Dänemark: Eine Nacht im Bunker am Strand | reisereporter.de

Dänemark: Eine Nacht im Bunker am Strand von Skagen

In meiner Kindheit waren die dänischen Bunkeranlagen ein reiner Abenteuerspielplatz – einige Jahre später machte ich aus diesem Spielplatz eine Übernachtungsstätte der besonderen (oder absurden) Art. 

Ein kurzer Spaziergang durch die Dünen von Skagen, und schon tauchen immer mehr der alten Bunkeranlagen auf.
Ein kurzer Spaziergang durch die Dünen von Skagen, und schon tauchen immer mehr der alten Bunkeranlagen auf.

Foto: Lisa-Marie Leuteritz

Ich muss zugeben, die dänischen Bunkeranlagen haben mich schon im Kindesalter fasziniert. Das mag makaber klingen, aber es sind einfach die größten Abenteuerspielplätze.

Früher hieß das Ferienziel fast jedes Jahr Dänemark. Und seit dem ersten Besuch einer Bunkeranlage in Hirtshals lag ich meinem Vater jährlich in den Ohren: „Wir müssen wieder zu den Bunkern fahren, biiiiiitte!“

Damals hatte ich keine Ahnung, wofür die Betonklötze einst gebaut worden waren, und es interessierte mich, um ehrlich zu sein, auch recht wenig. Viel spannender war es, durch die Gänge zu rennen, die Räume zu erkunden und Verstecken zu spielen. Völlig unbefangen und frei von Gedanken über einen Krieg, für den die Anlagen ursprünglich gebaut wurden. 

Der Preis für die besten Ideen geht an mich – dachte ich

Jetzt, etliche Jahre später, stand mal wieder ein Urlaub in Dänemark auf dem Plan. War echt schon viel zu lange her. Ich vermisste das dänische Softeis (für mich das beste Eis der Welt!), die Dünen und die breiten Strände der Nordsee.

Also planten wir einen kleinen Roadtrip von Dresden bis hoch nach Skagen. Okay… eigentlich planten wir nur den Start und die Dauer der Reise, alles andere überließen wir dem Zufall. Doch eine Sache hatte ich mir fest vorgenommen: eine Nacht in einem Bunker am Strand zu verbringen. 

Ja, ich habe immer die tollsten Ideen. Ich bitte Freunde, mit mir nachts auf den Friedhof zu gehen, damit wir uns eine Runde gruseln können, und bin dann selbst die Erste, die sofort wieder nach Hause will. Aber was soll an einer Nacht im Bunker schon so gruselig sein?

Ganz traditionell haben wir uns den Weg bis nach Skagen per Landkarte gesucht.
Ganz traditionell haben wir uns den Weg bis nach Skagen per Landkarte gesucht. Foto: Lisa-Marie Leuteritz

Wir starteten unsere kleine Reise an einem verregneten Tag im September und fuhren los. Ziel: der erste Nordseestrand, den wir auf schnellstem Wege hinter der dänischen Grenze erreichen konnten.

Ich wollte einfach so schnell wie möglich das Meer sehen, mir den salzigen Wind um die Nase wehen lassen.

Gesagt, getan. Im Regen standen wir bibbernd an einem kleinen Strand, und tatsächlich erspähten wir dort den ersten Bunker. Meine Hoffnung stieg, dass wir tatsächlich unsere Schlafsäcke in einem Bunker ausrollen werden. 

Auf den Spuren meiner Ferienzeit

Aber erst einmal klapperten wir ein paar meiner früheren Ferienziele ab: die Insel Rømø mit ihren unendlich breiten Stränden, rüber an die Ostseeküste nach Kolding und Horsens, vorbei an Randers bis hoch nach Skagen. Entlang dieser Strecke fanden wir – dank mitgebrachter Karte und GPS-Gerät – überall einen Naturcampingplatz. Je nördlicher wir waren, desto gemütlicher und idyllischer wurden sie.

Wesentlich gemütlicher als die Bunker sind die Schutzhütten auf den dänischen Wildcampingplätzen.
Wesentlich gemütlicher als die Bunker sind die Schutzhütten auf den dänischen Wildcampingplätzen. Foto: Lisa-Marie Leuteritz

Und nicht nur die Campingplätze, auch die Landschaft veränderte sich mit jedem Kilometer. Je näher wir dem kleinen Küstenort Skagen kamen, desto karger wurde es: Dünen links, Dünen rechts und in der Mitte die Straße. Das war’s.

Wir richteten uns noch eine Nacht in einer urigen Schutzhütte mitten im Wald ein, bevor es schließlich in den Bunker gehen sollte. Doch der musste erst einmal gefunden werden. 

Die Suche nach dem passenden Bunker

Also machten wir uns am nächsten Tag auf den Weg zum Strand. Nicht nur die Bunker warteten dort auf uns, auch das Zusammentreffen von Nord- und Ostsee ist an der nördlichsten Spitze Dänemarks immer wieder ein Erlebnis.

Ich meine: Mit den Füßen in zwei Meeren gleichzeitig zu stehen, wo geht das schon?!

 
Der Punkt, an dem Nord- und Ostsee aufeinandertreffen, ist ein Magnet für Touristen.
Der Punkt, an dem Nord- und Ostsee aufeinandertreffen, ist ein Magnet für Touristen. Foto: Lisa-Marie Leuteritz

Nachdem wir das kulturelle Highlight abgehakt hatten, ging es wieder zurück zum Auto. Denn wir hatten tatsächlich ein Exemplar gefunden, was perfekt für die Nacht war: Es gab einen Raum mit einem weiteren Durchgang, der weiter nach oben führte. Doch der untere Bereich genügte uns schon.

Der Bunker befand sich an der Ostsee. Weil wir aber den Sonnenuntergang am Meer genießen wollten, fuhren wir rüber zur Nordseeküste. In Skagen ist das eine Entfernung von weniger als fünf Kilometern.

Die Nordsee ist wild und beruhigend zugleich. Bei Sonnenuntergang ist die Atmosphäre besonders beruhigend.
Die Nordsee ist wild und beruhigend zugleich. Bei Sonnenuntergang ist die Atmosphäre besonders beruhigend. Foto: Lisa-Marie Leuteritz

Und an dieser Stelle nur so viel: Das hat sich echt gelohnt, der Sonnenuntergang war wie gemalt.

 
Die Farben sind unbearbeitet und in der Realität war der Sonnenuntergang in Skagen noch viel intensiver.
Die Farben sind unbearbeitet und in der Realität war der Sonnenuntergang in Skagen noch viel intensiver. Foto: Lisa-Marie Leuteritz

Schließlich brachen wir auf, parkten das Auto am Straßenrand und stapften durch die Dünen zum Strand.

Da es schon dämmerte, waren die Touristen mittlerweile verschwunden und wir wurden bei unserer – vermutlich nicht ganz legalen – Aktion von niemandem beobachtet.

Am Objekt unserer Begierde angekommen, zweifelte ich das erste Mal: Was war das wieder für eine bescheuerte Idee? Der Bunker sah viel unheimlicher aus als bei Tageslicht, der Eingang war nur noch ein schwarzes Loch.

Na ja, Plan ist Plan.

 
Bei einem ausgiebigen Strandspaziergang suchten wir uns unseren Bunker für die Nacht aus. Tagsüber sah er noch nicht so bedrohlich aus...
Bei einem ausgiebigen Strandspaziergang suchten wir uns unseren Bunker für die Nacht aus. Tagsüber sah er noch nicht so bedrohlich aus... Foto: LIsa-Marie Leuteritz

Wir richteten unser Nachtlager her und machten es uns auf der „Terrasse“ mit einer Flasche Wein bequem. Meine Idee: Vielleicht entspannt sie mich. Aber: Natürlich war das nicht der Fall.

Es wurde dunkler und dunkler. Wir debattierten darüber, ob sich die Containerschiffe am Horizont nun bewegen oder nicht. 

Da wir ja eine Nacht in einem Bunker SCHLAFEN wollten, mussten wir irgendwann auch mal ins Bett. Auch wenn ich am liebsten bis Sonnenaufgang auf der Terrasse geblieben oder zurück zum Auto gelaufen wäre.

Da lag ich nun, konnte meine Augen nicht von dem dunklen Loch abwenden, durch das man weiter ins Innere des Bunkers gelangen konnte. Wer auch immer das freiwillig wollte, dachte ich in diesem Moment.

Draußen brummten die Containerschiffe, das Auge des Leuchtturms schaute regelmäßig vorbei, und meine Begleitung neben mir schnarchte bereits. Großartig. 

Im Bunker übernachten: Würde ich es wieder tun?

Irgendwie quälte ich mich bis zum ersten Sonnenstrahl, geplagt von Albträumen und gruseligen Gedanken. Ständig kamen Kreaturen und Menschen aus diesem Durchgang, den wir vorher nicht erforscht hatten. Träumte ich oder hatte sich da gerade wirklich was bewegt? So muss sich ein schlechter Drogentrip anfühlen.

Während ich vor Glück seufzte, weil ich tatsächlich überlebt hatte (dramatisieren? Kann ich!), erwachte meine Begleitung ausgeschlafen und zufrieden. So unterschiedlich können Situationen empfunden werden.

Plötzlich hörte ich ein Boot näherkommen und Menschen reden. Oje, das ist sicherlich die Küstenwache, die uns direkt verknackt (Stichwort: Drama). Wir packten unseren Kram zusammen und hechteten zurück zum Auto. Puh.

Und nun? Ja, ich habe eine Nacht im Bunker geschlafen. Würde ich es wieder tun? Sicher nicht. So unbeschwert, wie ich als Kind durch die Weltkriegsanlagen tollte, war die Nacht definitiv nicht. Wenn man einmal weiß, wofür diese Betonklötze ursprünglich gebaut wurden, ist man doch froh, wenn man nicht länger als ein paar Minuten da drin verbringen muss.

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