Amateurforscher zu den Schneeleoparden

Wie wäre es mit einem Urlaub als Amateurforscher in den Bergen Kirgistans? Im Tian-Shan-Gebirge gehst du auf Schneeleoparden-Expedition – und trägst damit sogar zum Natur- und Artenschutz bei.

Bernadette Olderdissen
Ein Schneeleopard in Kirgistan.
Die majestätischen Tiere zeigen sich Besuchern zwar nur selten – wenn doch, ist der Moment aber umso magischer.

Foto: Andy Fabian

Es ist 8 Uhr morgens in Kirgistans Hauptstadt Bischkek, die vier bis an den Anschlag bepackten Geländewagen sind abfahrbereit – an Bord Proviant für 13 Expeditionsteilnehmer, den Expeditionsleiter Amadeus DeKastle (35), den ukrainischen Wissenschaftler Dr. Volodya Tytar (67), zwei kirgisische Gehilfen und Köchin Gulya.

Nach der Kleinstadt Kochkor geht es auf Staubpisten in Richtung des West Karakol River Valley, Suusamyr, durch grüne Täler mit vereinzelten Jurten und vorbei an Bergen mit verschneiten Gipfeln. Das Suusamyr-Tal wird dein Zuhause für die nächsten zwei Wochen sein, hier liegt das Expeditions-Basislager an einem Gebirgsfluss auf 3.000 Metern Höhe.

Du bekommst dein eigenes Zelt, außerdem gibt es eine Küchen-, eine Gemeinschafts- und eine Ofenjurte zum Trocknen nasser Kleidung sowie Toilettenzelte mit Bodenlöchern. 

Im Basislager übernachten die Expeditionsteilnehmer in Jurten und Zelten.
Im Basislager übernachten die Expeditionsteilnehmer in Jurten und Zelten. Foto: Bernadette Olderdissen

Schneeleopardenforschung für Dummies

Am ersten Tag ist Training angesagt: „Ziel der Expedition ist es nicht, einen Schneeleoparden mit eigenen Augen zu sehen“, betont Amadeus. „Unser Ziel ist es, Spuren von Beutetieren zu finden – Abdrücke und Kot von Steinböcken, Riesenwildschafen, Schneehühnern und Murmeltieren.“

Ergibt Sinn, denn auf 105.000 Quadratkilometern möglichem Lebensraum leben 4.000 bis 7.000 Schneeleoparden, etwa 350 davon in Kirgistan, und der „Geist der Berge“ versteht es, mit seinem geröllfarbenen Pelz im felsigen Untergrund unterzutauchen.

„Schneeleoparden leben auf 3.000 bis 5.000 Metern Höhe“, erklärt Volodya, seit 2014 Leiter der Schneeleopardenforschung in Tian Shan.

Zu Fuß geht’s durch karge Landschaften.
Zu Fuß geht’s durch karge Landschaften. Foto: Bernadette Olderdissen

Auf der Wunschliste der Forscher ganz oben steht, dass die Region aufgrund des Schneeleoparden-Vorkommens zum Biosphären-Reservat ernannt wird. Und warum werden dafür Bürgerwissenschaftler wie du benötigt? „Das Geld der Teilnehmer fließt zu 70 Prozent in Projekt, Personal, Ausrüstung und Transportmittel.“

Mit staatlicher Unterstützung sei es seit Ende der UdSSR vorbei. „Der Schneeleopard ist Symbol Kirgistans, ein Naturschutzgebiet würde auch mehr Besucher bedeuten. Dann könnte man Hirten zum Beispiel als Ranger ausbilden.“ 

Expeditionsalltag in Kirgistan 

Schnell kehrt auch auf der Expedition der Alltag ein: Um sieben gibt’s Frühstück, um acht geht’s los. Du bist Teil eines Teams, ausgestattet mit GPS-Geräten, Datenblättern, Ferngläsern und Funkgeräten, und stiefelst durch lange Täler voller Murmeltiere und Wiesel.

Während der Expedition sind die Reisenden in die Forschungsarbeiten involviert.
Während der Expedition sind die Reisenden in die Forschungsarbeiten involviert. Foto: Bernadette Olderdissen

Aber nicht nur Spuren großer Tiere dokumentiert ihr, sondern auch Schmetterlinge, die Hinweise auf Klimaveränderungen geben. Oder zwischen 600 und 1.000 Jahre alte Petroglyphen, Felszeichnungen.

Gerade in den ersten Tagen stellt ihr viele Fotofallen auf etwa 3.800 bis 4.000 Metern Höhe auf. Dabei kommt man über alte Viehpfade schon mal bis an die Schneegrenze oder an Seen. Das Wetter ist selbst im Sommer wie eine Wundertüte, mal schneit es, dann hagelt oder regnet es, dann herrschen tagelanger Sonnenschein und über 30 Grad.

Wie von einem anderen Planeten: Die kirgisischen Berge.
Wie von einem anderen Planeten: Die kirgisischen Berge. Foto: Bernadette Olderdissen

Wenn du magst, kannst du nach einem langen Wandertag duschen – im Fluss beziehungsweise mithilfe eines über den Kopf gekippten Eimers mit eisigem Flusswasser oder, für Warmduscher, mit Fluss- und aufgekochtem Wasser. Um 18 Uhr findet täglich das Debriefing statt, eine Gruppenbesprechung zu den Funden des Tages, die auf Karten festgehalten werden. Danach ist Feierabend.

Kleiner Erfolg, große Bedeutung

Richtig spannend wird es am Ende, wenn die Gruppen einige Fotofallen – andere bleiben den Winter über stehen – wieder einsammeln. Die erste hat Bilder von einem Hirten mit seinem Hund geschossen, dann Schneehühner und einen Steinbock.

Plötzlich starrt ein glühendes Augenpaar aus einem katzengleichen Kopf vom Bildschirm. Erst am Abend gibt Volodya das endgültige Okay: Erstmals seit Beginn des Projekts im Jahr 2014 ist es 2018 gelungen, eine Aufnahme von einem Schneeleoparden zu erhaschen. Ein kleiner Schritt zum Ziel.

Foto: Biosphere Expeditions

Am letzten Abend lodert ein Lagerfeuer aus brennbarem Müll. Die fast 80-jährige Australierin Janis, die mit Krücke und künstlicher Hüfte die Berge bezwungen hat, beobachtet, wie die Milchstraße zur Höchstform aufläuft. „Ich habe mich jeden Abend im kalten Zelt gefragt, warum ich mir das antue. Jetzt weiß ich es.“ In einer Geste umfasst sie die Milchstraße, die Jurten, die Weite.

Ja, es hat sich gelohnt. Nicht für Leute, die einen Schneeleoparden auf der To-see-Liste abhaken wollen. Auch nicht für die, die Natur nur stundenweise ertragen oder ohne WLAN nicht leben können. Aber für alle, die ein wenig für Natur und Tiere tun möchten, die nicht jeden Gipfel besteigen müssen, sondern offen sind für die Spuren entlang des Weges. Denn dort spielt besonders während der Expedition, aber sicher nicht nur dann, die beste Musik.

Die Landschaften während der Spurensuche sind magisch.
Die Landschaften während der Spurensuche sind magisch. Foto: Bernadette Olderdissen

Diese Kirgistan-Expedition wurde unterstützt von Biosphere Expeditions, einer gemeinnützigen Naturschutzorganisation, die es Laien seit 1999 ermöglicht, sich als Bürgerwissenschaftler aktiv in den Natur- und Artenschutz einzubringen. Über Auswahl und Inhalt entscheidet allein die Redaktion.

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