Island: Diese Einsamkeit liebt sogar Hollywood | reisereporter.de

Island: Diese Einsamkeit liebt sogar Hollywood

Wenn plötzlich ein großer, schwarzer Helikopter aus Hollywood vor einem kleinen Hotel in Islands verlassenen Westfjorden landet, klingt das wie ein Film. Ist es auch.

Schiffswrack in Djúpavík in den isländischen Westfjorden.
Neben dem verlassenen Schiffswrack in Djúpavík steigt in dem Film „Justice League“ Aquaman aus dem Fjord.

Foto: imago/robertharding/Bill Ward

Diese Geschichte könnte der Isländer Magnús Karl Pétursson nicht erzählen, wäre er nicht im Spätsommer 2011 nach Djúpavík gefahren, den nordöstlichsten Winkel der einsamen Westfjorde. In ein Örtchen, das lediglich aus einer maroden Fischfabrik, einem Hotel und wenigen versprengten Sommerhäuschen besteht.

Schroffe Berge, plüschige Schafe, die frei über die Wege trotten, unendliche Weite. Etwa 7.000 Menschen leben in den Westfjorden, knapp 50 davon in der Region Árneshreppur – und damals ganze zwei in Djúpavík. Und zwar: die Eltern seiner Partnerin Kristjana, die er in jenem Sommer kennenlernen wollte. 

Die Westfjorde in Island – die Definition von Einsamkeit

Gut 300 Kilometer von Reykjavík entfernt führen die letzten 70 davon auf einer kurvigen Schotterpiste entlang des Nordatlantik. Bedrohlich steil geht es oft hinab zum aufgewühlten Meer, das Treibholz aus Sibirien an die dunklen Strände schwemmt.

Zwischen Januar und März ist die Landstraße Nr. 643 sogar oft durch Schnee blockiert. Dann liegt die nächste Packung Milch eine Stunde mit dem Snowmobil entfernt. Eine Gegend, in die sich selbst Isländer nur selten verirren. 

Eva Sigurbjörnsdóttir und Ásbjörn Þorgilsson schreckte dies nie ab – im Gegenteil: Sie waren verrückt genug, vor rund 30 Jahren mit ihren damals drei kleinen Kindern von Reykjavik in die Einsamkeit zu ziehen, weil sie sich bei ihrem ersten Besuch in das kleine, verlassene Nest am Fjord Reykjarfjörður verliebten.

Eine verlassene Heringsfabrik wird zum Hotel und Ausstellungsort

Ein Geisterdorf, nachdem mit dem schwindenden Fisch auch die goldene Hering-Ära vorüber war, die Heringsfabrik 1954 stillgelegt wurde und die Bewohner nach und nach fortzogen. 

Das Elternpaar jedoch beschloss: Hier bleiben wir – und kaufte das große, marode Gebäude zusammen mit dem Haus, in dem damals junge Fischarbeiterinnen in Stockbetten schliefen und abends fröhliche Feste feierten.

Sie verwandelten es in ein gemütliches Hotel, das Hotel Djúpavík. Mit Herzblut und Ausdauer renovierten Eva und Ásbjörn das alte Wohnhaus, beließen so viel wie möglich im Original.

Unter den Füßen der Gäste knarren heute schiefe, alte Holzdielen und die schmale, steile Treppe, die zu den acht urigen Doppelzimmern hinaufführt. Die Wände und Regale sind voll von Fotos, Büchern, Kunst – und: einem Bild mit den Hollywood-Superhelden der „Justice League“, das irgendwie aus dem Rahmen fällt. Batman, Aquaman, Wonder Woman. Seltsam, denkt man sich. 

Das Leben in Einsamkeit ist einfach, aber erfüllend

Zurück zu Magnús: Es kam, wie es kommen musste. Auch ihn zog Djúpavík magisch an, sodass er bald seinen Job im Großhandel aufgab und seit einigen Jahren als Hotelmanager mitarbeitet. Er kocht, streicht Fassaden, managt den Hotelbetrieb. „Ich sehe meine Schwiegereltern mehr als meine Partnerin“, scherzt er, denn Kristjana arbeitet als Redakteurin meist in Reykjavik.

Die Wochenenden aber verbringen sie, gemeinsam mit ihren drei Patch-Work-Töchtern, oft in Djúpavík. „Ich führe hier ein einfaches Leben: Arbeiten, Essen, Schlafen“, erzählt Magnús. „Mir gefällt das. Zuerst konnte ich mir ein Leben auf dem Land nicht vorstellen, jetzt ist es anders herum. Ich glaube, es gibt keinen besseren Ort auf der Welt, um seine Batterien aufzuladen“. 

Die alte Heringsfabrik lockt Künstler, Fotografen, Hipster

Neben dem Job als Hotelmanager ist er auch „Museumsführer“ in der alten Heringsfabrik, die sich mittlerweile einen guten Ruf als Museum und Kunst-Ausstellungsfläche gemacht hat.

Die Tour beginnt in einem großen, hohen Raum voller alter Maschinen. An den Betonwänden hängen großformatige Schwarzweiß-Fotografien aus dem letzten Jahrhundert, die von der goldenen Zeit des Heringbooms erzählen; fröhliche Gesichter, zupackende Hände. Auf den Fabrikebenen rosten mächtige Maschinen und Deckenkonstruktionen vor sich hin. Morbider Industriecharme, der auch viele Fotografen anzieht. Auf Schritt und Tritt gibt es Spannendes zu entdecken.

Hollywood hat die isländische Einsamkeit für sich entdeckt

Und dann, ganz beiläufig, erzählt Magnús vom September 2015, als völlig unerwartet ein großer, schwarzer Helikopter direkt in Djúpavík landete: Es war Hollywood-Regisseur Zack Snyder höchst persönlich. Mit der alten Fabrik am Fjord, inmitten einer schroffen isländischen Landschaft fand er die Location, die er suchte. „Sagt alles andere ab, wir bleiben hier“, soll Regisseur Zack Snyder gesagt haben.

Bereits ein Jahr später begannen die Dreharbeiten zu „Justice League“. Mit dem Regisseur kamen Batman Ben Affleck, Aquaman Jason Momoa und weitere Hollywoodgrößen. Sie übernachteten in Luxus-Wohnmobilen direkt vor dem Hotel. Zusätzlich rückten 120 Campingwagen für die gesamte Film-Crew an. Auch das Hotel selbst war voll ausgelastet und wurde zum Matratzenlager. 

Bald schon würde Batman auf einem Islandpferd die Berge hinauftraben und vom Felsplateau auf Djúpavík herabblicken, der muskelbepackte Aquaman neben dem rostigen Schiffswrack aus dem eisigen Fjord steigen – und gemeinsam würden sie gegen das Böse kämpfen.

Auch Magnús und seine Familie spielten als Statisten in Filmszenen mit. Nur die Eisberge, die man in den Filmszenen sieht – die gibt es dort nicht wirklich.

„Neulich“, erzählt Magnús amüsiert, „sollte ich für einen amerikanischen Journalisten sogar selbst Aquaman mimen.“ Kein Wunder, der muskulöse Hüne könnte sein Bruder sein. Er machte den Spaß kurzerhand mit, für den Isländer eher Wonne statt Widrigkeit.

Denn er schwimmt regelmäßig im eiskalten Meer vor seiner Haustür, das selbst im Sommer nie wärmer als zehn Grad wird. Neoprenanzug? Keineswegs, Magnús springt mit seinen Shorts hinein.

Der mystische Ort, vom großen Wasserfall in permanentes Rauschen gehüllt; die verfallene Fabrik, die aus einem anderen Jahrhundert erzählt. Djúpavík inspiriert, beflügelt die Fantasie. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, bis es wieder unverhofft an der Tür klingelt.   

   

Diese Reise wurde unterstützt von Inspired by Iceland, Wow Air und Visit Westfjords. Über Auswahl und Ausrichtung der Inhalte entscheidet allein die Redaktion.

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