Danny Donelan steht am Ruder seines Segelbootes, er schaut über die weitgehend ruhige Karibische See und sagt: „Das möchte ich für den Rest meines Lebens machen.“ Und wer sollte ihm das nicht glauben, diesen Stolz auf das Erreichte, hier bei der Einfahrt in die fast menschenleere, von Palmen gesäumte Drachenbucht („Dragon Bay“) an der Westküste Grenadas?

Kurz danach setzt Donelan seine Gäste in einem wackligen, kleinen Paddelbeiboot an den Sandstrand über. Auf der Veranda einer kleinen Holzhütte wartet schon das Mittagessen, gegrilltes Thunfischsteak, dazu eiskaltes Bier oder Rumpunsch, wahlweise auch ohne Rum als Fruchtpunsch.

Der Blick kann zwischen den Palmen hindurch über das Meer wandern. Die Mär von den glitzernden Wellen: Hier ist sie Realität. Das Wasser funkelt und blitzt – Bling-Bling in der Mittagshitze. Wie sind Donelans Köche mit ihrem neben der Hütte parkenden Pick-up-Truck bloß hierhergekommen?

„Das möchte ich für den Rest meines Lebens machen!“: Segelbootunternehmer Danny Donelan an seinem Arbeitsplatz auf der Karibischen See.

Donelan ist 43 Jahre alt, stolzer Bewohner der Karibikinsel 200 Kilometer nordöstlich der venezolanischen Küste, Kleinreeder mit drei eigenen Segelbooten und ein offensichtlich rundum glücklicher Mann. Lange hatte er als Angestellter im Hafen der grenadischen Hauptstadt St. George’s gearbeitet, doch vor einigen Jahren entschied er – wie es Mitt-, Enddreißiger eben manchmal auf dem Weg zur persönlichen Erfüllung so tun –, sich selbstständig zu machen.

Donelan baute drei Segelboote in traditioneller karibischer Bauweise und begann, Touristen durch die grenadischen Buchten und entlang der verschiedenen Schwesterinseln zu schippern. Er bietet Segeltörns in den Sonnenuntergang an, zum Schnorcheln oder gleich für mehrere Tage zu den winzigen Trauminseln in der Umgebung. Übernachtung am Strand oder auf dem Boot inklusive. „Nur Sand und Kokosnusspalmen“, schwärmt er, begeistert wie ein kleiner Junge.

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Statt eines monatlichen Gehaltsschecks vom Arbeitgeber hat Donelan jetzt Verantwortung für eine gute Handvoll Mitarbeiter und ihre Familien. Das Geschäft muss laufen. Dafür ist er frei und sagt: „Ich genieße jeden Tag.“

Ein Satz, der häufig so oder ähnlich fällt auf Grenada, einer der sogenannten Inseln über dem Winde, auf der es zwar manchmal windig ist, die jedoch nur ganz selten von den Hurrikans heimgesucht wird, die andere Staaten der Karibik auch im vergangenen Jahr wieder verwüsteten.

Eine Vorzeigeinsel in der Karibik

Christoph Kolumbus entdeckte Grenada schon 1498, nannte den Flecken Land Concepción. Wahrscheinlich – so genau weiß man das nicht – erdachten spanische Seefahrer später den Namen Grenada in Anlehnung an die spanische Universitätsstadt Granada. Und, Zufall oder nicht: Auch Grenada hat eine Universität. 7.000 Menschen aus allen Ecken der Welt studieren hier vor allem Medizin. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, genau wie der Jachthafen und die vor St. George’s ankernden Kreuzfahrtschiffe.

Grenada braucht den Jetset nicht.

Danny Donelan, Segelunternehmer

Grenada geht es bestens, das versuchen vor allem die Grenader selbst in jedem Augenblick zu vermitteln. Seit der US-Invasion 1983 gegen das linke Regime gilt die zum Commonwealth gehörende Insel als demokratisch, die Wahlen als frei. Donelan sagt: „Wir haben ein gutes Leben.“ Dann erzählt er davon, dass die Fehler, die andere Karibikinseln gemacht haben, hier vermieden wurden.

Denn Grenada ist vom Massentourismus noch relativ unentdeckt. Die Landbesitzrate der Einheimischen, „Land, das man sich auch leisten kann“ (Donelan), ist hoch. Entsprechend schwer tun sich ausländische Investoren damit, Fuß zu fassen. Es kursieren diverse Geschichten darüber, wie Ausländer mit großen Plänen gescheitert sind, weil die aktuell rund 110.000 Grenader ihre Insel einfach nicht hergeben wollen. „Grenada braucht den Jetset nicht“, sagt Segelunternehmer Donelan. Und so gibt es heute gerade mal rund 1.200 Hotelzimmer.

Süße Versuchung: Im Urwald auf der Insel wachsen Kakaofrüchte, deren Bohnen zu Schokolade verarbeitet werden.

Dabei bietet Grenada seinen Besuchern ein vielfältiges Angebot mit überschaubaren Distanzen, die im Mietauto bei Linksverkehr oder mit einem einheimischen Guide zurückgelegt werden können. 344 Quadratkilometer misst die Inselgruppe. Das ist nicht viel mehr als die Fläche Münchens. Doch auf dieser Fläche gibt es die volle Bandbreite ungezähmter und von Menschen gezähmter Natur.

Stolze Inselbewohner und natürlicher Reichtum

Vom feinen Sand des mehrere Kilometer langen Grand Anse Beach, eines Strands, der Touristen und Einheimische gleichermaßen anzieht, über den mangels gefährlicher Tiere ziemlich ungefährlichen Regenwald, die Schokoladen-, Muskatnuss- oder Bananenplantagen bis zum fast 850 Meter hohen, oft im Nebel verschwundenen Mount St. Catherine. Die wenigen Straßen schlängeln sich von der Küste spektakulär, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes schwindelerregend in die Höhe – und wieder hinab.

Karibische Angebote: Eneasha James verkauft Gewürze auf dem Markt in St. George’s.

Der Stolz der Einheimischen auf ihre Insel – man kann ihm auch bestens auf dem Wochenmarkt in St. George’s nachspüren. Es ist laut, lebendig, im besten Sinne echt. In der Fischhalle sind gerade mehrere Thunfische angekommen, frisch vom Boot. Man ahnt, was nun auf den Speisekarten der einheimischen, dem Fisch verpflichteten karibischen Restaurants als Tagesgericht („catch of the day“) landen wird. Fleißig wird gefeilscht, ausgenommen, gewaschen, entschuppt und Eis nachgelegt. Die konstante Hitze von rund 30 Grad Celsius erlaubt keine Nachlässigkeiten im Umgang mit dem frischen Fang.

Ein paar Straßen weiter, entlang improvisierter Verkaufsstände, beschallt von lauter Dancehall- und Reggaemusik aus den Bars und Gettoblastern der Hauptstadt, bewacht Eneasha James ihren Stand in einer kleinen Markthalle. Sie verkauft Gewürze, vor allem Muskatnuss, einen der Hauptexportartikel der Insel. Ihr bester Tipp: nur die in versiegelten Plastiktüten angebotenen Nüsse kaufen. Die in den offenen Netzen verderben schneller.

Eigentlich ist James Künstlerin, auch sei sie auf dem College gewesen, erzählt sie. Aber Künstler haben es eben nirgendwo auf der Welt leicht. Deswegen die Gewürze, seit 16 Jahren schon. James ist trotzdem stolz, weil sie nun als Marktfrau „ihr Land repräsentiert“. Ihre Kunst, im naiven Stil gemalte Bilder, versucht sie den Kunden nebenher schmackhaft zu machen. Vielleicht ist ja mal ein Kenner darunter, der die Werke zu schätzen weiß.

Wenn es regnet und die Sonne scheint, sprechen die Einheimischen gern vom „Liquid Sunshine“.

Der Optimismus der Grenader, die Lockerheit, dieses eigentlich so abgeschmackt klingende Klischee vom „take it easy“ des gesamten karibischen Raums, findet sogar ein Ritual im Verbalen. Fängt es mal wieder plötzlich und unerwartet trotz prallen Sonnenscheins an zu regnen, diese winzigen, feinen Tropfen, so als ob jemand die Umgebung mit dem Inhalt einer Sprühflasche einnebeln würde, zucken die Einheimischen nur die Schultern, grinsen und sagen: „Liquid Sunshine.“

Flüssiger Sonnenschein – was für eine Umdeutung des Regens. Aber klar, selbst wenn es mal nicht fein vom Himmel stäubt, sondern rüde vom Himmel pladdert, ist der Spuk nach wenigen Minuten wieder vorbei. Der Feuchtigkeit kann man dann in der tropischen Hitze beim Verdampfen zusehen.

Auch die Passagiere auf Danny Donelans Boot haben den „Liquid Sunshine“ zwischen Schnorchelgängen und dem Schwimmen in der Karibischen See auf der Haut gespürt. Jetzt ist der Einmaster zurück auf dem Weg nach St. George’s. Im Sonnenuntergang. Das Meer glitzert nicht mehr, es glüht. Darauf einen Schluck Rumpunsch. Alle schweigen. Lange. Zu schön hier zum Reden. Erst kurz vor der Einfahrt in den Hafen sagt der Skipper wieder was: „Ja, wir sind hier schon sehr zufrieden.“ Ich glaube es ihm.

Schnitzeljagd durch den Regenwald

Immer sonnabends nachmittags, irgendwo auf Grenada. Es ist laut, Reggae-, Pop- und Rockmusik dröhnen aus den Boxen. Heute über das Dorf Maran, über die Wiese, auf der die Dorfjugend Fußball spielt, den von Regenwald bewachsenen Berg. Mehrere Hundert Teilnehmer haben sich eingefunden, um den 1005. Hash auf Grenada, eine Art Orientierungslauf mit Partyelementen, zu zelebrieren. Die regelmäßigen Läufer nennen sich selbstironisch „runners with a drinking problem“ („Läufer mit einem Alkoholproblem“). Entsprechend fließt das Bier schon vor dem Start. Die Stimmung ist ausgelassen. Es ist Wochenende.

Irgendwann geht es los. Über drei Routen machen sich die Teilnehmer auf den Weg. Die fittesten rennen, die weniger sportlichen können zwischen einer kürzeren und einer längeren Route wählen. Tipp für Anfänger: Auch die kürzeste Runde ist ziemlich anspruchsvoll. Es geht durch den Regenwald. Papierschnipsel markieren wie bei einer Schnitzeljagd den Weg. Es ist streng verboten, irgendetwas entlang der Strecke aufzusammeln, abzuernten oder gar eigenen Müll zu hinterlassen.

Im Regenwald der Insel gibt es nicht nur eine üppige Vegetation, sondern auch Wasserfälle.

Die Grenader kümmern sich um ihre Insel. Sehen wir die Papierschnipsel also als ein notwendiges Übel. Es geht steil bergauf, es ist heiß. Weil es viel geregnet hat, versinken die Läufer manchmal bis zum Knie im Schlamm des Regenwalds. Lianen helfen beim Überwinden der nächsten Steigung. Doch die Läufer werden belohnt für die Strapazen. Denn wenn sich der Regenwald zu einer Lichtung öffnet und den Blick den Berg hinab bis auf die Karibische See freigibt, ist das atemberaubend. Wenn man von der Anstrengung nicht so sehr nach Luft gieren würde.

Irgendwann ist das Ziel erreicht. Der Schlamm wird in einem Bach abgewaschen. Wieder dröhnt die Musik. Das Bier ist eiskalt. Die Dorfjugend spielt immer noch Fußball. Ein Hash auf Grenada– irgendwie skurril, sehr anstrengend für Untrainierte, aber auch ein ganz großes Erlebnis.

Tipps & Infos für die Reise nach Grenada

Anreise: Die Fluggesellschaft Condor fliegt zum Beispiel im Winterhalbjahr von November bis April einmal wöchentlich (immer donnerstags) von Frankfurt am Main nach Grenada. Im Sommerhalbjahr gibt es keine Direktflüge aus Deutschland.

Einreise: Ein Visum ist für Besucher aus Deutschland für bis zu einem Jahr Aufenthalt nicht notwendig. Bei der Einreise, die nur mit Reisepass möglich ist, wird eine Aufenthaltserlaubnis für vier Wochen ausgestellt, die später verlängert werden kann.

Beste Reisezeit: Das Klima auf Grenada ist tropisch. Die Durchschnittstemperatur liegt im Jahresmittel recht konstant bei etwa 27 Grad Celsius. Die kühlsten Temperaturen gibt es von November bis Februar. Trockenzeit ist von Januar bis Mai.

Währung: Offizielles Zahlungsmittel ist der ostkaribische Dollar (EC$), der umgerechnet etwa 30 Cent entspricht. Meist werden aber auch US-Dollar akzeptiert.

Sicherheit: Die Grenader rühmen sich für die geringe Kriminalitätsrate auf der Insel, das Auswärtige Amt weist jedoch – wie in der gesamten Region – auf „eine Zunahme der Gewaltkriminalität“ hin.