Recherche ist gut und wichtig, meistens. Doch es gibt Themen, bei denen es hilfreicher ist, sich der Realität zu stellen und eine Entwicklung abzuwarten – zum Beispiel, wenn Oleg und ich mal wieder versuchen, unsere Krankheitssymptome mithilfe von Google selbst zu analysieren. Oder bei dem Thema Frauen in Indien.

Schon die Blicke im Flugzeug nach Delhi riefen bei mir Unwohlsein hervor

Als wir Mitte Dezember in Nepal ein Flugzeug betraten, welches uns nach Delhi fliegen würde, hatte ich bereits Sorge, es würde in Indien nur Männer geben: Das Flugzeug war zu 90 Prozent gefüllt mit Männern, die mich eindringlich und auf für mich unangenehme Weise musterten. Blicke, die in mir Unwohlsein aufsteigen ließen.

Blicke, die in meinem Kopf viele Fragen aufkommen ließen, die sich zu einer großen Sorge bündelten: Werden so meine kommenden sechs Wochen in Indien aussehen?

Als wir unseren Flug buchten und das Visum beantragten, wussten wir zu keinem Zeitpunkt, wie uns dieses Land gefallen würde und ob wir nicht nach einer Woche bereits das Gefühl haben würden, in den nächsten Flieger nach auswärts hüpfen zu wollen.

Indien setzte uns unter Strom

Indien ist eine andere Welt, sagt man. Ich fühlte mich in den ersten Tagen eingeschüchtert und unbeholfen. Wie kann ich mich verhalten? Was kann ich anziehen? Sollte ich den vielen Blicken der Menschen, hauptsächlich der Männer, ausweichen? Delhi war eine anstrengende Probe für mich und setzte uns unter Strom.

Die vielen Menschen und das bunte Straßenleben in Indien faszinieren viele Reisende. Lena fühlte sich auf den Straßen häufig unwohl.
Die vielen Menschen und das bunte Leben auf den Straßen in Indien faszinieren viele Reisende. Lena fühlte sich auf den Straßen häufig unwohl. Foto: Lena Pres

Oleg, der durchgängig versuchte, auf mich aufzupassen und mich zu beschützen, war mit dieser Stadt nicht weniger überfordert. Unsere Lieblingsbeschäftigung, durch die Straßen zu schlendern und alle Eindrücke aufzusaugen, wurde für uns zu einer Stresssituation, und wir erklärten es letztlich zu einer für uns unmöglichen Herausforderung.

Exakt fünf Jahre vor unserem Besuch in Delhi fand dort die in den Medien lange präsente Massenvergewaltigung eines Mädchens in einem Bus statt.

 In Kombination mit meinen selbst verschuldeten Gedanken jagten mir die Blicke der Männer fast Angst ein.

Ich wusste nicht viel über die Tat und wollte mich über den Vorfall informieren, las viele Artikel zum Thema Vergewaltigungen in Indien. Im Nachhinein kann ich sagen: Das war ein Fehler. Denn in Kombination mit meinen selbst verschuldeten Gedanken jagten mir mir die Blicke der Männer fast Angst ein.

Klar, meine Gefühle und Erlebnisse in Indien sind subjektiv. Das zeigen mir auch viele Reiseberichte von alleinreisenden Frauen, die ich gelesen habe: Sie waren begeistert von Indien – und auch von den Männern, die sie unterstützten. Sie fühlten sich zu jedem Zeitpunkt sicher.

Ich zog mich in den Hintergrund zurück

Für mich steht fest: Würde ich als Frau allein durch Indien reisen, würde ich mehr Geld in private Fahrer investieren, häufiger Rikscha fahren und mehr Wert auf zentral gelegene Hotels und Hostels legen. Anders, als Oleg und ich es getan haben: Wir waren viel zu Fuß unterwegs, reisten mit dem Bus und hatten nicht selten abgelegene günstige Unterkünfte.

Als blonde Touristin erntete Lena viele neugierige Blicke in Indien.
Als blonde Touristin erntete Lena viele neugierige Blicke in Indien. Foto: Lena Pres

In mir erwachte in unseren sechs Wochen Indien zu keinem Zeitpunkt das Bedürfnis, allein etwas unternehmen zu wollen, allein zum Strand zu gehen, allein ein Wasser vom Kiosk zu holen oder allein Bus zu fahren.

Ich glaube, dass die Situationen am Ende sehr selten gefährlich wären – aber trotzdem gab es viele Momente, in denen Oleg der gewünschte Gesprächspartner war und ich mich in den Hintergrund zurückzog. Aus Unsicherheit. Und Bequemlichkeit.

Im Norden Indiens wurden Tücher und lange Kleider zu meinen Favoriten.

Im Norden Indiens versuchte ich stets darauf zu achten, weitgehend bedeckende und unauffällige Kleidung zu tragen. Tücher und lange Kleider wurden zu meinen Favoriten. Ich trug gern eine Mütze oder Kapuze, um meine helleren Haare zu verbergen und in der Masse etwas unterzugehen. Umso unsicherer war ich, ob es im Süden Indiens, wo es endlich Strand und Sonne geben sollte, typisch ist, sich wie in einem beliebigen Sommerurlaubsort zu kleiden.

Goa scheint eine Ausnahme zu machen, und die vielen Bikinis, Shorts und bauchfreien Tops der europäischen Frauen nahmen mir meine Sorgen. Auch die Blicke der Menschen wurden weniger intensiv – es war ein ganz anderes Indien als noch zuvor in Jaipur oder Agra. Trotzdem gab es auch im Süden Situationen, die merkwürdig waren.

Ein Inder fragte mich, warum ich nicht im Female Dorm schliefe

In einem Hostel in Panaji schliefen Oleg und ich in einem Vierer-Dorm, und ich kam mit einem indischen Mann Mitte/Ende 30 ins Gespräch. Wir unterhielten uns und er fragte mich, ob Oleg und ich bereits verheiratet wären. Außerdem fand er es komisch, dass ich nicht im Female Dorm schlafen wollte, da das doch alle anderen Frauen auch täten.

Auch im Nachtzug von Goa nach Kerala fiel es mir sehr schwer, mich wohlzufühlen: Unser Abteil schien von Männern belagert zu sein, und ich fühlte mich sehr unwohl dabei, mich dort in einem öffentlichen Waggon (Sleeper Class) schlafen zu legen. In der Nacht herrschte reger Betrieb im Waggon, und viele Männer wanderten auf und ab, Jugendliche machten sich sogar einen Spaß daraus, unter die Decken der Schlafenden zu schauen.

„Ich fühlte mich häufig nicht sehr stark und mächtig“

Eine kleine Gruppe aus Männern setze sich in der Nacht in die Ecke unseres Schlafbereiches und konsumierte Kautabak oder so etwas in der Art. Einer der Männer fand es offenbar äußerst faszinierend, mich zu beobachten. Zweimal wechselte er sogar seine Sitzposition, um mich von einem unteren Bett aus anzustarren.

Im Zug von Goa nach Kerala fühlte sich Lena unwohl.
Im Zug von Goa nach Kerala fühlte sich Lena unwohl. Foto: Lena Pres

Viel Schlaf bekam ich in dieser Nacht nicht. Und meine rebellische Ader, die sich wehrt oder dem Mann sagt, dass er diese eindringliche Beobachtung unterlassen soll, blieb aus. Ich fühlte mich häufig nicht sehr stark und mächtig in dieser Gesellschaft. Und so wurde es einfacher für mich, Oleg die Interaktionen mit Indern zu überlassen.

Oleg fühlte sich von mir alleingelassen

In Stresssituationen, zum Beispiel beim ewigen Verhandeln mit Verkäufern oder Rikscha-Fahrern, fühlte sich Oleg deshalb häufig alleingelassen. Ich wollte ihn machen lassen und meine Entscheidungsmacht abgeben. Wir stritten uns häufiger, weil er meine geringe Kommunikation nicht nachvollziehen konnte.

Es klingt vielleicht übertrieben, aber in manchen Situationen hat mir Indien meine Stimme genommen. Zum Beispiel, wenn Oleg gefragt wurde, ob jemand ein Selfie mit mir machen kann, oder wenn auf der Straße jedes Gespräch sich zuerst an Oleg richtete. Ich wurde weniger mutig und nahm meine Rolle im Hintergrund an – eine Entwicklung, die ich gar nicht genau erklären kann, für mich jedoch der einfachste und bequemste Weg zu sein schien.

Wir haben in Indien sehr nette Menschen kennengelernt

Aber: Letztendlich gab es keine Situation, in der wir uns tatsächlich bedroht fühlten oder eine Eskalation nah schien. Wir lernten sehr nette Menschen kennen, sowohl Reisende aus aller Welt als auch Inder, die meist Besitzer unserer Hostels und Hotels waren. Wir schenkten ihnen Vertrauen, und zum Teil entwickelte sich eine Freundschaftsbasis.

Ja, Indien hat mich gestresst und berührt zugleich, mich glücklich und traurig gemacht, zum Nachdenken und Ruhefinden angeregt. Indien hat mich bewegt und hinterlässt Erinnerungen für die Ewigkeit. Wir haben in sechs Wochen Indien einiges über das Land, die Menschen darin – und vor allem uns selbst gelernt.

Lena glaubt: Jede Frau reist anders durch Indien

Letztlich reist jede Frau anders durch Indien. Die Orte, die du besuchst. Die Art, wie du der Gesellschaft gegenübertrittst. Die Unterkünfte, die du wählst. Auch dein Budget. Alle Faktoren können entscheidend für ganz unterschiedliche Erfahrungen in Indien sein.