Meinen Flug nach Venedig buchte ich nicht ohne schlechtes Gewissen. Ich fragte mich schon, ob ich nicht auch einer dieser Touristen sei, unter deren Last die Lagunenstadt so ächzt. Dann dachte ich, einfach hinfahren zu müssen, solange es noch geht.

Kann ich in Venedig gegen den (Touristen-)Strom schwimmen?

Schließlich gehöre ich nicht zu jenen, die mit dem Kreuzfahrtschiff durch die Lagune kacheln und dann im Schnelldurchgang das komplette Nepp-Programm abspulen. Ich buchte. Letztlich kamen mir die entscheidenden Fragen, weshalb du auch das hier liest:

Kann ich in Venedig gegen den (Touristen-)Strom schwimmen und mich abseits der Hauptattraktionen treiben lassen? Ohne Karte? Ohne Plan? Ohne konkretes Ziel? Bis die Füße schmerzen?

In der Hoffnung, auch noch ein paar der verbliebenen Venezianer und einigermaßen authentisches Leben anzutreffen, entscheide ich mich vorab für Cannaregio im Norden der Lagunenstadt.

Zwar ist der Stadtteil längst kein Geheimtipp mehr, allerdings im Vergleich zu San Marco zum Beispiel eine andere Welt. Ich starte also gegen 6.30 Uhr früh, und schnell überkommt mich ein furchteinflößendes Gefühl, die letzte Überlebende in einem Science-Fiction-Streifen zu sein. Totenstille. Venedig ist wie ausgestorben. Keine Menschenseele im Morgengrauen.

Venedig als Geisterstadt – das gibt's nur im Morgengrauen.
Foto: Christina Mänz

Erleichterung, als mir in der morbiden Kulisse wenigstens die ersten Bauarbeiter, Lieferanten und Müllmänner über den Weg schippern.

Auch Lieferanten sind in Venedig natürlich mit dem Schiff unterwegs.
Foto: Christina Mänz

Ein Abstecher über die noch verwaiste Rialto-Brücke zum traditionellen Mercato di Rialto im Stadtteil San Polo, …

Früh am Morgen ist die Rialto Brücke noch leer.
Foto: Christina Mänz

… wo um kurz vor 7 Uhr die frische Ware aus der Region selbstredend per Schiff angeliefert wird (im Hintergrund: die Hände-Skulptur des Künstlers Lorenzo Quinn)…

Lieferanten bringen Ware für den Mercato di Rialto.
Foto: Christina Mänz

...und Fischhändler seit Jahrhunderten üppig präsentieren, was das Meer um die Lagunenstadt so hergibt.

Der Fischmarkt des Mercato di Rialto.
Foto: Christina Mänz

Zurück über die Rialto-Brücke führt mich mein Weg gen Nordwesten ins beschauliche, zauberhafte Cannaregio.

In Cannaregio gibt es jede Menge hübscher kleiner Kioske.
Foto: Christina Mänz

Kioske und Blumenläden, Schlachter und Schuhmacher, kleine Bars und herrliche Bäckereien bestimmen hier das Bild. Frühstück.

Croissant und Café – lecker!
Foto: Christina Mänz

Ich folge den Schildern ins historische Jüdische Getto (aus dem 16. Jahrhundert).

Erkundungstour im historischen Jüdischen Ghetto.
Foto: Christina Mänz

Weiter entlang der ebenso pittoresken wie beschaulichen Kanäle…

In Venedig geht es immer am Kanal entlang.
Foto: Christina Mänz

… zur Chiesa della Madonna dell’Orto. Innehalten in der Kirche des venezianischen Meisters Tintoretto.

Gebaut wurde die Chiesa della Madonna dell'Orto im 14. Jahrhundert.
Foto: Christina Mänz

Es läuft. Ich laufe. Es ist noch nicht einmal Mittagszeit. Ein Abstecher in den Palazzo Ca’ d’Oro, den ich schon bei der Ankunft vom Wassertaxi aus bewundert habe. Beim Blick auf den mittlerweile wuseligen Canal Grande entscheide ich mich für eine Kehrtwende Richtung Norden.

Richtungswechsel: Weiter geht's Richtung Norden.
Foto: Christina Mänz

Zufällig stolpere ich in das ehemalige Jesuitenkloser. Es ist heute ein Hostel mit Bar und Restaurant. Ein begnadeter Ort für eine Lunchpause im Liegestuhl.

Ein Snack im Liegestuhl zum Lunch.
Foto: Christina Mänz

Morbides zur Mittagszeit: Mein Weg führt an den nördlichen Rand der Lagunenstadt. Blick auf die Friedhofsinsel San Michele, weiter durch die Calle de Fumo, in der sich viele Beerdigungsinstitute und Grabschmuckläden angesiedelt haben.

Ich erreiche die entzückende Kirche Santa Maria dei Miracoli, ein Mamorschmuckstück, vor dem ein Gondoliere auf Kundschaft wartet.

Ein Gondoliere sonnt sich zwischen zwei Fahrten.
Foto: Christina Mänz

Der Kollege hier auch:

Zeitvertreib: Ein Gondoliere wartet auf Kundschaft.
Foto: Christina Mänz

Um die Ecke eröffnet sich dann dieser Blick:

Typisch Venedig, typisch bezaubernd: Gondeln liegen auf dem Kanal zwischen den schmuckvollen Häusern.
Foto: Christina Mänz

Ich gestehe: Ich schwächele! Zum einen habe ich zu diesem Zeitpunkt komplett die Orientierung verloren. Zum anderen ist mir nach den vielen Plätzen und Palästen, Brücken und Kirchen nach einem Shoppingtempel. Die Rettung ist zehn Gehminuten entfernt: das Luxuskaufhaus im Fondaco dei Tedeschi. Fast noch besser als der Inhalt ist die spektakuläre Architektur des vom Architektenbüro Rem Koolhaas neu gestalteten Handelshauses.

Auch für Shopping-Muffel: Das Fondaco dei Tedeschi ist schon allein wegen seiner Innenarchitektur einen Besuch wert.
Foto: Christina Mänz

Dazu gehören die schicke rote Rolltreppe…

Das Kaufhaus rollt den Besuchern zwar keinen roten Teppich aus, dafür hat es eine rote Rolltreppe.
Foto: Christina Mänz

… und der Blick von der Dachterrasse:

Das Kaufhaus ist auch Aussichtspunkt.
Foto: Christina Mänz

Ein letztes Mal geht es für mich an diesem Tag über die Rialto-Brücke. In dem Traditionsladen Emilio Ceccato (von 1902) kaufe ich mir eines dieser rot-weiß gestreiften Gondoliere-Shirts:

Ein typisches Venedig-Souvenir muss sein: Die gestreiften Shirts der Gondoliere.
Foto: Christina Mänz

Endstation Bar: Ich kann nicht mehr. Es ist mittlerweile 18 Uhr etwas. Meine Tour endet mit einem Spritz und Thunfischkroketten an der Al-Mercà-Bar in San Polo, ganz in der Nähe vom Mercato di Rialto.

Weil’s hier schön voll ist und nur Italienisch gesprochen wird.

Langsam kehrt wieder Ruhe ein, verlassen die Tagestouristen die Stadt, packen die Händler ihren Tand zusammen. Venedig ist wunderbar.

Leckerer Abschluss nach einem langen Tag: Ein Spritz und Thunfischkroketten in der Al-Mercà-Bar.
Foto: Christina Mänz

Fazit: Würde ich wieder einfach so loslaufen? Unbedingt! Die Hände frei zu haben (kein Reiseführer, kein Buch, kein Stadtplan) ist für mich überraschend befreiend. Seinen eigenen Weg zu gehen ist obendrein sinnvoll und hält wach. Zurück auf die Trampelpfade findet man in Venedig eh immer.

Schade nur, dass ich auf meinem Gewaltmarsch auch an einigen Sehenswürdigkeiten schlichtweg unwissend vorbeigelaufen bin. Andere Highlights waren hingegen einfach dicht. In Venedig machen nämlich auch einige Kirchen Mittagspause. Außerdem war ich an einem Dienstag unterwegs. Da haben viele Restaurants und Museen geschlossen.

Ein bisschen Venedig für Zuhause: Samtschlappen, Gondoliere-Shirt und Prosecco.
Foto: Christina Mänz

Meine „Fundstücke“: Samtschlappen, ein Gondoliere-Shirt und Cipriani-Prosecco für den Bellini daheim. Außerdem malte ich für die Fußschmerzen-Ursachenforschung noch einmal meine Tour durch Cannaregio auf.

Noch zwei Tipps:

  1. Vorab Öffnungszeiten von Restaurants, Museen und Palästen checken, falls ihr die doch gezielt ansteuern wollt. Dann auch Tickets und Fahrkarten vorab buchen, um Schlangen zu vermeiden.
  2. Unbedingt in Venedig übernachten und nicht mit den Tagestouristen einfallen, die in der Regel zwischen 10 und 18 Uhr die Stadt (vor allem San Marco) unbegehbar machen. Venedig ist im Morgengrauen und in der Abenddämmerung unsagbar romantisch.