Schon lange bevor die Sonne in Südmarokko aufgeht, steht Belaaid auf dem großen sandigen Platz in Guelmim, wo heute einer der größten Kamelmärkte Marokkos stattfindet. Belaaid trägt ein hellblaues, bodenlanges Berbergewand, eine Djellaba.

Er hat einen festen Händedruck und tiefe Falten durchfurchen seine braun gebrannte Stirn. „Die Farmer der Wüste stehen früh auf, sie schlafen kaum“, sagt der etwa 50-jährige Kamelhändler. Seine 20 Dromedare hat er schon von seinem Lastwagen abgeladen.

Guelmim: Unterwegs auf einem der größten Kamelmärkte

Manche stehen ruhig in einer Ecke des Platzes, andere schlendern langsam hin und her oder necken sich mit leichten Bissen. „Heute kaufe ich kein Kamel. Heute muss ich verkaufen“, sagt Belaaid und lässt seinen Blick über den Markt schweifen.

vBelaaid verkauft auf dem Markt in Guelmim seine Kamele.
Belaaid verkauft auf dem Markt in Guelmim seine Kamele. Foto: Hannes Lintschnig

Langsam füllt sich Platz unter freiem Himmel im Süden des Stadtzentrums. Ein Pick-up nach dem anderen kommt angefahren. Auf den kleinen Ladeflächen liegen jeweils vier Kamele. Stramm festgebunden mit Seilen können sie sich nicht bewegen. Ziemlich ruppig werden die Tiere von den Ladeflächen geholt. Die Fahrer machen zunächst die Seile los, aber von allein bewegen sich die Tiere nicht.

Die Kamelhändler ziehen an ihren Schwänzen, geben ihnen Tritte und schubsen sie von der Ladefläche. Von der langen beengten Fahrt scheinen ihre Gliedmaßen eingeschlafen zu sein. Sie können sich kaum auf den Beinen halten und fallen beim Versuch aufzustehen immer wieder in sich zusammen. Dabei schreien sie, was einige Marktbesucher sehr lustig finden. Auch Belaaid macht sich darüber keine großen Sorgen. „Das geht gleich wieder, halb so schlimm.“

Wochenmarkt trifft Kamelmarkt

Nicht nur mit Kamelen wird hier in Guelmim gehandelt. Auch Schafe, Ziegen, Esel und Kühe tummeln sich auf dem Platz. Neben dem Marktplatz für Tiere gibt es einen riesigen Obst- und Gemüse-, daneben einen Klamottenmarkt. Bei Google Maps wird dieser Marktkomplex mit „Einkaufszentrum“ beschrieben.

vDutzende Tiere tummeln sich auf dem Marktplatz.
Dutzende Tiere tummeln sich auf dem Marktplatz. Foto: Hannes Lintschnig

Um 10 Uhr wimmelt es auf dem Platz von bunt gekleideten Menschen. Und von Tieren, die ihre Hinterlassenschaften überall verteilen. Ein Mann in einer gelben Djellaba und Lederlatschen schaut sich ein großes, starkes Dromedar mit glänzendem Fell an.

So verhandeln Marokkaner um ein Kamel

Der Mann schaut kritisch und umkreist, beide Arme hinter dem Rücken verschränkt, das Tier langsam. Er zückt sein Smartphone und macht ein Foto des Tieres, dann geht er zu Belaaid. Sie schauen sich das Tier noch einmal gemeinsam an, Belaaid greift den Kopf und zeigt dem Mann das Gebiss des Tieres. Sie reden, gestikulieren wild und laufen immer wieder um das Kamel herum.

Es wird lauter, der Mann in der gelben Djellaba schreit Belaaid geradezu an. Dann wird es kurz still. Belaaid nickt, die beiden umarmen einander. Dann führt der Mann das Kamel zu seinem Pick-up, bindet es auf der Ladefläche fest und fährt vom Platz. „Guter Tag“, sagt Belaaid, zückt ein dickes Bündel Geldscheine aus seiner Brusttasche, ordnet es, sortiert einige Scheine aus seiner anderen Hand hinein und verstaut es wieder. „Guter Tag!“

vDie Kamele werden von potenziellen Käufern ganz genau begutachtet.
Die Kamele werden von potenziellen Käufern ganz genau begutachtet. Foto: Hannes Lintschnig

Die Preise für Kamele variieren, und natürlich ist alles Verhandlungssache. „Für ein großes, starkes Kamel kann man bis zu 20.000 Dirham ausgeben“, sagt Belaaid. Das entspricht ungefähr 2.000 Euro. „Junge Kamele kosten etwa die Hälfte.“ Nicht so groß gewachsene Kamele werden als Schlachtvieh für rund 8.000 Dirham (etwa 800 Euro) verkauft und landen später in der Tajine – einem typisch marokkanischen Schmorgericht.

Belaaid ist in der Nähe von Dakhla aufgewachsen in der Westsahara, die heute zum größten Teil von Marokko besetzt ist. Der Kamelhändler ist in einem Nomadenstamm aufgewachsen und durch die Wüste gezogen. Das Nomadenleben hat er mittlerweile aufgegeben. „Ich habe ein Haus hier in Guelmin und auch eines in Dakhla. Für meine Kinder, ich will ihnen etwas bieten.“

Es ist Nachmittag, etwa 100 Kamele stehen in einer Ecke des Platzes und warten, bis etwas passiert. Zwei Männer scheinen an einem kleinen Kamel interessiert zu sein. Es ist mager, hat einige kahle Stellen im Fell und sieht klapprig aus. Es gehört Belaaid, der auf die beiden Männer zugeht und mit ihnen spricht. Sie verhandeln. Nach einer Weile gehen die beiden Männer. „Das war nichts. Jetzt gehe ich etwas essen“, sagt Belaaid. Sein Arbeitstag ist vorbei. Nächste Woche wird er wieder hier sein – lange vor Sonnenaufgang und mit seinen Kamelen.