Nichts hasst Thandi mehr als den Township-Tourismus. „Als ob wir wilde Tiere und unsere Siedlungen ein Zoo wären“, sagt meine Reiseberaterin.

Thandi hält es für unanständig, wenn blasse Besucher im vollklimatisierten Bus etwa durch die Johannesburger Schwarzensiedlung Soweto gondeln und bei jedem kleinen Jungen, der barfuß und mit Rotznase einem Plastikball im Staub hinterherjagt, „Ach, wie süß!“ ausrufen.

Fehle nur, sagt Thandi, dass an den Busfenstern „Bitte nicht füttern!“ stehe.

Ohne Ende Plastikmüll in Soweto.
Trotz Verbesserung: Soweto kämpft noch immer mit Armut und Kriminalität. Foto: Johannes Dieterich

Und doch: Was ist dagegen einzuwenden, wenn Südafrika-Besucher auch Townships sehen wollen? Ist es nicht viel unanständiger, beim Abklappern der „Garden Route“ von Port Elizabeth nach Kapstadt um jede Schwarzensiedlung einen weiten Bogen zu machen? Was ganz einfach ist, weil die Apartheid-Planer ihre Gettos gut zu verstecken wussten.

Immerhin lebt in den Armutssiedlungen noch heute die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung, die wiederum mehr als 90 Prozent aller Südafrikaner ausmacht. Wie kann man die links liegen lassen?

In der Township Soweto hat Nelson Mandela gelebt

Kann man nicht, sagen sich mehr als 200.000 Besucher der Südspitze Afrikas im Jahr: Nach Kapstadt und dem Kruger-Park gilt Soweto als die drittgrößte Touristenattraktion des Landes.

Schließlich haben in der Township schon Koryphäen wie Nelson Mandela und der anglikanische Erzbischof Desmond Tutu gelebt – außerdem ging von der drei Millionen Einwohner zählenden Megasiedlung 1976 der die Machtverhältnisse am Kap gründlich erschütternde Schüleraufstand aus.

Gedenken an Nelson Mandela in Soweto. Der Freiheitsheld wäre in diesem Jahr 100 geworden.
Gedenken an Nelson Mandela in Soweto. Der Freiheitsheld wäre in diesem Jahr 100 geworden. Foto: imago/imagebroker

Allein aus historischen Gründen ist Soweto also einen Besuch wert – von den politischen und sozialen Einsichten, die (nur) dort zu gewinnen sind, ganz zu schweigen.

Im Bus durch die Township? Lieber nicht

Nicht das Ob steht also infrage, sondern das Wie. Wenn du vorhast, im Taxi oder im Bus durch eine Township zu brettern, dann lass das lieber sein.

Aber zum Glück gibt es Lebohang Malepa, den einstigen Souvenirverkäufer, der in seinem Elternhaus in Orlando West, dem zentralsten Teil Sowetos, ein kleines Touristenparadies geschaffen hat.

Lebo’s Soweto Backpackers
Hier können Touristen übernachten: in Lebo’s Soweto Backpackers. Foto: Johannes Dieterich

In Lebo’s Soweto Backpackers kannst du in einem kleinen Schlafsaal oder in einem Doppelzimmer übernachten, abends am Lagerfeuer afrikanischen Geschichtenerzählern zuhören oder an einem Trommelkurs teilnehmen.

Du kannst traditionelles Bier (Chibuku Shake Shake) trinken oder „Pap en Vleis“ (Maisbrei und Rindfleisch) aus dem gusseisernen Potjie-Topf essen. Vor allem aber kannst du morgens um 10 Uhr mit Lebos Führern auf Tour durch die Township ziehen. Und zwar wahlweise zu Fuß, mit dem Fahrrad – oder einem indischen Tuk-Tuk.

Lungile im Tuk-Tuk mit deutscher Touristin.
Lungile im Tuk-Tuk mit deutscher Touristin. Foto: Johannes Dieterich

„Für die Faulen“, sagt Lungile, als er das gelbe Dreirad für seine drei Passagiere (inklusive mir) startet: Die meisten, mehr als 30 Besucher, haben sich fürs Fahrrad entschieden, ein gutes Dutzend macht sich trotz der Hitze zu Fuß auf den Weg.

Doch im Tuk-Tuk sind wir stets die Ersten an den diversen Stationen der Tour und können uns mehr Zeit zum Rinderkopf-Essen oder zum Kaffeetrinken lassen.

Das Programm dauert vier Stunden: Genug Zeit, um einen Eindruck vom Leben in der Township zu gewinnen und – falls nicht UV-geschützt – von der Sonne verbrannt zu werden.

Lebos Fahrradtour.
Viel Trubel auf Lebos Fahrradtour. Foto: Johannes Dieterich

Spätestens nach 15 Minuten hat sich auch unter Neulingen die Nervosität angesichts der fremden Umgebung gelegt. Eine lachende Mama gibt uns die Hand, ein paar in Schuluniformen gekleidete Mädchen winken, ein fünfjähriger Knirps klammert sich an mein Bein – er möchte unbedingt die rosafarbene Hand des Bleichgesichts auschecken.

„Die kennen uns natürlich alle“, sagt Lungile: Anders würde die Begrüßung womöglich weniger entspannt ausfallen.

Lebo verschafft mehr als 30 Menschen Arbeit

In Orlando weiß jeder, wer Lebo und sein Business sind und dass er mehr als 30 Menschen Arbeit verschafft. Er habe es in den vier Jahren seiner Tätigkeit noch nie erlebt, dass jemand seiner Gruppe feindselig begegnet sei, erzählt Lungile: „Man weiß hier, dass unser Geschäft der Township zugutekommt.“

Dass kein einziges Kinder bettelt und keines nach „Sweeties“ oder gar „Gimmie Money“ verlangt, hat auch mit Lungile zu tun. Falls das in den ersten Jahren einmal vorgekommen sei, habe er die Kinder oder deren Eltern ins Gebet genommen, erzählt der 25-jährige Guide.

Lebos Team wolle keine „Bettelmentalität“ hervorbringen, fährt Lungile fort: „Verantwortlicher Tourismus bedeutet für uns, dass sich Besucher und Bewohner auf Augenhöhe begegnen.“

Lungile vor Hector Pieterson Memorial.
Lungile vor dem Hector Peterson Memorial. Foto: Johannes Dieterich

Unser Führer macht keinen Hehl daraus, dass er politisch nicht dem regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC) nahesteht, dessen 25-jährige „korrupte Herrschaft“ die mittellosen schwarzen Südafrikaner verraten habe. Er gehört der „Black Consciousness“-Bewegung an, die eine radikale Reform der kolonialen Herrschaftsverhältnisse anstrebt.

Die Schattenseiten und der Charme der Townships

Das erklärt auch, warum Lungile neben den Schattenseite des Township-Lebens auch dessen Charme zum Vorschein bringen will: Den Friseur, der am Straßenrand seine Kunden rasiert, den Maler, der auf einer Mauer Alltagsszenen aus der „Location“ festhält, den Mann mit den Rastalocken, der vor dem Matchbox-Häuschen seinen BMW poliert.

Wandmaler mit Touristen.
Wandmaler mit Touristen. Foto: Johannes Dieterich

Natürlich gehören zu Lebos Programm auch die Soweto-Standards: Die Vilikazi-Straße, wo einst Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu lebten (die einzige Straße der Welt, die gleich zwei Friedensnobelpreisträger beherbergte).

Das dem ersten Opfer des Schüleraufstands gewidmete Hector-Pieterson-Museum. Die stattliche Villa Winnie Mandelas, die in Soweto noch immer als Heldin des Befreiungskampfs verehrt wird.

Kneipe in der Vilikazi Street.
Kneipe in der Vilikazi Street. Foto: Johannes Dieterich

Doch nicht diese Stationen sind es in erster Linie, die Lebos Tour zu einem denkwürdigen Erlebnis machen. „So vielfältig hätte ich mir das Leben in einer schwarzen Township niemals vorgestellt“, sagt ein Stuttgarter Tourist beim Abschied – und Lungile lächelt zufrieden.