Dark Tourism: Reiseziele mit düsterer Geschichte | reisereporter.de

Dark Tourism: Reiseziele mit düsterer Geschichte

Es sind Orte des Schreckens und des Leids. Trotzdem ziehen Geisterstädte oder ehemalige Konzentrationslager Touristen scharenweise an. Dark Tourism liegt im Trend – du solltest aber Respekt mitbringen.

Die Capela dos Ossos (Knochenkapelle) in Faro besteht aus Knochen und Schädeln von Mönchen.
Die Capela dos Ossos (Knochenkapelle) in Faro besteht aus Knochen und Schädeln von Mönchen.

Foto: Imago/Friedrich Stark

Die meisten Menschen schauen sich im Urlaub schöne Orte an, genießen Sonne am Strand, bestaunen Tempel oder besteigen die höchsten Gipfel für den perfekten Ausblick.

Es gibt aber auch Fans des sogenannten Dark Tourism. Sie reisen an düstere und manchmal sogar gefährliche Orte – so wie Journalist David Farrier in der Netflix-Serie „Dark Tourist“.

Dark Tourism: Reisen mit Selbstreflexion statt Selfies

Dass man diesen düsteren Mahnmalen der Geschichte mit dem nötigen Respekt begegnet, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Immer wieder machen aber Touristen Schlagzeilen, die unangebracht grinsend Selfies zum Beispiel am Holocaust-Denkmal in Berlin knipsen.

Aus einigen von ihnen hat der Satiriker Shahak Shapira Collagen gebaut, bei denen er die posenden Menschen in alte Fotos aus Konzentrationslagern fotoshoppte. 

Unter dem Titel „Yolocaust“ erinnert die Serie daran, dass das Denkmal kein Ort des Glücks ist, sondern für ein dunkles Kapitel in der deutschen Geschichte steht, dem der nötige Anstand entgegengebracht werden muss. So wie allen Orten, die zur Kategorie Dark Tourism zählen. 

Diese Orte erlangten durch Katastrophen, Verbrechen oder andere Verbindungen zum Tod zweifelhafte Berühmtheit:

Die Geisterstadt Prypjat

Nahe Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, liegt Prypjat. Eine Stadt, die erst 1970 aus dem Boden gestampft wurde, weil die meisten Menschen, die dort einzogen, im Kernkraftwerk Tschernobyl Arbeit gefunden hatten. Doch mit dem Reaktorunglück 1986 musste Prypjat geräumt werden. Bis heute ist die gesamte Gegend radioaktiv verseucht.

Trotzdem kannst du seit 2011 geführte Touren in die Sperrzone buchen. Die Anbieter preisen den Trip als „Augenöffner“ für eine apokalyptische Welt, Tschernobyl sei „zu einem Synonym für die nicht vollständige Beherrschbarkeit der Atomenergie“ geworden. 

Jemand hält einen Geigerzähler in die Luft vor einem Riesenrad in der Geisterstadt Prypjat.
Bei den geführten Touren durch die Geisterstadt Prypjat in der Ukraine bekommt jeder Besucher einen Geigerzähler in die Hand. Foto: imago/ZUMA Press

Zu sehen sind ein verfallender Vergnügungspark mit Riesenrad, geplünderte Wohnungen, Natur, die sich durch die Häuser frisst. 

Der Tunnel in Sarajevo

Der Bosnien-Krieg ist einer der Jugoslawien-Kriege, die zum Zerfall des Staates geführt haben. Etwa 100.000 Menschen kamen durch ihn ums Leben. Von 1992 bis 1995 wurde die Hauptstadt Sarajevo belagert.

Der Tunnel war die einzige Verbindung zwischen dem von serbischen Streitkräften belagerten bosnisch-kroatischen Teil der Stadt und einem Vorort, der nicht belagert wurde. Die Bewohner Sarajevos konnten nur durch den unteriridischen Weg versorgt werden.

Heute kannst du ein kurzes Stück des Tunnels besichtigen. Auf Tafeln wird der Verlauf des Krieges erklärt, außerdem ist ein entschärftes Minenfeld ist aufgebaut.

Doch Minen liegen in Bosnien und Herzegowina noch immer im Boden auf dem Land. Deshalb wird ausdrücklich davor gewarnt, feste Wege zu verlassen. Und an den Häuserfassaden der Stadt erinnern zahlreiche Einschusslöcher an die Kriegsjahre. 

Die Killing Fields in Kambodscha

Auf mehr als 300 sogenannten Killing Fields in Kambodscha wurden zwischen 1975 bis 1979 etwa 100.000 Menschen getötet – durch die maoistisch-nationalistischen Roten Khmer. Sie wollten das Land mit Gewalt in einen Agrarkommunismus umwandeln. 

Die bekannteste Stätte ist der Choeung Ek, ein ehemaliger Obstgarten, in dem etwa 17.000 Menschen auf grausamste Weise umgebracht und in Massengräbern beigesetzt wurden. 

Schädel und Gebeine in der Gedächtnis-Stupa für die ermordeten Häftlinge durch die Roten Khmer in Choeung Ek.
Schädel und Gebeine in der Gedächtnis-Stupa für die ermordeten Häftlinge durch die Roten Khmer in Choeung Ek. Foto: imago/imagebroker

Totenschädel werden in einer Stupa, einem buddhistischen Gebäude, das zum Gedenken errichtet wurde, aufbewahrt. Die Wände sind aus Acrylglas, so können Besucher die Gebeine anschauen. 

Das Busludscha-Denkmal in Bulgarien

Auf dem Gipfel des Chadschi-Dimitar-Bergs in Bulgarien steht das Busludscha-Denkmal. Das Gebäude gleicht einem Ufo und kann als Ikone der kommunistischen Monumente betrachtet werden. Gebaut zu Ehren der sozialistischen Bewegung Bulgariens, zerfällt es seit dem Untergang der kommunistischen Regierung 1989. 

Das Busludscha-Denkmal auf dem Chadschi Dimitar Berg in Bulgarien
Das Busludscha-Denkmal in Bulgarien kann als Ikone kommunistischer Monumente bezeichnet werden. Foto: imago/blickwinkel

Der Zutritt zum Areal ist strengstens verboten, eine Sicherheitsfirma überwacht das Denkmal. Aber schon von Weitem lässt der Anblick des Baus an den Kalten Krieg denken. 

Das KZ Auschwitz in Polen

Welche Gräueltaten im Konzentrationslager Auschwitz begangen wurden, ist Stoff jedes Geschichtsunterrichts. Zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen wurden hier ermordet – 90 Prozent waren Juden.

Auf dem Gelände in Polen ist das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau errichtet worden. Besucher können die Anlagen des Vernichtungslagers sehen, Koffer, Schuhe und Berge von Haaren der Ermordeten werden gezeigt. 

Schienen reichen zum ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau.
Schienen reichen zum ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Foto: imago/ZUMA Press

Der Tod in Wien

Wien wird ein spezielles Verhältnis zum Thema Tod nachgesagt, Morbides begegnet einem an vielen Ecken. In Österreichs Hauptstadt wurde bereits 1967 das erste Bestattungsmuseum eröffnet. Rund 1000 Exponate zum Thema Bestattung werden in dem Gebäude auf dem Zentralfriedhof gezeigt.

Im Narrenturm am Universitätscampus ist die pathologisch-anatomische Sammlung untergebracht. Der runde Bau war einst eine Irrenanstalt. Patienten mussten sich verschiedensten und oft heute unvorstellbaren Heilungsversuchen unterziehen. In dem Museum liegen pathologische Präparate wie mißgebildete Embryos, kranke Organe und Abformungen von Hautkrankheiten. 

Das Grab von Kaiser Franz Joseph von Österreich, links neben ihm ist der Sarg von Sisi und rechts von seinem Sohn Rudolph
Das Grab von Kaiser Franz Joseph von Österreich, links neben ihm ist der Sarg von Sisi und rechts von seinem Sohn Rudolph. Die Kapuzinergruft, auch Kaisergruft genannt, ist eine Begräbnisstätte der Habsburger in Wien. Foto: imago/Andreas Weihs

In der Kapuzinergruft sind die Habsburger und Habsburg-Lothringer bestattet. Kaiserin Elisabeth liegt neben Franz Joseph I. und dem gemeinsamen Sohn Kronprinz Rudolph. Zuletzt wurde 2011 Otto Habsburg, Sohn des letzten Kaisers von Österreich, dort zur Ruhe gebettet. 

Kigali Genocide Memorial Centre in Ruanda

Der Völkermord in Ruanda begann mit dem Abschuss eines Flugzeugs im Jahr 1994. Darin saß der Präsident des Landes, der zur Kaste der Hutu gehörte. Sie gaben Tutsi-Rebellen die Schuld daran. Zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen schwellte bereits seit einiger Zeit ein politischer Konflikt. Nach dem Flugzeugabsturz begann die Jagd auf die Tutsi-Minderheit. Knapp eine Million Menschen starben während des Genozids.

Im Kigali Genocide Memorial Centre liegen die Überreste von etwa 250.000 Getöteten. Zum Teil sind diese in einer Art Kalkschicht mumifiziert, wodurch sich noch Gesichtszüge erkennen lassen. Da das nicht dem traditonellen Umgang mit Verstorbenen entspricht, die eigentlich möglichst unauffällig beigesetzt werden, wird die Gedenkstätte teilweise scharf kritisiert. Zudem sind dort ausschließlich Angehörige der Tutsi bestattet. Der Konflikt ist noch nicht vollständig beigelegt.  

Totenköpfe liegen in einer Vitrine in der Gedenkstätte des Genozids in Kigali.
Totenköpfe liegen in einer Vitrine in der Gedenkstätte des Genozids in Kigali. Foto: imago/photothek

Der Ground Zero in New York

Nahezu jeder weiß, wo er am 11. September 2001 war, als er vom Anschlag auf das World Trade Center in New York City erfuhr. Man zeige den Besucher der Stadt, der nicht zum Ground Zero geht. Dort erinnern zwei riesige Brunnen an die beiden Gebäude.

Die Namen aller Opfer sind in eine bronzene Umrahmung gefräst. Angehörige stecken an den Geburtstagen der Opfer Blumen hinein. Mitten in einer der lautesten Städte der Welt liegt ein stiller Ort, der dem Dark Tourism zugerechnet werden kann. 

Eine Rose steckt in dem am Geländer des Denkmals ausgefrästen Namen eines Opfers der Anschläge auf das World Trade Center in New York City.
Eine Rose steckt in dem am Geländer des Denkmals ausgefrästen Namen eines Opfers der Anschläge auf das World Trade Center in New York City. Foto: imago/ZUMA Press

Das gruselige Paris

Wachsende Bevölkerung, Seuchen und Hungersnöte führten in Paris dazu, dass die Friedhöfe überfüllt waren. Sie wurden daraufhin geräumt. Die Schädel und Knochen brachte man in die Katakomben.

Totengräber ordneten sie so an, dass geradezu dekorative Elemente entstanden. Auf Gedenktafeln sind die Herkunftsfriedhöfe vermerkt. Die Katakomben können zum Teil besucht werden.

Schädel und Knochen sind in den Katakomben von Paris aufgetürmt.
Schädel und Knochen sind in den Katakomben von Paris aufgetürmt. Foto: imago/Blickwinkel

Auch die prestigeträchtige Place de la Concorde hat eine dunkle Vergangenheit. 1119 Menschen kamen hier während der Französischen Revolution unter die Guillotine – darunter König Ludwig XVI. und Königin Marie Antoinette. Im Boden an der Rue de la Croix-Faubin zeugen noch fünf Steine im Boden davon, sie dienten als stabiler Untergrund für das Gestell. 

Und auch die Universität Sorbonne hat eine erschreckende Sammlung medizinischer Besonderheiten der vergangenen Jahrhunderte. 

Knochenkapelle in Portugal

Die Knochenkapelle in Faro trägt ihren Namen, weil sie genau das ist. Eine Kapelle, gebaut aus Knochen und 1245 Schädeln von Mönchen. Das sogenannte Beinhaus in Portugal wurde 1816 eingeweiht und gehört zur Barockkarmeliterkirche des Karmeliterordens. Es soll daran erinnern, dass alles vergänglich ist.  

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