Nach dem schlimmen Erdbeben: Ist Urlaub im „Krisenland“ Nepal okay?

Nach Erdbeben: Ist Urlaub im „Krisenland“ Nepal okay?

Kurz nach dem verheerenden Erdbeben vor drei Jahren besuchte reisereporter Nils die Everest-Region in Nepal. Wie Land und Leute mit den traumatischen Erlebnissen umzugehen versuchen, berichtet er hier.

Die Stupa „Bodnath“ in Kathmandu.
Die Stupa „Bodnath“ wurde durch das Erdbeben stark beschädigt, mittlerweile aber vollständig wiederhergestellt.

Foto: pixabay.com/chris810

Oktober 2015. Wenige Monate nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal steige ich aus dem Flieger nach Kathmandu. Nach fast einem Dutzend Reisen in mein Lieblingsland ist es mir ein persönliches Anliegen, den Menschen etwas zurückzugeben und mit eigenen Augen zu sehen, wie es ihnen geht.

So befremdlich der Gedanke zunächst sein mag, zwischen all der Zerstörung Urlaub zu machen, so nachdrücklich versichern mir meine nepalesischen Freunde im Gespräch, dass Touristen genau das sind, was Nepal in diesem Moment braucht. Touristen, die Geld ins Land bringen – und anderen Menschen aus erster Hand davon erzählen, dass der Himalayastaat trotz des Erdbebens nichts von seiner Schönheit und Vielfalt eingebüßt hat.

Alles verloren und doch voller Lebensfreude

Ang Kami, einer meiner langjährigen Partner vor Ort, stellt mir Mingma vor. Er wird in den nächsten zwei Wochen mein Porterguide sein, mich durch das Everest-Gebiet führen und gleichzeitig einen Teil meines Gepäcks schultern.

Mingma kommt aus einer kleinen Siedlung in der Nähe von Lukla auf 2.800 Metern Höhe, jenem Dorf, dessen Flughafen oft den ersten Platz in der Rangliste der gefährlichsten Flughäfen der Welt belegt.

Mingmas bescheidenes Häuschen lag rund 230 Kilometer vom Epizentrum entfernt. Und doch beschädigte das Beben es so stark, dass es unbewohnbar wurde.

In einer notdürftig zusammengezimmerten Konstruktion aus Holzpfählen und Plastikplanen übernachtet er seither gemeinsam mit seiner Frau und dem zweijährigen Sohn. Für mich unvorstellbar, wie sie hier den Winter gesund überstehen sollen. 

Mingma beruhigt mich und deutet auf das fast fertige Haus nebenan, das er auf und aus den Trümmern des alten Hauses errichtet. Rechtzeitig bevor die eisigen Temperaturen einsetzen, soll es fertig werden.

Baukosten: Etwa 15.000 Dollar. Bei einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von etwa 730 Dollar im Jahr eine schwindelerregend hohe Summe. Ersparnisse hat Mingma kaum. Seine Familie und internationale Hilfsorganisationen unterstützen ihn beim Wiederaufbau seiner Existenz.

Ungebrochene Gastfreundlichkeit

Zwischen all der Armut erinnert mich Mingma bei einem Spaziergang durch sein zerstörtes Dorf unbewusst an den Grund, wieso ich Nepal seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten mit großer Leidenschaft bereise: die einmalige Gastfreundlichkeit.

Ihm und seiner Familie wurde buchstäblich alles genommen – und doch lädt er mich mit vollkommener Selbstverständlichkeit in den zugigen Verschlag ein, der seit Monaten sein Zuhause darstellt.

Auf lehmigem Boden sitzend serviert er mir frisch gekochten Tee und bereitet mir auf einer mittelalterlich anmutenden Kochstelle so leckere gebratene Nudeln mit frischem Gemüse aus seinem Garten zu, wie ich sie selten zuvor gegessen habe.

Die Menschen haben nichts und geben ihren Gästen trotzdem alles. Ich nehme mir fest vor, mir eine Scheibe davon abzuschneiden.

Nepal, wie es leibt und lebt. Auch dafür liebe ich dieses Land so. Die Menschen haben nichts und geben ihren Gästen trotzdem alles. Ich nehme mir fest vor, mir eine Scheibe davon abzuschneiden.

Wiedererstarkter Tourismus

Als wir einige Tage später das Kloster Tengboche erreichen, werden mir die Verwüstungen durch das Erdbeben zum ersten Mal auf dieser Reise vor Augen geführt. Teile des bereits 1934 durch ein Erdbeben und 1989 durch einen Brand zerstörten und anschließend wiederaufgebauten Gebäudes sind komplett in sich zusammengefallen. Ein erschütternder Anblick.

Doch stimmt mich eine Sache positiv: An diesem wolkenverhangenen Oktobernachmittag sind entgegen meiner Erwartung unzählige Touristen in diesem malerisch gelegenen Dorf auf 3.860 Metern Höhe unterwegs. Ein wenig Hoffnung für das stark vom Tourismus abhängige Land? 

Auch wenn das Geld, das hier ausgegeben wird, nicht in den wirklich schlimm betroffenen Gebieten Nepals ankommt, so setzt das rege Interesse der Menschen für mich in diesem Moment ein wichtiges Zeichen: Nepal spielt nur ein halbes Jahr nach dem Erdbeben für Touristen auf der Landkarte offenbar auch weiterhin eine Rolle. Ein gutes Gefühl.

Auch Mingmas Zuversicht ist ungebrochen. „Nepal will rise again“, sagt er voller Überzeugung beim Anblick der eingefallenen Mauern. Ein Mantra, das unmittelbar nach dem Erdbeben überall im Land zu hören und lesen war und sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat.

Drei Jahre später hat sich der Tourismus im Land tatsächlich erholt. Mittlerweile reisen mehr Menschen nach Nepal als noch vor dem Erdbeben. Nepal has risen again. Ja, Mingma, du hattest recht.

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