In dem kleinen Obst- und Gemüseladen in Tarfaya hängen Bananen von den Decken. Mandarinen, Äpfel und Avocados liegen ungeordnet in Regalen. Es ist früher Nachmittag.

Zwischen Gemüsekisten auf einem kleinen Tisch ragen zwei Füße hervor, die zu dem Obstverkäufer gehören. Er sitzt auf einem Holzstuhl, die Beine auf dem Tisch, eine Mütze tief ins Gesicht gezogen, und gibt dabei sanfte Schnarchgeräusche von sich. Entspannung pur!

Reise in den Süden von Marokko

Tarfaya ist ein kleines, verschlafenes Fischerstädtchen im Süden Marokkos. Direkt am Atlantik ist es etwa 550 Kilometer von Agadir entfernt und umgeben von großen Sanddünen der Westsahara. Eine Handvoll Hotels gibt es hier, an der Hauptstraße ein paar Restaurants. 

Fischerboote in Tarfaya
Tarfaya: Zwischen Fischerort und Wüste. Foto: Hannes Lintschnig

Touristen kommen selten nach Tarfaya. Das Auswärtige Amt rät tatsächlich auch von Reisen in das Gebiet der Westsahara ab. 

In dem Ort war Antoine de Saint-Exupéry in den 1920er-Jahren als Postflieger am nahe gelegenen Kap Juby stationiert und fand Inspiration für sein weltbekanntes Werk „Der kleine Prinz“.

Die Strände der Wüstenstadt sind ewig weit, und der Atlantik ist wild, zumindest in den Wintermonaten. Zum Teil liegt jedoch eine Menge Müll an den Atlantikstränden.

Der Mix aus Wüste und Atlantik macht den Süden Marokkos so besonders

Eine kurze Busreise weiter südlich liegt Laayoune, mit rund 200.000 Einwohnern die größte Stadt im Gebiet der Westsahara.

In einem Café am Busbahnhof arbeitet Omar. Fragt man ihn, was es in der Stadt zu sehen gibt, sagt er: „Nichts. Wirklich gar nichts!“ Der 23-Jährige finanziert sich als Barista sein Wirtschaftsstudium. So wenig er Touristen einen Laayoune-Besuch empfehlen würde, so sehr schwärmt er von anderen Orten in der Westsahara.

Omar aus Laayoune in Marokko.
Omar arbeitet in einem Café in Laayoune. Foto: Hannes Lintschnig

„Es ist wunderschön hier: die Wüste, das Meer, die Menschen. Und wir sind sehr gastfreundlich. Jeder ist willkommen.“ Als Marokkaner bezeichnet sich Omar nicht, er ist Sahraui, das stellt er klar.

Zu viel hat er sich von der Besetzung Marokkos nach dem Abzug der Spanier 1975 und deren Folgen für die Bevölkerung von seinen Eltern erzählen lassen.

Dass es, wie Omar sagt, in Laayoune „wirklich gar nichts“ zu sehen gibt, ist gewiss übertrieben. Allerdings ist die Stadt, in der das Hauptquartier der UN-Mission Minurso liegt, nicht unbedingt von Touristenattraktionen übersät. Ein Spaziergang durch die Straßen Laayounes ist dennoch beeindruckend.

UN-Fahrzeug in Laayoune, Marokko
In den Straßen von Laayoune sind UN-Fahrzeuge unterwegs. Foto: Hannes Lintschnig

UN-Fahrzeuge fahren auf den Straßen, Männer trinken in Cafés kleine, starke Espressi mit viel Zucker, es ist sehr ruhig hier.

In dem moderneren Zentrum der Stadt gibt es eine komplett verloren wirkende, aber topmoderne McDonald’s-Filiale, in ärmeren Stadtvierteln sieht man Häuserblocks mit rostigen Satellitenschüsseln auf dem Dach vor einem Wüstenpanorama.

Stadtzentrum von Laayoune in Marokko.
Im Zentrum von Laayoune hat mit McDonald’s der Westen Einzug gehalten. Foto: Hannes Lintschnig

Gastfreundliche Einheimische statt Touristenmassen

Und, da hat Omar recht, die Menschen sind gastfreundlich und interessiert. Für einen Kaffee und einen kleinen Schnack hat hier jeder Zeit. Außerdem sind die Menschen in Laayoune lange nicht so aufdringlich wie etwa manchmal in Marrakesch, Agadir oder Essaouira, wo Touristen nicht selten förmlich in die Geschäfte gezerrt werden.

Die Busfahrt weiter in den Süden Richtung Dakhla bietet einen tollen Ausblick. Manchmal fährt man direkt zwischen dem Atlantik und der Wüste, immer geradeaus, sodass man gar nicht weiß, aus welchem Fenster man schauen soll. Allerdings wird es auf der rund achtstündigen Fahrt auch irgendwann langweilig, so beeindruckend alles auch ist.

Blick aus einem Bus auf die Wüste von Marokko.
Schon der Blick aus dem Bus auf die Weite der Westsahara ist magisch. Foto: Hannes Lintschnig

Dakhla ist die südlichste Stadt in der von Marokko besetzten Westsahara und liegt am Ende einer Landzunge. Die Stadt hat eine schöne Promenade am Meer, auf der abends Karussells, Popcornstände und Autoskooter für Kinder aufgebaut werden.

In den vielen kleinen Imbissen wird leckerer frittierter Fisch mit marokkanischem Salat serviert, Kinder spielen Fußball auf den Straßen.

Wo die Sahara auf den Atlantik trifft

Um den Ort herum gibt es eine Vielzahl von ewig weiten und einsamen Stränden, die man am besten mit einem Mietwagen auskundschaftet. Man kann ewig im Sand spazieren und hat zur Rechten den Atlantik und zur Linken die riesigen Sanddünen der Westsahara. Hier trifft die Wüste auf das Meer.

Strand in Dakhla, Marokko.
In Dakhla rieselt Wüstensand in den Atlantik. Foto: Hannes Lintschnig

Touristen sind hier kaum, ein paar Wohnmobile stehen außerhalb der Stadt auf einem Stellplatz und verbringen den Winter bei milden Temperaturen. Außerdem ist die Bucht von Dakhla ein beliebter Kitesurf-Spot.

Fatai hat ein kleines Hotel mit Meerblick in Dakhla. Er baut gerade sein Dachgeschoss aus. „Das werden De-luxe-Zimmer mit Meerblick und Balkon“, sagt er. Fatai weiß, dass momentan noch nicht viele Reisende nach Dakhla kommen, trotzdem investiert er in den Tourismus. „Es ist wunderschön hier. Irgendwann kommen die Touristen in Massen! Ganz sicher.“

Im Süden Marokkos trifft der Atlantik auf die Westsahara.
Skurrile Landschaften zwischen Wüste und Atlantik. Foto: Hannes Lintschnig

Das ist dem Obstverkäufer in Tarfaya wahrscheinlich herzlich egal. Ein Mann betritt seinen Laden, reißt sich vier Bananen von einer Staude ab und geht zu dem Verkäufer. Er klopft auf den Tisch, um ihn zu wecken. Der Obstverkäufer öffnet langsam seine Augen und nimmt die Füße vom Tisch. Ein paar Fliegen schrecken auf, die auf seinem großen Zeh saßen.

Mit verquollenen Augen greift der Obstverkäufer nach einer Haschzigarette. Er nimmt einen langen Zug, atmet tief ein und pustet den Rauch aus. Dann kassiert er drei Dirham (etwa 30 Cent) für die Bananen, legt seine Füße wieder auf den Tisch und schnarcht weiter.