Das war jetzt Stereo. Zwei Blitze zur selben Zeit, einer rechts, einer links. Es dauert ein bisschen, bis das Donnergrollen heranrumpelt. Dann aber scheint es plötzlich von überallher zu kommen.

Der Himmel ist grauschwarz und zerfurcht wie eine Tropfsteinhöhle, das Wasser ist noch ganz glatt, aber hinten am Horizont, da wird es aufgepeitscht von… ja, von was denn bloß? Von einem tanzenden Rüssel, der sich aus der Wolkenschicht senkt. Eine Windhose! Jetzt wieder ein Blitz, eine Stange aus Licht, die direkt auf die Wasserfläche knallt. Oha!

Vielleicht ist es nun doch an der Zeit, das Deck zu verlassen. Andererseits: Wann wird einem schon mal solch ein dramatisches Wetterspektakel geboten? Also gucken wir von unserem Logenplatz auf dem Oberdeck der „Indochine II“ dem dramatischen Wetterspektakel noch ein bisschen weiter zu.

Die „Indochine II“ ist ein schönes Schiff. Von außen wirkt sie edel und dunkel und ein bisschen geheimnisvoll, innen ist sie hell und hat eine angenehme Atmosphäre. Möbel und Türen zitieren den Kolonialstil.

Der Fluss Tonle Sap ändert seine Fließrichtung

Von August bis Mai ist das Schiff auf dem Mekong und dem Tonle Sap unterwegs, einem großen Fluss in Kambodscha, der in einen gewaltigen See mündet. Oder dort entspringt. Das lässt sich nicht so genau sagen. Denn der Tonle Sap macht etwas ziemlich Einzigartiges.

Zweimal im Jahr ändert er seine Fließrichtung. Wenn die Regenzeit im Himalaya viel Wasser in den Mekong drückt, speist der Fluss den See. Ansonsten ist es umgekehrt. Die alte Regel des griechischen Philosophen Heraklit, der zufolge man nicht zweimal in denselben Fluss springen kann, gilt hier also nur bedingt. Dieser Fluss fließt tatsächlich in beide Richtungen. Was auch heißt, dass das Land hier recht eben ist.

Bootsausflüge gehören zum Ausflugsprogramm. Dabei kommt man den Menschen am Fluss recht nah.

Diese Flachheit beschert dem Reisenden, der zur Regenzeit die Stadt Siem Reap am Nordufer des Tonle-Sap-Sees anfliegt, ein merkwürdiges Bild. Das Land sieht aus, als sei es gerade im Katastrophenmodus. Alles überflutet! Ab und zu ragt ein Damm aus den Wassermaßen hervor, dann irgendwo ein Stückchen Straße, auch mal ein Haus, ein Busch, ein Baum.

Ansonsten: Wasser, Wasser, Wasser. Ab und zu steht irgendwo einen Pick-up und man fragt sich, wie der Wagen dahin gekommen sein mag.

Was anderswo Katastrophenalarm auslösen würde, ist hier ganz normal, die Menschen leben im und mit dem Wasser. Überall stehen die Häuser am Ufer auf Pfahlkonstruktionen, und oft schwimmen sie auch. In Kambodscha gibt es nicht nur schwimmende Märkte wie anderswo auch, hier gibt es auch schwimmende Städte mit schwimmenden Schulen, schwimmenden Polizeistationen und schwimmenden Gemeindeverwaltungen.

Mit dem Kreuzfahrtschiff durch Kambodscha

Und irgendwo in dieser Flutwelt des Tonle Sap liegt die „Indochine II“. Wir erreichen sie mit einem Zubringerboot, das viel über das Improvisationstalent der Bewohner des Landes verrät: Der Motor saugt seinen Diesel aus einem halbwegs offenen Plastikkanister, ein Gaspedal fehlt, stattdessen gibt der Schiffsführer mit seinem Flipflopfuß ein bisschen Spannung auf ein Drahtseil, das unter der Gartenbank angebracht ist, von der aus er sein Schiff steuert.

Abenteuerlich. Aber immerhin: Wir kommen an. Und dann geht’s los über den Tonle-Sap-See und den Tonle-Sap-Fluss Richtung Phnom Penh, der Hauptstadt von Kambodscha.

An den Ufern des Tonle Sap stehen die Häuser auf Stelzen – auch Schule, Polizei und Gemeindeverwaltung.

Die Fahrt ist ein Traum. Der See ist über und über mit Wasserhyazinthen bedeckt – als hätte sie ein freundlicher Gott mit leichter Hand zur Zierde übers Wasser geworfen. Ab und zu knattert eines der schmalen Motorboote vorbei, die hier das Hauptverkehrsmittel sind. Fette Libellen tanzen über der Reling. Manchmal weht zart der Geruch von einer fernen Küche herüber. So eine Flusskreuzfahrt ist eine sehr angenehme Art, die Schönheiten und Schätze des Landes kennenzulernen.

Die „Indochine II“, die Ende September in Phnom Penh mit Pomp und Prinzessin getauft wurde, ist ein elegantes Schiff. Für diejenigen, die eine Kabine abseits der Heckregion erwischen, ist es auch ein sehr ruhiges Schiff. Ganz hinten hören Passagiere den Motor – und wer eine Kabine an der Backbordseite hat, riecht ihn leider auch.

Der Auspuff befindet sich an der Backbordseite knapp über der Wasserlinie. Wenn das Schiff in Phnom Penh am Kai festgemacht hat, steigt der Dunst zwischen Kai und Schiffswand hoch und landet in der Kabine.

Und die Landausflüge? Individualtouristen, Entdecker und Abenteurer schätzen es eher nicht, sich pünktlich am Morgen zur Busfahrt einzufinden um dann in der Gruppe über irgendwelche Neppmärkte zu ziehen.

Es kann aber auch anders sein. Weil die „Indochine II“ so wenige Passagiere hat, sind auch die Ausflugsgruppen immer recht klein. Es geht unter anderem zu den großen Touristensehenswürdigkeiten wie Angkor Wat und Angkor Thom, erstaunlich weitläufigen Tempel- und Stadtanlagen des Khmer-Reiches, die teilweise vom Urwald überwuchert sind.

Wer diese Anlagen auf eigene Faust besichtigen möchte, hat ziemlich viel zu tun. Das Areal ist recht weitläufig, der Weg vom Ticketbüro (ruhig den Pass für mehrere Tage erwerben) zum Eingang ist nicht zu Fuß zu bewältigen.

Die Tempelanlagen von Angkor Wat zählen zu den größten Touristensehenswürdigkeiten.

Angkor Wat und Angkor Thom gehören zu den schönen Seiten Kambodschas; die andere Seite können Reisende in der Hauptstadt Phnom Penh im Tuol-Sleng-Gefängnis kennenlernen. In diesem Folterzentrum der Roten Khmer wurden zwischen 1975 und 1979 bis zu 20.000 Menschen getötet. Jetzt ist hier – mit bescheidenen Mitteln – ein Genozidmuseum eingerichtet. Großformatige Fotos zeigen die Leichen, wie sie die Soldaten der vietnamesischen Armee vorgefunden haben, als sie die Roten Khmer aus der Hauptstadt vertrieben haben. Die Zeit der Barbarei liegt gar nicht so lange zurück. Und sie kommt einem hier sehr nah.

Gefährlicher Verkehr in Kambodscha

Zum Transport der Kleingruppen vom Schiffsanleger in die Stadt und zu den anderen Besichtigungspunkten reichen die landesüblichen Toyota-Minibusse, die von einheimischen Fahrern gelenkt werden. Das ist auch gut so, denn Auto fahren in Kambodscha sollte man jemandem überlassen, der sich damit auskennt. 

Ungefähr 20 Verkehrstote gibt es in Kambodscha – jeden Tag. Das Land hat 16 Millionen Einwohner. In Deutschland, das fünfmal so viele Einwohner hat, wurden im vergangenen Jahr weniger als neun Unfalltote pro Tag verzeichnet.

Der Verkehr in Kambodscha ist gefährlich, deshalb als Tourist lieber nicht selbst das Lenkrad in die Hand nehmen.

In Phnom Penh die Straße zu überqueren ist eine Herausforderung. Aber irgendwo im stinkenden Strom von Motorrädern, Tuk-Tuks, Autos und abenteuerlich beladenen Kleintransportern findest du dann doch eine Lücke, die du nur noch mit Entschiedenheit nutzen musst. Auf solchen Wegen gelangst du dann auch zum Zentralmarkt, einem wunderschönen Art-déco-Gebäude aus den 30er-Jahren, in dem du Kleidung (besonders die landestypischen Halstücher) zu Spottpreisen erwerben kannst.

Nach derartigen Ausflügen ins Gewusel der Stadt ist es jedes Mal eine große Freude, wieder an Bord der „Indochine II“ zurückzukehren.

Bei einer Flusskreuzfahrt lässt sich Kambodscha auf bequeme Art erkunden.

Flusskreuzfahrt: Eine Reise mit der „Indochine II“ von Siem Reap nach Ho-Chi-Minh-Stadt ist zum Beispiel über Croisi Europe buchbar. Termine: von August bis April. Flüge nach Siem Reap in Kambodscha bietet die Fluggesellschaft Thai Airways an.

Tipps für die Reise nach Kambodscha

Das Königreich Kambodscha, das unter vielen Reisenden noch als Geheimtipp gilt, liegt in Südostasien. Es grenzt an Thailand, Laos und Vietnam. Das Klima ist tropisch. Von April bis Oktober herrscht Regenzeit. Um den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, sollten Reisende einiges beachten. Unsere Tipps:

Kleidung: Viel weit geschnittene Kleidung einpacken. Richtig viel. Es ist brüllend heiß und tropisch feucht. Du schwitzt gewaltig.

Verkehr:Öfter mal ein Tuk-Tuk benutzen. Die Deutschen neigen dazu, Städte zu erwandern. In Phnom Penh ist das schwierig bis unmöglich. Denn Fußgänger sind in der Stadt eigentlich nicht vorgesehen. Bei Tuk-Tuk-Fahrten vorher den Preis vereinbaren. Meist reichen 2 Dollar für eine Stadtfahrt.

Währung: Dollar mitnehmen. Die Händler auf den Märkten sehen es gern, wenn Touristen mit Dollar zahlen. Das Wechselgeld gibt es in der Landeswährung Riel. Bald schon kannst du Tausende und Abertausende Riel dein Eigen nennen. Es ist nicht ganz leicht, sie wieder loszuwerden.

Im Königspalast in der Hauptstadt Phnom Penh strebt alles steil nach oben.