Saint Petersburg: Kunst in Florida | reisereporter.de

Du magst Kunst? Du wirst St. Pete in Florida lieben!

Ganzjährig sonnig und milde Temperaturen: Saint Petersburg in der Tampa Bay Area ist beliebt – vor allem bei Ruheständlern. Doch damit allein wird man Floridas viertgrößter Stadt nicht gerecht. St. Pete ist auch ein Ort der Kunst.

Petra Zottl
Schön bunt: Die Mural-Art-Szene in St. Pete ist äußerst aktiv.
Schön bunt: Die Mural-Art-Szene in St. Pete ist äußerst aktiv.

Foto: Petra Zottl

Wie erstarrt steht er da, der Junge mit den Kopfhörern. Unverwandt blickt er auf das Gemälde an der weißen Wand, lauscht den Worten seines Audioguides. Dann macht er etliche Schritte rückwärts, verharrt. Nach einer Weile geht es noch weiter zurück. Wieder Innehalten. Das Kunstwerk genießt eine kleine Ewigkeit seine ganze Aufmerksamkeit.

So wie der Junge reagieren viele Menschen im „The Dalí“ in Saint Petersburg im US-Bundesstaat Florida – unter anderem, wenn sie vor diesem Bild stehen bleiben. „Gala betrachtet das Mittelmeer, das sich in einer Entfernung von 20 Metern in das Bildnis Abraham Lincolns verwandelt – Hommage an Rothko“; der Titel, den der spanische Surrealist Salvador Dalí seinem Werk gab, ist sperrig.

Frauenkörper oder Abraham Lincoln? Je nach Distanz siehst du auf Dalí's Gemälde etwas anderes.
Frauenkörper oder Abraham Lincoln? Je nach Distanz siehst du auf Dalí's Gemälde etwas anderes. Foto: Petra Zottl

Aber er verrät, was die Besucher mit ihrer Betriebsamkeit zu finden versuchen: die Motive. Je nach Distanz sieht man auf dem 1,90 Meter breiten und 2,50 Meter hohen Ölgemälde die wohlgerundete nackte Kehrseite von Gala Éluard Dalí, Ehefrau und Muse des Künstlers, oder eben ein Kopfporträt des einstigen amerikanischen Präsidenten, den jeder US-Bürger vom 5-Dollar-Schein kennt. Wer ganz genau nachschaut, findet oberhalb von Galas Kopf darüber hinaus eine Kreuzigungsszene Christi.

„The Dalí“: Das größte Dalí-Museum außerhalb Europas

96 Ölgemälde, unzählige Aquarelle und Zeichnungen, Grafiken, Fotografien und Skulpturen – 2.140 Werke aus mehr als sechs Jahrzehnten gehören zu der Sammlung, über das „The Dalí“ verfügt. Es ist das größte Dalí-Museum außerhalb Europas. Den wertvollen Kunstschatz erhielt St. Pete – so der Spitzname der viertgrößten Stadt Floridas – bereits in den 80er-Jahren.

Dem Clevelander Industriellenpaar Eleanor Reese und Albert Reynolds Morse war die private Dalí-Sammlung schlicht zu groß geworden, es fehlte an Ausstellungsfläche. Und so fanden die Exponate in St. Pete eine neue Heimat. Staat, Stadt und private Kunstfreunde errichteten 1982 in einem umgebauten Lagerhaus an St. Petes Bayboro Harbor das erste Museum – und mussten fortan die millionenschweren Werke in jeder Hurrikan-Saison vorsorglich aus der Gefahrenzone bringen.

Seit Januar 2011 muss das nicht mehr sein. Etwa 800 Meter vom alten Standort entfernt erhebt sich im Süden des Jachthafens das neue „The Dalí“. Die hurrikansichere Kunstkathedrale aus Beton und Glas kostete 36 Millionen Dollar – und ist auch architektonisch eine Hommage an den Künstler.

Die Architektur des Museums „The Dalí“ ist auch eine Hommage an den Künstler Salvador Dalí.
Die Architektur des Museums „The Dalí“ ist auch eine Hommage an den Künstler Salvador Dalí. Foto: Petra Zottl

Saint Petersburg ist „Floridas Sunshine City“

Dennoch: Wer Saint Petersburg, Florida, hört, denkt nicht automatisch an Kunst. Eher an „Floridas Sunshine City“ – denn so wird die 250.000-Einwohner-Hafenstadt an der Tampa Bay, die ganzjährig durchschnittlich sieben bis zehn Sonnenstunden pro Tag verzeichnet, auch genannt. Ein weiterer Spitzname lautet: „God’s Waiting Room“. Denn hierher – Wetter sei Dank – ziehen etliche Ältere, um im milden Klima ihren Ruhestand zu genießen.

Der etwas rüde Name hat Ruth Defoy nicht davon abgehalten, in diese Stadt zu ziehen. Die frühere Zeitungsjournalistin aus Hanau bei Frankfurt lebt mit ihrem Mann Roland seit 18 Jahren hier – und schätzt die örtliche Kunst- und Kulturszene. Sie führt die Besucher des Morean Arts Center an der Central Avenue North in Downtown St. Pete durch die Chihuly Collection.

Chihuly lässt seine Werke von 90 unterschiedlichen Künstlern anfertigen – stets unter seiner Anleitung.
Chihuly lässt seine Werke von 90 Künstlern anfertigen – stets unter seiner Anleitung. Foto: Petra Zottl

6,5 Millionen Dollar investierte die Kunstmäzenin und Art-Center-Namensgeberin Beth Morean im Jahr 2010, um Werke des heute 76-jährigen US-amerikanischen Glaskünstlers Dale Patrick Chihuly zu kaufen und hier zu zeigen. „Chihuly ist für das 21. Jahrhundert das, was Tiffany für das 20. Jahrhundert war“, sagt Defoy.

Wer durch die schummrigen Ausstellungsräume wandelt, wird schnell gefesselt – effektvoll beleuchtet ist die Kunst Chihulys, der in den Sechzigerjahren auf der Insel Murano seine Fertigkeiten als Glasbläser perfektionierte. Fantasievolle Gewächse im Ikebana-Stil stehen hier genauso wie eine überdimensional-futuristische Unterwasserlandschaft, Wandinstallationen aus verschwenderisch gestalteten Blüten, dazu bizarr anmutende Kelche und Vasen sowie perfekt geformte schwere Glaskugeln.

Auch den fast filmreifen Lebenslauf Chihulys erzählt Ruth Defoy gern. Nach einem Unfall im Jahr 1976 erblindete der Künstler auf dem linken Auge – und verlor damit die dreidimensionale Sehfähigkeit. Seitdem ist er nur noch mit schwarzer Augenklappe unterwegs – und lässt seine Glaskunst erschaffen.

In den dunklen Ausstellungsräumen kommt Chihuly's Kunst besonders gut zur Geltung.
In den dunklen Ausstellungsräumen kommt Chihuly's Kunst besonders gut zur Geltung. Foto: Petra Zottl

Bis zu 90 Glasbläser fertigen unter seiner Anleitung die stets farbenprächtigen Werke. So auch den etwa 450 Kilogramm schweren Kronleuchter, bestehend aus 377 einzelnen Glaskandelabern – eines der Prunkstücke der Chihuly Collection. 1,6 Millionen Dollar hat das Haus in die Anschaffung investiert.

Defoy und ihr Ehemann kamen ganz bewusst nach Florida – und nach nur kurzer Überlegung auch gezielt nach St. Pete. „Es sollte ein Ort der Kunst sein und nah am Wasser“, sagt sie. „Miami war uns zu hektisch. In Naples waren uns die Leute zu alt.“ Und dann geht es ausgerechnet in die Stadt mit dem Namen „God’s Waiting Room“? Defoy ist anderer Meinung. „St. Pete ist lebhaft, die Kunstszene in der Stadt hat sich wirklich verjüngt“, sagt sie.

Die Mural-Art-Szene in St. Pete

Ein unübersehbarer Beweis für die Verjüngung findet sich nur wenige Schritte entfernt im sogenannten 600 Block, einem Areal zwischen der sechsten und siebten Straße in Downtown St. Pete. Ein Ort, an dem man sich am besten in den Hinterhöfen und Seitenstraßen herumtreibt – denn hier ist die Mural-Art-Szene zu Hause.

Einer der wichtigsten Akteure in St. Pete ist Derek Donnelly. Der 35-Jährige hat in den vergangenen sechs Jahren im Stadtgebiet gemeinsam mit zahlreichen Gleichgesinnten mehr als 400 Wandgemälde geschaffen. Dafür, dass es immer mehr werden, sorgt das jährlich im Oktober stattfindende St. Pete Mural Festival.

In den Parallelstraßen zur Central Avenue im 600 Block hat sich die Mural-Art-Szene verewigt.
In den Parallelstraßen zur Central Avenue hat sich die Mural-Art-Szene verewigt. Foto: Petra Zottl

Zehn Tage lang finden sich lokale und internationale Künstler ein, um an Häuserfassaden neue Kunst zu erschaffen. Und die ist vielfältig. Sie reicht vom Comic- und Graffitistyle über grafische Motive bis zu typischen Tieren der Tampa Bay Area und Szenen aus der Stadthistorie.

Das „Woo“-Gemälde

Wie es sich für Street-Art gehört, ist der Maluntergrund alles andere als perfekt: Kreuz und quer verlegte Kabel, alte Lüftungsgitter und Sicherungskästen, abblätternder Putz – alles wird übermalt. Vorm Gebäude wild abgestelltes Gerümpel? Donnelly nimmt die Umgebung, wie sie ist. Nur bei einem Gemälde nicht. Denn dieses Bild an der Seitenwand einer Boutique an der 6th Street North zeigt seinen besten Freund, den lokalen Künstler und Galeristen Bill „Woo“ Correira.

2012 hatte der an einem Hirntumor leidende „Woo“ diese Wand eigentlich selbst bemalen wollen – er starb, bevor er es in die Tat umsetzen konnte. In der Nacht nach dessen Tod erschuf Donnelly hier ein überdimensionales Porträt von „Woo“ – es war wie ein Startschuss für die seitdem immer weiter gedeihende Mural-Art-Szene.

Seinen verstorbenen Freund Bill „Woo“ Correira porträtierte Künstler Derek Donnelly in Übergröße an die Wand.
Seinen verstorbenen Freund Bill „Woo“ Correira porträtierte Künstler Derek Donnelly in Übergröße an die Wand. Foto: Petra Zottl

Als die Stadt Anfang 2017 große, braune Müllcontainer vor Correiras Bild parkte, war das zu viel für Donnelly. „Das hat mich persönlich verrückt gemacht“, sagt er. Er machte ein Kunstprojekt daraus. Gemeinsam mit Schulkindern bemalte er die drei Behälter – natürlich im passenden Style zum „Woo“-Gemälde. Eine Ausnahme? Donnelly zuckt mit den Schultern. „Ich schließe nicht aus, dass mehr daraus wird“, sagt er.

„God's Waiting Room“ – Der Warteraum Gottes

Auch St. Petes Ruf als „God’s Waiting Room“ hat der studierte Grafikdesigner künstlerisch verarbeitet. Eines seiner Werke im 600 Block hängt etliche Meter über den Köpfen der Passanten – es ist ein Verbindungsgang zwischen zwei Gebäudeteilen des Morean Arts Centers.

Donnelly's Werk „Xtreme Ethel“ ist an der Wand des Morean Arts Centres zu sehen.
Donnelly's Werk „Xtreme Ethel“ ist an der Wand des Morean Arts Centres zu sehen. Foto: Petra Zottl

Das Bild zeigt Ethel Percy Andrus, die 1958 die „American Association of Retired Persons“ ins Leben rief – eine private Organisation, die sich für die Interessen älterer Menschen einsetzt. Donnelly lässt die engagierte Frau – in Jeans, Sneaker und T-Shirt gekleidet – auf einem Skateboard an der Küste Floridas entlangflitzen. Das Bild nannte er „Xtreme Ethel“. Einen Untertitel hat es auch, „Keep On Cruising“.

Frei übersetzt könnte man sagen: Immer weiterfahren – hier, im sonnigen Warteraum mit Kunstprogramm.

Tipps und Infos für die Florida-Reise

Lage: Saint Petersburg liegt im Pinellas County, gut 20 Meilen von Tampa entfernt. Die 250.000-Einwohner-Stadt gehört gemeinsam mit Tampa und dem am Golf von Mexiko gelegenen Clearwater/Clearwater Beach zur Tampa Bay Area, in der 2,8 Millionen Menschen leben.

Anreise: Direktflüge zum Tampa International Airport gibt es ab Frankfurt am Main, zum Beispiel mit Lufthansa. Von dort beträgt die Flugzeit bei der Anreise knapp elf, bei der Rückreise etwa neun Stunden.

Klima: Das Klima ist ganzjährig mild und warm. Der kälteste Monat ist der Januar mit 11 bis 21 Grad Celsius, die heißesten sind die Monate Juli und August mit Durchschnittstemperaturen zwischen 23 und 32 Grad Celsius. Während der Sommermonate bis Ende November herrscht in Florida Hurrikansaison.

Museen in Saint Petersburg

The Dalí | Adresse: 1 Dali Boulevard, St. Petersburg | Öffnungszeiten: Freitag bis Mittwoch von 10 Uhr bis 17.30 Uhr, Donnerstag von 10 Uhr bis 20 Uhr | Tickets: 8 bis 24 US-Dollar, für unter Fünfjährige ist der Eintritt gratis

Chihuly Collection | Adresse: 720 Central Avenue, St. Petersburg | Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 10 Uhr bis 17 Uhr, Sonntag von 12 Uhr bis 17 Uhr | Tickets: 12,95 bis 19,95 US-Dollar, Kinder unter fünf Jahre zahlen nichts

Unterkunft: In St. Pete gibt es eine große Auswahl an Hotels in allen Preisklassen. „The Vinoy Renaissance Resort & Golf Club“ zählt zu den Luxusadressen in Downtown. Das denkmalgeschützte Hotel wird seit Mai 2016 aufwendig im Art-déco-Stil erneuert – viele Bereiche sind fertiggestellt. 2019 soll der Umbau abgeschlossen sein. Im benachbarten Clearwater Beach bietet das „Opal Sands Resort“ 230 Hotelzimmer mit Meerblick. 

Restaurants: St. Pete hat mehrere gute Restaurants. Empfehlenswert ist „The Cider Press Café“ (601 Central Avenue), wo es vegane Gerichte gibt. Für Gruppen mit unterschiedlichen Wünschen ist die „Farm Table Cucina“ (179 2nd Avenue North) ideal. Der Marketplace im Untergeschoss bietet von 8 Uhr bis 21 Uhr im Markthallenambiente Stände mit verschiedenen Angeboten. Moderne amerikanische Küche mit Gerichten vom Burger bis zum butterzarten Thunfischsteak kommen im Lokal „The Mill“ (200 Central Ave) auf den Tisch.

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