Surfen statt Karriere: Deutsche zieht nach Brasilien | reisereporter

Wohin der Wind dich trägt: Kitesurfen statt Karriere

Eigentlich hatte Ines Müssing eine vielversprechende Karriere vor sich – doch die Leidenschaft blieb auf der Strecke. Warum sie sich fürs Surfen entschied, darüber sprach sie mit dem reisereporter.

Ines Müssing (30) beim Kitesurfen in Brasilien.
Beim Kitesurfen in Brasilien hat Ines Müssing (30) ihre Heimat gefunden.

Foto: privat

Aufgewachsen als Diplomatenkind in Guatemala, Studium in Deutschland und Dubai, mehrsprachig aufgewachsen, den Masterabschluss in der Tasche, einen Job in einer Agentur in München mit Aussicht auf eine steile Karriere, eine feste Beziehung. Eigentlich hatte Ines Müssing alles, was man braucht. 

Doch während um sie herum langsam alle heirateten und Kinder bekamen, trennten sie und ihr langjähriger Partner sich, und plötzlich dachte sie mit Ende 20, dass es das doch noch nicht gewesen sein kann: „Zu dem Zeitpunkt habe ich realisiert, dass ich frei bin, tun und lassen kann, was ich will, und dass das wahrscheinlich jetzt meine letzte Chance ist.“

Kitesurf-Schule statt Karriere: Deutsche wandert nach Brasilien aus

Daraus zog die heute 30-Jährige eine radikale Konsequenz: Sie kündigte ihren Job, ließ ihr Leben in Deutschland hinter sich und ist dem Traum vom Kitesurfen gefolgt.

Inzwischen lebt Ines während der Saison im Norden Brasiliens, besitzt eine Kitesurf-Schule und unterrichtet die Kinder im Dorf in Englisch. Weit abseits von gesellschaftlichen Normen und der nächsten großen Stadt liegt ihre Zufriedenheit.

Allerdings war der Weg dorthin kein leichter. Denn mit dem Job hatte sie auch einen geregelten Tagesablauf, ein festes Einkommen, Sicherheit und eben einen festen Lebensplan aufgegeben. „Freiheit bedeutet in vieler Hinsicht Unsicherheit, und damit muss man erst mal lernen klarzukommen“, sagt Ines. 

Einfach aussteigen? Ines hat’s gewagt!

Am schwierigsten war für sie aber nicht die Angst vor dem Unbekannten, sondern dass sie permanent infrage gestellt wurde. Die Menschen in ihrem Umfeld sorgten sich um ihren Lebenslauf, ihre Zukunft und ihren Beziehungsstatus.

Doch Ines war sich sicher, dass sie ein Leben abseits von gesellschaftlichen Strukturen und Konventionen leben will.

Kitesurfen ist kein Sport, es ist eine Lebenseinstellung.

Ines Müssing

Zu der Kitesurf-Schule im kleinen Ort Praia do Macapá in Brasilien kam sie dann ziemlich ungeplant. Nachdem sie in Mexiko ihre Leidenschaft für das Kitesurfen entdeckt hatte, ist sie immer dem Wind hinterhergereist.

Ausgerechnet an der Nordsee traf sie ihren jetzigen Geschäftspartner Björn, der ihr vom Norden Brasiliens und dem Plan, dort eine Kitesurf-Schule zu eröffnen, erzählte. 

Ohne lange zu überlegen, hat Ines einen Flug gebucht – eigentlich nur, um in der Schule auszuhelfen. Kurz vor ihrer Ankunft verletzte Björn sich allerdings so schwer, dass er zurück nach Europa musste, um sich operieren zu lassen. Plötzlich war Ines mit der Kite-Schule völlig auf sich gestellt. 

Kitesurfen: Ein Leben zwischen den Elementen

Nach der Saison stand fest, dass sie miteinsteigen würde. Und so ist sie plötzlich Mitbesitzerin von „GemütlichKite“. Kiten ist ab jetzt Ines’ Lebensmittelpunkt und viel mehr als nur ein Sport.

Faszination klingt durch, wenn sie über den Wind redet: „Der Kite schafft die Verbindung zum Wind und das Brett die Verbindung zum Wasser. Der Kiter ist das Bindeglied dieser beiden Elemente. Wahnsinn!“

Das Gefühl von Zusammengehörigkeit, das ist „Heimat“ für mich.

Ines Müssing

Außerdem lernt sie dadurch viele Menschen kennen, die diese Leidenschaft teilen und ihr überall auf der Welt ein Stück Zuhause geben – ein Gefühl, das sie lange nicht kannte: „Ich hatte immer schon Schwierigkeiten mit dem Begriff Heimat.“ Hin- und hergerissen zwischen Guatemala und Deutschland wusste sie nie so genau, wo sie eigentlich hingehört. 

Doch das Kiten und ihr neues Leben geben ihr eine ganz andere Perspektive, einen Ort im ärmsten Bundesland Brasiliens, ein Fischerdorf mit 400 Einwohnern, das noch unberührt ist und weit weg von gesellschaftlichen Zwängen. „Herkunft, Bildungsgrad, Alter, das alles spielt hier keine Rolle“, sagt Ines. Sie fühlt sich wohl im Hier und Jetzt.

Neben einer neuen Karriere als Kite-Schulen-Betreiberin hat sie in Brasilien auch eine Mission gefunden: den Kids im Dorf Englisch beizubringen und ihnen durch das Kitesurfen eine Perspektive für die Zukunft zu geben.

Mit Kiten einen nachhaltigen Beitrag leisten

Die Bedingungen zum Kitesurfen in Praia do Macapá sind perfekt, und so werden die Kinder vielleicht eines Tages vom Tourismus profitieren können. „Ich freue mich sehr, meinen Beitrag für die nachhaltige Entwicklung vor Ort leisten zu können“, sagt Ines.

Aber auch auf ihre eigene Entwicklung in den letzten zwei Jahren kann sie stolz sein. Zwar vermisst sie oft ihre Freunde, die Familie und Cappuccino mit aufgeschäumter Milch, aber sie hat auch gelernt, dass man nicht viel braucht zum Glücklichsein. Auch ohne Plan kommt man oft am Ende genau dort an, wo man sein soll. 

Mit Herzblut weiter auf der Karriereleiter

Neben „GemütlichKite“ gehen Ines und Björn für 2019 neue Projekte an, mit den „Bamboo Kite Camps“ möchten sie weltweit expandieren und das Surfen auch mit anderen Dingen wie Yoga und kulturellen Aktivitäten verbinden.

Aber als Erstes steht für Ines die Prüfung als Kitesurf-Lehrerin an; eine weitere Stufe auf ihrer neuen Karriereleiter. Fest steht: Zurück will sie – zumindest im Moment – nicht. Aber wer weiß, wohin der Wind sie trägt: „Ich bin offen für das, was das Leben mir noch so alles bringt.“

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