Plädoyer: Warum Urlaub zu Hause am schönsten ist | reisereporter.de

Plädoyer: Warum Urlaub auf dem Land am schönsten ist

Aufgewachsen ist reisereporterin Leo in einem 500-Einwohner-Dorf in Niedersachsen, heute wohnt sie in Berlin. Aber: Sie kommt häufig zum Entspannen zurück. Ihr Plädoyer für Urlaub zu Hause auf dem Land.

Zu Hause auf dem Land fällt es leichter, einfach mal nur zu sein.
Zu Hause auf dem Land fällt es Leo leichter, einfach mal nur zu sein.

Foto: Leo Bartsch

Nachdem ich in London, Köln und Hamburg gewohnt habe, bin ich letzten Endes in Berlin angekommen. Doch während ich das Dorfleben als Teenager langweilig und ätzend fand, verschlägt es mich inzwischen immer öfter in meine Heimat.

Mal ein paar Tage rauskommen, frische Luft atmen, weiter sehen können als bis zur nächsten Hauswand, das finde ich toll. Man kann eben das Mädchen aus dem Dorf holen, aber nicht das Dorf aus dem Mädchen. Hier kommt mein Plädoyer für Urlaub in der Heimat:

Das Landleben hat eine Qualität, die dir die Stadt nicht bieten kann

Eigentlich mag ich ja das Großstadtleben. Alles ist zu jeder Zeit möglich. Das Angebot ist reichhaltig, für jeden ist immer irgendetwas dabei. Kultur, Musik, Essen – alles abgedeckt. Du kannst dich kleiden, wie du willst, ohne dass dich jemand schief anguckt, tun und lassen, was du möchtest, und niemanden interessiert es, und garantiert findest du immer irgendwie das, was du suchst. Man ist eben frei.

Welcome home! Hier ist die Welt noch in Ordnung.
Welcome home! Hier ist die Welt noch in Ordnung. Foto: Leo Bartsch

Doch nach elf Jahren Großstadt merke ich langsam, aber sicher, dass ich eben doch nicht alles haben kann in so einer Metropole wie Berlin.

Ruhe zum Beispiel. Oder Weite. Frische Luft und Natur. Grüne Wiesen, die nicht von einer Horde Hipster bevölkert sind. Orte, an denen ich mal nur für mich bin. Und natürlich die Sterne. Die gibt es am Berliner Nachthimmel nicht. Das Dorf bietet eben eine andere Art von Freiheit, die ich früher gar nicht wahrgenommen habe.

Alles, was ich früher ätzend fand, ist heute genau richtig

Meine Perspektive auf das Dorfleben hat sich in den letzten Jahren wirklich grundlegend geändert, und alles, was ich früher ätzend fand, ist heute genau richtig für mich. Als 15-Jährige fühlte ich mich oft wahnsinnig isoliert, weil ich nicht wegkam, keine Busse fuhren und es kein Nachtleben gab.

Heute merke ich, auch in der Stadt leiden Menschen oft unter Isolation, denn es gibt kein Gemeinschaftsgefühl, wenig Zusammenhalt und jeder geht eben so seinen Weg. Das ist bei uns auf dem Land noch anders.

Auch wenn ich es früher schlimm fand, dass jeder jeden kannte, finde ich es heute toll, wenn man auf der Straße gegrüßt wird, mal einen Plausch am Gartenzaun hält oder die Nachbarn einfach klingeln und frische Tomaten aus dem Garten vorbeibringen.

Leo ist in einem Dorf in Südniedersachsen aufgewachsen.
Leo ist in einem Dorf in Südniedersachsen aufgewachsen. Foto: Leo Bartsch

Man kennt sich und man hilft sich auch, das ist kein Klischee, das ist Realität. Zum Supermarkt muss man zwar 20 Minuten fahren, aber dafür gibt es einen Dorfladen, der lokale Produkte vom Bauern verkauft – direkter geht es nicht. Und vor allem merkt man mal wieder, wie wenig man eigentlich wirklich braucht, wenn man nicht permanent auf alles Zugriff hat. Essen gehen wird wieder zu etwas Besonderem, „Coffee to go“ ist ein Fremdwort – dafür gibt es Eis am Stiel in der Dorfkneipe.

Hier kann man noch die Sterne sehen und seine eigenen Gedanken hören

Gefühlt läuft das Leben hier noch etwas langsamer und man ist nicht ständig neuen Impulsen ausgesetzt. Irgendwie wird man genügsamer, weil man nicht ständig das Gefühl hat, etwas zu verpassen, es passiert eben auch viel weniger. Oft komme ich hier zu Dingen, die sonst auf der Strecke bleiben – zu langen Spaziergängen, zum Lesen und zum Nachdenken.

Denn hier werden die eigenen Gedanken nicht von zu lauter Technomucke oder anderen Großstadtgeräuschen übertönt. Es fällt mir hier wirklich viel leichter, einfach nur zu sein, ohne mich zu stressen. Und deshalb komme ich immer öfter in mein altes Dorf, denn alles ist vertraut, aber eben doch ganz anders als in meinem jetzigen Zuhause Berlin.

In der Heimat kann Leo durchatmen, deswegen kommt sie, sooft es geht, für einen Kurzurlaub nach Niedersachsen.
In der Heimat kann Leo durchatmen, deswegen kommt sie, sooft es geht, für einen Kurzurlaub nach Niedersachsen. Foto: Leo Bartsch

Immer, wenn ich mal wieder die Sterne sehen, ein Pferd streicheln oder das Gefühl haben möchte, richtig tief durchatmen zu können, kann ich zum Glück rausfahren. Das ist eine ganz andere Art von Urlaub und ein ganz anderes Leben. Und ich liebe es.

Nach ein paar Tagen Ruhe und Entschleunigung freue ich mich dann zwar auch immer wieder auf die Stadt und all ihre Vorzüge, aber im Hinterkopf weiß ich, es gibt einen Ort, der immer auf mich wartet und an dem Urlaub nichts kostet. Er heißt Heimat.

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