Ich will nichts beschönigen: Ich war schon genervt, als mein Rückflug von New York JFK nach Europa kurz vor dem Start gecancelt wurde. Da stand ich nun: mit Manhattan abgeschlossen, mit Dreckwäsche im Koffer und Terminen im Kopf und wusste nachts um eins nicht wirklich, wohin mit mir selbst.

Wäre da nicht das gestresste Bodenpersonal gewesen, das mich Richtung Omnisbus schob, welcher letztlich ein beige-grau-ockergelbes Flughafenhotel ansteuerte, das seine besten Tage in den späten 70er-Jahren gesehen hatte. Ich schwör’s!

Nichts für Depressions-Gefährdete: Der Blick aus dem Hotelzimmer am JFK-Airport.
Nichts für Depressions-Gefährdete: Der Blick aus dem Hotelzimmer am JFK-Airport. Foto: Christina Mänz

Gestrandet in New York: Ausrasten oder durchatmen?

Nun hat man mehrere Möglichkeiten: ausrasten, ausatmen oder sich einfach nur über geschenkte Stunden freuen, von denen man nicht weiß, was sie so bringen können. Ich entschied mich für etwas Restschlaf und einen Ausflug an die Jamaica Avenue in Queens.

Das Herz von Jamaica (Queens): Die Einkaufsstraße Jamaica Avenue.
Das Herz von Jamaica (Queens): Die Einkaufsstraße Jamaica Avenue. Foto: Christina Mänz

Trotz Sauwetter und Tristesse: Der Trip nach Queens lohnt sich!

Meine strategische Überlegung: Wenn schon widrige Umstände – dann richtig! In den Sommermonaten wäre ich vielleicht nach Rockaway Beach ans Meer gefahren. Aber ich hatte die Bilder von vernagelten Bretterbuden und einsamen Seelen an Bushaltestellen im Kopf.

So fuhr ich also an diesem trüben, nasskalten Tag mit dem JFK Airtrain, der die Terminals verbindet, bis zur Endstation Jamaica Avenue und erkundete die Nachbarschaft. Manchmal muss man sich ja auch einfach nur erwartungslos einlassen. Ich wurde reich belohnt!

Selten so viele Läden für Friseur-Bedarf und Perücken gesehen wie an der Jamaica Avenue.
Selten so viele Läden für Friseur-Bedarf und Perücken gesehen wie an der Jamaica Avenue. Foto: Christina Mänz

Wieder will ich nichts beschönigen: Möchte ich hier wohnen? Nein. Aber: Möchte ich hier für einen Moment sein? Unbedingt! Die Gegend hat bessere Zeiten gesehen, um einen kurzen historischen Exkurs zu unternehmen. Jamaica hat, wie ich gelernt habe, nichts mit der gleichnamigen Karibik-Insel zu tun.

Der Name stammt von amerikanischen Ureinwohnern, den Jameco Indians, für die die heutige Jamaica Avenue im 17. Jahrhundert in der Tat ein Handelsweg war. Hier, wo heute Handys und Gebrauchtwagen verhökert werden, wurde vor 400 Jahren mit Fellen und Pelzen gehandelt. Dann kamen die Holländer, erwarben Land (gegen Schießpulver, Waffen und einen Mantel), später die Briten.

Der Bedarf an Betten und Schrankwänden scheint groß: An der Jamaica Avenue gibt es diverse Möbelhändler.
Der Bedarf an Betten und Schrankwänden scheint groß: An der Jamaica Avenue gibt es diverse Möbelhändler. Foto: Christina Mänz

Spaziergang in Jamaica: Von Gründungsvätern und Gruselgräbern

1805 ließ sich hier Rufus King nieder, einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten, einer der Unterzeichner der amerikanischen Verfassung. Sein Haus hat sich erstaunlicherweise allen Immobilienentwicklern und blanker Zerstörungswut widersetzt.

Das King-House an der Jamaica Avenue ist heute ein Museum.
Das King-House an der Jamaica Avenue ist heute ein Museum. Foto: Christina Mänz

Und noch mehr Geschichte: Wenige Hundert Meter entfernt liegt der Friedhof der Grace Episcopal Church mit (zum Teil gruseligen) Grabsteinen aus der Kolonialzeit. Ein guter Freund von Abraham Lincoln liegt hier begraben. Damit ein Sprung ins 20. Jahrhundert. Wenn du deinen Blick von Schaufenstern, Straßenhändlern und der eigenen Tasche lösen kannst, erkennst du die Schönheit der zum Teil reichhaltigen Fassaden.

Die Jamaica Avenue muss in den 20er-Jahren eine echte Vergnügnungsmeile gewesen sein. Letzte Zeugnisse: Im Merrick Theatre zum Beispiel wurden Aufführungen grundsätzlich von großem Orchester begleitet.

Historischer Friedhof der Grace Episcopal Church.
Historischer Friedhof der Grace Episcopal Church. Foto: Christina Mänz

Der Glanz vergangener Zeiten

Ähnlich fröhlich muss es im Loew’s Valencia Theatre zugegangen sein. 1929 wurde es eröffnet, hatte Platz für 3.600 Gäste, eine Orgel und ein Goldfischbecken. Heute erinnert nur noch die spanische Barock-Fassade an den Glanz vergangener Zeiten. 

1921 eröffnete das Merrick Theatre – die Fassade blieb.
1921 eröffnete das Merrick Theatre – die Fassade blieb. Foto: Christina Mänz

Voodoo-Zauber und Bling-Bling

Und heute? Die ganz schlimmen, von Gewalt und Kriminalität geprägten Jahre sollen vorbei sein. Die Jamaica Avenue gilt als attraktive Straße mit Investment-Potenzial, als alternatives Shopping-Paradies. Letzteres bestätige ich voll und ganz! Mein Lieblingsladen: ein Shop für religiöse Artikel, für Glücksritter und Abergläubische. 

Außerdem unschlagbar: Bling-Bling-Läden. Ich hatte mich bis dato schon gefragt, wo man die dezenten Accessoires und Namenskettchen käuflich erwerben kann. Jetzt weiß ich es.

Vom Rosenkranz bis zur Lotto-Glückskerze: In diesem Geschäft gibt es alles, was hilft.
Vom Rosenkranz bis zur Lotto-Glückskerze: In diesem Geschäft gibt es alles, was hilft. Foto: Christina Mänz

Bereichernde drei Stunden später war ich zurück im Flughafenhotel, zwei weitere Stunden später am Abfluggate, irgendwann dann auch zurück in Deutschland und letztlich richtig fröhlich wegen eines überraschend(en) geschenkten Tags in Queens. Danke dafür!