Gegen-Hype: Nach Overtourism kommt der Undertourism

Gegen-Hype: Nach Overtourism kommt der Undertourism

Undertourism – ist das der neue Gegen-Hype zum Overtourism? Das Ziel: Bisher unentdeckte Orte bereisen. Welche Probleme dieser Gegentrend birgt und wo du Massentourismus entkommst, weiß der reisereporter.

Panorma von Medellín.
Die kolumbianische Millionenstadt Medellín genießt immer noch weltweit den schlechten Ruf der Drogenhaupstadt. (Symbolfoto)

Foto: unsplash.com/paweldotio

Immer mehr Orte sind dem massenhaften Touristenansturm nicht mehr gewachsen. Verschiedene Maßnahmen, wie Eintrittsgebühren in Venedig, die Regulierung von Airbnb-Vermietungen in Berlin und Barcelona oder ein Zeitlimit am Machu Picchu, sollen helfen, die Situation zu entspannen.

Overtourism versus Undertourism

Entgegensetzt zum Overtourism entwickelt sich ein neuer Hype: Undertourism, also das Bereisen von unberührten Regionen fernab des Massentourismus.

Kurz zur Unterscheidung: Von Overtourism sprechen wir, wenn der prozentuale Anteil an Touristen den Anteil der Einheimischen deutlich übersteigt. Ein übermäßiges Wachstum an Besuchern überfüllt Städte und Regionen.

Die Auswirkungen: Immobilien werden vorzugsweise an Touristen vermietet, Einheimische finden oftmals kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Die Lebenserhaltungskosten steigen, denn im Gegensatz zu den Einheimischen geben die Touris im Urlaub gern mal mehr Geld aus. Mal ganz davon abgesehen, dass der Alltag von den ständigen Touristenmassen eingeschränkt wird.

Undertourism: Der neue Overtourism?

Deutlich wird das am Beispiel Kroatien, das im „Intrepid Adventure Index 2018“ als das überfüllteste Reiseziel der Welt deklariert wurde. Hier kommen auf einen Einheimischen 14 Touristen!

Viele Reisende wollen dem Overtourism nicht zum Opfer fallen und planen ihre nächste Reise in entlegenere Regionen. Dieser Trend wird als Undertourism bezeichnet, der dich dort erwartet, wo der prozentuale Anteil an Touristen (noch) verschwindend gering ist.

Der Wunsch nach Individualität und Nachhaltigkeit ist bei diesen Reisenden besonders groß. Grundsätzlich keine schlechte Idee. Sie lernen fremde Kulturen in ihrem Ursprung kennen, versuchen, wie die Einheimischen zu leben, und unterstützen damit die lokale Wirtschaft.

Tansania zählt zum Beispiel zu den Ländern, deren Tourismusanteil – gemessen an der Gesamtbevölkerung – nur knapp zwei Prozent ausmacht. Das ergeben die Zahlen des diesjährigen „Tourism Density Index“

Aber hier liegt auch das Risiko: Die Suche nach touristisch kaum bis gar nicht erschlossenen Regionen könnte letztlich dazu führen, dass bald auch diese Ziele überlaufen sind. Denn in Zeiten von Globalisierung und Social Media mutieren vorher noch unbekannte Orte plötzlich zu einem Touri-Mekka, wie zum Beispiel die kleine Gemeinde Hallstatt in Österreich.

Reisen ohne schlechtes Gewissen – geht das?

Jetzt stellt sich die Frage: Wohin kannst du denn nun reisen, ohne den einen oder anderen Hype zu befeuern oder gar den nächsten auszulösen? Die ultimative Antwort gibt es darauf wohl nicht.

Die Experten von „Intrepid Travel“ raten, in der Nebensaison und in Kleingruppen zu verreisen. Und wenn es dich dann doch zu den Hotspots verschlägt, nutze deinen Aufenthalt und besuche auch umliegende, weniger überlaufene Orte. Und vor allem: Behalte Geheimspots für dich – Instagram muss nicht alles wissen. 

Der reisereporter hat für dich drei Reisetipps, die noch nicht komplett gehypt werden, also irgendwo zwischen Over- und Undertourism liegen. Sie sind zwar touristisch erschlossen, aber noch nicht überlaufen.

Medellín in Kolumbien: Von der gefährlichsten zur innovatisten Stadt

Zugegeben – seit der Netflix-Serie „Narcos“ ist Medellín in Kolumbien als Heimat des größten Drogenbarons der Geschichte, Pablo Escobar, kein Geheimtipp mehr. Die blutige Vergangenheit der Millionstadt schreckt noch immer viele Touris ab: Medellín galt lange Zeit als gefährlichste Stadt der Welt.

Mittlerweile völlig zu unrecht, denn die Stadt hat in den vergangenen Jahren Millionen in die Infrastruktur und in das Gesundheitswesen investiert. Diese deutliche Verbesserung des Lebensstandards zeichnete das „Wall Street Journal“ 2014 mit den Titeln „Weltweit innovativste Stadt“ und „City of the Year“ aus.

Der wirtschaftliche Aufschwung – auch dank Netflix – ermöglichte den Bau einer 1.600 Meter langen Rolltreppe. Einheimische sparen nun Stunden (!) für das Pendeln innerhalb der bergigen Megacity ein.

Touris gelangen mit der überdachten Rolltreppe in die Comuna 13, einst Ort der brutalen Drogenmachtkämpfe rivalisierender Kartelle. Auf einer Freewalking-Tour kannst auch du in die Vergangenheit des Drogenbosses Pablo Escobar reisen.

Puerto Rico: Karibische Perle im Wiederaufbau

Fast vergessen: Knapp 150 Kilometer entfernt von der Dominikanischen Republik liegt die karibische Insel Puerto Rico. Nachdem der Hurrikan „Maria“ 2017 über der Insel wütete, dominierten Bilder der Zerstörung die mediale Berichterstattung. Wie sieht es heute auf Puerto Rico aus? 

Zwei Jahre später haben zwar noch immer Teile der Insel mit den Schäden des Hurrikans zu kämpfen, so das Portal „Skift“. Der Wiederaufbau verlief jedoch so erfolgreich, dass die Insel schon länger wieder für Touristen zugänglich ist.

Puerto Rico gilt nach der Wiederaufbauphase als echte Alternative zu den bekannten Karibikinseln wie Kuba, den Bahamas oder Jamaika. Die üblichen Traumstrände findest du hier genauso, aber auch versteckte Highlights wie die Las Salinas am Cabo Rojo.

Saudi-Arabien: Bald ein Königreich für Touristen?

Muslimisch geprägte Länder wie der Iran und der Oman erscheinen immer häufiger auf dem Radar von Reisenden. Auch Saudi-Arabien möchte sich bis 2030 für den Tourismus öffnen: Ein Urlauber-Visum gibt es zwar immer noch nicht, dafür wurden zuletzt Pläne für Ökotourismus bekannt.

Laut „Lonely Planet“ hat das Königreich dafür fünf Höhlen ausfindig gemacht, die bald von Touristen besichtigt werden sollen. Details hält das verantwortliche „Saudi Geological Survey“ (SGS) noch geheim. Bis dahin können besondere Stätten wie diese Medina besucht werden.

Saudi-Arabien ist mehr als Wüste und Öl: Die Medina Madâin Sâlih ist Unesco-Weltkulturerbe. (Symbolbild)
Saudi-Arabien ist mehr als Wüste und Öl: Die Medina Madâin Sâlih ist Unesco-Weltkulturerbe. (Symbolbild) Foto: imago/Itar-Tass

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