„Schön, dass ihr mein Land besucht“, sagt ein Mann zu mir. Er ist Mitte 30 und hat seinen Cousin am Flughafen eingesammelt, der zu Besuch aus London gekommen ist. Aus seinem Kofferraum holt er einen Granatapfel und drei Kakifrüchte. Für uns.

Gefühlt kein Land in Europa begrüßt seine Gäste so warmherzig wie Albanien. Zum einen liegt das daran, dass lange Zeit keine Gäste da waren: Bis 1991 war das Land politisch isoliert, ein europäisches Nordkorea.

Erst in den Neunzigern öffnete sich der Staat. 2009 trat Albanien der Nato bei, seitdem hoffen viele auch auf einen Beitritt zur Europäischen Union. Alle Albaner, die wir kennenlernen, mögen die EU, die meisten haben Verwandte dort.

Die Hauptstadt Albaniens, Tirana, ist bekannt für ihre bunte Architektur.
Die Hauptstadt Albaniens, Tirana, ist bekannt für ihre bunte Architektur. Foto: Wolter

Zum anderen freuen sich die Albaner über Gäste aus dem Ausland, weil Touristen für sie ein Zeichen des Fortschritts sind. Der Tourismus ist in Albanien erst in den letzten Jahren richtig angelaufen. Er hat sich zu einem neuen Wirtschaftszweig entwickelt.

Roadtrip durch Albanien: Lern ein unentdecktes Ziel in Europa kennen

Es kommen immer mehr Menschen: Von 2017 zu 2018 ist die Zahl der Urlaubsbesuche um über 16 Prozent auf über 2,7 Millionen gestiegen. Noch gibt es in Albanien mehr Ziegen als Selfiestick-Verkäufer und mehr private Gasthäuser als aufgestylte Airbnb-Wohnungen. Es ist eines der letzten halbwegs unentdeckten Ziele Europas.

Wer das Land kennenlernen möchte, bevor sich das ändert, sollte jetzt einen Roadtrip durch Albanien machen.

Albanien: So groß wie Belgien, aber mit Bergen und Traumküsten

Albanien ist ungefähr so groß wie Belgien und innerhalb von zwei bis drei Wochen gut mit dem Auto zu bereisen. Es stimmt zwar, dass die Straßen des Landes nicht in bestem Zustand sind, aber so gefährlich, wie es manchmal dargestellt wird, ist eine Landstraßenüberquerung in Albanien dann doch nicht. Abenteuerlich ist das passendere Wort.

Generell gilt: Sportwagenbesitzer sollten ihren Wagen zu Hause lassen, und alle Fahrer sollten die Augen immer auf die Fahrbahn gerichtet haben, um Schlaglöchern und Tieren ausweichen zu können. Außerdem braucht es Geduld. Schneller als mit Tempo 50 lässt es sich selten auf albanischen Straßen fahren.

Es gibt nur wenig geteerte Straßen – und selbst da muss man manchmal auf Tiere Rücksicht nehmen.
Es gibt nur wenig geteerte Straßen – und selbst da muss man manchmal auf Tiere Rücksicht nehmen. Foto: Wolter

Albanien: Eine Straße ins Nichts

2014 wurde die Strecke zwischen Tamare und Vermosh – ganz im Norden des Landes – geteert und ist jetzt nicht nur problemlos befahrbar; die serpentinenreiche Straße, vorbei an Bergdörfern, Gipfeln, Wäldern und Ziegenherden, ist auch eine der schönsten des ganzen Landes. 

Bei unserer Ankunft in Vermosh, dem nördlichsten Dorf Albaniens, erwartet uns: nichts. Und das ist wunderschön. Schweine grunzen hinter Holzzäunen. Kühe werden über ungeteerte Straßen getrieben, und die Luft ist klar wie in Deutschland​ nur an wolkenlosen kalten Wintermorgen.

Der Winter beginnt hier mit dem Schneefall ab Ende Oktober oder Anfang November. Die Dorfeinwohner sind dann monatelang eingeschneit. Anfang Oktober hat man trotzdem noch Chancen auf warme Tage, die sich ganz schnell in eiskalte Abende verwandeln, sobald die Sonne untergegangen ist. Es gibt einige Gasthäuser in Vermosh.

Im Guesthouse Peraj schlafen wir im Haus der Bauernfamilie, bekommen selbst gemachtes Frühstück und Abendbrot und teilen uns den Garten mit zwei Schweinen, einer handvoll Schafe, Hunden und einer Kuh. Mindestens einmal am Tag fällt der Strom für längere Zeit aus.

Strand von Rana ed Hedhun: Die größten Sanddünen Albaniens

Im Gegensatz zu dem Bergdorf Theth, das unter Wanderern mittlerweile bekannt ist, ist die Gegend um Vermosh weniger stark besucht. Dafür sind die Wanderwege schlechter gekennzeichnet. Unsere Wanderung wird ein bisschen zur Schnitzeljagd nach der nächsten Wegmarkierung.

Nach ein paar Tagen im alpinen Nirgendwo geht es über Landstraßen weiter zur albanischen Küste. Sie ist oft vermüllter als in den Nachbarländern, aber auch leerer. Im Nordwesten des Landes ist der Strand hinter Shengjin am schönsten.

Nach einer kurzen Tour mit dem Auto durch ein militärisches Sperrgebiet inmitten eines Pinienwalds – beim Einfahren bitte unbedingt kurz am Wärterhäuschen anhalten ­– erreichen wir den Strand von Rana ed Hedhun, den größten Sanddünen Albaniens.

Im Oktober ist das Wetter oft noch gut genug zum Baden. Das Meer ist vom Sommer noch aufgeheizt und der Strand leer, es gibt mehr Straßenhunde als Menschen.

Albanien hat einen wundervollen Sandstrand.
Albanien hat einen wundervollen Sandstrand. Foto: Wolter

Wer die schönsten Strände des Landes sehen will, muss noch ein bisschen weiter fahren. Sie liegen im Südwesten, an der albanischen Riviera zwischen Vlora und Saranda. In beiden Städten ist der Tourismus bereits ausgeprägt, an der Strandpromenade steht Hotel neben Hotel neben Hotel. Im Sommer machen die Albaner hier selbst Urlaub. 

Saranda: Hier machen die Albaner Urlaub

An der Landstraße SH8, die beide Städte verbindet, fällt die Küste steil ins türkis Meer ab. Man muss ein bisschen suchen, dann finden sich zwischen Bergdörfen, Ziegenweiden, einigen Hotels und Pinienwäldern noch unberührte Buchten zum Schnorcheln und Baden.

Um den berühmtesten Strand Gjipe zu erreichen, muss man das Mietauto stehen lassen und etwa 30 Minuten wandern. Direkt hinter der Bucht liegt ein Canyon, steile Felshänge türmen sich Dutzende Meter hoch in den Himmel auf. Tagsüber sind hier einige Kletterer unterwegs. Nachts wird am Gjipe gezeltet. 

Die Strandpromenade in Saranda – hier machen auch Albaner Urlaub.
Die Strandpromenade in Saranda – hier machen auch Albaner Urlaub. Foto: imago/imagebroker/Barbara Boensch

Zwischen Bunkern und Städten

Das Land hat noch mehr zu bieten als schöne Strände. Auf der westlichen Strecke vom Norden in den Süden Albaniens liegen vier spannende Städte. Tirana ist das Zentrum Albaniens und dessen einzige Metropole.

Berat, Kruja und Gjirokastra lassen erahnen, wie das alte Albanien einmal ausgesehen hat. Alle drei Städte sind jeweils von Bergen umgeben. In Kruja kann man am höchsten Punkt der Stadt gleich neben einer ehemaligen Festung in einem Hotel schlafen.

Kruja ist eine hübsche Kleinstadt in Albanien.
Kruja ist eine hübsche Kleinstadt in Albanien. Foto: Wolter

Berat wird wegen der vielen Häuser des ehemals muslimischen Stadtteils Mangalem „Stadt der tausend Fenster“ genannt und hat die schönste Burgfestung des Landes. Gjirokastra ist nicht nur eine der ältesten Städte Albaniens, sondern auch Geburtststadt von Ismail Kadare, dem berühmtesten Schriftsteller des Landes, und von Enver Hoxha, Albaniens ehemaligem sozialistischen Diktator.

Auf unserem Weg durch das Land sehen wir immer wieder kugelige Betonbauten, die wie riesige Pilze aus dem Boden ragen. Es sind Bunker, circa 177.000 stehen im ganzen Land verteilt. Sie sind das eigentliche Wahrzeichen Albaniens. Enver Hoxha ließ sie bauen, weil er eine Invasion seines Landes fürchtete.

Die Stadt Berat liegt am Fluss Osum. Sie gilt als Stadt der tausend Fenster und ist Unesco-Weltkulturerbe.
Die Stadt Berat liegt am Fluss Osum. Sie gilt als Stadt der tausend Fenster und ist Unesco-Weltkulturerbe. Foto: Wolter

Alle Nachbarländer betrachtete Hoxha als Feinde, auch einen Angriff der Westmächte befürchtete er. Als sich Albanien 1991 öffnete, kam die Ernüchterung: Eine Invasion stand nicht bevor. Viele Menschen in den westlichen Ländern hätten nicht einmal von der Existenz Albaniens gewusst, erzählt uns ein albanischer Tourguide. 

Das Trauma des Gewahrwerdens der Unbekanntheit des eigenen Landes wirkt noch nach. „Wisst ihr, wo ihr seid?“, fragt uns ein Kellner in Tirana – und ist zufrieden, als wir ihm etwas befremdet versichern, dass wir Albanien kennen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich solche Fragen vollständig erübrigt haben werden.