Ich weiß nicht mehr, ob wir schon zu viel Wein getrunken hatten, als ein paar Freunde und ich beschlossen, Silvester in Lappland zu verbringen. Alle flogen nach Spanien oder Italien, wenn sie nicht zu Hause blieben. Wir flogen nach Norden – nach Kiilopää.

Es ist ein bisschen, als hättest du ein erstes Date im Dunkelrestaurant

Kiilopää liegt im Urho-Kekkonen-Nationalpark in Lappland – ein Ferienholzhütten-Eiland in einem malerischen Kiefernmeer.

Vor allem aber liegt Kiilopää nördlich des Polarkreises – dort, wo die Sonne zwischen dem 4. Dezember und dem 8. Januar nicht aufgeht. Nie! Polarnacht!

Im finnischen Winter liegt alles unter einer glitzernden Schneekruste.

Das ist ein bisschen, als würde man sich zum ersten Date in einem Dunkelrestaurant treffen – ziemlich spannend und ein bisschen absurd, weil man ja hingegangen ist, um etwas mutmaßlich Schönes zu sehen und kennenzulernen, es aber nicht sehen kann – weil es dunkel ist.

Wobei es in Kiilopää nicht ganz so dunkel ist wie im Dunkelrestaurant. Auch wenn die Sonne es nicht über den Horizont schafft, kriecht sie doch jeden Tag für ein paar Stunden ziemlich nah von unten an ihn heran und tunkt die Landschaft in grau-violettes Dämmerlicht. Von 11 bis 15 Uhr. Davor, danach: Finsternis!

Nach der zweiten 15-Stunden-Nacht: zu ausgeruht, um weiterzuschlafen

Wir machen also Jahreswechselurlaub in Kiilopää. Man könnte meinen, dass es keinen besseren Ort geben kann, um sich zu erholen, weil es einem so leicht gemacht wird, im Bett zu bleiben und das Schlafdefizit der vergangenen elfeinhalb Monate auszugleichen. So weit, so richtig. Wäre man nicht nach der zweiten 15-Stunden-Nacht schlichtweg zu ausgeruht, um weiterzuschlafen.

Also quält man sich irgendwann ausgeschlafen, aber widerwillig – es ist ja noch dunkel draußen – aus dem Bett, um den Kaffee aufzusetzen, und verbringt die Zeit bis zur Morgendämmerung mit der akribischen Planung für die vier Dämmerlichtstunden. Alles rausholen!

Los geht’s – auf Schneeschuhen, mit Langlaufskiern und Huski-Schlitten geht es raus ins Dämmerlicht.

Punkt 11 Uhr wird angeschnallt – Langlaufskier, Schneeschuhe, Huski-Schlitten, egal. Hauptsache, raus! Auf geht’s in die grau-violette Tunke. Und jetzt, wo jemand das Licht im Dunkelrestaurant mal kurz angeknipst hat, siehst du endlich etwas von der Schönheit.

Kiilopää ist ein Eiszeitmärchenland

Die Bäume stecken unter einer funkelnden Schneekruste; die Schilder, die uns durch das weite Weiß leiten sollten, auch. Der Wind treibt den Schnee über die ausgedehnten Hügel, uns in die rot gefrorenen Gesichter, heftet Schneekristallwürstchen an die Augenbrauen. Eiszeitmärchenland. Es ist sehr schön. Und sehr kalt. Vier Stunden können sehr kalt sein.

Im finnischen Eiszeitmärchenland kannst du Rentiere gucken.

Eingeschneit robottern wir in der späten Dauerdämmerung also zurück zu unserer Holzhütte mit hütteneigener Sauna. Das ist – zumal in Finnland– kein Luxus, sondern eine funktionale Auftaukammer. Zumindest im ersten Gang. Der zweite geht tatsächlich als Wellness durch.

Und nach dem dritten Gang wagst du dann mal völlig erschöpft vom Temperaturwechselbad den Blick auf die Uhr. 16.30 Uhr. Siebeneinhalb Stunden bis Neujahr – fünfeinhalb Stunden, wenn du das ausgiebige Jahresabschluss-Menü-Essen mal abziehst. Fünf vielleicht – man muss ja noch die Haare föhnen, sich anziehen, Make-up auflegen. Wenn man schon mal die Zeit hat!

Der Alkohol, sagt man, werde in Finnland günstiger, je weiter nördlich du bist

Bleiben also fünf Stunden. Zu früh für… ach, was soll’s. Plopp. Wir sind zurück beim Wein, mit dem ja – sind wir mittlerweile überzeugt – irgendwie alles angefangen hat. Karten raus. Doppelkopf. Mau-Mau. Arschloch. Draußen ist es längst finster, als im Kopf eine milde Dämmerung einsetzt. 18.30 Uhr. Halbe Stunde bis zum Festtagsdinner.

Wir wechseln den blauen doch gegen den roten Wollpulli, ziehen den Lidstrich noch mal nach – was relativ unsinnig ist, weil… genau. Egal. Wenn man schon mal die Zeit hat! 25 Minuten. Sitzen, warten, der Dunkelheit noch mal ein bisschen Respekt zollen, schon mal die Schuhe anziehen und die Jacke. Stopp: doch der blaue Pulli. 18.50 Uhr. Gehen wir halt schon mal los.

Als wir den Speisesaal im Haupthaus des Holzhütten-Archipels betreten, stellen wir fest, was zu erwarten war: Wir sind nicht die Ersten, die zu früh sind. Auf den Kiefernholztischen liegen zur Feier des Tages rote Platzdeckchen. Hinsetzen, erst einmal die Umgebungsveränderung verarbeiten.

Plopp – Flasche Nummer zwei. Der Alkohol, sagt man, werde in Finnland immer günstiger, je weiter man nach Norden kommt.

Vier Stunden Blue Hour – mehr Licht gibt es an einem lappländischen Wintertag nicht.

In Kiilopää herrscht Überfluss an Zeit

Der erste Gang wird serviert. Wir kauen besonders gründlich – weil es hervorragend schmeckt. Vielleicht kauen wir auch die Zeit tot. Zweiter Gang, dritte Flasche. Dritter Gang – und so weiter. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht mehr, wie wir die letzten drei Stunden bis Mitternacht verlebt haben – nicht wegen des Weins.

Vier Flaschen, sechs Leute: Das fällt gerade noch unter Genusskonsum. Ich glaube, es war schier der Überfluss an Zeit, der die Gedanken hat verschwimmen lassen. Dämmerung im Kopf. Ich glaube, wir haben ein bisschen schwadroniert – über das kommende Jahr, über die Gegenwart, vor allem über das, was war. Wenn man schon mal die Zeit hat!

Und irgendwann schließlich explodieren ein paar Silvesterknaller über dem Kiefernmeer – wenig genug, dass du weißt, dass drumherum nicht viel ist. Und anschließend setzt man sich noch zu einem anständigen Absacker, um danach viel zu früh ins Bett zu fallen. 

Und wenn du dann daliegst – eher entspannt denn müde –, geht plötzlich das Licht an. Nicht im Zimmer. Nicht draußen. Sondern im Kopf – weil du begreifst, dass die Dämmerung im Kopf keine Langeweile ist, sondern ein bisschen Frieden, den du im Hellen wohl nie erfahren hättest. Urlaub!