Nordirland: Ein Roadtrip entlang der rauen Küste I reisereporter.de

Ein Roadtrip entlang der rauen Küste Nordirlands

40 Shades of Green: Wer den äußersten Rand Europas sucht, der landet in Irland. reisereporterin Nora nimmt uns mit auf eine Tour durch den rauen Norden, wo Wind und Wellen eine spektakuläre Landschaft formten.

Die Tour durch Nordirland lässt sich gut in der Grafschaft Antrim beginnen, wo Reisende am Giant’s Causeway die rätselhaften Basaltsäulen bestaunen können.
Die Tour durch Nordirland lässt sich gut in der Grafschaft Antrim beginnen, wo Reisende am Giant’s Causeway die rätselhaften Basaltsäulen bestaunen können.

Foto: @storytravelers

Auf dem kurzen Weg vom Parkplatz Richtung Küste kommt der Regen mal wieder von vorn. Unesco-Weltkulturerbe hin oder her. Am liebsten wären wir jetzt wieder in diesem gemütlichen viktorianischen Pub in Belfast, wo wir am Abend zuvor unter reich verzierten Decken saßen und uns das schwarze Guinness so schön von innen wärmte.

Doch der berühmte Crown Liquor Saloon liegt mittlerweile gut zwei Autostunden und rund 100 Kilometer malerische Küstenstraße zurück. Der Weg durch die Grafschaft Antrim führt vorbei an sagenhaften Burgruinen, kleinen Fischerdörfern – und natürlich grünen Wiesen.

Irland ist grün, so weit das Auge reicht

Grün, so weit das Auge reicht. Irland glänzt mit seinen Klischees. Als Johnny Cash 1958 das erste Mal die Insel besuchte, schrieb er den Folksong „40 Shades of Green“ (40 Schattierungen von Grün). Für irgendetwas muss der Regen schließlich gut sein.

Pitschnass geht es also weiter. Der Weg macht zunächst noch eine kleine Kurve, vorbei an einer Bucht, in der die Wellen mit voller Kraft, ja fast wütend, auf die Küste prallen. Es wundert kaum, dass Dunseverick Castle, das hier gefährlich nah an den Klippen erbaut wurde, heute nur noch eine Ruine ist.

Vom berühmten Dunseverick Castle an der Coast of Antrim ist heutzutage nur noch eine Ruine zu sehen.
Vom berühmten Dunseverick Castle an der Coast of Antrim ist heutzutage nur noch eine Ruine zu sehen. Foto: Nora Lysk

1650 zerstörten die Truppen des umstrittenen Feldherrn Oliver Cromwell die Burg. Zuletzt stürzte der Wohnturm ins Meer. Das war 1978. Mittlerweile gehören die Reste der Trutzburg Dunseverick Castle dem National Trust.

Giant's Causeway ist meistfotografierte Sehenswürdigkeit des Landes

Noch drei, vier Serpentinen, dann liegt sie vor uns, die meistfotografierte Sehenswürdigkeit Irlands: Der Giant’s Causeway mit seinen fast 40.000 nahezu perfekt aufgereihten und der Größe nach sortierten Basaltsäulen ist einer jener Orte, die man einmal im Leben gesehen haben sollte.

Und weil es kaum zu glauben ist, dass ein schnöder Vulkanausbruch vor 60 Millionen Jahren für diese rätselhafte Schönheit verantwortlich sein soll, hält sich bis heute die Legende, dass hier einst ein Riese am Werk war, der einen Damm nach Schottland bauen wollte.

Der Giant’s Causeway ist Höhepunkt der Causeway Coastal Route, der sagenumwobenen Küstenroute, die den Nordirland-Reisenden in einem großen Bogen von Belfast bis hoch in den Norden nach Derry-Londonderry führt, der Stadt mit dem Bindestrich.

Der Name Derry-Londonderry ist ein Politikum

Für die irischen Nationalisten in der Bogside, dem katholischen Armenviertel der Stadt, wo 1969 die blutigen Troubles begannen, heißt Derry-Londonderry seit mehr als 1.000 Jahren einfach nur Derry. Der Name kommt aus dem Gälischen – und bis heute keinem stolzen Briten über die Lippen.

Für die Loyalisten, die in ihren Vorgärten immer noch trotzig den Union Jack hissen und in großen Buchstaben „No Surrender“ (Keine Kapitulation) auf ihren Hausfassaden stehen haben, lautet der Name der zweitgrößten Stadt Nordirlands Londonderry.

Wer politisch neutral bleiben will, der setzt den Bindestrich. Es kann deshalb schon mal vorkommen, dass aus Derry-Stroke-Londonderry der Einfachheit halber kurz Stroke (Bindestrich) wird. So mancher Nachrichtensprecher rettete so seine Neutralität.

In dem katholischen Armenviertel Bogside in Derry-Londonderry gehören politische Wandmalereien zum Straßenbild.
In dem katholischen Armenviertel Bogside in Derry-Londonderry gehören politische Wandmalereien zum Straßenbild. Foto: Nora Lysk

Die Sache mit dem Namen zeigt, wie gespalten dieses Land immer noch ist. Und der bevorstehende Brexit lässt erahnen, was in einer Stadt passieren kann, die nur fünf Kilometer von der möglicherweise bald schon bestehenden EU-Außengrenze entfernt liegt und in der auch 20 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen jeden Juli radikale Protestanten durch die Straßen marschieren, um an den Sieg der Oranier über die katholischen Iren vor mehr als 300 Jahren zu erinnern.

Doch es gibt Hoffnung. Denn das Erste, was Derry-Londonderry-Besucher zu sehen bekommen, wenn sie das Ortsschild passiert haben, ist die Peace Bridge. Die Friedensbrücke, die über den Fluss Foyle führt, soll ein Zeichen für neue Zeiten sein. Zeiten, in denen Grenzen keine Rolle mehr spielen.

Wild Atlantic Way schlängelt sich an der Westküste entlang

Hier, am äußersten Rand der Europäischen Union, beginnt der Wild Atlantic Way. Mehr als 2.600 Kilometer schlängelt sich diese Route an der Westküste Irlands entlang.

2014 wurde der Wild Atlantic Way als eine der längsten und spektakulärsten Küstenstraßen der Welt eröffnet. Der erste Abschnitt beginnt am nördlichsten Punkt der Insel, der Landzunge Malin Head, und führt anschließend durch die Grafschaft Donegal.

Wer auf dem Wild Atlantic Way in Irland unterwegs ist, stellt schnell fest, dass Schafe zum typischen Landschaftsbild gehören.
Wer auf dem Wild Atlantic Way in Irland unterwegs ist, stellt schnell fest, dass Schafe zum typischen Landschaftsbild gehören. Foto: Nora Lysk

Wer hier lebt, hat in der Regel zwei bis drei Jobs und arbeitet abends im Pub oder in den großen Fischereihäfen. Noch vor wenigen Jahren verirrte sich kaum jemand in diese raue Gegend. Der Wild Atlantic Way soll die Touristen aus Kerry, wo sie alle hinfahren, in den hohen Norden locken.

Die Weltelite der Windsurfer hat die Gegend schon lange für sich entdeckt. Denn die Wellen, die hier Richtung Küste rollen, sind einmalig. Stormriders nennen sie die besonders Wagemutigen, die sich vor der zerklüfteten Küste der Grafschaft ins Wasser wagen.

Das Glenveagh Castle mit seinem viktorianischem Garten lädt zu einem Besuch ein.
Das Glenveagh Castle mit seinem viktorianischem Garten lädt zu einem Besuch ein. Foto: Nora Lysk

Im ersten Gang geht es weiter durch steile Haarnadelkurven. Auf der einen Seite die grünen Berge, auf der anderen der Abgrund und das tosende Meer.

Kurz hinter dem Städtchen Ardara, das beliebt, aber im Grunde nur für seinen Pub Nancys bekannt ist, führt der Weg durch das Glenveagh-Tal, das Tal des Lebens, Irlands größten Nationalpark. Ein perfekter Ort, um mal wieder die Wanderschuhe zu schnüren – und natürlich die Regenjacke aus dem Rucksack zu kramen.

Die zweistündige Wanderung durch das berühmte Gletschertal beginnt mit Irish Mist. Wobei nicht der gleichnamige Whiskey, sondern der berühmte irische Sprühregen gemeint ist.

Das Schöne am Irish Mist: Irgendwo taucht am Ende immer ein Regenbogen auf und schlägt eine bunte Brücke am Horizont. Es wird nicht der letzte an diesem Tag bleiben.

Hoch im Norden Irlands befinden sich die Slieve Leagues, die zu den höchsten Klippen Europas gehören.
Hoch im Norden Irlands befinden sich die Slieve Leagues, die zu den höchsten Klippen Europas gehören. Foto: Nora Lysk

Sleave Leagues gehören zu höchsten Klippen Europas

Wenig später, auf dem Weg zu den Sleave Leagues, die zu Europas höchsten Klippen gehören, zeigt das irische Wetter, was es wirklich kann. Four seasons in one hour (vier Jahreszeiten in einer Stunde) nämlich: Innerhalb von Minuten reißt der Himmel auf – und das Meer, das hier 600 Meter unter uns liegt, erstrahlt azurblau. Genau der richtige Zeitpunkt, um die letzten 15 Prozent Steigung anzugehen – denken wir.

Regenhose aus, Sonnenbrille auf. Doch kaum hat man sich aus dem nassen Ding gequält, dreht der Wind und man blickt gegen eine schwarze Wand.

Wetter und Meer waren es, die diese unwirkliche und einmalige Landschaft formten. Man muss also dankbar sein, und irgendwann merkt man den Regen eh nicht mehr.

Bei einer Reise lohnt sich ein Besuch in der Hafenstadt Killybeg in Donegal, wo Mairead Andersen traditionellen Sea-Chowder, eine Suppe mit Fisch und Meeresfrüchten, verkauft.
Bei einer Reise lohnt sich ein Besuch in der Hafenstadt Killybeg in Donegal, wo Mairead Andersen traditionellen Sea-Chowder, eine Suppe mit Fisch und Meeresfrüchten, verkauft. Foto: Nora Lysk

Der nächste Hafen, von dem aus man im Sommer auch per Boot die Klippen ansteuern kann, ist Killybeg. Die Stadt sei im Kommen, heißt es. Doch so richtig will der Besucher das einfach nicht spüren. Die Finanzkrise vor nunmehr zehn Jahren hat Irlands Norden übel mitgespielt, die Menschen spüren die Auswirkungen bis heute.

Wir brauchen hier oben einfach noch mehr Touristen.

Mairead Anderson, verkauft Seafood-Chowder

„Wir brauchen hier oben einfach noch mehr Touristen“, sagt auch Mairead Anderson, die hier in Sichtweite der Fischerboote ihren zu Recht preisgekrönten Seafood-Chowder verkauft. Eine köstliche, leicht dickflüssige Suppe mit Fisch, Muscheln und Shrimps, die ganz vorzüglich zum Guinness passt.

Auch Joe Joyce sorgt sich, allerdings in Erster Linie um seine britischen Kollegen, berichtet der Farmer. Denn die möglicherweise schon bald wegbrechenden EU-Subventionen, so sagt er, könnten den ein oder anderen Schafzüchter von der Insel die Existenz kosten.

Joyce kann nicht verstehen, dass 2016 die meisten von ihnen für den Brexit gestimmt haben. Denn allein mit der Wolle seiner rund 200 Tiere habe er im letzten Frühjahr nicht mehr als 90 Pfund verdient, rechnet Joyce vor. Die Schafzucht, so sagt er, sei mittlerweile mehr ein teures Hobby, das man sich ohne EU-Subventionen kaum noch leisten könne.

In Donegal bildet der Farmer Joe Joyce seine Hütehunde aus. Die Border-Collies gehören zu jeder irischen Schafherde.
In Donegal bildet der Farmer Joe Joyce seine Hütehunde aus. Die Border-Collies gehören zu jeder irischen Schafherde. Foto: Nora Lysk

Spot ist das egal. Der Border-Collie-Welpe interessiert sich nicht für Politik. Seine Aufmerksamkeit gehört einzig und allein den Schafen. Ein schriller Pfiff aus der Pfeife von Joyce reicht und schon jagt Spot in geduckter Haltung eine kleine Gruppe Blackface-Schafe vor sich her. Border Collies gehören in auf den sattgrünen Wiesen und Hügeln von Irland zu jeder Schafherde. Das Hüten liegt den Hunden, die ursprünglich aus England stammen, in den Genen.

Noch übt Spot, doch schon bald muss er fünf Mal im Jahr raus in die Berge, die Tiere nach Hause holen. Bis zu 500 treibt er dann vor sich her. Von rechts nach links und ins Tal hinunter. Joe Joyce wird auf einem Boot in der Mitte des Sees stehen und ihn mit seiner Hundepfeife dirigieren – ganz egal, welches Wetter gerade so herrscht.

Tipps für deine Reise nach Irland

Anreise: Von Deutschland aus fliegt täglich die irische Fluglinie Aer Lingus nach Dublin, auch Ryanair bietet günstige Flüge ab 80 Euro nach Belfast an. Ein Vergleich lohnt sich.

Einreise: Irland gehört zur Europäischen Union. Deshalb benötigen deutsche Staatsbürger für die Einreise nur einen Personalausweis oder einen Reisepass. Wer nach Belfast fliegt, sollte sich aufgrund des bevorstehenden Brexit über mögliche neue Einreisebestimmungen informieren.

Beste Reisezeit: Das Wetter in Irland und Nordirland ist unbeständig. Die beste Saison für Reisen auf die grüne Insel beginnt im April und endet im Oktober. Mit Regenschauern ist das ganze Jahr über zu rechnen.

Rundreisen: Wer eine Rundreise durch Nordirland plant, der findet bei Anbietern wie DER Touristik entsprechende Angebote. Eine achttägige Wanderreise durch Donegal gibt es hier ab 770 Euro. Rundreisen durch Irland sind aber auch individuell buchbar.

Verkehr: In Irland und Nordirland herrscht Linksverkehr.

Die Reise wurde unterstützt von DER Touristik, Aer Lingus, dem Fremdenverkehrsamt der Republik Irland sowie dem Tourism Board Northern Ireland. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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