Die Klischees über Kreuzfahrten sind so bekannt wie das TV-Traumschiff. Ein schwimmender Koloss schiebt sich von Hafen zu Hafen, während sich an Bord mehrere Tausend Menschen sorgenfrei der leichten Unterhaltung hingeben. Für die einen der ultimative Traumurlaub, für die anderen eine Horrorvorstellung.

Die gerade mal etwas über ein Jahr alte „MS Koningsdam“ ist so ein Klischee: 297 Meter lang, 35 Meter breit, zwölf Decks hoch, gestrichen in Weiß und Blau, Platz für 2.500 Passagiere. Getauft von Königin Maxima der Niederlande höchstpersönlich. Für die Unterhaltung auf See sorgen sieben Bars, sechs Restaurants, zwei Pools, zwei Cafés, Shoppingdecks, Galashows, Kunstgalerien, Disconächte, Kasino und Sonnendecks.

Die „MS Konigsdam“ wird für die nächsten Tage mein zu Hause sein. Die Aufregung steigt!

Alle in einem Boot. Das ideale Kreuzfahrer-Biotop, finden David und Barbara aus Florida: „So harmonisch lernt man sonst nirgendwo neue Leute kennen.“ Das hier ist ihre 87. Fahrt, sie bezeichnen sich selbst als „süchtig“.

Die meisten Gäste, die in Fort Lauderdale an Bord gehen, sind zwischen 50 und Mitte 70, hauptsächlich Amerikaner und Holländer, auch ein paar Deutsche sind dabei. Zwölf Tage Karibik sollen es werden, unter anderem mit Halt vor Martinique, St. Lucia und St. Kitts, deren süße Hafenstädtchen unschuldigen Piraten-Insel-Charme versprühen.

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Kreuzfahrtsüchtige sind leicht zu erkennen

Süchtige beziehungsweise erfahrene Kreuzfahrer sind leicht auszumachen: Sie behängen ihre Türen mit bunten Wimpeln, Schleifen und sogar Liebesbriefen, um ihre Zimmer im Gängegewirr auch nach ein paar Drinks zu viel wiederzufinden. Sie verlassen keinen Hafen, ohne dort ein palmengesäumtes Souvenir-T-Shirt samt fetziger Destinationsaufschrift zu erstehen und sie lieben Rituale.

Schnell zeigt sich: Die erfahrenen Kreuzfahrer sind in der Überzahl. Da wäre zum Beispiel jener Herr mittleren Alters, der jeden Vormittag mit freiem Oberkörper auf dem Raucherdeck sitzt und mit breitem sächsischen Akzent, an seiner Pfeife nestelnd, sein Gegenüber ausgiebig darüber informiert, was früher alles „breisweatoar“ war.



Er sagt wohl bewusst preiswerter und nicht billiger. Billig klingt nach Wühltisch, und damit will er nichts zu tun haben. Was also alles preiswerter war, nämlich Benzin, Flüge, das Leben im Allgemeinen und Kreuzfahrten im Speziellen, trägt er gefühlt täglich ihn ähnlicher Reihenfolge vor und beendet das Ganze schließlich mit einem knappen „tja“.

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Da ist die Frau mit den vielen schwarzen Minizöpfen, die jedes Mal aufs Neue freudig überrascht ist, wenn sie ein bekanntes Gesicht im Fahrstuhl trifft: „Haben wir uns nicht eben schon gesehen? Ist die Welt klein!“ 

Vom neunten Deck sieht es gar nicht mal so hoch aus.

Oder der lieb dreinblickende Opi, der immer um Punkt 15 Uhr im Gang vor dem Erlebnisrestaurant auf seinem Gehwägelchen sitzt und an einem gelben Schal strickt. „Ein warmes Mitbringsel für meinen Strickclub zu Hause, ich muss ja in Übung bleiben.“ 

Es gibt die 10-Uhr-Bridge-Truppe, die Puzzletanten von Deck zwölf und schließlich Olly und Joanne, zwei extrovertierte Witwen aus Kanada, beide weit über 70, immer todschick gestylt. Um genau 15.30 Uhr, pünktlich zur Happy Hour, sitzen sie mit ihren frisch geföhnten lila Haarsträhnen und ordentlich Bling-Bling behängt auf immer denselben Plätzen der Explorer-Bar, stets jede zwei Scotch vor sich. „Party machen und shoppen“, sagt Olly mit rauchiger Stimme. „Darum sind wir hier.“

Dann erklärt sie ihren strickt einzuhaltenden Tagesablauf: Frühstück im Bett, schick machen, falls Landgang eine Hafen-Bar finden, leichter Drink für den Vormittagsschwung, Shoppingtour, zurück aufs Schiff, ausruhen, umziehen, Lesestunde mit Meerblick, anschließend zum besagten Nachmittagsscotch, kleines Nickerchen, richtig aufbrezeln, 20 Uhr zum Dinner, ein paar Runden Black Jack im Kasino, Schlummertrunk, Schlafenszeit.

Am nächsten Tag alles von vorn. „Herrlich“, finden Olly und Joanne.

Rituale an Bord von Kreuzfahrtschiffen

Sie erzählen aber auch gern von früher, als sie noch jung, schön und auf Männerfang waren. „Was hatte ich mit zwanzig für traumhafte Beine“, sagt Olly wehmütig. Während sie auf ihren nächsten Drink wartet, flicht sie jüngeren Gästen Frisuren ins Haar, lacht und sagt: „Hat aber auch Vorteile, dass das mit den Männern endgültig vorbei ist.“ Joanne hebt das Glas: „Feiern, das können wir immer noch. Auf die Freiheit!“ Um 16 Uhr stoßen David und Barbara dazu, für ihren täglichen White Russian. Rituale sind wichtig. Da kommt nichts aus dem Takt.

Die meisten Unterhaltungsangebote wiederholen sich jeden Tag zur gleichen Zeit, es gibt aber auch einmalige Events. So wie die „Ladys Pamper Party“ auf Deck zwei, eine Art Mädelstreff vor dem großen Galaabend. Da blicken Damen zwischen 60 und 70 gespannt auf Beauty-Expertin Demi, die – selbst um die 30 Jahre alt – enthusiastisch ins Mikro ruft: „Was stört uns Frauen am meisten?“ Erwartungsvoller Blick in die Runde. Keine Antwort. „Richtig, die Zeit. Sie ist der Grund, warum wir Falten bekommen und alt aussehen.“

Was gibt es Schöneres, als morgens von einem Regenbogen über der Karibik begrüßt zu werden?

Perfekt geschminkt und mit ebenmäßigem Teint steht sie da, hält Tiegel und Tuben in die Höhe und fährt fort: „Wenn wir viel Geld für Anti-Aging-Produkte ausgeben, dann erwarten wir Ergebnisse. Stimmt’s?“ „Stimmt“, rufen die Damen im Chor.

Sie sagt immer wieder „fresh“, „clean“ und „amazing“, lässt alle schnuppern, fühlen und cremen. „Für eine Haut wie Porzellan und ein Dekolletee, so straff, dass schon bald wieder die Männer drauf starren. Wäre das nicht großartig?“, jubelt sie. „Yeah“, kommt prompt die Antwort. Die Zeit, da sind sich die Frauen einig, ist ihr größter Feind.

Ohne Handyempfang, Internet oder Nachrichten über die Weltlage verschmelzen die Tage irgendwann zu einem wohligen Wiederholungsbrei.

Währenddessen werden den Männern ein Deck höher die neuesten Luxusuhren angepriesen. Die Zeit, da sind sich die Herren einig, ist eine Frage des Stils.

Tatsächlich haben Kreuzfahrtschiffe die bemerkenswerte Eigenschaft, die Zeit entgleiten zu lassen. Ohne Handyempfang, Internet oder Nachrichten über die Weltlage verschmelzen die Tage irgendwann zu einem wohligen Wiederholungsbrei aus Happy Hour, Nachmittagsquiz und Abendshow. War heute noch gleich Sonntag oder Montag? Ach, egal!



Worin besteht also der Reiz von Kreuzfahrten? Ist es dieser einlullende, gemächlich vor sich hin plätschernde Seinszustand, der sich über kurz oder lang einstellt? „Ganz sicher“, finden Silvie und Jane, zwei beste Freundinnen aus New York. „Die heutige Gesellschaft ist ganz schön kompliziert geworden. Aber auf einem Kreuzfahrtschiff, da hat man keine Sorgen und kommt trotzdem rum.“

Solange das noch Schiff fährt, steht die ja Welt noch.

Anderen geht es eher wie Bill, einem feinen Herrn im Tweet-Anzug um die 75, der, an seinem dritten Martini nippend, gesteht: „Seit Trump verlasse ich das Schiff überhaupt nicht mehr.“ Dass so einer Präsident werden konnte, dafür möchte er sich im Namen der USA entschuldigen. Weiter weg von Trump als hier geht nicht, und solange das noch Schiff fährt, steht die ja Welt noch.

Ob nun Bill, Olly und Joanne, die Freundinnen aus New York, der sächselnde Nostalgiker oder der herzige Strick-Opi – sie alle scheint der paradoxe Wunsch zu einen, der Welt den Rücken zu kehren und dennoch etwas von ihr zu sehen.

Ganz gleich, wie sehr der Rest der Menschheit da draußen sich vom schnelllebigen Zeitgeist von einem Stressmoment zum nächsten hetzen lässt – an Bord geht alles seinen wohlgeordneten glamourös-schrulligen Gang. Ein sorgenfreier Mikrokosmos aus Meeresweite und Endloshorizont, samt Wohlfühlabstecher in exotische Karibikwelten. Einige werden süchtig danach, andere sagen hinterher „nie wieder“.

Doch für mich hat diese Erfahrung etwas Lehrreiches: An wohl kaum einem anderen Ort offenbaren sich die zutiefst menschlichen Wesenszüge mit ihren liebeswürdig-kauzigen Eigenarten samt der gemeinsamen Sehnsucht nach geschütztem Eskapismus derart deutlich wie auf einem Kreuzfahrtschiff. Und so dekadent diese Art der Flucht auch sein mag, sie funktioniert.