Manchmal muss man sogar Sand am Meer bewachen. Besonders, wenn er so schön schimmert wie der auf der Isola di Budelli, einer von mehr als 60 Inseln und Inselbergen im La-Maddalena-Archipel vor der nordöstlichen Küste Sardiniens.

Bis in die Neunzigerjahre lebte ein Wächter auf dem ansonsten unbewohnten 1,6 Quadratkilometer großen Eiland und behütete jedes Sandkorn. „Touristen hatten sich zuvor flaschenweise Sand abgefüllt, um ihn als Souvenir mit nach Hause zu nehmen“, erzählt Skipper Fabio Dimonte.

1994 endete der Job des einsamen Aufpassers: Die 15.000 Hektar große Inselgruppe La Maddalena im äußersten Norden Sardiniens wurde zum Nationalpark ernannt und professionell unter Schutz gestellt. Seitdem kann man nur noch vom Wasser aus einen Blick auf die unberührte Natur der Isola di Budelli werfen.

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Von Piraten, Bulldoggen und Hexen

„Heute darf die Insel nur noch zu wissenschaftlichen Zwecken betreten werden“, sagt Dimonte. Forscher hatten herausgefunden, dass winzige Fragmente von rosa Mikroorganismen dem Sand seinen Schimmer verleihen. Gut also, dass der legendäre italienische Regisseur Michelangelo Antonioni bereits 1964 auf die Idee kam, um die Kulisse als Drehort zu nutzen: Auf Budelli entstand eine Szene seines Films „Deserto Rosso“.

Außer der schönen Buchten gibt es auch viele bizarre Felsformationen, wie diese mit dem Namen Hexenkopf.

Die Bootstouren, die Reisende an den Häfen von Palau oder La Maddalena, dem Hauptort des Archipels, buchen können, führen an zauberhaften Stränden mit spannenden Namen vorbei. Die Cala Soraya war einst die Lieblingsbucht der persischen Kaiserin, an der Cala Corsara hausten früher Piraten.

Auch den bizarren Felsformationen auf den Inseln haben die Sarden markante Namen gegeben: Hier ragt der Bulldoggenfels empor, dort thront der Hexenkopf. Und dazu leuchtet das Mittelmeer in Tiefblau und Smaragdgrün. Für viele gilt der Norden Sardiniens als die Karibik von Europa. Tatsächlich ist das Meer hier besonders sauber, im Europaranking belegt die Wasserqualität auf Sardinien regelmäßig einen Spitzenplatz.

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Mehr Touristen als Einwohner

La Maddalena: Das ist zum einen der traumhafte Insel-Nationalpark. Und das ist die wunderschöne Stadt auf der gleichnamigen Hauptinsel. Rund 13.000 Menschen leben hier, „und jede Saison kommen knapp 30.000 Touristen dazu“, sagt Sardinienkenner und Tourismusexperte Paolo Mancini. Er empfiehlt Sardinienurlaubenden, die Hauptsaison möglichst zu meiden: „Im Juli und August ist hier alles voller Jachten und Boote.“

Dann wird es eng in Maddalenas historischen Gassen mit all den hübschen Cafés, Shops, Restaurants und Bars. Wer auf den Plätzen der Hafenstadt in Ruhe seinen Espresso trinken möchte, sollte in der Nebensaison anreisen. „Ende Mai bis Ende Juni und der September und Oktober sind ideale Reisemonate“, rät Mancini. Das gilt auch für den Besuch des beliebten Badeortes Isola Rossa und des bezaubernden Städtchens Santa Teresa di Gallura am nördlichsten Punkt von Sardinien. Von hier aus hat man mit der Fähre nach nur zwölf Kilometern Bonifacio auf Korsika erreicht.

Gallura nennt sich diese Region in Sardiniens Nordosten, die für ihr Granitvorkommen bekannt ist. Aus Granit, Sand und Lehm besteht auch der Boden, auf dem hervorragender Wein gedeiht. Zum Beispiel auf dem Weingut Siddùra, das inmitten der Gallura in der Nähe des Städtchens Luogosanto liegt. Gegründet wurde das Gut 2008 von einem Mann mit dem Namen Nathan Gottesdiener, dem Chef des Modelabels Oui. „Er hatte seine Ferien jahrzehntelang auf Sardinien verbracht und sich in die Insel verliebt“, erzählt Paolo Mancini.

Auf den Feldern des Weinguts Siddùra wachsen die Trauben, aus denen der weiße Vermentino und der rote Cannonau hergestellt werden.

Nachdem der Israeli die Modefirma an seine drei Kinder übergeben hatte, kaufte er das 190 Hektar große Anwesen und importierte aus seiner Heimat ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem. „Alle unsere Pflanzen sind mit einer Sonde versehen, die ganz genau misst, wie viel Wasser die Pflanze benötigt, und die sogar auf mögliche Krankheiten hinweisen kann“, erklärt der Önologe Dino Dini, der aus Pisa nach Sardinien kam. „Das sind ideale Bedingungen, das Klima, der Boden und die Bewässerung hier sind einzigartig“, schwärmt der Weinwissenschaftler. Wer an einem milden Abend einen frisch-fruchtigen weißen Vermentino oder einen aromatischen roten Cannonau genießt, wird ihm recht geben.

Viel Fleisch und gehobelte Fischeier

Zu dem Glas Wein vor dem Abendessen genießt man auf Sardinien besonders gern das Pane Carasau, das traditionelle Brot der Hirten und Schäfer. Die hauchdünnen knusprigen Fladen werden heute mit Olivenöl und Kräutern gereicht und meistens von einer Platte mit Pecorino-Käse, Schinkenspeck und würziger Salsiccia begleitet. „Die Küche Sardiniens ist recht fleischlastig“, weiß Paolo Mancini.

Wegen der zahllosen Angriffe verschiedenster Eroberer und Kolonialmächte im Laufe der Geschichte war das Leben an den Küsten Sardiniens – und damit die Fischerei – riskant, die Menschen zog es ins sichere Innenland. „Wer übers Meer kommt“, lautet ein sardisches Sprichwort, „wird uns bestehlen.“ Die einzige richtige Fischspezialität auf Sardinien ist Bottarga – gepresster und getrockneter Fischrogen, den man sich auf das Brot oder über die Pasta hobelt. „Eine Delikatesse“, schwärmt Paolo Mancini und lacht, „Bottarga ist der Kaviar von Sardinien.“

Museumsbesuch in Aggius: Erst besichtigen, dann ausprobieren

Wer mehr über das traditionelle Leben der Sarden erfahren möchte, muss nach Aggius fahren. Das malerische Städtchen ist nicht nur ein idealer Ausgangspunkt für Bergwanderungen, hier steht auch das Museo Etnografico, eines der bedeutendsten Volkskundemuseen der Insel. Das überaus interessant gestaltete Haus bietet einen umfassenden Überblick über die Wohn- und Arbeitskultur der nördlichen Sarden. Besucher können Webstühle betrachten und Teppiche kaufen, die hier gefertigt wurden. Historische Trachten, Musikinstrumente, ganze Wohnstuben und Arbeitsgeräte sind in den Räumen ausgestellt.

Die Webstühle im Volkskundemuseum in Aggius werden auch heute noch zur Teppichherstellung verwendet.

Man erfährt, wie früher Schuhe hergestellt, wie Quark und Käse zubereitet wurden und in welcher Kleidung die Menschen heirateten. Nicht nur für wolkige Tage eine schöne Ferienaktion: In dem Museum kann man auch spannende Kurse belegen. Teilnehmer färben auf althergebrachte Weise mit Safran, Fenchel und Zwiebeln Wolle, backen Brot und verarbeiten Kräuter – um sich anschließend darüber zu freuen, den zauberhaften Norden von Sardinien im Hier und Jetzt bereisen zu können.